{"id":185564,"date":"2015-05-17T09:04:51","date_gmt":"2015-05-17T08:04:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=185564"},"modified":"2015-05-17T09:04:51","modified_gmt":"2015-05-17T08:04:51","slug":"ein-jahr-nach-dem-odessa-massaker-ist-alles-gleich-oder-haben-sich-die-dinge-in-der-ukraine-verschlimmert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/05\/ein-jahr-nach-dem-odessa-massaker-ist-alles-gleich-oder-haben-sich-die-dinge-in-der-ukraine-verschlimmert\/","title":{"rendered":"Ein Jahr nach dem Odessa Massaker: Ist alles gleich oder haben sich die Dinge in der Ukraine verschlimmert?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mariano Quiroga: Jedes Mal, wenn wir auseinander gehen, versprechen wir uns, dass wir uns \u00fcber erfreulichere Dinge unterhalten werden, dass wir uns \u00fcber interessantere Prozesse unterhalten werden, die in der Welt passieren. Leider m\u00fcssen wir uns wieder dem Thema der Ukraine zuwenden und wir m\u00fcssen das in einem Moment, in dem gro\u00dfes internationales Schweigen dar\u00fcber herrscht, was dort geschieht. Traurigerweise setzt sich die Gewalt in diesem osteurop\u00e4ischen Land fort. <\/strong><\/p>\n<p>Oleg: Zuerst einmal m\u00f6chte ich daran erinnern, was ungef\u00e4hr vor einem Jahr in Odessa passierte, am 2. Mai letzten Jahres. Es gab eine riesige Demonstration zur Unterst\u00fctzung der ultrarechten Regierung in der Ukraine, eine Demonstration, aufgerufen durch die Kiewer Regierung, weil diese Regierung immer zeigen muss, wer der Boss im Land ist. So also, in Odessa, einer wundersch\u00f6nen Hafenstadt, einer Stadt, in welcher eine reiche Mischung von russisch-ukrainisch-j\u00fcdischer Kultur und vielem mehr existiert; in diese sehr internationale Stadt kamen Busladungen voller ukrainischer Nationalisten aus dem Westen des Landes und viele Fans, Fussballraudis und Idioten aus dem ganzen Land, die einen gro\u00dfen Marsch zur Unterst\u00fctzung der Regierung im Zentrum der Stadt machen wollten. Um es anders auszudr\u00fccken, in der heutigen Ukraine gibt es keinen Platz, anders zu sein, keinen Raum f\u00fcr \u201eandere\u201c. Und eine kleine Gruppe von Einwohnern von Odessa unternahmen eine Gegendemonstration. Diese Gegendemonstration wurde von dem faschistischen Mob umzingelt. Die Menschen fl\u00fcchteten in ein mehrst\u00f6ckiges Geb\u00e4ude. Und in diesem Gewerkschaftshaus wurden die Menschen bei lebendigem Leib verbrannt von den Faschisten; Das Geb\u00e4ude wurde mit Benzin getr\u00e4nkt und in Brand gesetzt. Diejenigen, die aus den Fenstern sprangen und auf den Boden fielen, auf den Gehsteig, wurden von den ultrarechten Demonstranten ermordet, da am Eingang des Gewerkschaftshauses. Die Beh\u00f6rden verhinderten es nicht, weder davor noch danach. Nach der offiziellen Statistik gab es 42 Tote und Dutzende Verletzte. Das schlimmste aber ist, dass die ukrainische Zivilbev\u00f6lkerung praktisch nicht reagierte, weil die Regierung die Fakten als einen verworrenen Zwischenfall pr\u00e4sentierte, den man erstmal untersuchen m\u00fcsse. Die Untersuchung dauerte ein Jahr. Das Ergebnis war, dass das Feuer durch den Wind verursacht worden sei (der Wind ist schuld) und sonst passierte nichts. Das Verbrechen blieb ungestraft. Der ukrainische Journalismus reagierte ebenfalls nicht, die ukrainische Gesellschaft reagierte nicht, und die Wahrheit ist, dass dies besch\u00e4mend ist f\u00fcr das ganze Land.<\/p>\n<p><strong>Mariano: Ja, ich wei\u00df nicht, was grausamer ist, der Zwischenfall selbst, der eine unertr\u00e4gliche Brutalit\u00e4t zeigt, oder das Klima der Straflosigkeit und die Art, wie das, was passiert ist, versteckt wurde. Es schaudert einen, Oleg, diesen Moment wachzurufen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Oleg: Sicher. Danach gab es eine Menge Kommentare von Unterst\u00fctzern dieser Regierung, Kommentare \u00fcber \u201egegrillte H\u00fchnchen\u201c, \u00fcber \u201enotwendigerweise die sch\u00e4dlichen Insekten verbrennen zu m\u00fcssen\u201c und diese Art von Sprache\u2026es wurde ziemlich pauschalisiert. Es erinnert mich an die Arbeit des Senders \u201eOne Thousand Hills Free Radio and Television\u201c in Ruanda, bevor das Schlachten begann. Es ist dieselbe Logik, derselbe Blick auf die anderen Menschen.<\/p>\n<p><strong>Mariano: Ja, ich erinnere mich an die Angst\u2026weil vor einem Jahr sprachen wir auch schon davon, die gro\u00dfe Angst, dass sich dies ausbreiten w\u00fcrde, dass es sich in ein wirkliches \u201cJeder gegen Jeden\u201d in der Ukraine verwandeln w\u00fcrde. Ich erinnere mich, dass wir eine Erkl\u00e4rung unterschrieben, in welcher die Ukrainer aufgerufen wurden, nicht in diese Falle zu treten. Es ist wahr, dass dieses Problem andauert ohne L\u00f6sung, aber es gab keinen Genozid oder eine echte Verfolgung, gl\u00fccklicherweise k\u00f6nnen wir sagen. Die Menschen der Ukraine schafften es, nicht in diese Falle zu laufen, zumindest nicht in diesem Extrem. Aber die Gewalt setzt sich fort in der Ukraine. Warum sprechen die Medien nicht dar\u00fcber? Wie ist die Situation heute?<\/strong><\/p>\n<p>Oleg: Die Gewalt dauert an. Ich denke, dass letztendlich die Ukrainer doch in die Falle gegangen sind. Die ukrainischen Menschen\u2026ich wei\u00df nicht, ob wir \u00fcber Mehrheiten oder Minderheiten reden k\u00f6nnen, weil es keine vertrauensw\u00fcrdige Information gibt, es gibt sehr wenig unabh\u00e4ngige Presse in der Ukraine, es gibt nur wenige unabh\u00e4ngige Medien, es gibt eine Menge Ger\u00fcchte, wie in jeder Lateinamerikanischen Diktatur vor ein paar Jahrzehnten. Aber was passiert, ist, dass es eine Menge Angst gibt, in Odessa gibt es viel Angst. Ich lese die Meinungen der Kommentatoren und sie sagen nicht, was sie \u00fcber all das denken, weil sie wissen, dass sie in Gefahr sind. Es ist typisch f\u00fcr jede Art Diktatur der Ultrarechten in Lateinamerika. Ich denke, dass in Argentinien und in Lateinamerika, traurigerweise, die Menschen sehr genau verstehen, wie das ist und wie sich das anf\u00fchlt unter so einem Regime. Ich glaube, dass die gro\u00dfen offiziellen ukrainischen Medien sehr effizient waren. Es herrscht eine gro\u00dfe Verwirrung. Die Menschen sehen immernoch nicht, wo sie sich befinden, sie sehen nicht, wer ihr Feind ist, sie sehen nicht, wer ihr Freund ist. Es herrscht gro\u00dfe Verwirrung und der Krieg geht weiter. In Odessa wurden gestern und vorgestern Dutzende Familienmitglieder der Opfer von vor einem Jahr inhaftiert, und ebenso die wenigen anst\u00e4ndigen Journalisten, die noch \u00fcbrig waren, diejenigen, die weiterhin versuchten, sich zu widersetzen. Und die Ukraine geht durch Momente gr\u00f6\u00dfter Angst, die gr\u00f6\u00dfte in der Nachkriegsgeschichte. Vor ein paar Wochen wurden in Kiew, der Hauptstadt, innerhalb von 24 Stunden vier Menschen ermordet, drei Journalisten und ein Oppositionspolitiker. Diese Art zu agieren zeigt uns, dass Todesschwadrone in der Ukraine operieren. In der Orwell-Sprache der ukrainischen Regierung werden diese Todesschwadrone \u201eBrigaden des Guten\u201c genannt. Sie sind ultrarechte Gruppen, welche ihre Namen nicht enth\u00fcllen, sie sind immer maskiert. Eine Webseite ist aufgetaucht, welche, wiederum in der Orwell-Sprache, \u201eDie Friedensstifter\u201c genannt wurde. Diese Webseite wird finanziert vom Verteidigungsministerium und dem Ministerium f\u00fcr Inneres der Ukraine, und auf ihr wurden Namen, Adresse, Fotos und Telefonnummern von Zehntausenden von Regierungsoppositionellen ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong>Mariano: Das ist verr\u00fcckt, Oleg, was Du uns erz\u00e4hlst, es ist unm\u00f6glich, es zu verstehen. Es ist, als erz\u00e4hltest Du uns \u00fcber einen Science Fiction Film \u00fcber eine katastrophale Zukunft.<\/strong><\/p>\n<p>Oleg: Und das Unglaublichste f\u00fcr mich ist, dass es viele Menschen gibt, die weiterhin diese Regierung verteidigen, weil sie den Nonsens glauben, dass Russland die Ukraine \u00fcberfallen hat. Und sie nutzen diese Rechtfertigung daf\u00fcr, dass der Staat sich im Kriegszustand befindet, \u201ewir m\u00fcssen diese Massnahmen gegen die Verr\u00e4ter, b\u00f6sen Ukrainer und Kremlagenten ergreifen\u201c und so weiter und so fort. In Odessa, in Kiew und in anderen ukrainischen St\u00e4dten h\u00e4ngen riesige Plakate mit Telefonnummern, welche die Bev\u00f6lkerung auffordern, die Separatisten zu \u00fcberf\u00fchren, die Verd\u00e4chtigen, die Agenten des Feindes. \u00dcber Faschismus an der Macht in der Ukraine zu sprechen, ist also, so wie es scheint, keine \u00dcbertreibung.<\/p>\n<p><strong>Mariano: Wir sprechen \u00fcber Russland, die Rolle der USA, die Rolle von Russland in diesem Konflikt ist sehr wichtig, weil die USA diese Regierung best\u00e4tigt und in den Augen der Welt legitimiert. Mit dem, was Du uns jetzt erz\u00e4hlst, scheint das total absurd. Auf der anderen Seite ist da Russland, das einzige Land, das ernsthaft die ukrainische Regierung ablehnt. Abgesehen von den eigenen Interessen Russlands, abgesehen von der Kritik gegen\u00fcber der Putinregierung, welche nicht gerade die fortschrittlichste oder pro Menschenrechte oder pro fast alles ist. Aber es ist die einzige, die sich hingestellt hat und all diese Opfer der Verfolgung verteidigt. Was ist die Rolle von Russland heute? K\u00f6nnen wir von einer Art Schutzmacht sprechen? K\u00f6nnen wir sagen, dass sie eine Art Wachschutz aus\u00fcben?<\/strong><\/p>\n<p>Oleg: Ich w\u00fcrde auch gerne etwas wiederholen, was ich in der Vergangenheit gesagt habe, denn als die Geschichte anfing, sah ich verschiedene Reaktionskr\u00e4fte, die auf ukrainischem Gebiet zusammenschlugen, Interessen von vielen Kapitalisten, imperialistischen L\u00e4ndern, etc. Jetzt ist es offensichtlicher und ich f\u00fchle, dass ich vorher einen Fehler gemacht habe. Vielleicht habe ich Russland zu sehr kritisiert. Oder vielleicht wird es immer klarer, dass Russland jetzt auch das Opfer einer gro\u00dfen Provokation ist, dass die NATO und dar\u00fcber hinaus die USA die Ukraine zu einem Angriffspunkt gegen Russland machen wollen. Und Russland verteidigt sich, weil es keine andere Wahl hat. Und es ist auch kristallklar, nach dem, was in der Krim passiert ist (was debattierbar ist, ich m\u00f6chte unsere Aufmerksamkeit nicht davon ablenken, wenn es interessiert, dann k\u00f6nnen wir auch \u00fcber die Krim reden). Pers\u00f6nlich, als jemand der in erster Linie an die Menschen denkt, freue ich mich f\u00fcr die Krimbewohner. Es ist mir relativ egal, zu welchem Land sie geh\u00f6ren und welchen Pass sie haben, ich freue mich, dass viele Leben in der Krim gerettet wurden. Denn die Krim k\u00f6nnte jetzt durch das gleiche Disaster gehen wie Donetsk. Aber Russland hat auch sein Limit. Was kann Russland tun? Ein milit\u00e4rischer Angriff? Nein, ich denke nicht. In diesem Moment nicht. Aber als Element der Abschreckung, ja, mit milit\u00e4rischen Beratern, mit milit\u00e4rischer Hilfe, mit milit\u00e4rischer Technologie, um die nach Unabh\u00e4ngigkeit strebende Ost-Ukraine, um eine notwendige Gegenkraft aufzubauen gegen die faschistischen Kr\u00e4fte, die in Kiew an die Macht kamen. Aber wenn wir \u00fcber faschistische Kr\u00e4fte in Kiew sprechen, lasst uns nicht vergessen, dass die Mehrheit der Toten, Tote ganz normaler Menschen sind, Soldaten, die von der Regierungspropaganda get\u00e4uscht wurden, oder solche, die gezwungenermassen eingezogen wurden, das sind diejenigen, die sterben. So ist es auf beiden Seiten ein absolut absurder B\u00fcrgerkrieg, weil diese normalen Menschen sich gegenseitig t\u00f6ten, w\u00e4hrend die Verantwortlichen ziemlich weit entfernt sind von den Kugeln, so wie gew\u00f6hnlich, nicht nur in der Ukraine.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen Johanna Heuveling<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mariano Quiroga: Jedes Mal, wenn wir auseinander gehen, versprechen wir uns, dass wir uns \u00fcber erfreulichere Dinge unterhalten werden, dass wir uns \u00fcber interessantere Prozesse unterhalten werden, die in der Welt passieren. 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