{"id":2327159,"date":"2024-05-16T16:15:23","date_gmt":"2024-05-16T15:15:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2327159"},"modified":"2024-05-16T16:15:23","modified_gmt":"2024-05-16T15:15:23","slug":"private-isolation-verringern-unnoetigen-konsum-und-ueberfluessige-arbeit-vermeiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/05\/private-isolation-verringern-unnoetigen-konsum-und-ueberfluessige-arbeit-vermeiden\/","title":{"rendered":"Private Isolation verringern \u2013 unn\u00f6tigen Konsum und \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit vermeiden"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der modernen westlichen Gesellschaft gibt es bemerkenswerte Ver\u00e4nderungen des Konsums.<\/strong><\/p>\n<p>Sie betreffen die Nachfrage, die Form des Konsums und das Angebot. In Grossst\u00e4dten sinkt die Attraktivit\u00e4t des individuellen Eigentums am Auto. Vielen ist mittlerweile bewusst geworden: Mobilit\u00e4t geht auch mit einem guten \u00d6ffentlichen Personen-Nahverkehr. Seine Nutzer sparen sich die l\u00e4stige Suche nach Parkpl\u00e4tzen und nervenaufreibende Staus. St\u00e4dte wie Kopenhagen oder Paris haben bereits Regelungen eingef\u00fchrt, die den Gebrauch des privaten Pkws einschr\u00e4nken.Manche kaufen Billigkleidungsst\u00fccke, die nach kurzer Zeit verschleissen, und orientieren sich an einem Novit\u00e4tskult (\u201eHauptsache was Neues, Hauptsache Abwechselung\u201c). Ein anderer Teil der Bev\u00f6lkerung sch\u00e4tzt allerdings besser verarbeitete Kleidungsst\u00fccke und ist bereit (und gen\u00fcgend zahlungskr\u00e4ftig), f\u00fcr das einzelne Exemplar, das l\u00e4nger h\u00e4lt und ansehnlich bleibt, einen h\u00f6heren Preis zu zahlen.Trotz der verbreiteten kritischen Aufmerksamkeit f\u00fcr Praktiken des geplanten Verschleisses hat sich noch keine kampagnen- und interventionsf\u00e4hige soziale Bewegung formiert. Am Ausmass des Problems kann das nicht liegen: \u201eM\u00fcssten die Verbraucher nicht st\u00e4ndig neue Produkte kaufen, weil die alten zu fr\u00fch kaputtgehen, blieben ihnen im Jahr 100 Milliarden \u20ac \u00fcbrig\u201c (S\u00fcddeutsche.de, 20.3.2013). Vgl. die umfassende Studie von Kreiss 2014.<\/p>\n<p><strong>Collaborative consumption<\/strong><\/p>\n<p>Das Internet erleichtert es, Kleidungsst\u00fccke weiterzugeben oder zu tauschen. Eine Studie im Auftrag des Privatunterkunftsvermittlers \u201eAirbnb\u201c hiess \u201eDeutschland teilt\u201c. Ihr zufolge praktizierten vor 10 Jahren bereits 12% aller Deutschen \u201egeteilten Konsum im Sinne des gemeinsamen Organisierens und Konsumierens \u00fcber das Internet. Bei den 14- 29-J\u00e4hrigen seien es sogar 25%. \u201aDie j\u00fcngere Generation hat die Vorteile einer \u00d6konomie des Teilens wiederentdeckt und belebt sie dank Internettechnologie neu&#8216;, sagt Prof. Harald Heinrichs von Leuphana-Universit\u00e4t L\u00fcneburg, der an der Untersuchung mitgearbeitet hat\u201c (Fiedler 2013).Die Internet-Portale d\u00fcrfen nicht umst\u00e4ndlich sein. \u201eWenn ich z.B. beim Nachbarschaftsportal nebenan.de t\u00e4glich einen Berg von Nachrichten bekomme und nur ein oder zwei konkrete Anfragen zum Teilen dabei sind, habe ich schnell keine Lust mehr\u201c, so der Konsumexperte Carl Tillessen (zit. n. Vangelista 2023). Klare Regeln sind erforderlich, wer im Streitfall zust\u00e4ndig ist. \u201eDie Deutschen nutzen die Angebote der Sharing Economy deutlich seltener, als es in manch anderen L\u00e4ndern \u00fcblich ist. In den Niederlanden sind es etwa 16% der Menschen, in Grossbritannien sogar 30% und in Australien 38%\u201c (Vangelista 2023).<\/p>\n<p>Die Sharing-\u00d6konomie hat auch ihre Schattenseiten. Bspw. k\u00f6nnen die Mitglieder einer Wohngemeinschaft ihre Kosten dadurch verringern, dass sie ein Zimmer nicht mehr an ihresgleichen vermieten, sondern zu h\u00f6herem Preis an Touristen oder andere Kurzzeitg\u00e4ste. Das Angebot an Autos, die man unaufw\u00e4ndig ausleihen kann, erleichtert die Nutzung des Autos als Verkehrsmittel, erh\u00f6ht dessen Gebrauch und verringert zugleich die Zahl der Fahrzeuge.<\/p>\n<h3>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und Konsum sowie zwischen Produzenten und Konsumenten<\/h3>\n<p>Es ver\u00e4ndert sich etwas in der Gesellschaft, wenn Konsumenten sich klarmachen: Die Arbeit in Fabriken und Superm\u00e4rkten zur Produktion und zum Verkauf von Konsumg\u00fctern ist gegenw\u00e4rtig h\u00e4ufig f\u00fcr die Arbeitenden unattraktiv. Wir klammern an dieser Stelle m\u00f6gliche Umgestaltungen der Arbeit unter anderen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen aus, die die Qualit\u00e4t der Arbeitszeit als Lebenszeit erh\u00f6hen (Vgl. dazu Creydt 2021). In einer anstrebenswerten Gesellschaft des guten Lebens w\u00fcrden Konsumenten nicht nur aus \u00f6kologischen Beweggr\u00fcnden, sondern auch aus dem Bewusstsein f\u00fcr die massiv negativen Folgen der unattraktiven Arbeit f\u00fcr die Arbeitenden weniger Produkte nachfragen.<\/p>\n<p>Die Einstellung w\u00fcrde sich ver\u00e4ndern. Meinen Genuss am Produkt setze ich dann ins Verh\u00e4ltnis zu dem, was ich anderen damit zumute. Damit w\u00fcrde eine in der b\u00fcrgerlichen marktwirtschaftlichen Gesellschaft herrschende Kernspaltung sich gravierend verringern. Die Gleichg\u00fcltigkeit zwischen dem Individuum als Konsument und als Werkt\u00e4tiger stellt nicht nur ein Verh\u00e4ltnis zwischen verschiedenen Individuen dar. Es handelt sich wenigstens dann um ein Verh\u00e4ltnis innerhalb ein und desselben Individuums, wenn es sowohl in die Erwerbsarbeit eingespannt wird als auch als Konsument auftritt.<\/p>\n<p>Zur Ver\u00e4nderung des Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und Konsum tr\u00e4gt auch eine andere Entwicklung bei. Bei einem Teil der Zeitgenossen greift die Einsicht um sich, dass auch eine noch so sch\u00f6ne Freizeit weder die Entbehrungen und Frustrationen noch den Mangel an menschlicher Entwicklung innerhalb der Arbeitszeit zu kompensieren vermag.<\/p>\n<p>Der soziale Bezug auf andere Menschen ver\u00e4ndert sich auch durch geteilten Konsum. Wenn in einem Wohnblock die Nachbarn gemeinsam bestimmte Werkzeuge verwalten oder entsprechende Ausleihstationen frequentieren, sparen sie nicht nur Kosten, sondern kommen auch anders untereinander in Kontakt. Und es verringert sich der Besitzindividualismus, mit dem jeder sich ein teures Kleinreich privaten Eigentums einrichtet und es eifers\u00fcchtig vor den Nachbarn h\u00fctet. Gewiss braucht es f\u00fcr die gemeinsame Verwaltung gemeinsamer G\u00fcter kollektive Regeln und Sanktionen bei Zuwiderhandlung.<\/p>\n<p>Vor allem aber bedarf es eines Bewusstseinswandel. Die Vorteile privater Verf\u00fcgbarkeit werden ins Verh\u00e4ltnis gesetzt zu den materiellen und immateriellen \u201eKosten\u201c an unattraktiver Arbeit. Sie wird solange in einem absurden \u00dcbermass erforderlich, wie jeder Haushalt meint, sich privat Ger\u00e4tschaften und Maschinen zulegen zu m\u00fcssen, die in der Nachbarwohnung oder im Nachbarhaus ebenfalls in 95% der Zeit ungenutzt herumstehen. Die Bohrmaschine bringt es in US-Amerikanischen Haushalten in ihrer \u201eLebenszeit\u201c auf 14 Minuten Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr die Arbeitenden unattraktive Arbeit sowie die Sozialverh\u00e4ltnisse von Konkurrenz, Neid, unten\/oben-Statusvergleich und gegenseitiger Isolation sind belastend bzw. sch\u00e4dlich. Das Ansinnen, diese Misere individuell per \u00fcberkompensatorischem Konsum und exquisiter Freizeitgestaltung vergessen zu wollen, gleicht der M\u00fcnchhausiade, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. In dem Masse, wie dies bewusst wird, wandelt sich auch das Bewusstsein f\u00fcr das, was im Leben wichtig ist. Der Drang verringert sich, immer wieder andere Novit\u00e4ten wertzusch\u00e4tzen, nach Events s\u00fcchtig zu werden und immer st\u00e4rkere Reize nachfragen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine stark umstrittene Frage in der Diskussion um Alternativen zur modernen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft mit kapitalistischer \u00d6konomie lautet: Welchen Stellenwert sollen bzw. m\u00fcssen M\u00e4rkte in ihr haben? Die einen sagen: Marktwirtschaft ist als Regulationsmechanismus unvermeidbar. Andere weisen auf das \u201eMarktversagen\u201c hin und auf die psychosoziale Bilanz von M\u00e4rkten: Sie erziehen zu Konkurrenz, zur Gleichg\u00fcltigkeit zwischen Konsumenten und Produzenten sowie zur Ausblendung desjenigen, was nicht bepreisbar ist. Ohne diese Kontroverse hier direkt zu diskutieren, n\u00e4hern wir uns ihr indirekt: Werden G\u00fcter gemeinsam genutzt, so verringert sich die Nachfrage nach ihnen und damit auch die Relevanz von M\u00e4rkten. \u00dcber Gemeing\u00fcter wird gemeinsam oder \u00f6ffentlich entschieden.<\/p>\n<p>Das setzt eine \u00d6konomie voraus, in der die Arbeitspl\u00e4tze davon abh\u00e4ngig sind, dass gesellschaftlich Sinnvolles geschaffen wird. In der kapitalistischen Wirtschaft l\u00e4sst sich den produzierten Gebrauchswerten anmerken, dass sie immer mehr nur deshalb produziert werden, um das Kapital zu verwerten. Dann kommen die Produzenten schon insofern in eine perverse Interessenidentit\u00e4t zum Kapital, als eine vern\u00fcnftige Neustrukturierung des Konsumierens und des Arbeitens erst einmal viele der bestehenden Arbeitspl\u00e4tze unn\u00f6tig macht. Nur unter der Herrschaft der kapitalistischen Kriterien des Reichtums entsteht damit Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<h3>Der Kult der privaten K\u00fcche und \u00f6ffentlich subventionierte Speisegastst\u00e4tten<\/h3>\n<p>Die Ern\u00e4hrung stellt eine enorm umfangreiche und massgebliche Angelegenheit dar. Und zwar sowohl f\u00fcr die Nachfrage nach Konsumg\u00fctern als auch f\u00fcr die Reichweite von M\u00e4rkten in der Gesellschaft. Zugleich handelt es sich um ein Thema, das Fragen nach der individuellen Lebensweise aufwirft. Entsprechend kontrovers sind die Auffassungen.<\/p>\n<p>Unstrittig ist es problematisch, wenn viele Deutsche Fastfood konsumieren, sich hochverarbeitete und damit gesundheitlich abtr\u00e4gliche Fertiggerichte aufw\u00e4rmen und wenig Aufmerksamkeit f\u00fcr die Qualit\u00e4t ihrer Nahrung haben. Mit dem Kochen kann man es aber auch \u00fcbertreiben. Ein Motiv daf\u00fcr ist die Selbstbemutterung: \u201eWenigstens hier kann ich etwas Gutes f\u00fcr mich tun und das lass ich mir nicht nehmen.\u201c Die Kochshows seit den 1970er Jahren und der Kult der Selbstsorge haben dem Kochen eine k\u00fcnstliche Bedeutung verliehen. Es bildet nun eine Teilmenge der Subjektivierung des Lebens. Ihr zufolge soll jeder Person nicht nur \u00f6konomisch ein selfmade-man sein, sondern Schmied seines eigenen Gl\u00fccke. Das Kochen gilt als Handlung, die symbolisiert, dass man seines leiblichen Wohlergehens eigener Herr sei.<\/p>\n<p>Das Kochen ist f\u00fcr viele zu einer \u00fcberkompensatorischen Dom\u00e4ne von Kenner- und K\u00f6nnerschaften geworden. Leute mit dem n\u00f6tigen Kleingeld investieren in K\u00fcchen gern viel. Es findet sich eine Ausstattung, die angesichts des Personenkreises, dem das Kochen zugute kommt, unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig aufwendig ausf\u00e4llt. Die Utensilien sollen den Anspr\u00fcchen von Sternek\u00f6chen gehorchen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bora.com\/de\/de\/trends-loesungen\/story\/the-kitchen-is-a-cult-item-and-the-new-status-symbol-trends\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die K\u00fcche wird dann zum Statussymbol<\/a>. \u201eDie K\u00fcche ist das neue Auto. Das schreibt die \u201aWirtschaftsWoche\u201b, das stellen Trendsetter und Wohnzeitschriften fest. Und die deutsche K\u00fcchenindustrie freut es. Sie verzeichnet n\u00e4mlich 30 Prozent Zuwachs, vornehmlich im hochwertigen Ausstattungssegment. [\u2026] Als Statussymbol l\u00f6st sie (die K\u00fcche \u2013 Verf.) schon seit einiger Zeit das Auto ab.\u201c<\/p>\n<p>Geschmacksniveau, Lebensstil und -kunst gilt es zu zelebrieren, wenn man sich gegenseitig zu exquisiten Gerichte einl\u00e4dt bzw. von ihnen schw\u00e4rmt: \u201eFrittierte Kolibri in Brennesselmousse\u201c (Rutschky 1987, 169) und zum Nachtisch gepeitschte Wanze in Aspik. Das B\u00fcrgertum hat alles Heilige in Profanes verwandelt. Wer aber nun anf\u00e4ngt, Profanem die W\u00fcrde des Heiligen zuzuschreiben, verrennt sich in Verstiegenheiten und verwirrt die Aufmerksamkeit f\u00fcr Wertmassst\u00e4be.<\/p>\n<p>Viele sind davon gestresst, t\u00e4glich ein warmes Essen f\u00fcr den Partner oder die Kinder auf den Tisch zu bringen. Anders als bei begeisterten Freizeitk\u00f6chen resultiert das private Kochen h\u00e4ufig nicht aus einer individuellen Vorliebe, sondern eher aus einer gegenw\u00e4rtig dominierenden Zwangs- und Mangelsituation: Der Besuch eines Restaurants ist zu teuer. Gute Kantinen sind selten. Wenn sich hier das Angebot zum Guten ver\u00e4ndert, werden viele vielleicht nicht darauf bestehen wollen, privat zu kochen. Andere Personen, die das unbedingt wollen, k\u00f6nnen ihrem Hobby nachgehen.<\/p>\n<p>Das Missverh\u00e4ltnis zwischen grossindustriell produzierter Nahrung und der Verarbeitung der Produkte f\u00fcr die Nahrungsaufnahme in privaten K\u00fcchen k\u00f6nnte kaum gr\u00f6sser sein. Ein Vergleich mit anderen Konsumg\u00fctern verdeutlicht das: Fast niemand kommt auf die Idee, sich die notwendigen Materialien einzeln zu kaufen, um aus ihnen eigenh\u00e4ndig sich das eigene Schuhwerk anzufertigen.<\/p>\n<p>Viele sch\u00e4tzen ihre eigenen Kochk\u00fcnste als F\u00e4higkeiten und Sinne. Sie sehen dabei nicht nur auf deren funktionalen Nutzen, sondern erachten das Kochen als Teil ihrer ganz pers\u00f6nlichen Kultur. Zugleich gilt es diese legitime Perspektive ins Verh\u00e4ltnis zu setzen zu dem, was das private Kochen voraussetzt. Es verbraucht nicht nur im \u00dcbermass Ressourcen,.<\/p>\n<p>Die in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft dominierende Kultur der privaten warmen Mahlzeit zieht einen Rattenschwanz an problematischen Konsequenzen nach sich. Das Kochen im Kleinsthaushalt fordert nicht nur einen gesamtgesellschaftlich hohen Einsatz von Arbeit im Vergleich zur Erstellung von Mahlzeiten in einem Restaurant. W\u00fcrden preiswerte und qualitativ leistungsstarke, gesellschaftlich subventionierte Speisegastst\u00e4tten in Laufreichweite der Wohnung existieren, so m\u00fcssten viel weniger Lebensmittel in Gesch\u00e4ften eingekauft werden.<\/p>\n<p>Nicht nur der Aufwand der Konsumenten f\u00fcrs Einkaufen w\u00fcrde sinken, sondern auch das Ausmass der wenig attraktiven T\u00e4tigkeiten in Superm\u00e4rkten. Der Aufwand bei den Zulieferern, die Lebensmittel in jeweils kleiner Menge zu verpacken, damit sie individuell transportiert und gelagert werden, w\u00fcrde massiv abnehmen. (Ich folge in den letzten drei Abs\u00e4tzen \u00dcberlegungen von Ulf Petersen.) Die damit verbundene Reduktion der Arbeiten der Verpackungsindustrie w\u00e4re begr\u00fcssenswert \u2013 nicht nur aus \u00f6kologischen Motiven, sondern auch aus Gr\u00fcnden der Reduktion unattraktiver Arbeit.<\/p>\n<h3>Die Kleinfamilie \u00fcberschreiten<\/h3>\n<p>Gewiss w\u00fcrde sich mit der Verlagerung des Kochens vom heimischen Herd ins Restaurant auch etwas an der Kultur der Privatheit ver\u00e4ndern. F\u00fcr eine solche Transformation sprechen ebenfalls andere Gr\u00fcnde:<\/p>\n<p>Um die Enge der Kleinfamilie (vgl. Creydt 2023) zu \u00fcberwinden sind \u201eNetze aus freundschaftlichen Verwandten oder famili\u00e4ren Freunden\u201c f\u00f6rderlich (Steckner 2018, 105). \u00dcber die Kleinfamilie hinaus gilt es \u201eauch andere Formen des verbindlichen F\u00fcreinander-da-Seins\u201c zu schaffen (Ebd., 104). Das geht nicht allein im privaten Do-it-yourself. \u201eDamit Familienalltag kein privates Hexenwerk bleibt, braucht es auch kommunale Orte, an denen die Haus- und Reproduktionsarbeit gemeinsam stattfinden kann: [\u2026] Kinderh\u00e4user, in denen Erwachsene h\u00f6chstens absichernd anwesend sind, Vorlesenachmittage mit r\u00fcstigen Wahlopas, Care-Stationen, wo Familien bei der Hege und Pflege alter oder kranken Angeh\u00f6riger unterst\u00fctzt werden [\u2026], mehr gute Volksk\u00fcchen. [\u2026] Jede braucht mal R\u00fcckzug. Aber ist wirklich in jedem Einzelhaushalt eine Waschmaschine vonn\u00f6ten?\u201c (Ebd.).<\/p>\n<p>Nachbarschaft f\u00f6rdernde Wohnformen k\u00f6nnen dazu beitragen, die kleinfamili\u00e4re Einengung des Umfeldes von Kindern sowie Eltern zu \u00fcberwinden. Soziale Netzwerke, die die Erziehung und die Betreuung von Kindern betreffen, gilt es zu f\u00f6rdern und auszubauen. Auch entsprechende Wohnformen helfen, die Isolation von \u201eAlleinerziehenden\u201c und Alleinlebenden sowie den Mangel von Kinderlosen an Kontakt zu Kindern zu verringern. \u201eSeit l\u00e4ngerem entstehen zwar Beispiele f\u00fcr das \u201averbundene Wohnen&#8216; in Form von Gemeinschaftssiedlungen oder Hausgemeinschaften, die l\u00e4nger Bestand haben als vor\u00fcbergehende Zweck-Wohngemeinschaften. Dass sie sich nicht viel breiter durchsetzten, liegt zum Teil an einem ungen\u00fcgend ausgebauten Genossenschaftsrecht, haupts\u00e4chlich jedoch an den bestehenden Eigentumsverh\u00e4ltnissen.\u201c<\/p>\n<p>Wo nicht gemeinsam \u00fcber Boden, Geb\u00e4ude und Wohnungsbau verf\u00fcgt werden kann, sind \u201eneue Wohnstrukturen nur beschr\u00e4nkt realisierbar. Und f\u00fcr Immobilienbesitzer sind Anlagen mit Gemeinschaftsfl\u00e4chen oder -r\u00e4umen weniger rentabel als herk\u00f6mmliche Wohnungen oder Luxusappartements\u201c (Meier-Seethaler 1998, 384f.). All diese Prozesse verringern den subjektiven Drang, in der Kleinfamilie \u201eunter sich bleiben\u201c zu wollen.<\/p>\n<h3>Der Kult des Eigenheims und der Wohnung<\/h3>\n<p>\u00d6kologisch stellt die Vergr\u00f6sserung der Wohnfl\u00e4che pro Person ein massives Problem dar. Starke Vorbehalte gegen das Eigenheim resultieren aus der Kritik an der Zersiedelung, an der Versiegelung von immer mehr Boden und am absurden Verh\u00e4ltnis zwischen Wohnfl\u00e4che und Aussenw\u00e4nden bei einem frei stehenden Einfamilien-Haus. Aber auch hier gibt es eine andere Perspektive. Sie beurteilt etwas nicht nur unter dem Aspekt, ob es halbwegs gedeihliche \u00f6kologische Lebensbedingungen f\u00f6rdert oder schadet.<\/p>\n<p>Erstens w\u00fcrde eine andere Betrachtungsweise vergegenw\u00e4rtigen, das die Errichtung gr\u00f6sserer Mehrfamilienh\u00e4user in Summe weniger unattraktive Arbeiten erforderlich macht als der Bau vieler kleiner Einfamilien-Heime. Zweitens stellt sich auch hier die Frage nach der Qualit\u00e4t des Lebens selbst auf eine besondere Weise. Zur Konkurrenz in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft geh\u00f6rt die Distinktion. Man will anderen und auf diesem Umweg sich selbst beweisen, als vereinzelter Einzelner trotz aller vermeintlich nur \u201e\u00e4usseren\u201c bzw. gesellschaftlichen Unbilden ein gelingendes Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Viele wollen als Connaisseure, Bonvivants oder Lebensk\u00fcnstler subjektiv sich als so reich f\u00fchlen oder auff\u00fchren, dass die gesellschaftliche Objektivit\u00e4t in ihrem Aufmerksamkeitshorizont an den Rand r\u00fcckt. Dazu geh\u00f6rt auch der Kult des Eigenheims (vgl. Bourdieu 1999) oder der privaten Wohnung. Viele treiben einen grossen Aufwand, um aus ihr ein h\u00f6chst pers\u00f6nliches Gesamtkunstwerk zu machen. Im Unterschied dazu wiesen die Wiener Gemeindewohnungsbauten der 1920er Jahre eher kleine Wohnungen auf bei grossz\u00fcgig vorgehaltenen R\u00e4umen f\u00fcr die Nutzung durch alle Bewohner. Angesichts des Kaputtsparens \u00f6ffentlicher Einrichtungen haben viele heute keine Vorstellung davon, wie kollektivere Formen der die Lebensqualit\u00e4t erh\u00f6hen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele bef\u00fcrworten gegenw\u00e4rtig die Verringerung der Menge an Produkten und Arbeiten aus \u00f6kologischen Motiven. Die Gesellschaft kommt dann nur als \u00e4ussere Bedingung in den Blick. Gesellschaftliche Strukturen sollen so beschaffen sein, dass sie die nat\u00fcrlichen Bedingungen menschlichen Lebens nicht unumkehrbar besch\u00e4digen. Die Durchschnittstemperatur soll nicht weiter steigern, das Wasser nicht knapp werden, die G\u00fclle es nicht massiv vergiften und ungefilterte Sonneneinstrahlung nicht Hautkrebs f\u00f6rdern. Sich daf\u00fcr zu engagieren ist bitter notwendig. Entsprechende Bewegungen f\u00fcr den Schutz vor Katastrophen stellen die Frage nach der eigenen Qualit\u00e4t der Gesellschaft jedoch nur instrumentell. Sie kommt nur als ein Faktor in den Blick, der f\u00fcr etwas anderes relevant bzw. funktional ist \u2013 die Erhaltung halbwegs gedeihlicher klimatischer Bedingungen menschlichen Lebens. Anders verh\u00e4lt es sich, wenn die Frage lautet: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?<\/p>\n<h3>Schluss<\/h3>\n<p>Die Befreiung der Konsumg\u00fcter, des Kochens und der Kindererziehung aus der Privatform bildet eine Teilmenge einer gr\u00f6sseren Transformation \u2013 der Ver\u00e4nderung der sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Die Konsumg\u00fcter, das Kochen und die Kindererziehung stellen Themen dar, an denen sich neue Beziehungen zwischen Personen bilden und sich kollektivere gesellschaftliche Praxen einrichten lassen. Das st\u00e4rkt die Assoziation der Menschen und emanzipiert sie von ihrer Vereinzelung und dem Ausgeliefertsein an anonyme Marktprozesse. Es geht darum, die Gesellschaft zu re-sozialisieren, also in ihr mehr Sozialit\u00e4t, mehr bewusst gestaltete prosoziale Lebensformen zu schaffen.<\/p>\n<p>In dem Masse, wie Strukturen und Institutionen dies erm\u00f6glichen und f\u00f6rdern, wird die Gesellschaft zu etwas, das nicht nur die Lebensbedingungen von Menschen bereitstellt. Vielmehr sehen die Individuen ihre Sozialit\u00e4t als f\u00fcr ihre eigene Lebensqualit\u00e4t wesentlich an. Das schliesst ein, die Gesellschaft so einzurichten, dass sie ihre Gestaltung nicht an Marktprozesse abgeben, die sich gegen die Bev\u00f6lkerung verselbst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Meinhard Creydt<\/p>\n<p class=\"fussnoten\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Bourdieu, Pierre 1999: Der Einzige und sein Eigenheim. Hamburg<br \/>\nCreydt, Meinhard 2021: Produktionstechnik vom Standpunkt der Arbeitenden. In: Telepolis, 11.9.2021 www.meinhard-creydt.de\/archives\/1247<br \/>\nCreydt, Meinhard 2023: Die not-wendige Ver\u00e4nderung der Care-T\u00e4tigkeiten sowie der Kleinfamilie. In: Junge Welt, 1.12. 23 www.meinhard-creydt.de\/archives\/1710<br \/>\nFiedler, Maria 2013: Leihen statt kaufen. In: Der Tagesspiegel, 23.2. 2013, S. 32<br \/>\nKreiss, Christian 2014: Geplanter Verschleiss. Berlin<br \/>\nMeier-Seethaler, Carola 1998: Gef\u00fchl und Urteilskraft. M\u00fcnchen<br \/>\nSteckner, Anne 2018: Liebe, Ex und Z\u00e4rtlichkeit. Familie von links erobern. In: Luxemburg, H. 2. Berlin<br \/>\nRutschky, Michael 1987: Postmoderne. In: Derselbe: Was man zum Leben wissen muss. Z\u00fcrich<br \/>\nVangelista, Antonia 2023: Keine Lust aufs Teilen. In: Frankf. Allgem. Sonntagszeitung 12.2.2023, Nr. 6, S. 29<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der modernen westlichen Gesellschaft gibt es bemerkenswerte Ver\u00e4nderungen des Konsums. Sie betreffen die Nachfrage, die Form des Konsums und das Angebot. In Grossst\u00e4dten sinkt die Attraktivit\u00e4t des individuellen Eigentums am Auto. 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