{"id":202545,"date":"2015-07-14T13:03:24","date_gmt":"2015-07-14T12:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=202545"},"modified":"2015-07-15T14:33:48","modified_gmt":"2015-07-15T13:33:48","slug":"int","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/07\/int\/","title":{"rendered":"Interview mit Zeugen des Anschlages auf das Gewerkschaftshaus in Odessa"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Oleg Musyka, Augenzeuge und \u00dcberlebender des Anschlages auf das Gewerkschaftshaus in Odessa vor einem Jahr. Er musste danach fliehen und lebt jetzt in Deutschland.<\/strong><\/p>\n<p>Das Interview wurde gef\u00fchrt von Brigitte Queck, Leiterin des Vereines &#8222;M\u00fctter gegen den Krieg Berlin-Brandenburg&#8220;, V\u00f6lkerrechtlerin und Verfasserin des Buches &#8222;<a href=\"http:\/\/zambon-verlag.de\/book.html?bookid=133\">Die Ukraine im Fokus der NATO. Russland das eigentliche Ziel<\/a>&#8222;, welches sich ausf\u00fchrlich und mit Dokumenten belegt mit den Ereignisse vor, w\u00e4hrend und nach dem Regimewechsel in der Ukraine auseinandersetzt und bereits in der 4. Auflage erschienen ist.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des Abschlusses der Untersuchungen dieses Anschlages hatte Pressenza vor zwei Monaten dazu auch Oleg Yazinsky <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/05\/ein-jahr-nach-dem-odessa-massaker-ist-alles-gleich-oder-haben-sich-die-dinge-in-der-ukraine-verschlimmert\/\">interviewt<\/a>.<\/p>\n<p><strong>B.: Woher kommst Du? Was hast Du fr\u00fcher gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Ich bin Ukrainer und B\u00fcrger der Stadt Odessa. Jahrelang habe ich als Matrose der Schwarzmeerflotte gedient. Ich geh\u00f6re seit 2009 der Partei Rodina an und wurde von meiner Partei zum Berater des Abgeordneten meiner Partei in die Stadtverwaltung der Stadt Odessa gew\u00e4hlt. Im November 2013 war ich der Verantwortliche des Anti-Maidan auf dem Kulikower Feld.<\/p>\n<p><strong>B.: Welche Ziele vertrat der Anti-Maidan in Odessa?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Unsere Partei vertrat von Anfang an eine Politik der F\u00f6deralisierung der Ukraine. Wir strebten eine Zollunion mit Russland, Belorussland und Kasachstan an, die russische Sprache sollte als zweite Staatssprache der Ukraine erlaubt bleiben, die Prinzipien des Sozialismus, als da sind: kostenfreie Bildung, kostenlose medizinische Betreuung, soziale Ma\u00dfnahmen auf dem Gebiet des Wohnungsbaus und der st\u00e4ndigen Verbesserung des Lebens der B\u00fcrger, sollten auf dem Gebiet der Zollunion gelten. Mit anderen Worten, wir wollten eine w\u00fcrdige Gesellschaft aufbauen, in der das Wort Demokratie nicht nur eine Worth\u00fclse ist.<\/p>\n<p><strong>B.: Wie viele Opfer gab es tats\u00e4chlich am 2. Mai 2014 im Gewerkschaftshaus in Odessa?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Offiziell wird von 48 Opfern gesprochen. In Wirklichkeit kamen 116 Menschen ums Leben.<\/p>\n<p><strong>B.: Wie ist das zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Nach Verst\u00e4ndnis der UNO und auch europ\u00e4ischen Gesetzen, spricht man ab 50 Personen von Genozid (V\u00f6lkermord). Mit anderen Worten, die derzeitigen Kiewer Machthaber halten die wahre Zahl der Opfer bewusst geheim.<\/p>\n<p><strong>B.: Warum ist es Deiner Meinung nach \u00fcberhaupt zu solchen gewaltsamen Ausschreitungen im Odessaer Gewerkschaftshaus gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Nach der Volksbefragung auf der Krim bef\u00fcrchtete die derzeitige ukrainische Regierung, dass sich auch in Odessa der russische Einfluss durchsetzen k\u00f6nnte und das wollte sie unter allen Umst\u00e4nden verhindern.<\/p>\n<p><strong>B.: Wie konnte es zu so einem f\u00fcrchterlichen \u00dcberfall der Rechten auf die Bewegung des Anti-Maidan \u00fcberhaupt kommen?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Wir hatten ein gro\u00dfes Volksfest auf dem Kulikower Feld organisiert und \u00fcberall Zelte und St\u00e4nde aufgestellt. Schon am fr\u00fchen Morgen kam die Polizei und, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, sogar in Begleitung hoher Kiewer Beamten, die unsere Zelte nach Waffen untersuchte. Das war eine klare Einsch\u00fcchterung unserer Leute. Doch die Menschen aus Odessa lie\u00dfen sich nicht abschrecken. Sie kamen zu Tausenden auf den Veranstaltungsplatz. Am gleichen Tage fand auch ein Fu\u00dfballspiel statt, zu dem der rechte Sektor per Internet mobilisiert hatte. Die Anh\u00e4nger der Rechten fingen nach dem Fu\u00dfballspiel an, in der Stadt zu randalieren, das Pflaster aufzurei\u00dfen, B\u00fcrger anzup\u00f6beln und mit St\u00f6cken zu schlagen und Steinen zu bewerfen. Das alles wurde im Fernsehen \u00fcbertragen, ohne dass die Polizei von Odessa eingriff. Die Meinung unserer Gruppe war geteilt, ob wir uns diesen Rechten entgegenstellen sollten. Die Mehrzahl von uns wollte etwas tun und ging diesen Randalierern entgegen. Da die Rechten an diesem Tag klar in der \u00dcberzahl waren, liefen wir zur\u00fcck zum Kulikower Feld. Die Rechten schlugen wild, auch auf einfache Passanten, ein, so dass sich die Leute im nahe gelegenen Gewerkschaftshaus verbarrikadierten. Anscheinend hatten die Rechten ihre Aktion genau geplant und vorbereitet. Sie hatten Molotowcocktails, Schlagst\u00f6cke und Pistolen bei sich. Obwohl die Menschen aus dem Gewerkschaftshaus und ihre Angeh\u00f6rigen zu Hause, die Polizei und die Feuerwehr anriefen, griffen weder die Polizei, noch die Feuerwehr, die sich unweit des Gewerkschaftshauses befand, in dieses m\u00f6rderische, blutige Treiben ein. Nicht mal, als das Gewerkschaftshaus schon lichterloh brannte!<\/p>\n<p><strong>B.: Was geschah danach?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Erst in den Morgenstunden erschienen die Polizei und die Feuerwehr. Die \u00dcberlebenden waren zum Teil schrecklich verletzt und traumatisiert. Etwa 200 Menschen wurden ins Krankenhaus und \u00fcber 100 Menschen aufs Polizeirevier gebracht und verh\u00f6rt, wo man schon Listen vorbereitet hatte, die die \u00dcberlebenden unterscheiben sollten. Allesamt wurden regierungsfeindlicher Handlungen beschuldigt!\u00a0 Nach einem Jahr befinden sich noch 21 Menschen in Untersuchungshaft und 10 der \u00dcberlebenden des Gewerkschaftshaus-Massakers sind im Gef\u00e4ngnis, w\u00e4hrend diejenigen, die an diesen Verbrechen beteiligt waren, in der Odessaer Stadtverwaltung, ja sogar im Kiewer Parlament sitzen!<\/p>\n<p><strong>B.: Wie bitte, die T\u00e4ter laufen frei herum, ja, sie sitzen sogar im Parlament?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Ja, Alexej Gontscharenko ist Parlamentsabgeordneter vom Poroschenko-Block, Andrej Jusow ist Vorsitzender der Partei Udar von Klitschko und Sewo Kontscharewskij, derjenige, der die Opfer, die sich durch einen Fenstersprung aus dem brennenden Gewerkschafshaus retten wollten, unten erschlug, sitzt heute als Vertreter einer gesellschaftlichen Organisation im Stadtrat Odessas.<\/p>\n<p><strong>B.: Wie ist die politische Situation in Odessa?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Zum Gouverneur der Stadt Odessa wurde Saakaschwili, der ehemalige Minister des Inneren von Grusinien ernannt, der in seinem Land wegen Korruption gesucht wird. Wie zum Hohn wurde am 12.6.2015 von der Stadtverwaltung Odessas die Entscheidung getroffen, ein Denkmal zu Erinnerung an die am 2. Mai 2014 im Gewerkschaftshaus umgebrachten Menschen zu errichten. Doch die Menschen der Heldenstadt des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges im Kampf gegen den Faschismus vergessen nicht, wer deren M\u00f6rder sind, die heute ihre schrecklichen Taten damit rechtfertigen, dass die Opfer gegen die gesetzm\u00e4\u00dfige, in Wirklichkeit durch einen blutigen Regimechange zur Macht gekommene, Kiewer Regierung vorgehen wollten. Die einstmals fraktionsst\u00e4rkste Partei von Janukowitsch wurde im ganzen Lande verboten. Es wurden vom Kiewer Parlament Gesetze verabschiedet, die: das Tragen von kommunistischen und russischen Symbolen unter Strafe stellen, das Niederrei\u00dfen von Denkm\u00e4lern, die an die Zeit der Oktoberrevolution, oder den Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg erinnern, ausdr\u00fccklich gestatten, das Verbot regierungskritischer Zeitungen, das Durchsuchen von R\u00e4umlichkeiten gesellschaftlicher Organisationen und Beschlagnahmung von Computern anordnen und \u201eseparatistische Handlungen\u201c, wie zum Beispiel die Weigerung, als Soldat in der ukrainischen Armee zu dienen, mit dem Tode bestrafen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Rechte Schl\u00e4gertruppen sollen f\u00fcr Angst und Duckm\u00e4usertum der Bev\u00f6lkerung sorgen und diejenigen, die die Dreckarbeit f\u00fcr die nunmehr Regierenden erledigen, werden bei Bekanntwerden von deren T\u00f6tungen, zum Beispiel regierungskritischen Journalisten, wie Oles Busina, durch Zahlung sehr hoher Kautionen der reichsten Oligarchen vor Ort freigelassen.<\/p>\n<p><strong>B.: Ist die Kommunistische Partei der Ukraine noch aktiv?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Seit dem von den USA gef\u00f6rderten Regimechange in der Ukraine am 22.2.2014 wurden neben bekennenden Mitgliedern der Partei der Regionen von Janukowitsch, vor allem Mitglieder der Kommunistischen Partei verfolgt, eingekerkert, misshandelt und get\u00f6tet. Nachdem der gegenw\u00e4rtige, an der Macht befindliche, ukrainische Pr\u00e4sident Poroschenko, am 15. Mai 2015 das Gesetz \u00fcber das Verbot des Zeigens\u00a0 kommunistischer Symbole auf dem Territorium der Ukraine unterzeichnet hat, haben die rechten Schl\u00e4gertruppen quasi freie Hand, gegen Kommunisten vorzugehen.<\/p>\n<p><strong>B.: Spielte der 70. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus in der Ukraine unter diesen Umst\u00e4nden \u00fcberhaupt eine Rolle?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Ja, eine sehr gro\u00dfe Rolle sogar! Schon vor dem 9. Mai war von der jetzigen ukrainischen Regierung das Zeigen kommunistischer Symbole untersagt worden. Trotzdem marschierten allein in Odessa 45 000 Menschen \u00fcber die Allee des Sieges unter Rufen \u201eBandera raus aus der Ukraine!\u201c und legten sowohl am Ehrenmal der im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg gefallenen sowjetischen Soldaten, als auch am Haus der Gewerkschaften, in dem vor einem Jahr \u00fcber 100 Menschen von den Rechten verbrannt und gemeuchelt wurden, Blumen nieder. Das zeigte, dass die Menschen in Odessa an diesem Tage ihre Angst bezwungen haben.<\/p>\n<p><strong>B.: Was erwartet ihr von den Menschen in Deutschland, die vor 70 Jahren durch die Sowjetarmee vom Faschismus befreit wurden?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Wir haben die Hoffnung, dass die Deutschen, die den 2. Weltkrieg \u00fcberlebten und wissen, was Faschismus ist, uns im Kampf gegen den Faschismus in der Ukraine helfen. Sie sollten sich an Friedensdemonstrationen und Mahnwachen gegen den Krieg beteiligen, bzw. sich an die deutsche Regierung wenden mit den Forderungen: die Finanzierung der ukrainischen Regierung, die einen Genozid am eigenen Volk in der Ostukraine ver\u00fcbt, einzustellen und die Bestrafung der T\u00e4ter des Odessa -Massakers von der Ukraine zu fordern.<\/p>\n<p><strong>B.: Was erwartet ihr speziell von den Linken, der Friedensbewegung und den Kommunisten?<\/strong><\/p>\n<p>O.: Sie sollten an m\u00f6glichst vielen Diskussionen zum Thema Ukraine teilnehmen. Offizielle Vertreter der Linken sollten richterliche Einsichtnahmen in die Dokumente des Odessaer Massackers fordern, sowie auf der Bestrafung der T\u00e4ter bestehen. Vertreter von linken Parteien und Organisationen sollten europ\u00e4ische Institutionen beeinflussen, kein faschistisches Vorgehen gegen Andersdenkende in der Ukraine zuzulassen und das, was den Anlass zur Gr\u00fcndung der Weltorganisation gef\u00fchrt hat, n\u00e4mlich \u201eNie wieder Faschismus und Krieg!\u201c zuzulassen, in die Tat umgesetzt wird!<\/p>\n<p><strong>B.: Oleg, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch. Wir werden unser Bestes tun, die Wahrheit \u00fcber die Lage in der Ukraine zu verbreiten und Euch in Eurem Kampf gegen den Faschismus im Lande zu unterst\u00fctzen!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Oleg Musyka, Augenzeuge und \u00dcberlebender des Anschlages auf das Gewerkschaftshaus in Odessa vor einem Jahr. Er musste danach fliehen und lebt jetzt in Deutschland. 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