{"id":235462,"date":"2015-10-17T18:33:27","date_gmt":"2015-10-17T17:33:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=235462"},"modified":"2015-10-17T18:39:42","modified_gmt":"2015-10-17T17:39:42","slug":"sophie-wagenhofer-ueber-den-juedisch-muslimischen-dialog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/10\/sophie-wagenhofer-ueber-den-juedisch-muslimischen-dialog\/","title":{"rendered":"Sophie Wagenhofer \u00fcber den j\u00fcdisch-muslimischen Dialog"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dr.\u00a0 Sophie Wagenhofer\u00a0ist Historikerin und Museologin mit einem besonderen Interesse f\u00fcr die Kulturen und Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas. Sie studierte Geschichte, Judaistik und Islamwissenschaft in Wien und Berlin und verbrachte w\u00e4hrend des Studiums mehrere Monate im Nahen Osten. \u00dcber zehn Jahre arbeitete sie im J\u00fcdischen Museum Berlin, wo sie unter anderem ein bildungsp\u00e4dagogisches Konzept f\u00fcr den j\u00fcdisch-muslimischen Dialog entwickelte.\u00a02005 ging Sophie Wagenhofer nach Marokko, wo sie im J\u00fcdischen Museum in Casablanca arbeitete und ihre Doktorarbeit \u00fcber das Museum und seine politische und soziale Funktion vorbereitete.\u00a0Nach f\u00fcnf Jahren akademischer Arbeit an Humboldt Universit\u00e4t und dem Zentrum Moderner Orient arbeitet sie heute beim Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter. Das Ziel unseres Interview mit Frau Dr. Wagenhofer bestand darin, Wege zu finden, in dieser schwierigen Zeit des Nahostkonflikts den muslimisch-j\u00fcdischen Dialog hervorzuheben, vor allem am marokkanischen Beispiel von Simon Levy, der so sch\u00f6n sagte: &#8222;Meine Religion ist das Judentum, meine Kultur der Islam&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Milena Rampoldi: Was bedeutet f\u00fcr Sie j\u00fcdisches Selbstbewusstsein als Minderheit im islamischen Raum? Wie kann religi\u00f6se und kulturelle Vielfalt im Sinne eines Mosaiks zu einer toleranten und offenen Gesellschaft beitragen, indem man Unterschiede w\u00fcrdigt und betont? Wie kann das Judentum in Marokko und im Ausland dazu beitragen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sophie Wagenhofer: Ich denke, es ist wichtig Vielfalt, kulturelle, sprachliche und religi\u00f6se Unterschiede immer wieder als Wert und Bereicherung zu beschreiben. Dabei sind Akteure aus unterschiedlichen Feldern, wie Politik, Bildung, Medien, Kunst und der Zivilgesellschaft gefragt. \u00dcber das reine \u201eSprechen\u201c hinaus muss diese Vielfalt auch tats\u00e4chlich positiv erfahrbar gemacht werden, um zu zeigen, wo und wie diese Vielfalt f\u00fcr Menschen im Alltag einen Wert darstellt. F\u00fcr das Beispiel des marokkanischen Judentums w\u00e4ren Kunst- und Kulturpr\u00e4sentationen im Rahmen von Festivals, Konzerten oder Ausstellungen denkbar, oder auch der Blick auf den Beitrag einzelner Personen f\u00fcr Politik, Gesellschaft, Kunst oder Wirtschaft. Auf diese Weise k\u00f6nnte der Beitrag der marokkanischen J\u00fcdinnen und Juden an der marokkanischen Kultur deutlich gemacht werden.<\/p>\n<p>Eine Gruppe allein wird wenig ausrichten k\u00f6nnen. Die Arbeit an einer pluralen Gesellschaft und am Abbau von Vorurteilen funktioniert nur, wenn die Mehrheitsgesellschaft mit der Gruppe, welche die Minderheit darstellt, zusammen agiert. So k\u00f6nnen die marokkanischen J\u00fcdinnen und Juden alleine und isoliert wohl keinen starken Beitrag leisten, sondern nur im Dialog. Es ist aber wichtig, dass sich die marokkanischen J\u00fcdinnen und Juden selbst auch offen und vor allem positiv mit ihrem \u201eMarokkanisch-Sein\u201c auseinandersetzen und dies auch im Alltag bejahen.<\/p>\n<p><em><strong>Wie k\u00f6nnen wir durch Initiativen wie die des J\u00fcdischen Museums in Casablanca zur islamisch-j\u00fcdischen Freundschaft beitragen? Denke hier vor allem an den Nahostkonflikt und seinen negativen Einfluss auf diese Freundschaft.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>An dieser Stelle ist \u201eFreundschaft\u201c vielleicht ein sehr gro\u00dfes Wort. Vielleicht m\u00fcssen Menschen unterschiedlicher religi\u00f6ser Zugeh\u00f6rigkeit nicht gleich \u201ebefreundet sein\u201c. Sie sollten sich aber auch blo\u00df \u201etolerieren\u201c. Es sollte vielmehr eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein, das Menschen unterschiedlicher ethnischer, religi\u00f6ser oder sprachlicher Zugeh\u00f6rigkeit zusammenleben k\u00f6nnen. Daf\u00fcr sind die Begegnung mit \u201edem Anderen\u201c und das Lernen \u00fcber \u201eden Anderen\u201c zentral. Da solche Begegnungen heute im Alltag nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich stattfinden (einfach aus dem Grund, weil es nicht mehr so viele J\u00fcdinnen und Juden in Marokko gibt und dar\u00fcber hinaus unbefangene Begegnungen durch den Einfluss des Nahost-Konflikts schwieriger geworden sind), braucht es Begegnungsr\u00e4ume, wie beispielsweise Vereine oder Veranstaltungen. Ein solcher Ort ist das j\u00fcdische Museum in Casablanca. Es tr\u00e4gt dazu bei, dass muslimischer Besucherinnen und Besucher j\u00fcdische Kultur als Bestandteil ihrer eigenen wahrnehmen k\u00f6nnen. Zudem erm\u00f6glicht es Begegnung und Austausch.<\/p>\n<p>In Bezug auf Israel ist meiner Meinung nach eine offene Diskussion wichtig. Der Konflikt ist sehr komplex und wird auf unterschiedlichen Ebenen politische instrumentalisiert. Vielleicht ist der Weg, den Simon Levy im Museum gew\u00e4hlt hat, n\u00e4mlich Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Muslimen in den Vordergrund zu stellen, ein guter. Denn bevor \u00fcber den Nahostkonflikt gesprochen werden kann, m\u00fcssten erst viele Ber\u00fchrungs\u00e4ngste und Vorurteile aus dem Weg ger\u00e4umt werden, die mit dem Konflikt zun\u00e4chst nichts zu tun haben, durch diesen aber gen\u00e4hrt und verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>J\u00fcdisches Selbstbewusstsein in einem arabisch-muslimischen Staat bedeutet aus meiner Sicht, sich selbstverst\u00e4ndlich als Teil der Gesellschaft zu verstehen, auch wenn die Mehrheitsgesellschaft muslimisch ist. Als Jude zu sagen: \u201eJa ich bin Marokkaner oder T\u00fcrke oder Iraner\u201c und nicht \u201eDie anderen sind Marokkaner und ich bin Jude\u201c, das zeigt f\u00fcr mich j\u00fcdisches Selbstbewusstsein. Bis heute h\u00f6rt man sowohl von Muslimen als auch von Juden h\u00e4ufig die Unterscheidung \u201eMarokkaner (=Muslime) und Juden\u201c. Aber dieses Ph\u00e4nomen gibt erschreckender Weise es auch noch in Deutschland (\u201eJuden und Deutsche\u201c) und anderswo.<\/p>\n<p><em><strong>Wie k\u00f6nnen Museen zur Vermittlung j\u00fcdischen Lebens beitragen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Museen leisten insbesondere dort einen wichtigen Beitrag, wo gelebte Kultur aus dem Alltag verschwunden ist, wo die j\u00fcdische Minderheit so klein ist, dass es pers\u00f6nliche Begegnungen nur noch selten gibt. Museen sind Institutionen, die zur unverbindlichen Information einladen; ein Interesse muss nicht legitimiert oder begr\u00fcndet werden. Ein Museumsbesuch geh\u00f6rt inzwischen \u2013 zumindest f\u00fcr ein \u201eBildungsb\u00fcrgertum\u201c zum normalen Kanon der Freizeitgestaltung und Weiterbildung. Interessierte m\u00fcssen sich nicht gleich in einem Verein engagieren oder in direkten Kontakt mit dem Gegen\u00fcber treten, wenn sie das (zun\u00e4chst) nicht m\u00f6chten. Museen sind aber nicht nur Orte der Information, sondern erm\u00f6glichen auch Begegnung und Partizipation. Insbesondere im Rahmen von kulturellen und politischen Veranstaltungen oder auch Workshops wird gemeinsam gesprochen und diskutiert. Ein Museum kann auch L\u00fccken schlie\u00dfen, die es beispielsweise im Bildungssystem gibt und Einblicke geben, die Lehrer im Klassenraum nicht liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf einer abstrakteren Ebene schaffen es Museen im \u00f6ffentlichen Diskurs einem Thema Raum und damit Bedeutung zu verleihen. Ein Thema, dass es ins Museum \u201egeschafft\u201c hat scheint bedeutend, bekommt medial und auch politische Aufmerksamkeit und vor allem Raum. Dies wird auch von Menschen wahrgenommen, die ein Museum selbst vielleicht gar nicht besuchen, wohl aber in Medien dar\u00fcber lesen oder es als Geb\u00e4ude im \u00f6ffentlichen Raum wahrnehmen.<\/p>\n<p><em><strong>Wie wichtig ist die Vernetzung von Vereinen und Institutionen, um den Dialog zwischen Juden und Muslimen heute zu f\u00f6rdern?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich denke, es ist sehr wichtig, dass sich Vereine \u00fcber Genregrenzen (also politische Gruppen, kulturelle Organisationen oder auch \u201eFreizeitvereine\u201c) sowie \u00fcber nationale Grenzen vernetzen und austauschen, denn jeder bringt andere Erfahrungen mit. Je nach Kontext gibt es unterschiedliche Ans\u00e4tze und Probleme, aber auch vielf\u00e4ltige Perspektiven. Vielleicht tut es einer politischen Gruppe gut, sich einmal die ganz \u201ebanale\u201c Arbeit eines interkulturellen Sportvereins anzuschauen und zu sehen, wie Zusammenleben tats\u00e4chlich im Alltag funktionieren kann. Vielleicht gelingt es durch einen kulturellen Ansatz im Alltag scheinbar un\u00fcberbr\u00fcckbare Gr\u00e4ben \u00fcberwinden, indem in der Kunst pl\u00f6tzlich doch eine gemeinsame Sprache gesprochen wird, welche in politische Debatten noch keinen Einzug gehalten hat. Solche Perspektivwechsel k\u00f6nnen sehr hilfreich sein. Es lohnt sich auch immer der Blick darauf, wie Dialogarbeit in unterschiedlichen L\u00e4ndern ausgestaltet wird. Gerade im Fall von j\u00fcdisch-muslimischem Dialog in Marokko, denke ich hier an Kanada, Frankreich und Israel. Hier k\u00f6nnen verschiedene Impulse f\u00fcr Institutionen und Vereine sehr viel bringen.<\/p>\n<p><em><strong>Die Vorbildfunktion des Museums und des Erbes von Levy sind f\u00fcr ProMosaik das, was dieses Museum heute der Welt beibringen kann. Wie w\u00fcrden Sie diese beiden Aspekte unseren Leserinnen und Lesern schildern?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Arbeit von Simon Levy ist in mehrfacher Hinsicht f\u00fcr mich beeindruckend. Er hat einfach nicht akzeptiert, dass aufgrund politischer Entwicklung eine ganze Kultur, seine Kultur, verloren gehen soll. Es hat daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass Sprache, Kultur und Traditionen des marokkanischen Judentums nicht einfach verschwinden. Seine kulturpolitische Arbeit zeigt, dass ein Mensch mit \u00dcberzeugung sehr viel bewirken kann. Er hat dieses Museum mit seiner Ausstellung, all seinen Veranstaltungen und Aktivit\u00e4ten selbst aufgebaut. Er hat sich immer Zeit genommen, mit allen Interessierten pers\u00f6nlich zu sprechen. Denn der Austausch, das Sich-Kennenlernen, der Abbau von Vorurteilen beginnt in einer pers\u00f6nlichen Begegnung. Jeder war willkommen, mit jedem hat er seine Botschaft geteilt. Mich hat beeindruckt, dass er frei von Illusion und Naivit\u00e4t unerm\u00fcdlich f\u00fcr ein Miteinander ohne Rassismus, Vorurteile und Hass pl\u00e4diert hat, f\u00fcr ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen. Er hat nichts verkl\u00e4rt und nichts besch\u00f6nigt, aber er hat aufgezeigt was m\u00f6glicht ist, wenn wir Vorurteile, Ignoranz und Intoleranz ablegen. Dies war f\u00fcr ihn ein ganz grunds\u00e4tzliches Anliegen, dass sich nicht nur auf Juden und Muslime bezog, sondern auch auf alle anderen Fragen von Ausgrenzung, Benachteiligung und Ungleichheit. Ich habe selten jemanden kennen gelernt, der so deutlich Missst\u00e4nde angesprochen hat und so klar alternative Lesarten und Handlungsoptionen angeboten hat, um einem gleichberechtigten Miteinander n\u00e4her zu kommen.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Ausstellung sind seine Arbeit und sein Anliegen heute noch erfahrbar. Allerdings reicht die reine Pr\u00e4sentation von Objekten nicht aus; um Dialog nachhaltig zu f\u00f6rdern. Es braucht nach wie vor jemanden, der die Objekte zum Sprechen bringt und es braucht auch \u00fcber die Ausstellung hinaus R\u00e4ume der Begegnung. An dieser Stelle m\u00f6chte der neu gegr\u00fcndete Verein AAMJM (Les Amis du Mus\u00e9e du Judaisme Marocain) ansetzen, um die Arbeit des Museums genau in diesem Punkt zu unterst\u00fctzen. Wir wollen aktiv das j\u00fcdische Erbe weiter erhalten und M\u00f6glichkeiten eines Austauschs zwischen marokkanischen Juden und Muslimen bieten.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/sophie.wagenhofer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-235489 alignleft\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/sophie.wagenhofer.jpg\" alt=\"sophie.wagenhofer\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/sophie.wagenhofer.jpg 200w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/sophie.wagenhofer-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr.\u00a0 Sophie Wagenhofer\u00a0ist Historikerin und Museologin mit einem besonderen Interesse f\u00fcr die Kulturen und Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas. 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