{"id":232928,"date":"2015-10-11T20:47:10","date_gmt":"2015-10-11T19:47:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=232928"},"modified":"2015-10-12T07:21:33","modified_gmt":"2015-10-12T06:21:33","slug":"ausserhalb-der-box-denken-griechisch-deutscher-austausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/10\/ausserhalb-der-box-denken-griechisch-deutscher-austausch\/","title":{"rendered":"Ausserhalb der Box denken \u2013 Griechisch-Deutscher Austausch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Keller des COOP Antikriegscaf\u00e9 in Berlin Mitte, in einer beinahe konspirativen Atmosph\u00e4re, trafen wir uns mit Marianella Kloka von Pressenza Athen zum Griechisch-Deutschen Austausch. Sie ist eine jahrelange Aktivistin und Menschenrechtsexpertin und hat die Situation in Griechenland in den letzten Jahren hautnah mitverfolgt. Dies ist der Startschuss, um eine eine Plattform der direkten Kommunikation, um den Missverst\u00e4ndnissen und Fehlinformationen von Medien und Politik zu begegnen.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDieses Jahr war ein sehr wichtiges in meinem Leben. Ein Meilenstein.\u201c f\u00e4ngt Marianella an, bevor sie die griechische Trag\u00f6die von dem Beginn der Krise vor uns aufrollt und dabei besonders auf die Stimmungen und Ansichten der Menschen eingeht. \u201eDas vorherrschende Gef\u00fchl der letzten Jahre, das erste und zweite Memorandum begleitend, kann man am ehesten als Emp\u00f6rung und Wut bezeichnen. \u201eWut gegen wen oder was?\u201c fragt ein Diskussionsteilnehmer. \u201eEs war klar, dass die Regierungen nicht in unserem Interesse handelten. Uns wurde erkl\u00e4rt, wir sollten mit Schulden fertig werden, von denen wir nicht wussten, woher sie gekommen waren, und mit nationalen Ausgaben, mit denen wir nicht einverstanden waren.\u201c Es habe keine Transparenz gegeben und das war eine sehr klare Forderung der protestierenden Leute. Die Politiker h\u00e4tten keine Rechenschaft dar\u00fcber abgelegt, was passiert war. Die Menschen h\u00e4tten nicht verstanden, wie ein so hoher Schuldenbetrag akkumulieren konnte. &#8222;Ein Schulden Audit forderten wir und dass es Wirtschaftsuntersuchungen zu den olympischen Spielen und zu den w\u00e4hrend der Ende der Neunziger in den B\u00f6rsenhandel geflossenen Gelder aus dem Sozialhilfesystem gibt.&#8220;<\/p>\n<p>\u201eAlso begannen wir einen Protest der Griechischen \u201eIndignados\u201c, welcher nach etwa zwei Monaten der Versammlungen im Jahr 2011 brutal von der Polizei niedergeschlagen wurde, mit einer Menge Tr\u00e4nengas.\u201c Die Bewegung h\u00f6rte hier auf und versuchte, eine Form des gewaltlosen Widerstandes an verschiedenen Orten zu entwickeln. Zu dieser Zeit h\u00e4tten die meisten Proteste und Demonstrationen ein gewaltt\u00e4tiges Ende gehabt aufgrund von parastaatlichen Kr\u00e4ften (Menschen, die die Mission hatten, die Dinge durcheinander zu bringen, um die brutale Intervention der Polizei zu rechtfertigen).<\/p>\n<p>\u201eEs ist interessant, dass vor der Verabschiedung des zweiten Memorandums bereits ein Referendum vorgeschlagen worden war\u201c, erinnert sich eine andere Teilnehmerin, \u201evon Papandreou, der kurz darauf zur\u00fccktreten musste.\u201c \u201eJa, hier hat es eine sofortige Intervention der franz\u00f6sischen und deutschen Regierungen gegeben. Das war der schlimmste Albtraum f\u00fcr die Institutionen, dass das Volk \u00fcber sein Schicksal entscheiden k\u00f6nnte. Und stellt Euch vor: er wurde durch einen Ex-Banker ersetzt!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIm Jahr 2012, nach dem zweiten Sparpaket, hatten wir den Gipfel der Dunkelheit erreicht.\u201c erkl\u00e4rt Marianella. Der griechischen Bev\u00f6lkerung sei vor Augen gef\u00fchrt worden, dass sie keinen Einfluss hat auf die Politik ihres Landes und die Angriffe der Sparpolitik auf die Schw\u00e4chsten der Gesellschaft sich verst\u00e4rken w\u00fcrden. \u201eEs herrschte absolute Hoffnungslosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Und hier passierte etwas Interessantes. Die griechischen B\u00fcrger begannen, sich selbst zu helfen. Sie entwickelten alternative Wege des R\u00fcckhaltes. Zum Beispiel sei Menschen, die ihre Steuern nicht zahlen konnten, der Strom abgestellt worden. Daher wurden in vielen Orten illegale \u00dcberbr\u00fcckungsleitungen gelegt. In den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln gab man noch g\u00fcltige Tickets weiter, man k\u00fcmmerte sich solidarisch um Essen f\u00fcr diejenigen, die es sich nicht mehr leisten konnten. Es gab Treffen zum Medikamentensammeln. Marianella sieht in diesen zahlreichen Aktivit\u00e4ten Beispiele gewaltlosen Widerstandes. Sie dachte: \u201eWenn wir versuchten, uns wieder eigene Entscheidungsbereiche zu sichern, k\u00f6nnte das eine Antwort sein.\u201c Und die Regierung war besorgt. Schockierend f\u00fcr die Diskussionsteilnehmer hier im Keller ist, dass Polizei und Politik versuchten, diese solidarischen Massnahmen zu unterbinden. Suppenk\u00fcchen wurden verboten. Auch Fahrkarten weiterzugeben wurde kriminalisiert. \u201eSie hatten Angst, dass die Menschen eine unabh\u00e4ngige soziale Plattform bilden k\u00f6nnten.\u201c vermutet Marianella. Und tats\u00e4chlich bildeten sich viele Netzwerke. Statt einer gemeinsamen Strategie habe es aber vielmehr eine gemeinsame Wellenl\u00e4nge gegeben, eine gleiche Frequenz. Man wollte Antworten geben. Die sozialen Medien waren nat\u00fcrlich sehr hilfreich.<\/p>\n<p>Schlimm sei allerdings auch, wie faschistische Parteien wie die Goldene Morgenr\u00f6te, durch Basisarbeit in dieser Zeit gewinnen konnten. Sie organisierten medizinische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Renter, Essen f\u00fcr Sch\u00fcler und erreichten dadurch einen hohen Prozentsatz bei den parlamentarischen Wahlen 2012. \u201eDie Nationalismen sind \u00fcberall in Europa eine gro\u00dfe Gefahr\u201c, meldet sich einer der Teilnehmer unseres Austausches zu Wort. \u201eUm so mehr Europa in Krise ist, um so mehr machen sich irrationale Ideologien breit, die eine L\u00f6sung der Probleme durch Abschottung und nationalen Egoismus vorschlagen.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Zeit bildete sich auch Syriza. Es war eine politische Bewegung von der Strasse. \u201eEinige Minister in der Syriza Regierung hatte ich vorher pers\u00f6nlich bei Protesten oder bei unterschiedlichen Gelegenheiten, die Verteidigung von Menschenrechten betreffend, kennengelernt.\u201c Die Europawahlen 2014 waren das erste Zeichen, dass Syriza tats\u00e4chlich eine Chance hatte. Dann bekamen sie bei den Kommunalwahlen die Region Attika. Langsam wuchs wieder Hoffnung in der Bev\u00f6lkerung, denn diese Partei betonte bei allen Versammlungen und in ihrem Programm, dass sie ein Ende machen w\u00fcrden mit der Sparpolitik. \u201eDie Menschen glaubten auch, dass Reformen n\u00f6tig sind. Eine gerechte Steuerpolitik, eine bessere Verwaltung, Transparenz und Korruptionsbek\u00e4mpfung.\u201c Aber es sollten Reformen sein, die von den B\u00fcrgern gefordert w\u00fcrden, nicht von ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten aufgezwungen. Syriza versprach im Parteiprogramm von 2014 all das: H\u00e4ufige Volksabstimmungen, keine aufgezwungenen Reformen, echte Demokratie.<\/p>\n<p>\u201eEin h\u00e4ufiger Vorwurf in Deutschland war, Syriza h\u00e4tte nichts gemacht nachdem sie im Januar an die Regierung kamen. Schaut, jetzt sind sie an der Regierung und sie machen nichts!\u201c bemerkt eine Teilnehmerin. Marianella kontert, das sei nicht wahr. Sie h\u00e4tten sofort, nachdem sie gew\u00e4hlt und mit Anel eine Koalition gebildet hatten, einige interessante Projekte gestartet. So h\u00e4tten sie eine erleichterte Einb\u00fcrgerung von Migranten eingef\u00fchrt, sie h\u00e4tten die Polizeikr\u00e4fte wieder gez\u00fcgelt, sodass Demonstrationen seither friedlich abliefen. \u201eEin gutes Projekt war die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Schuldner, dass sie Zahlung in 100 Raten vereinbaren konnten. Das fand gro\u00dfen Zuspruch und viele B\u00fcrger fingen an, ihre Schulden durch diese Massnahme zur\u00fcckzuzahlen.\u201c \u201eWurde hier in Deutschland \u00fcber das griechische Schulden Audit berichtet?\u201c fragt Marianella zur\u00fcck. Die Austauschteilnehmer verneinen oder sagen: \u201eJa, aber auf negative Weise.\u201c Die Parlamentspr\u00e4sidentin Zoe Konstantopoulou hatte eine Kommission einberufen, die unter anderem aus Experten der UNO und EU bestand, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, welche der Schulden des Landes \u00fcberhaupt legitim sind und welche von korrupten Stellen, ohne Transparenz oder Nachhaltigkeitspr\u00fcfung gemacht wurden und daher dem griechischen Volk nicht aufgeb\u00fcrdet werden d\u00fcrften. Der Abschlussbericht hatte ergeben, dass etwa ein Drittel der Schulden \u201eillegal, illegitim und verabscheuungsw\u00fcrdig\u201c sei. Er war auf griechisch und englisch im Internet ver\u00f6ffenlicht worden. \u201eF\u00fcr die Griechen war das ein erstes Beispiel von Transparenz.\u201c<\/p>\n<p>In der Presse, sowohl der griechischen wie auch der anderer L\u00e4nder (wenn sie \u00fcberhaupt dar\u00fcber berichteten), war das griechische Schulden Audit degradiert worden. Die griechische Presse sei absolut neoliberal und g\u00e4be kaum Informationen, sondern vielmehr Meinungen, keinen guten Journalismus. Als Marianella gefragt wurde, \u00fcber die griechische Situation zu berichten, habe sie sich daher darauf konzentriert, nur Fakten zu geben, nur Zahlen: 62% Jugendarbeitslosigkeit, 3 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung, 91% des Geldes der \u201eHilfspakete\u201c floss in Banken, als Zinsen und um sie zu retten.<\/p>\n<p>Als das Referendum kam, wurden die Banken geschlossen. Das war f\u00fcr viele ein Schock. Marianella sagt lachend: \u201eDie meisten hatten garkein Geld auf der Bank.\u201c In dieser Zeit, welche Marianella als pers\u00f6nlich pr\u00e4genden Moment bezeichnet und in der sie ein Tagebuch zu schreiben beginnt (das sp\u00e4ter zum Start der griechischen Pressenzaseite f\u00fchrt), beginnen die Menschen flexibel im Kopf zu werden. \u201eMan diskutierte mit der Familie, mit Freunden, wie ein Leben ohne Geld m\u00f6glich sei.\u201c Das sei gut gewesen, auch wenn es nicht aus Luxus heraus, sondern aus der Notwendigkeit heraus entstanden sei. Es habe die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, \u201eausserhalb der Box\u201c zu denken.<\/p>\n<p>\u201eWo steht Griechenland jetzt?\u201c ist die Frage eines Teilnehmers. Ein wichtiger Indikator sei, dass an den letzten Wahlen 46% der wahlberechtigten Griechen nicht teilgenommen h\u00e4tten, erz\u00e4hlt Marianella. Das sind zwei Millionen weniger W\u00e4hler als beim Referendum. \u201eWie kann man ein Land regieren, in dem die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung sich abwendet?\u201c In den Wahlkampagnen sei es nur darum gegangen, wer das dritte Memorandum am besten umsetzen k\u00f6nne. Jetzt nehme die Syriza-Anel Koalition eine positive \u00f6konomische Massnahme der ersten Monate nach der anderen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein positives Zeichen habe es allerdings auch bei der Wahl gegeben. Der bef\u00fcrchtete Anstieg der Goldenen Morgenr\u00f6te auf den Inseln, \u00fcber die dieses Jahr 400 000 Fl\u00fcchtlinge gekommen sind, habe nicht stattgefunden. Im Gegenteil habe diese rechte Partei stark verloren und Syriza hat auf den Inseln gewonnen. \u201eDieses Resultat zeigt, dass gerade da, wo die Menschen direkt mit den Fl\u00fcchtenden in Kontakt kommen, menschliche Verbindung wichtiger ist als die Macht der Propaganda. Sie sehen die Menschen, M\u00e4nner, Frauen, Kinder, als das, was sie sind: Fl\u00fcchtlinge aus Kriegsgebieten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie existierenden Strukturen destabiliseren sich. Meiner Meinung nach erleben wir das Ende der repr\u00e4sentativen Demokratie. Nicht nur in Griechenland.\u201c Wir m\u00fcssten Alternativen entwickeln und dabei aus unseren gewohnten Denkmustern ausbrechen. Es g\u00e4be viele interessante Beispiele wie man zum Beispiel die neuen Medien f\u00fcr Modelle direkter Demokratie nutzbar machen k\u00f6nnte, sagt Marianella.<\/p>\n<p>Was sie \u00fcber einen Grexit denke? Dar\u00fcber habe sie keine abschliessende Meinung. Aber: \u201eF\u00fcr mich ist Europa keine W\u00e4hrung. Aus dem Euro auszutreten, heisst nicht, Europa zu verlassen. Und wenn es hilfreich ist, wie in diesem Moment zum Beispiel, sollte man es ernsthaft in Erw\u00e4gung ziehen. Was mich ein wenig z\u00f6gerlich macht, ist, dass ich den Glauben an unsere jetzige Regierung verloren habe, und sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Euro muss jemand an den Reformen arbeiten, an Transparenz und einem gerechteren Verwaltungssystem.\u201c Die Diskussionsteilnehmer sind sich einig, dass das Fundament Europas nicht allein das wirtschaftliche Interesse sein solle, dies habe Europa in die Krise gebracht, in der es jetzt steckt, mit der es mit den jetzigen Strukturen nicht fertig wird. Das ist der Grund, warum wir diese Art Gespr\u00e4che in Pressenza und auch live fortf\u00fchren wollen, um gemeinsam \u201eausserhalb der Box\u201c zu denken.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank an Marianella f\u00fcr diesen lebendigen Abend!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Keller des COOP Antikriegscaf\u00e9 in Berlin Mitte, in einer beinahe konspirativen Atmosph\u00e4re, trafen wir uns mit Marianella Kloka von Pressenza Athen zum Griechisch-Deutschen Austausch. 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