{"id":1840890,"date":"2024-04-27T08:14:41","date_gmt":"2024-04-27T07:14:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1840890"},"modified":"2024-04-27T08:58:46","modified_gmt":"2024-04-27T07:58:46","slug":"vom-ns-hinrichter-zum-rechts-professor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/04\/vom-ns-hinrichter-zum-rechts-professor\/","title":{"rendered":"Vom NS-Hinrichter zum Rechts-Professor"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor drei\u00dfig Jahren, am 30. April 1994, starb in Marburg an der Lahn ein allseits gesch\u00e4tzter B\u00fcrger, der in der Nazizeit als Kriegsgerichtsrat Todesurteile f\u00e4llte und nach dem Krieg zum ehrenwerten Rechts-Professor aufstieg: Erich Schwinge. <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Helmut Ortner \u00fcber eine exemplarische T\u00e4ter-Karriere in der fr\u00fchen Bundesrepublik.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>An einem schw\u00fclen Sommertag im August 1984 betritt ein korrekt gekleideter Herr mit randloser Brille das Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes in der Wiener Wipplingerstra\u00dfe, stellt sich dem Archivleiter als der emeritierte Rechtsprofessor Erich Schwinge aus Marburg in der Bundesrepublik vor und ersucht um Einsicht in die Akte \u201eReschny, Anton\u201c. Er wird in den Benutzerraum gef\u00fchrt, wo er zwei bis drei Stunden Akten studiert und sich Notizen macht. Er sucht nach dem Namen <em>Reschny, Anton<\/em>. Dieser, ein Wiener Vulkanisierungslehrling, hatte am 23. August 1944 \u2013 gerade eine Woche Soldat und noch nicht \u00fcber seine milit\u00e4rischen Pflichten belehrt \u2013 nach einem Bombenangriff freiwillig bei R\u00e4umungsarbeiten mitgeholfen und dabei aus der Wohnung eines Staatsanwalts einen Ring, zwei Uhren, eine Geldb\u00f6rse und eine leere Brieftasche entwendet. Eine der Uhren schenkte der Siebzehnj\u00e4hrige einem M\u00e4dchen, das sie stolz herumzeigte. Sechs Tage nach dem Diebstahl wurde Reschny verhaftet.<\/p>\n<p>Am 14. September 1944 verurteilte das Divisionsgericht 177 unter Vorsitz des Kriegsrichters Schwinges den jungen Anton Reschny wegen Pl\u00fcnderung zum Tode. Aus Schwinges Urteilsbegr\u00fcndung: <em>\u201eDer Angeklagte \u2026 behauptet, sich der Tragweite seines Tuns nicht bewusst gewesen zu sein. Bei der Festsetzung der Strafe musste unter Annahme eines besonders schweren Falles im Sinne des Abs. 2 und des \u00a7 129 Milit\u00e4rstrafgesetzbuches auf Todesstrafe erkannte werden.\u201c<\/em> Der Angeklagte habe \u201eim Felde (d. h. im Kriege) unter Ausn\u00fctzung der Kriegsverh\u00e4ltnisse Sachen, die deutschen Volksgenossen geh\u00f6ren \u2026 an sich genommen, in der Absicht, sie sich rechtswidrig anzueignen\u201c. Und weiter: <em>\u201eKriminelle Elemente, die Lust in sich versp\u00fcren, sich am Eigentum vom Bombengesch\u00e4digten zu bereichern, m\u00fcssen wissen, dass sie ihren Kopf riskieren, falls sie dieser Neigung nachgehen; anders k\u00f6nnen derartige Elemente nicht in Schach gehalten werden.\u201c<\/em><\/p>\n<h3><strong>\u00bbEin ungew\u00f6hnlich diensteifriger und arbeitsamer Richter mit guter Verhandlungstechnik und sicherem Urteil \u2026\u00ab<\/strong><\/h3>\n<p>Dass Schwinge fast auf den Monat genau vierzig Jahre, nachdem er den Lehrling zu Tode verurteilte, im Wiener Archiv seine eigenen Spuren rekonstruiert, hat seinen Grund. Was Schwinge offensichtlich auf Recherche-Tour treibt, sind Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber sein Wirken in der NS-Zeit als f\u00fchrender Kommentator des Milit\u00e4rstrafrechts und vor allem als Kriegsrichter in Wien. Zahlreiche Unterlagen und Dokumente dar\u00fcber hatte der Privatforscher Fritz W\u00fcllner, ein pensionierter Wirtschaftsmanager, entdeckt, als er sich um die Aufkl\u00e4rung des Schicksals eines angeblich \u201eauf der Flucht\u201c erschossenen Bruders bem\u00fchte und dabei ein bislang wenig erforschtes schlimmes Kapitel der NS-Zeit stie\u00df: die Milit\u00e4rjustiz.<\/p>\n<p>W\u00fcllner, der in- und ausl\u00e4ndische Archive durchforschte, fand so gut wie nichts \u00fcber seinen Bruder. Daf\u00fcr stie\u00df er immer wieder auf zahlreiche Rechtfertigungen und Relativierungen zur Rolle der NS-Kriegsjustiz, verfasst von einem ehemaligen Kriegsrichter, der im Nachkriegs-Deutschland eine akademische Karriere gemacht hatte:\u00a0 Erich Schwinge. Besonders dessen 1977 erschienene Standardwerk (mit Co-Autor Schweling) mit dem Titel \u00bbDie deutsche Milit\u00e4rjustiz in der Zeit des Nationalsozialismus\u00ab, entsetzte ihn.<\/p>\n<p>Erich Schwinge \u2013 emeritierter Professor und Kriegsrichter a.D., war schon 1936 als besonders scharfer Kommentator des NS-Milit\u00e4rstrafgesetzbuches hervorgetreten, und er hielt sich deshalb f\u00fcr kompetent, auch das Nachkriegsbuch \u00fcber die deutsche Milit\u00e4rjustiz herauszugeben \u2013 ein Werk, von dem sich der anf\u00e4ngliche Auftraggeber, das renommierte Institut f\u00fcr Zeitgeschichte in M\u00fcnchen, sp\u00e4ter distanziert hat. Der urspr\u00fcngliche Autor des Werkes war Otto Peter Schweling, Oberstaatsanwalt bei der Bundesanwaltschaft und ebenfalls fr\u00fcherer Kriegsrichter. Nach dessen Tod erwarb Schwinge die Rechte und fungierte fortan als Herausgeber des umstrittenen Werkes, das einige Rezensenten eine \u201eLobeshymne\u201c auf die Milit\u00e4rjustiz und \u201eeindeutig tendenzi\u00f6s\u201c nannten.<\/p>\n<p>Tatsache ist: Bei der deutschen Milit\u00e4rjustiz fielen insgesamt etwa 2,5 Millionen Strafverfahren an. Mehr als 30.000 endeten mit einem Todesurteil. Seine Recherchen zu den verstaubten Zeugen einer verdr\u00e4ngten Vergangenheit f\u00fchren W\u00fcllner dabei in Archive nach Potsdam und Wien. Vor allem interessieren ihn die Urteile des Kriegsgerichts der Division 177. Von 1941 bis zum bitteren Ende f\u00e4llt Schwinge hier Urteile oder klagt an. Allein zwischen Januar 1944 und Februar 1945 unterzeichnet er sieben Todesurteile. Neun weitere hat Schwinge in diesem Zeitraum als Ankl\u00e4ger beantragt, zuletzt am 9. Februar 1945. Der Angeklagte hatte sich in seiner Verzweiflung Petroleum gespritzt, er wollte auf diese Weise seinen Einsatz als Soldat verhindern. Wegen \u201eZersetzung der Wehrkraft\u201c wird dem jungen Soldaten der Prozess gemacht. In der Urteilsbegr\u00fcndung schreibt Schwinge: \u201e<em>Der Angeklagte hat sich in h\u00f6chst kritischer Situation dem Abgang an die Front entzogen, und er hat damit seinen Kameraden ein sehr gef\u00e4hrliches Beispiel gegeben. Einer solchen Pflichtwidrigkeit kann im Interesse der Manneszucht nur mit dem sch\u00e4rfsten Strafmittel \u2013 der Todesstrafe \u2013 begegnet werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nicht nur als prominenter Richter oder Ankl\u00e4ger, sondern auch als Ermittlungsrichter und Untersuchungsf\u00fchrer konnte ein Mann vom Range Schwinges ein Verfahren selbstverst\u00e4ndlich beeinflussen. Dies tut er auch, freilich allein im Sinne der NS-Wehrmachtsjustiz. In der letzten Kriegsphase nehmen \u2013 wie \u00fcberall im untergehenden Reich \u2013 auch beim Gericht der Division Nr. 177 die Todesurteile in erschreckendem Ma\u00dfe zu. Schwinge ist einer der fanatischen NS-Kriegsrichter. <em>\u201eEin ungew\u00f6hnlich diensteifriger und arbeitsamer Richter von sehr guten Kenntnissen, guter Verhandlungstechnik und sicherem Urteil\u2026\u201c<\/em>. So lautet die Dienstbeurteilung des Kriegsrichters Schwinge damals, der neben seiner Richtert\u00e4tigkeit noch als ordentlicher Professor an der Wiener Universit\u00e4t jungen Studenten die rechte Gesinnung beibringt. Dass es sich hier um einen extrem strammen Vertreter nationalsozialistischen Ideenguts handele, bezeugen zahlreiche Aufs\u00e4tze aus dieser Zeit. In \u201eDie Behandlung der Psychopathen im Milit\u00e4rstrafrecht\u201c (1939\/40) ist die Rede von \u201eMinustypen\u201c, von \u201eMinderwertigen\u201c und ihrer \u201eintensiven Zersetzungsarbeit\u201c.<\/p>\n<p>Das Volk davor zu sch\u00fctzen, daf\u00fcr sorgt auch Schwinge. F\u00fcr \u201eMinderwertige\u201c, \u201eSchw\u00e4chlinge\u201c und \u201eVersager\u201c ist kein Platz innerhalb der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Schon 1933 Zellenleiter im \u201eBund nationalsozialistischer deutscher Juristen\u201c und ab 1935 h\u00e4ufig freiwilliger Teilnehmer an milit\u00e4rischen \u00dcbungen, ist Schwinge ein Richter, wie ihn die Nazis brauchen. Seine Diensteifrigkeit wird ihm nach Kriegsende keineswegs zum Verh\u00e4ngnis. Im Gegenteil, wie so viele Ex-Nazirichter macht auch er Karriere: Rechtsprofessor an der Universit\u00e4t Marburg, Dekan, zeitweise gar Rektor. In einer Festschrift (Titel: \u201ePers\u00f6nlichkeit in der Demokratie\u201c), die 1973 von Kollegen zum 70. Geburtstag Schwinges herausgegeben wurde, ist \u00fcber den Jubilar denn auch nur L\u00f6bliches zu lesen. Seine vielen Ver\u00f6ffentlichungen, hei\u00dft es, \u201ehaben die Lehren des Verfassers von der Freiheit des Menschen, die Wahrung seiner W\u00fcrde, der Gedankenfreiheit und der \u00fcberragenden Bedeutung eines Rechtsweges in weite Kreise getragen\u201c. Beispielsweise mit Rechtfertigungsschriften wie \u201eBilanz der Kriegsgeneration\u201c, ein Buch, das 1979 erschien, und dass es auf mehr als zehn Auflagen brachte, oder mit seinem Buch \u201eVerf\u00e4lschung und Wahrheit\u201c, das 1988 herauskam und in dem Schwinge Hitlers Milit\u00e4rjustiz beinahe als Gegner des Nationalsozialismus darstellt.<\/p>\n<p>Der T\u00fcbinger Hohenrain Verlag nannte denn auch in einem Verlagsprospekt seinen Autor Schwinge den \u201eletzten noch lebenden deutschen Experten des Milit\u00e4rstrafrechts\u201c und einen der \u201eschriftstellerisch erfolgreichsten deutschen Juristen der Gegenwart\u201c. Zum Ruhme des Mannes mit Vergangenheit erf\u00e4hrt der Leser auch, dass ein Buch von ihm 1940 verboten worden sei. Schwinge gar als Widerstandsk\u00e4mpfer? Als heimlicher Oppositioneller in NS-Robe?<\/p>\n<p>Im Vorwort zu seinem 1983 erschienenen Buch \u201eDer Staatsmann \u2013 Anspruch und Wirklichkeit\u201c gibt sich der Kriegsrichter a.D. ganz als aufrechter Demokrat: \u201eEs ist hoch an der Zeit, dass hier einmal zur Besinnung aufgerufen wird. Das ist schon deshalb notwendig, weil dem in unserem Jahrhundert eingetretenen erschreckenden Niedergang der Staatskunst Einhalt geboten werden muss. Dieser Niedergang \u00e4u\u00dfert sich besonders in der Art und Weise, wie heutzutage mit Menschenleben umgesprungen wird. Die gro\u00dfe Wendung zur Inhumanit\u00e4t, die Millionen von Menschen den Tod brachte, wurde nicht erst von Lenin vollzogen und dann \u2013 in gigantischem Ausma\u00df \u2013 von Stalin und Hitler fortgesetzt, sie begann schon vorher im Lager der westlichen Demokratien.\u201c<\/p>\n<p>Dank der hartn\u00e4ckigen und umfassenden Spurensuche des Privatforschers Fritz W\u00fcllner konnten die Erinnerungsl\u00fccken des Kriegsrichters Schwinge mit Wahrheit gef\u00fcllt werden. In W\u00fcllners 1991 erschienenem Buch \u201eDie NS-Milit\u00e4rjustiz und das Elend der Geschichtsschreibung\u201c werden auszugsweise zehn Todesurteile des Gerichts der Division Nr. 177 in Wien dokumentiert. Bis zur Gefangennahme im Mai 1945 hat Schwinge hier als Kriegsgerichtsrat mit dazu beigetragen, Menschen in den Tod zu schicken \u2013 als Richter, Ankl\u00e4ger, Ermittlungsrichter. Allein zwischen Januar 1944 und Februar hat er an neuen Todesurteilen mitgewirkt und als Richter sieben Todesurteile verh\u00e4ngt.<\/p>\n<h3><strong><em>\u00bbZur Aufrechterhaltung der Manneszucht und zur Abschreckung findet sich in der Todesstrafe die notwendige und gerechte S\u00fchne.\u00ab <\/em><\/strong><\/h3>\n<p>\u201eAbschreckung\u201c als Begr\u00fcndung f\u00fcr ein Todesurteil war l\u00e4ngst zur Farce geworden, doch Schwinge und seine Kollegen richteten bis zuletzt gnadenlos. Ein Beispiel: der Grenadier Bela Tesch, geboren am 20. August 1904 in Oedenburg wird vom Gericht der Division Nr. 177 am 13. Januar 1945 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt (Str. L. Nr. H\/1252\/44). Das Todesurteil ist wiederum vom Vertreter der Anklage, Oberstabsrichter Dr. Schwinge, beantragt worden.<\/p>\n<p>Im letzten Absatz des Urteils zeigt Schwinge sich wieder ganz als Herr \u00fcber Leben und Tod: <em>\u201eDer Angeklagte hat die Fahnenflucht ins Ausland begangen und hat sich w\u00e4hrend derselben schwer gegen das Deutsche Reich vergangen. Er war als deutschfeindlicher Hetzer t\u00e4tig, h\u00f6rte selbst feindliche Rundfunksender und hat seine Arbeitskameraden zu gleichen Straftaten aufgefordert. Er konnte sich \u00fcber ein Jahr von seiner Truppe unerlaubt fernhalten. Dass er auch als Kommunistenf\u00fchrer t\u00e4tig war, konnte in diesem Zusammenhang nicht festgestellt werden. Der Angeklagte hat sich aber durch die geschilderte Weise in erheblichem Ma\u00dfe w\u00e4hrend seiner Fahnenflucht verbrecherisch bet\u00e4tigt. Im 6. Kriegsjahr, zu einer Zeit h\u00f6chster Anspannung aller Kr\u00e4fte des deutschen Volkes im Endkampf um sein Bestehen, findet diese Fahnenflucht aus Gr\u00fcnden der Aufrechterhaltung der Manneszucht und der Notwendigkeit der Abschreckung nur in der Todesstrafe, die notwendige und gerechte S\u00fchne.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Am 3. April 1945, wenige Tage nur, bevor russische Truppen Wien einnehmen, wird \u2013 nachdem ein Gnadenersuch abgelehnt worden war \u2013 der junge Bela Tesch erschossen. Eine Niederschrift h\u00e4lt n\u00fcchtern fest:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Vollzugskommando von sechs Mann war f\u00fcnf Schritte vor dem Verurteilten aufgestellt. Das Kommando \u201aFeuer\u2018 erfolgte um 18 Uhr und 49 Minuten. Der Verurteilte starb gefasst und soldatisch.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Urteilsbegr\u00fcndungen wie diese haben Schwinge im Nachkriegsdeutschland nicht geschadet. Bereits 1946 ist er Rechtslehrer, ebenfalls st\u00e4ndiger Mitarbeiter der Neuen Zeitschrift f\u00fcr Wehrrecht, f\u00fcr die er bereits in der NS- Zeit Beitr\u00e4ge schrieb, als sie noch Zeitschrift f\u00fcr Wehrrecht hie\u00df. Aber in dieser Zeit reicht ein Wort wie \u201cneu\u201c f\u00fcr eine \u201cneue Karriere\u201c, und diese durchl\u00e4uft Schwinge als Wissenschaftler, Professor und Publizist in rasantem Tempo.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren kann es ein Mann mit seiner Vergangenheit sogar zum stellvertretenden FDP-Vorsitzenden von Hessen bringen. In seinem Heimatort Marburg an der Lahn geh\u00f6rt er zur Stadtprominenz. Bis Mitte der achtziger Jahre lebte Prof. Dr. Schwinge ein ruhiges, gut dotiertes Pension\u00e4rs-Leben, schreibt zahlreiche B\u00fccher, in denen er seine bew\u00e4hrten Geschichtsinterpretationen ausbreitet und reinwaschende Vergangenheitsbew\u00e4ltigung betreibt. Nicht ohne Erfolg. Dankbare Leser findet er hierzulande allemal. Ein ebenso geehrter wie geachteter Mann also \u2013 w\u00e4re da nicht Fritz W\u00fcllner, der wie kein anderer zuvor die verdeckten Strukturen der Milit\u00e4rjustiz in der NS-Zeit erforscht und der Karriere des Kriegsrichters a.D. Schwinge nachsp\u00fcrt. In den Akten des Staatsarchivs in Wien findet Fritz W\u00fcllner die Akte des von Schwinge 1944 verk\u00fcndeten Todesurteils gegen Anton Reschny. Ein J\u00fcngling aufs Schafott, weil er einige kleine Gegenst\u00e4nde einsteckte?<\/p>\n<div id=\"attachment_1354734\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1354734\" class=\"wp-image-1354734\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/20061108_reschny_Polizeifoto-720x349.jpg\" alt=\"Ein ehrenwerter Herr\" width=\"821\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/20061108_reschny_Polizeifoto-720x349.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/20061108_reschny_Polizeifoto-300x145.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/20061108_reschny_Polizeifoto-768x372.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/20061108_reschny_Polizeifoto.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 821px) 100vw, 821px\" \/><p id=\"caption-attachment-1354734\" class=\"wp-caption-text\"><em>Foto der Gestapo von Anton Reschny (1927-1997), Wien 1944. (Bild: Sammlung W\u00fcllner, Stiftung Gedenkst\u00e4tten Sachsen-Anhalt)<\/em><\/p><\/div>\n<p>Der Fall Reschny \u2013 eine ungew\u00f6hnliche Geschichte. Denn: der von Schwinge verurteilte Junge hat \u2013 anders als der junge Soldat Bela Tesch \u2013 sein Todesurteil \u00fcberlebt. Trotz Schwinge. Angeklagt war der Lehrling damals, ganz korrekt, wegen Versto\u00dfes gegen die so genannten \u201cVolkssch\u00e4dlingsverordnung\u201c. Dabei w\u00e4re das Jugendgerichtsgesetz anzuwenden gewesen, das derart drakonische Strafen nicht erlaubte. Stattdessen griff Kriegsrichter Schwinge zum Milit\u00e4rstrafgesetzbuch, das f\u00fcr Jugendliche den Schutz vor Todesstrafe ausschloss. F\u00fcr Pl\u00fcnderungen in einfachen F\u00e4llen war \u201cGef\u00e4ngnis oder Festungshaft\u201c vorgesehen, nur in \u201cbesonders schweren F\u00e4llen\u201c Zuchthaus oder Todesstrafe. Schwinge indessen begr\u00fcndet sein Reschny-Urteil damit, dass \u201cjeder Fall von Pl\u00fcnderung\u201c in den gro\u00dfen St\u00e4dten \u201causnahmelos zur Todesstrafe\u201c f\u00fchren m\u00fcsse. Denn Kriminelle sollen nun einmal wissen, \u201cdass sie ihren Kopf riskieren\u201c. Ausgerechnet Heinrich Himmler ist es, der Anton Reschny begnadigte. Der ber\u00fcchtigte SS-F\u00fchrer ist in diesem Fall einsichtiger als der fanatische NS-Richter Schwinge und wandelt das Urteil in eine 15-j\u00e4hrige Freiheitsstrafe um.<\/p>\n<h3><strong>Kriegsrichter Schwinge: ein \u201eErzieher und Lehrer der Jugend\u00ab &#8211; eine deutsche Nachkriegs-W\u00fcrdigung<\/strong><\/h3>\n<p>Als emeritierter Professor und ehemaliger Rektor haben die Todesurteile und Verlautbarungen Schwinge nicht geschadet. Als Universit\u00e4ts-Professor, Herausgeber und Autor, FDP-Mitglied \u2013 kurzum, als geachteter B\u00fcrger verbrachte er in Marburg an der Lahn seinen Lebensabend. Lange Jahre genoss er das Privileg eines eigens f\u00fcr ihn von der Philipps-Universit\u00e4t reservierten Arbeitszimmers. Mit Aufs\u00e4tzen, Vortr\u00e4gen und Buchpublikationen versorgte er nach wie vor patriotische Ewiggestrige und unbelehrbar Heutige. Beispielsweise mit seinem Buch \u201eBundeswehr und Wehrmacht \u2013 Zum Problem der Traditionsw\u00fcrdigkeit\u201c (1991), in dem er auf die gro\u00dfen Leistungen des \u201edeutschen Soldaten\u201c verwies und deren \u201eWiederherstellung der Ehre\u201c forderte. Unter der Kapitel\u00fcberschrift \u201eDie milit\u00e4rische Leistung der Wehrmacht und ihrer Soldaten\u201c geht Schwinge in bew\u00e4hrtem Richterton mit allen Gegnern der Wehrmacht ins Gericht. Das Bild, das der deutsche Soldat und die deutsche Wehrmacht in den besetzten Ostgebieten hinterlassen h\u00e4tten, reiche \u2013 so Schwinge \u2013 allein aus, einseitige Historiker \u201emit ihrem Verdammungsurteil zu widerlegen\u201c. <em>\u201eAls Ganzes betrachtet, ist es ehrenhaft und wegen seiner Vorbildeigenschaft geeignet, als traditionsw\u00fcrdig anerkannt und behandelt zu werden\u201c, <\/em>so Schwinge. Seine Forderung: \u201e<em>Als n\u00e4chstes muss die Ehre der Soldaten wiederhergestellt werden, die einst der Wehrmacht angeh\u00f6rt haben. Sie m\u00fcssen von dem Makel befreit werden, dass sie einer verbrecherischen Organisation angeh\u00f6rt, ganz Europa mit einer barbarischen Kriegsf\u00fchrung \u00fcberzogen h\u00e4tten, f\u00fcr Millionen von Morden verantwortlich seien und in gro\u00dfer Zahl an Nazi-Untaten teilgenommen h\u00e4tten\u201c. <\/em><\/p>\n<p>Im Nachkriegs-Deutschland ist Kriegsrichter a. D. Schwinge mit dieser Sicht nicht allein. Als \u201eErzieher und Lehrer der Jugend \u2026\u201c (so in einer Laudatio zu seinem Professoren-Abschied) wird er nicht nur von seinen akademischen Ex-Kollegen respektvoll gesch\u00e4tzt. Erich Schwinge \u2013 eine exemplarische deutsche T\u00e4ter-Biographie. Am 30. April 1994 starb der \u00bbehrenwerte Professor\u00ab in Marburg.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Vom Autor erschienen:<\/em><\/p>\n<p><strong>Helmut Ortner, <a href=\"https:\/\/editionfaust.de\/produkt\/volk-im-wahn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Volk im Wahn \/ Hitlers Deutsche \u2013 \u00dcber die Gegenwart der Vergangenheit<\/a><\/strong><br \/>\nDreizehn Erkundungen, Edition Faust, 296 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1767012 alignnone\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Ortner_Volk-im-Wahn-701x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"730\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Ortner_Volk-im-Wahn-701x1024.jpg 701w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Ortner_Volk-im-Wahn-205x300.jpg 205w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Ortner_Volk-im-Wahn.jpg 945w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor drei\u00dfig Jahren, am 30. 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