{"id":201327,"date":"2015-07-10T14:45:34","date_gmt":"2015-07-10T13:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=201327"},"modified":"2015-07-10T14:47:16","modified_gmt":"2015-07-10T13:47:16","slug":"judisches-leben-am-bosporus-toleranz-und-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/07\/judisches-leben-am-bosporus-toleranz-und-frieden\/","title":{"rendered":"J\u00fcdisches Leben am Bosporus \u2013 Toleranz und Frieden"},"content":{"rendered":"<p><strong>In diesem Artikel soll das Buch des j\u00fcdisch-t\u00fcrkischen Autors Naim Avigdor G\u00fclery\u00fcz mit dem Titel &#8222;The Turkish Jews, 700 Years of Togetherness&#8220; vorstellen, das auf die positiven und friedlichen Aspekte des Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen im Osmanischen Reich und dann in der T\u00fcrkischen Republik fokussiert.<\/strong><\/p>\n<p>Toleranz und Frieden, Respekt und Diversit\u00e4t sind die grundlegenden Pfeiler des gelungenen interkulturellen und interreligi\u00f6sen Zusammenlebens ohne Assimilation und ohne Integrationszwang.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-201349 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/cover.jpg\" alt=\"cover\" width=\"309\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/cover.jpg 309w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/cover-223x300.jpg 223w\" sizes=\"auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px\" \/><\/a>1492 wurden die Juden mit dem Edikt von Isabella, der K\u00f6nigin von Kastilien und Fernando, dem K\u00f6nig von Aragon aus Spanien ausgewiesen, falls sie nicht bereit waren, sich zwangschristianisieren zu lassen. Das Osmanische Reich hie\u00df diese heimatlosen Menschen Willkommen. Sultan Bayazid II nahm die Juden aus Spanien, die sogenannten Sephariden auf. Der Begriff Sephariden stammt vom hebr\u00e4ischen Begriff f\u00fcr die geographische, iberische Halbinsel.<\/p>\n<p>Das Leben der Juden im Osmanischen Reich war, wie uns G\u00fclery\u00fcz best\u00e4tigt, sicher und reich an Kultur und Entwicklung. Auch nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches erfuhren die Juden in der T\u00fcrkischen Republik dieselbe Sicherheit und dieselbe Toleranz. Die monotheistischen Gl\u00e4ubigen lebten \u00fcber Jahrhunderte in Frieden zusammen.<\/p>\n<p>Aber 1492 war nicht das erste Jahr, in dem die Juden aus der iberischen Halbinsel ins Osmanische Reich kamen, sondern das Jahr ihrer Ausweisung aus der spanischen Halbinsel und ihrer darauffolgenden Aufnahme im Osmanischen Reich als tolerierte, religi\u00f6se Minderheit.<\/p>\n<p>J\u00fcdische Synagogen und Gemeinden gab es immer schon, seit die Eroberung Anatoliens vorangetrieben worden war. Als die Osmanen 1326 Bursa eroberten, fanden sie dort eine j\u00fcdische Gemeinde vor, die vom Byzantinischen Reich unterdr\u00fcckt war. Im 14. Jahrhundert gelangten Juden aus Ungarn, Frankreich und Sizilien als Fl\u00fcchtlinge ins Osmanische Reich. 1420 flohen die Juden aus Thessaloniki, w\u00e4hrend sich die Stadt unter venezianischer Kontrolle befand, nach Edirne.<\/p>\n<p>Im 15. Jahrhundert war das Osmanische Reich so viel toleranter als das Byzantinische Reich, dass es die Migration der Juden geradezu f\u00f6rderte. Die Juden suchten im Osmanischen Reich Reichtum und Sicherheit und flohen von den Verfolgungen durch die europ\u00e4ischen Staaten.<br \/>\nSultan Mehmet wurde 1453 nach der Eroberung Konstantinopels von der j\u00fcdischen Gemeinde warmherzig willkommen gehei\u00dfen. Auch die Juden, die 1470 unter Ludwig X. aus Bayern ausgewiesen wurden, fanden Zuflucht im Osmanischen Reich.<\/p>\n<p>In einem Brief des Rabbiners Yitshak Sarfati von 1454 hie\u00df es, wie sehr das Leben unter Muslimen f\u00fcr die Juden dem Leben unter den Christen zu bevorzugen w\u00e4re. Er fordert die in Europa lebenden Juden auf, ins Osmanische Reich zu kommen, um in Frieden, Sicherheit und Wohlstand zu leben.<\/p>\n<p>Sultan Bayazid II forderte 1492 die im Osmanischen Reich lebenden B\u00fcrger auf, die Juden mit offenen Armen aufzunehmen und ihnen keine Schwierigkeiten zu machen. Die Juden werden nicht nur toleriert, sondern aktiv aufgenommen und aufgefordert, ins Osmanische Reich zu kommen.<\/p>\n<p>Auch im 16. Jahrhundert folgten zahlreiche Juden aus ganz Europa dem Aufruf der Sultane und fanden im Osmanischen Reich einen Hafen des Friedens und der Ruhe.<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert gelangen viele russische Juden ins Osmanische Reich. Dasselbe geschah auch nach der Bolschewikischen Revolution 1917.<\/p>\n<p>Schon im fernen Jahr 1477 erreichten die Juden in Istanbul einen Prozentsatz von 11 % der Bev\u00f6lkerung.<br \/>\nIn Edirne wurde eine Talmud-Akademie gegr\u00fcndet, in der sich zahlreiche sepharidische Philosophen, Denker und Gelehrte zusammenfanden, die Studenten aus ganz Europa unterrichteten. Die Sephariden brachten ihre gesamten Kenntnisse, die sie auf zahlreichen Gebieten im Goldenen Zeitalter von Andalus erworben hatten, ins Osmanische Reich und unterst\u00fctzten dessen Entwicklung.<\/p>\n<p>Sultan Bayazid \u00e4u\u00dferte sich \u00fcber diesen positiven Wissenstransfer wie folgt:<\/p>\n<p>\u201eWie kann man denn behaupten, Fernando sei ein intelligenter und weiser Herrscher? Er l\u00e4sst doch sein eigenes Land verarmen und bereichert meines.\u201c<\/p>\n<p>1493 gr\u00fcndeten die beiden j\u00fcdischen Br\u00fcder David und Samuel ibn Nahmias aus Andalus in Istanbul den ersten Verlag. Bekannte Physiker, Diplomaten und Literaten des Osmanischen Reiches waren Juden. Wichtig ist dabei hervorzuheben, wie sich die Juden im Osmanischen Reich zu Hause f\u00fchlten und zu dessen Entwicklung beitragen wollten. Das Osmanische Reich erm\u00f6glichte auch den religi\u00f6sen Minderheiten die autonome Organisation ihrer Strukturen und Institutionen, was auch zur F\u00f6rderung ihres Fortschritts beitrug.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Ereignis in der j\u00fcdisch-osmanischen Geschichte betraf das Schisma von Sabetay Sevi, dem Pseudo-Messiah aus Izmir, der sich sp\u00e4ter mit seinen Anh\u00e4ngern zum Islam konvertierte.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt, der von gro\u00dfem Belang ist, und die Toleranz der Osmanischen Sultane beweist, ist die Frage rund um die sogenannte Blutanklage, die in Europa so weit verbreitet war. Juden wurden n\u00e4mlich angeklagt, das Blut christlicher Kinder zu verwenden, um ihr Matzoth-Brot zu backen. Diese Mythen wurden im Osmanischen Reich von den Sultanen unterbunden. So ordnete Sultan Suleyman an, diese ungerechten Anschuldigungen zu verbieten.<\/p>\n<p>Es wurden verschiedene Firmane gegen die Blutanklage erlassen, so auch von Sultan Abdulmecid im Jahre 1841, um ein Beispiel zu nennen. In seinem Firman sch\u00fctzte der Sultan die Juden gegen diese falsche Verleumdung.<\/p>\n<p>In der t\u00fcrkischen Republik erhielten die Juden wiederum ihre Rechte als Minderheit und konnten ihre Religion und ihre Kultur frei ausleben. W\u00e4hrend des 2. Weltkriegs blieb die T\u00fcrkische Republik neutral. Zahlreiche Juden, die von den Nazis verfolgt wurden, fanden Zuflucht in der T\u00fcrkischen Republik. Die T\u00fcrkei war weiterhin ein sicherer Hafen f\u00fcr Verfolgte und Fl\u00fcchtlinge, die vom rassistischen Europa flohen.<\/p>\n<p>2009 lebten in der T\u00fcrkei 20.000 Juden, wovon 18.000 in Istanbul und 1.500 in Izmir.<\/p>\n<p>Die Juden werden vom Hahambasi, dem Hauptrabbiner, vertreten. Die Juden besitzen ihre kulturellen und p\u00e4dagogischen Institutionen und ihre Presseorgane.<\/p>\n<p>In Anatolien finden sich verschiedene j\u00fcdische Synagogen. Die Anwesenheit der Juden in Anatolien gilt ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. als bewiesen. Die Synagoge von Milet geht z.B. auf das 4.-3. Jahrhundert v. Chr. zur\u00fcck. Auch in Istanbul gibt es bis heute verschiedene Synagogen.<\/p>\n<p>Ein Kapitel widmet der Autor auch den Ashkenazy-Juden, die seit der zweiten H\u00e4lfte des 14. Jahrhunderts einwanderten. Aufgrund der Konflikte mit den Sephariden, strukturierten sich die Ashkenazy dann als getrennte j\u00fcdische Gemeinde. Es gibt in Istanbul bis heute auch eine unabh\u00e4ngige j\u00fcdische Gemeinde der Karaiten.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Museum, um sich ein Bild der Geschichte des j\u00fcdischen Lebens in der T\u00fcrkei zu machen, ist das J\u00fcdische Museum der T\u00fcrkei in Istanbul-Karak\u00f6y in der N\u00e4he des Goldenen Horns. Es befindet sich in einer ehemaligen Synagoge, der Zulfaris Synagoge, die auf das 17. Jahrhundert zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Anbei finden Sie die Fotos unseres Kollegen Aygun Uzunlar, der das Museum f\u00fcr ProMosaik e.V. besucht hat: <a href=\"http:\/\/promosaik.blogspot.com.tr\/2015\/04\/eindrucke-aus-dem-judischen-museum-von.html\">Eindr\u00fccke aus dem j\u00fcdischen Museum von Istanbul<\/a><\/p>\n<p>Der Autor beendet sein Buch \u00fcber die Geschichte des j\u00fcdischen Lebens in der heutigen T\u00fcrkei mit der Hoffnung, dass das humanit\u00e4re Modell des Osmanischen Reiches heute als erfolgreiches Beispiel in der Fl\u00fcchtlingspolitik aller L\u00e4nder umgesetzt werden kann. Die heutige T\u00fcrkei ist n\u00e4mlich ein Symbol des interreligi\u00f6sen und interkulturellen Zusammenlebens in Frieden, Toleranz und Respekt der W\u00fcrde des Anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Artikel soll das Buch des j\u00fcdisch-t\u00fcrkischen Autors Naim Avigdor G\u00fclery\u00fcz mit dem Titel &#8222;The Turkish Jews, 700 Years of Togetherness&#8220; vorstellen, das auf die positiven und friedlichen Aspekte des Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen im Osmanischen Reich 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Insegnante di lingue e traduttrice, da anni si occupa di storia e religione islamica, di questioni politiche ed umanitarie, di femminismo e diritti umani e di storia medio-orientale ed africana. Tra le varie pubblicazioni, soprattutto in lingua tedesca, figurano i testi italiani sui Corsari del Mediterraneo e sul filosofo Ren\u00e9 Gu\u00e9non. 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