{"id":210479,"date":"2015-08-13T17:58:45","date_gmt":"2015-08-13T16:58:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=210479"},"modified":"2015-08-13T18:01:50","modified_gmt":"2015-08-13T17:01:50","slug":"interview-mit-harald-neuber-uber-alternativen-journalismus-und-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/08\/interview-mit-harald-neuber-uber-alternativen-journalismus-und-lateinamerika\/","title":{"rendered":"Interview mit Harald Neuber \u00fcber alternativen Journalismus und Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<p><em>Harald Neuber schreibt f\u00fcr <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/\">Amerika 21<\/a>, das Nachrichtenportal f\u00fcr Lateinamerika und beantwortet freundlicherweise unsere Fragen. F\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.promosaik.blogspot.de\">ProMosaik e.V.<\/a> ist es sehr wichtig, Nachrichten nach den ethischen Prinzipien des Muts und der Wahrheit zu verbreiten. Journalismus bedeutet f\u00fcr mich der Mut, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sie dann auch den Anderen mitzuteilen. Und die Wahrheit \u00fcber den gro\u00dfen Chavez ist nur ein Beispiel&#8230; <\/em><br \/>\n<em> Ich finde, dass Anti-Imperialismus und gesunde Kapitalismuskritik die Aspekte sind, die wohl alle engagierten Journalisten in unserem Mosaik zusammenhalten.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dr. phil. Milena Rampoldi: Wie wichtig ist heute in Europa eine deutschsprachige, professionelle Berichterstattung \u00fcber Lateinamerika?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Harald Neuber: Lateinamerika hat in der deutschen Presselandschaft in den vergangenen Jahrzehnten ja verschiedene Phasen durchlaufen. Seit den 1950er Jahren waren lateinamerikanische Staaten vor allem Handelspartner, sp\u00e4ter gab es die gro\u00dfen politischen Konflikte und die blutige Zeit der Diktaturen. Damit nahm auch das Interesse zu, weil es eine Solidarit\u00e4tsbewegung mit den Widerstandsbewegungen gab und weil westdeutsche Unternehmen und die damalige BRD an Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren. Nachdem das Thema Lateinamerika sp\u00e4ter weitgehend aus den Medien verschwunden ist, bekam es am Ende der 1990er Jahre mit dem Aufstieg linker Reformregierungen wieder mehr mediale Aufmerksamkeit. Aber wie? Besonders im Fall von Venezuela l\u00e4sst sich nachweisen, wie Vieles einfach nicht oder sogar falsch berichtet wurde. Der Ursprung des Chavismus &#8230;<\/p>\n<p><em><strong>&#8230; benannt nach dem 2013 verstorbenen Pr\u00e4sidenten Hugo Ch\u00e1vez.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, diese Bewegung konnten Konsumenten deutscher Medien lange gar nicht verstehen. Da hie\u00df es lediglich, Ch\u00e1vez sei ein ehemaliger Milit\u00e4r, dass er \u201eumstritten\u201c sei und die Kritik an ihm zunehme. Was es mit der Bewegung auf sich hatte, die ihn hervorbrachte und dass die Regierung Ch\u00e1vez von einer breiten Bev\u00f6lkerungsmehrheit getragen wurde, das wurde v\u00f6llig ausgeblendet. Andere Dinge wurden schlicht falsch dargestellt. Das nahm irgendwann richtig skurrile Z\u00fcge an: W\u00e4hrend Ch\u00e1vez in Venezuela ein Dutzend Wahlen gewann, war hier \u2013 vor allem in Medien des Springer-Verlags \u2013 vom \u201eDiktator\u201c die Rede.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund hat sich damals amerika21 gegr\u00fcndet. Es ging darum, Hintergr\u00fcnde \u00fcber das Geschehen aus Lateinamerika auf Deutsch und in m\u00f6glichst professioneller Form zu bieten. Uns ging es darum, zu berichten, welche Debatten in Lateinamerika selbst laufen, wie dort diskutiert wird.<\/p>\n<p><em><strong>Um welche Hauptthemen dreht sich Ihre Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Harald Neuber: Venezuela stand zun\u00e4chst im Zentrum. Dann kamen mit neuen Autorinnen und Autoren auch neue Themen dazu. Kuba, Bolivien, Ecuador. Auf der einen Seite schauen wir auf die progressiven Regierungen, die, etwa im Fall von Ecuador oder Argentinien, durchaus auch L\u00f6sungskonzepte f\u00fcr die Eurokrise bieten. Auf der anderen Seite sind uns Basisbewegungen wichtig, die f\u00fcr Menschenrechte k\u00e4mpfen und dabei in Staaten wie Mexiko und Kolumbien \u2013 \u00fcbrigens zwei enge Handelspartner Deutschlands \u2013 t\u00e4glich ihr Leben riskieren.<\/p>\n<p><em><strong>Wie wichtig ist heute die Kritik am Neoliberalismus und am US-Neoimperialismus f\u00fcr die Entwicklung Lateinamerikas?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Harald Neuber: Beide kritischen Diskurse waren f\u00fcr die Integrationsbewegung der vergangenen Jahre sehr wichtig. Wobei die Auseinandersetzung mit dem US-Imperialismus in Lateinamerika und der Karibik schon eine viel l\u00e4ngere Geschichte hat. Der Neoliberalismus war nach Lateinamerika sozusagen auf den Spitzen der Bajonette der Pinochet-Soldaten importiert worden. Nach dem blutigen Putsch gegen die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung von Pr\u00e4sident Salvador Allende am 11. September 1973 wurde die neoliberale Misswirtschaft in Chile brutal durchgesetzt. Es folgten andere Staaten, immer begleitet von einer autorit\u00e4ren bis diktatorischen Politik gegen\u00fcber der Arbeiterschaft. Die neuen progressiven Regierungen sind die Gegenbewegung: Sie gingen ausnahmslos aus der kritischen Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus hervor.<\/p>\n<p><em><strong>Wie w\u00fcrden Sie unseren Leserinnen und Lesern die Bedeutung einer gesunden Kapitalismuskritik erkl\u00e4ren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Harald Neuber: Ich denke, dass wir vor allem in Deutschland \u2013 einem Gewinner der Eurokrise \u2013 \u00fcber den Tellerrand hinausschauen m\u00fcssen. Deutschland hat in den vergangenen Jahren an der Verelendung in S\u00fcdeuropa verdient. Zugleich exportieren deutsche Waffenschmieden so viele R\u00fcstungsg\u00fcter wie nie zuvor in alle Welt. In Lateinamerika sind deutsche Unternehmen an der r\u00fccksichtslosen Ausbeutung von Bodensch\u00e4tzen beteiligt, w\u00e4hrend ein Transfer von Technik und Know-how verhindert wird. Diese Mechanismen aufzuzeigen, ist auch die Aufgabe eines alternativen Journalismus, der also nicht hiesigen Staatsinteressen dient, sondern Missst\u00e4nde hinterfragt und Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4rt. Gerade in Lateinamerika zeigt sich, dass die bestehenden sozialen Probleme mehrheitlich auf die Art zu wirtschaften zur\u00fcckgehen und darauf, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem die Lebensgrundlagen vieler Menchen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p><em><strong>Was hat Ihr Portal schon erreicht und was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Harald Neuber: Amerika21 ist in den vergangenen Jahren st\u00e4rker gewachsen, als wir es uns vorgestellt h\u00e4tten. Ich muss dazu sagen, dass das Portal als locker best\u00fcckter Blog von zwei Kollegen und mir begonnen hat. Heute schreiben mehrere Dutzend Journalistinnen und Journalisten f\u00fcr amerika21. Viele befinden sich in Lateinamerika, was uns sehr wichtig ist. Es gibt ein Redaktionsteam, das die Arbeit koordiniert und ein Lektorenteam. Mehrere Kunden in Politik, Diplomatie und im NGO-Spektrum haben das Nachrichtenangebot von amerika21 abonniert, Dutzende Spender unterst\u00fctzen uns. Aber die Arbeit ist weitgehend ehrenamtlich. Wir k\u00f6nnen es allerdings inzwischen leisten, zumindest eine kleine Aufwandsentsch\u00e4digung f\u00fcr die st\u00e4ndigen Mitarbeiter zu bezahlen, die ja st\u00e4ndig neue Autoren ausbilden. Deswegen brauchen wir weiterhin neue Abokunden und Unterst\u00fctzer.<\/p>\n<p><em><strong>Wie wichtig sind heute die sozialen Medien f\u00fcr Presseportale und politisch aktive Vereine?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Harald Neuber: Wer die Menschen erreichen will, kommt ohne die sozialen Netzwerke nicht mehr aus. Diese Erkenntnis hat sich bei uns im Team von amerika21 schnell eingestellt. Im Hintergrund arbeitet deswegen ein Team, um t\u00e4glich die Inhalte \u00fcber die gr\u00f6\u00dften sozialen Netzwerke zu verbreiten. Unter Ziel ist schlie\u00dflich nicht, f\u00fcr eine kleine, begrenzte Community zu schreiben. Wir wollen authentische Informationen aus Lateinamerika weit verbreiten, um auf den politisch-medialen Diskurs zu Lateinamerika Einfluss zu nehmen. Das gelingt immer \u00f6fter, eben gerade auch durch eine konsequente Presse- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald Neuber schreibt f\u00fcr Amerika 21, das Nachrichtenportal f\u00fcr Lateinamerika und beantwortet freundlicherweise unsere Fragen. F\u00fcr ProMosaik e.V. ist es sehr wichtig, Nachrichten nach den ethischen Prinzipien des Muts und der Wahrheit zu verbreiten. 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