{"id":215412,"date":"2015-08-29T09:56:09","date_gmt":"2015-08-29T08:56:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=215412"},"modified":"2015-08-29T09:58:27","modified_gmt":"2015-08-29T08:58:27","slug":"griechenlands-wahl-die-banken-retten-oder-die-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/08\/griechenlands-wahl-die-banken-retten-oder-die-menschen\/","title":{"rendered":"Griechenlands Wahl: Die Banken retten oder die Menschen?"},"content":{"rendered":"<p><em>geschrieben im Februar 2015<\/em><\/p>\n<p>Die k\u00fcrzliche Regierungs\u00fcbernahme der linken Syriza Partei mit Tsipras als Premierminister hat erneut Hoffnungen auf einen Weg geweckt, den das Land einschlagen k\u00f6nnte, um seine Krise zu l\u00f6sen. Tsipras Versprechen, den extremen Massnahmen ein Ende zu setzen, erzeugten wohlwollende Erwartungen, aber die Frage, die auftaucht, ist, wie weit kann Griechenland tats\u00e4chlich gehen, ohne komplett die \u00dcberwachung der Troika zu brechen, die Nichteinhaltung der Schuldenr\u00fcckzahlung zu erkl\u00e4ren und die Eurozone zu verlassen. Um diese Optionen zu untersuchen, m\u00fcssen wir kurz auf die Wurzeln der Krise zur\u00fcckschauen und was die Konsequenzen der Rettungsmassnahmen sind, die bis jetzt angewandt wurden.<\/p>\n<p>Es ist wahr, dass Griechenland bereits vor der internationalen Finanzkrise ein Defizit angeh\u00e4uft hatte und eine nicht tragf\u00e4hige Schuldenlast, welche durch die allgemeine Krise schliesslich eskalierte. Es ist wahr, dass die Verluste bei den griechischen Finanzen, die mit der Zeit durch verschiedene Regierungen akkumulierten, eine Menge mit Korruption und einer Ma\u00dflosigkeit bei den Ausgaben zu tun hatten. Es ist auch wahr, dass die Konkurrenzf\u00e4higkeit der hellenischen Wirtschaft nicht mit dem Lebensstandard einiger Teile der Bev\u00f6lkerung \u00fcbereinstimmten und diese sich also mit Schulden selbst finanzierten.<\/p>\n<p>Aber es ist auch wahr, dass w\u00e4hrend all dies geschah, es auf der anderen Seite auch deswegen geschah, weil jemand, indem er zum Schuldenmachen ermutigte, ein gutes Gesch\u00e4ft gemacht hat, mithilfe Spekulation und Zinswucher, dem F\u00f6rdern von Konsumverhalten zur Erh\u00f6hung der Gewinne der Multinationalen oder dem Verkauf von Waffen. Die Menschen in Griechenland leiden also heute an einem t\u00f6dlichen Cocktail aus korrupten Politikern und Finanzkr\u00e4ften, so wie es \u00fcberall auf der Welt schon seit langer Zeit geschieht.<\/p>\n<p>Viele vergleichen die Situation in Griechenland und anderen Europ\u00e4ischen L\u00e4ndern mit der Situation durch die Argentinien 2001 ging. Und in der Tat gibt es einige Gemeinsamkeiten. In den Neunzigern f\u00fchrten neoliberale Strategien, die auf das Land angewandt worden waren, zu riesigen Schulden, mit welchen eine Art stabiler W\u00e4hrung in Form einer Wechselkursbindung f\u00fcr mehrere Jahre finanziert wurde, welche es erlaubte, Waren und Dienstleistungen zu einem niedrigeren als dem Kostenpreis zu importieren. Das nationale Defizit wurde mit Schulden finanziert und dar\u00fcberhinaus erhielten die saftigen Gewinne aus dem Spekulationskapital \u00fcberh\u00f6hte Zinsraten in Dollar. Als die Schulden untragbar wurden, eskalierte die Krise und zuerst wurde verk\u00fcndet, die Schulden nicht zur\u00fcckzuzahlen, dann wurde die Wechselkursbindung aufgegeben, was eine Abwertung von \u00fcber 300% zur Folge hatte. Aber die gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftskrise der argentinischen Geschichte verursachte auch eine enorme Krise der Institutionen und Politik, welche die neoliberalen Tendenzen der Regierungen beendete. Die fortschrittlichere und industrialisierendere Profilierung der neuen Regierungen erm\u00f6glichte es, dass aus der Abwertung der Vorteil genutzt wurde, um an Konkurrenzf\u00e4higkweit zu gewinnen, die Exporte zu steigern, die Importe zu substituieren und die Arbeitslosigkeit zu verringern. Und die politische Entscheidung, aus den Schulden herauszukommen durch Entwicklung und Wachstum und nicht durch orthodoxen Ausgabeschnitt, erlaubte es dem Land, sich erst zu erholen, bevor es seine Schulden restrukturierte. Dies erm\u00f6glichte ein Jahrzehnt von unerh\u00f6rtem Wachstum und Schuldenr\u00fcckzahlung und einer bemerkenswerten Verbesserung der Lebensbedingungen der Bev\u00f6lkerung. Die Situation der letzten zwei Jahre, in welchen es wegen des internationalen Zusammenhanges kein Wachstum wie vorher gegeben hat und die Menschen mit einer Inflation leben mussten, entwertet keineswegs das Beispiel von Argentinien, wie das Land f\u00e4hig war, erfolgreich aus der Krise zu kommen, und wie es seine Wirtschaft f\u00fcr zehn Jahren finanzierte. Und das wurde erreicht mit souver\u00e4ner Expansionspolitik und nicht mit Sparmassnahmen, \u00fcberwacht vom IWF.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es nicht richtig, den argentinischen Fall komplett auf den von Griechenland und anderen Europ\u00e4ischen Staaten in Krise zu \u00fcbertragen, aber es ist klar, dass es einige gemeinsame Punkte gibt. In Argentinien verhinderte die Wechselkursbindung eine Abwertung der W\u00e4hrung, welche die Konkurrenzf\u00e4higkeit verbessert h\u00e4tte; dies ist \u00e4hnlich der Situation von L\u00e4ndern in der Eurozone, die nicht ihre eigene Geldpolitik kontrollieren k\u00f6nnen. Die Verbesserung der Kompetivit\u00e4t zusammen mit einer Abwertung kann verschiedene Auswirkungen haben, je nach Produktionspotential des jeweiligen Landes, und es ist klar, dass es nicht als eine magische L\u00f6sung gesehen werden kann, weil so gesehen, jedes Land permanent an einem Abwertungs-Wettlauf teilnehmen w\u00fcrde; aber es ist wahr, dass es im Falle von L\u00e4ndern in Krise mit hohen Arbeitslosenzahlen und einem kommerziellen Defizit immer einen positiven Einfluss haben wird. In Argentinien profitierte in erster Linie die Bev\u00f6lkerung von der Massnahme, den Konsum von Waren und Dienstleistungen der am wenigsten gesch\u00fctzten Gesellschaftsschichten zu unterst\u00fctzen, aber sie st\u00e4rkte gleichzeitig die Binnenwirtschaft und reaktivierte die Wirtschaft, was wiederum die Steuereinnahmen verbesserte. W\u00e4hrend extreme Sparpolitik und K\u00fcrzungen, die von einigen Europ\u00e4ischen L\u00e4ndern angewandt wurden, um ihren Haushalt auszugleichen, nur zu einem Leiden der Bev\u00f6lkerung f\u00fchrten, w\u00e4hrend die Schulden weiter anstiegen. Oder in den besten F\u00e4llen blieb der Schuldenstand gleich, weil die K\u00fcrzungen die Ausgaben verringern, aber auch die Einnahmen wegen des Rezessionseffektes.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen der K\u00fcrzungen in Griechenland haben einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung in eine verzweifelte Situation gebracht, die Entlassung von beinahe 200 000 \u00f6ffentlichen Angestellten, Einkommens- und Pensionsk\u00fcrzungen und K\u00fcrzungen der \u00f6ffentlichen Ausgaben hatten ernste Auswirkungen. Mit 27,4% Arbeitslosigkeit, 30% der Bev\u00f6lkerung ohne Krankenversicherung und 10% Kindern mit Mangelern\u00e4hrung, ist die soziale Lage untragbar. Und mit all diesen K\u00fcrzungen ist die Wirtschaft um 25% geschrumpft seit die Krise ausgebrochen ist mit dem Resultat, dass die Steuereinnahmen noch geringer sind und das Defizit nicht reduziert werden konnte, so dass die Schulden nicht zur\u00fcckgezahlt werden k\u00f6nnen. Der IWF und die EZB haben sich f\u00fcr ein Hilfspaket ausgesprochen, nicht weil sie Griechenland retten wollen, noch weniger die Griechen, sondern vielmehr weil sie die Banken retten wollten, welche mehrheitlich deutsche und franz\u00f6sische sind, weil sie kollabieren w\u00fcrden, wenn sie mit einem Zahlungsausfall konfrontiert w\u00fcrden. Und sie sind auch bem\u00fcht einen vollst\u00e4ndigen Kollaps von Griechenland zu verhindern und einen m\u00f6glichen Austritt aus dem Euro, weil dies ansteckend sein k\u00f6nnte f\u00fcr andere Krisenl\u00e4nder wie Spanien, Italien und Portugal. Der Finanzsektor ist definitiv der Hauptschuldige der Schuldenkrise, genauso wie er das wahre Ziel der Rettungsaktionen ist, die von internationalen Finanzinstitutionen koordiniert werden und er macht weiterhin Profite dank der Vermittlung in all den Refinanzierungsdeals.<\/p>\n<p>Um die Frage zu beantworten, welche Wahlm\u00f6glichkeiten Griechenland hat, dabei bedenkend was gerade beschrieben wurde, w\u00e4re es daher gut zu kl\u00e4ren, welches Ziel man verfolgt, welche Prozeduren angewandt werden sollten und wer der Ausf\u00fchrende sein sollte. Da es f\u00fcr diejenigen unter uns, die sich eine gro\u00dfe universelle menschliche Nation w\u00fcnschen, logisch ist, zu denken, dass ein Zwischenschritt, die regionale Integration, in diese Richtung geht, sollten wir folgern, dass Anstrengungen unternommen werden sollten, dass die Europ\u00e4ische Union nicht untergraben wird. Aber wir m\u00fcssen uns fragen, ob diese Europ\u00e4ische Konstruktion eine Konstruktion der Menschen und f\u00fcr die Menschen ist, oder ob es eine Konstruktion der Wirtschaftskr\u00e4fte ist f\u00fcr ihren eigenen Nutzen. Und heute deutet alles daraufhin, dass, wenn es zur Krise kommt, die Priorit\u00e4t nicht die Menschen sind, sondern die Banken. Daher, wenn wir das Ziel \u00e4ndern wollen, so dass die Priorit\u00e4t die Menschen sind, m\u00fcssen wir vielleicht alles neu formulieren. Denn Griechenlands Austritt aus der Eurozone wird eine gro\u00dfe Wirkung haben und es wird Schwierigkeiten geben; nat\u00fcrlich w\u00e4re es das beste, alles zu l\u00f6sen, w\u00e4hrend die Eurozone stabil bleibt, aber damit das passiert, m\u00fcssten sich die Entscheidungen ver\u00e4ndern. Die EZB sollte sich als ein Motor f\u00fcr Entwicklung in jedem Teil ihres Territoriums verhalten. Die EZB sollte die Priorit\u00e4t auf Sozialausgaben legen, um die Situation der Menschen zu erleichtern, statt darauf zu achten, dass die Inflation nicht mehr als 2% j\u00e4hrlich betr\u00e4gt und so die Verm\u00f6genswerte sch\u00fctzt. Aber die EU wurde nicht auf humanistischen Idealen gegr\u00fcndet, sondern vielmehr auf \u00f6konomischen Interessen mit einer neoliberalen Agenda. Daher wird es sehr schwer sein, ihre Politik zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>In diesem Kontext sollte die griechische Regierung den Weg vorschlagen, den man verfolgen sollte. Die Priorit\u00e4t m\u00fcssen die Menschen sein und inhumane K\u00fcrzungen k\u00f6nnen nicht weiterhin angewandt werden in dem Versuch, ein Budgetplus zu generieren, das den Gl\u00e4ubigern erlaubt, weiterhin ausgezahlt zu werden. Schuldenr\u00fcckzahlungen m\u00fcssen ausgesetzt werden, zumindest f\u00fcr eine gewisse Zeit, bis das Land sich erholt hat, die soziale Situation sich verbessert hat und die Arbeitslosigkeit zur\u00fcckgegangen ist. Danach kann Griechenland eine Restrukturierung der Schulden vorschlagen, um diese zu zahlen, ohne die Menschen dabei zu opfern. Und wenn die EU sich um die Situation der Griechen sorgt, sollte sie nicht nur diese Entscheidung ohne Repressalien akzeptieren, sondern sie sollte dar\u00fcberhinaus Griechenland finanziell darin unterst\u00fctzen, Entwicklungen voranzutreiben.. Aber da es schwierig sein wird, dass Ausf\u00fchrende einer Expansionspolitik in der Troika erscheinen, muss Griechenland wahrscheinlich den Euro verlassen, um bef\u00e4higt zu werden, seine Geldwirtschaft selbst zu kontrollieren und sich zu erholen. Die Probleme, die dies zuerst hervorrufen wird, sind geringer, vom sozialen Standpunkt aus gesprochen, als das, was die griechische Bev\u00f6lkerung jetzt durchmacht. Nat\u00fcrlich werden sie eine Menge interner Streitpunkte l\u00f6sen m\u00fcssen und die Regierungskorruption bek\u00e4mpfen m\u00fcssen, aber das wird daf\u00fcr geschehen, den Lebensstandard der Menschen zu bessern, und nicht, um die Wucherer reicher zu machen.<\/p>\n<p>Wenn die EU sich nicht von innen heraus revolutioniert und ihre neoliberale Politik \u00e4ndert, werden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Griechenland und vielleicht auch andere L\u00e4nder den Euro verlassen. Wenn dies geschieht, sollte das nicht gesehen werden als R\u00fcckschritt der regionalen Integration, sondern vielmehr als Fortschritt in Richtung eines anderen Integrationsparadigmas: eine Integration, bei welcher die Menschen und nicht diejenigen, die heutzutage ihre gr\u00f6\u00dften Feinde geworden sind \u2013 die Banken \u2013 die Priorit\u00e4t sind.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen Johanna Heuveling<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>geschrieben im Februar 2015 Die k\u00fcrzliche Regierungs\u00fcbernahme der linken Syriza Partei mit Tsipras als Premierminister hat erneut Hoffnungen auf einen Weg geweckt, den das Land einschlagen k\u00f6nnte, um seine Krise zu l\u00f6sen. 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