{"id":183984,"date":"2015-05-11T14:48:00","date_gmt":"2015-05-11T13:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=183984"},"modified":"2022-10-02T08:31:09","modified_gmt":"2022-10-02T07:31:09","slug":"interview-uber-die-uberwindung-der-rache-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/05\/interview-uber-die-uberwindung-der-rache-kultur\/","title":{"rendered":"Interview \u00fcber die \u00dcberwindung der Rache-Kultur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir heute f\u00fcr den Frieden arbeiten? Wie k\u00f6nnen wir die Lasten und das Leid der Geschichte hinter uns lassen, um eine Zukunft des unbeschwerten Friedens aufzubauen? \u00dcber diese und weitere Fragen hat sich Dr. phil. Milena Rampoldi von ProMosaik e.V. mit Luz Jahnen unterhalten. <em>Luz Jahnen hat eine <a href=\"http:\/\/www.parkschlamau.org\/fileadmin\/user_upload\/pdf\/Rache_Gewalt_Versoehnung_Luz.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studie zum Thema Rache als ein Element der Grundfesten unserer westlichen Kultur und \u00fcber Vers\u00f6hnung als eine Form, diese Rache zu \u00fcberwinden<\/a>, durchgef\u00fchrt. Diese Analyse und seine Erfahrungen hat er in einem Workshop zusammengefasst, den er nun in verschiedenen L\u00e4ndern organisiert.\u00a0 <\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Dr. phil. Milena Rampoldi: Ein sehr interessanter Ansatzpunkt, den ich f\u00fcr Nahost so wichtig finde, ist weder zu vergeben noch zu vergessen. K\u00f6nnten Sie das mal unseren Leserinnen und Lesern erkl\u00e4ren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Herr Luz Jahnen: Diese Frage w\u00fcrde ich gerne erst einmal unabh\u00e4ngig von den vielf\u00e4ltigen Konflikten in Nahost beantworten. Insgesamt gesehen fehlen uns Ans\u00e4tze zur \u00dcberwindung von Konflikten. Der menschlichen Kultur, insbesondere der westlichen, fehlt es an einer Kultur zur \u00dcberwindung von Konflikten. Ich w\u00fcrde sogar noch weiter gehen und bekr\u00e4ftigen: uns \u2013 als Menschheit und als individuellen Menschen \u2013 fehlt es an tieferem Verstehen unserer Konflikte, und damit auch an tieferem Verstehen unserer Gewalt. Erst ein grundlegendes Verst\u00e4ndnis kann den Weg zur \u00dcberwindung der Konflikte und vor allem zu einer \u00dcberwindung der himmelschreienden Gewalt bahnen.<\/p>\n<p>Eine recht mechanische Form mit Konflikten umzugehen, also mit etwas, was mir Leid und Schmerz zugef\u00fcgt hat, ist das Vergessen, das Nicht-mehr-hinsehen-wollen, bis hin zum Leugnen und Abstreiten. So meinen wir den Schmerz vermeiden zu k\u00f6nnen, den unser Bewusstsein erfahren hat. Nun, ich brauche Ihnen nur als Beispiel vor Augen zu f\u00fchren, wie viele Soldaten und K\u00e4mpfer aus den Kriegen zur\u00fcckkehren: in der Hoffnung auf einen \u201enormalen\u201c Alltag in der Familie, im Beruf etc. schweigen sie, versuchen das Grauenvolle, die Brutalit\u00e4t, die eigene Angst zu vergessen \u2013 mit all der gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Verk\u00fcmmerung, der Deformation ihres Verhaltens, die dann genau die Bereiche von Familie und Alltagsleben besch\u00e4digt, in welchen sie ihr Lebensgl\u00fcck suchen.<\/p>\n<p>Wieso diese Strategie des Vergessens nicht funktioniert, liegt auf der Hand: das Leid, der Schmerz, die wir erfahren haben, oder die wir anderen zugef\u00fcgt haben, ist nicht mehr am Ort des Geschehens, beim \u201eFeind\u201c oder \u201eirgendwo\u201c in der Vergangenheit, sondern in unserem Ged\u00e4chtnis! Und zwar: Jetzt! Und solange sie in unserem Ged\u00e4chtnis in ihrer monstr\u00f6sen und schmerzenden Gr\u00f6\u00dfe verbleiben, finden wir \u2013 allen Versuchen des Vergessen-Wollens zum Trotz \u2013 keinen inneren Frieden, keinen Frieden mit dem \u201eFeind\u201c. Unser Verhalten und all die, mit denen wir Beziehungen haben, werden beeintr\u00e4chtigt und besch\u00e4digt. Dies gilt nicht nur f\u00fcr den einzelnen Menschen und den Umgang mit seinen Erinnerungen, sondern genauso f\u00fcr das Verschweigen, das Vergessen-Wollen der Gewalt und des Leides, welches ein Volk, eine Nation oder welche Gruppe auch immer ihrem Gegen\u00fcber antut. Ein friedliches Zusammenleben, welches den Namen \u201evers\u00f6hnt\u201c auch verdient, l\u00e4sst sich nicht auf dem Vergessen, dem Schweigen aufbauen. Das wird Ihnen jeder Psychotraumatologe und jeder Genozidforscher bezeugen und die m\u00fchsam unterdr\u00fcckten Konflikte in fast allen L\u00e4ndern dieses Planeten und unsere ganz eigenen Erfahrungen in Familie und Partnerschaften sprechen hier eine ganz deutliche Sprache, die leider noch nicht verstanden wird.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlich untauglicher Ansatz des Umgangs mit Konflikten ist, meiner Meinung nach, \u201edie Vergebung\u201c. Aus alten kulturellen und auch religi\u00f6sen Traditionen herstammend, ist das Vergeben einer Schuld, eines Vergehens eine Art gro\u00dfz\u00fcgigen, scheinbar positiven Verhaltens. Schaut man aber ein bisschen genauer hin, ist es in etwa die Generosit\u00e4t des Reichen, der den Armen mit einem Almosen beschenkt. Es geschieht aus einer \u00dcberlegenheit heraus, aus einer scheinbaren moralischen \u00dcberlegenheit, einer \u201eh\u00f6heren\u201c Position, die den oder die Gegen\u00fcber degradiert, letztendlich besch\u00e4mt. Auch so l\u00e4sst sich kein Frieden, keine Vers\u00f6hnung erreichen, kein gleichberechtigtes Zusammenleben aufbauen.<\/p>\n<p>Frieden und Vers\u00f6hnung sind sicherlich nicht die Bilder von grimassenhaft verzerrt l\u00e4chelnden Politikern, die sich vor einem Haufen Fotografen die H\u00e4nde sch\u00fctteln, w\u00e4hrend die besseren Waffen f\u00fcr den n\u00e4chsten Krieg schon bestellt sind mit den Millionen oder Milliarden, die ihnen andere L\u00e4nder versprochen haben, um diesen Frieden zu erkaufen. W\u00e4hrend die Strategen in den Hinterzimmern beider Parteien bereits die Pl\u00e4ne ausgearbeitet haben, wie man den Anderen wieder \u00fcbers Ohr haut, benachteiligt, und die Vertr\u00e4ge umgehen kann.<\/p>\n<p>Aber auch im ganz Pers\u00f6nlichen f\u00e4ngt die Vers\u00f6hnung sicher nicht mit einer Umarmung des Feindes an.<\/p>\n<p>Frieden und Vers\u00f6hnung fangen bei dem Menschen an, der beginnt, die Konflikte um ihn herum und die Konflikte in sich, zu verstehen. Der Mensch, welcher beginnt, die Ursachen, Faktoren f\u00fcr all das geschehene Leid, f\u00fcr all die Gewalt zu verstehen. Der Mensch, welcher vermeidet, rasch irgendeine Position aus Wut und Rache einzunehmen, sondern der verstehen will, wie es so weit kommen konnte. Der impulsiven Macht der Rache zu widerstehen, hei\u00dft einem primitiven aber immer noch m\u00e4chtigen Relikt der Steinzeit in uns zu widerstehen. Ich will damit sagen, Frieden und Vers\u00f6hnung sind zu aller erst einmal ein INNERER Prozess der Reflexion, des Verstehens, des Integrierens. Von da aus, ist es kein gro\u00dfer Schritt mehr, bis hin zum Verstehen, dass die nicht enden wollende Mechanik der rachs\u00fcchtige Gewalt nie und niemals zu einem Frieden f\u00fchren wird. Dies ist der Punkt, an dem die \u00dcberwindung der Gewalt, in Nahost oder sonstwo beginnt. Nirgendwo sonst. In mir.<\/p>\n<p>Mit meiner Antwort nach der Konzeption von <em>\u201e&#8230;weder zu vergeben noch zu vergessen&#8230;\u201c<\/em> beziehe ich mich auf Aussagen des inzwischen verstorbenen lateinamerikanischen Denkers und Mystikers Mario Rodriguez Cobos (Silo) in einer denkw\u00fcrdigen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vLfuMWOd-PM\">Rede vom Jahr 2007<\/a>, die ich grundlegend und sehr inspirierend f\u00fcr dieses Thema finde.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"2007 Silo. Jornadas de inspiracion espiritual. Punta de Vacas.\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/vLfuMWOd-PM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><strong><em>Worauf basiert der kulturell so grundlegende Begriff der Rache?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Rache ist ein zentrales Element des Ph\u00e4nomens menschlicher Gewalt. Und es lohnt, meiner Ansicht nach, jede M\u00fche dieses Ph\u00e4nomen besser zu verstehen, wenn wir ernsthaft unsere Konflikte, die Gewalt \u00fcberwinden wollen. Ich spreche von dem Verhalten, womit wir Menschen in der Regel subtil oder offen antworten, wenn wir verletzt werden. \u201eVerletzt\u201c nicht nur im k\u00f6rperlichen Sinne, sondern, \u201everletzt\u201c in irgendetwas, womit wir uns identifizieren, was wir als Zu-Mir-Geh\u00f6rend, empfinden: das ist selbstverst\u00e4ndlich mein K\u00f6rper, aber auch \u201emeine\u201c Kinder, \u201emeine\u201c Familie, \u201emein\u201c Haus, \u201emein\u201c Stamm oder Volk oder Staat, \u201emeine\u201c \u00dcberzeugungen, \u201emeine\u201c Religion, \u201emein\u201c Auto oder sogar \u201emein\u201c Fu\u00dfballteam,&#8230;<\/p>\n<p>Und wenn wir \u2013 neugierig geworden &#8211; entwicklungsgeschichtlich zur\u00fcck gehen, um zu erkunden, woher dieses Verhalten kommt, stossen wir in grauer Vorzeit auf ein menschliches Wesen, welches in dauerndem \u00dcberlebenskampf, reflexartig und blitzschnell auf jede Verletzung seines K\u00f6rpers, seiner Horde oder seines Stamms antworten muss, um den eigenen K\u00f6rper, die Nahrung und den eigenen kargen lebensnotwendigen Besitz zu verteidigen. Weiter noch: ausgestattet mit seinem erstaunlichen Ged\u00e4chtnis, sehen sich diese menschlichen Wesen in dem Zugzwang, Angriffe und Verletzungen auch zeitlich versetzt und mit einem Plan ausgestattet, zu ahnden, zu vergelten, zu r\u00e4chen um dem Konkurrenten im \u00dcberlebenskampf, dem \u201eFeind\u201c, deutlich zu machen, dass man stark oder vielleicht sogar st\u00e4rker als er ist. Nur so stellt man die Furcht des Anderen vor der eigenen St\u00e4rke wieder her und kann zuk\u00fcnftige Angriffe und \u00dcberf\u00e4lle vermeiden. Hier liegen die Anf\u00e4nge der unseligen Kultur von \u201eEhre\u201c, von Stolz und \u201eRespekt\u201c &#8211; Quelle unz\u00e4hliger Konflikte und Kriege bis heute.<\/p>\n<p>Kurz gesagt: bei der Rache haben wir es also in allererster Linie mit einem primitiven \u00dcberlebensmechanismus unseres Bewusstseins zu tun. Und Teil dieses Mechanismus ist, dem Gegen\u00fcber, dem \u201eFeind\u201c, jede Gleichwertigkeit, sein Mensch-Sein abzusprechen. Dies geschieht reflexartig: der b\u00f6se Angreifer, Feind wird zum Objekt meiner Wut, zu einem Ding. Er ist nicht wie Ich; er ist \u201ekein Mensch\u201c. Diese Reduzierung auf eine Sache, auf ein Objekt erleichtert mir den Weg der Bestrafung, des T\u00f6tens, der Vernichtung und verhindert eine andere gro\u00dfe menschliche F\u00e4higkeit: Mitgef\u00fchl f\u00fcr den Anderen zu empfinden. Die R\u00e4chenden reagieren deshalb selbst im engsten Umfeld mit gro\u00dfer Wut auf jeden, der sie daran erinnert, dass es sich bei dem Anderen, bei dem \u201eFeind\u201c um ein Menschen, ein Wesen der gleichen Spezies handelt.<\/p>\n<p>Heute jedoch, in diesem geschichtlichen Moment, in dem die Menschheit definitiv eng zusammenlebt, zusammengewachsen ist, unaufl\u00f6slich miteinander verwoben ist, ist dieser Mechanismus nicht nur vollkommen untauglich geworden, sondern zur dauerhaften und gr\u00f6\u00dften Gefahr unserer Weiterentwicklung geworden. Der gro\u00dfartige technologische Fortschritt, den die Menschheit erreicht hat und zur Revolutionierung von Kommunikation, Produktion, Transport, Medizin gef\u00fchrt hat \u2013 aber auch zur Entwicklung der raffiniertesten und furchtbarsten Waffen \u2013 steht in krassem Widerspruch zur fehlenden menschlichen Weiterentwicklung. F\u00fcr unser Zusammenleben sehe ich hier die gr\u00f6\u00dfte und dringendste Herausforderung unserer Zeit: die Rache zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Aber auf dem Weg diese Herausforderung zu meistern, sehen wir uns mit einer weiteren sehr gro\u00dfen H\u00fcrde konfrontiert. Und hier, glaube ich, ber\u00fchren wir auch einen zentralen Punkt der Konflikte in Nahost: die westliche Kultur, als weltweit dominierende und pr\u00e4gende Kultur dieses geschichtlichen Momentes, hat wenig bis Nichts zu bieten, wenn es um die Fragen von Frieden und Vers\u00f6hnung, wenn es um die \u00dcberwindung von Konflikten geht. Die Rache in all ihren offenen, subtilen und subtilsten Formen ist tief in den Fundamenten dieser Kultur eingegraben. Und alle Beteiligten in Nahost stehen auf dem gleichen kulturellen Fundament. So sehr es ihnen auch schwer fallen mag, anzuerkennen, dass sie Geschwister sind. Zu Zeiten Hammurapis, also vor etwa 4.000 Jahren, als der Mensch halb sesshaft, halb nomadisierend, organisiert in St\u00e4mmen oder kleinen K\u00f6nigreichen lebte, kommt es im Gebiet von Euphrat und Tigris zu einem ersten Gro\u00dfreich; zu einem Zusammenleben verschiedenster Ethnien, St\u00e4mme, Sprachen, Religionen und Sitten. Wir sprechen von einer Zeit und einem Gebilde, in der wir die Anf\u00e4nge der westlichen Wissenschaft und dem massivem technologischen Fortschritt beobachten k\u00f6nnen. Um dieses Gebilde \u2013 ich w\u00fcrde es grob gesagt, den ersten modernen Staat nennen &#8211; zu befrieden, regierbar zu machen, wird etwas erfunden, was wir heute als schriftliche Gesetzgebung kennen und als selbstverst\u00e4ndlich betrachten. Die vielen Formen bis dahin existierender pers\u00f6nlicher oder Stammes-Rache, als Antwort auf Konflikte, werden ersetzt durch einem allgemeing\u00fcltigen geschriebenen Kodex von Verhaltensnormen, Strafen. Dieser Kodex, der Hammurapi-Kodex, eine schwarze Diorit-Stele, deren Text heute in vielen \u00dcbersetzungen nachlesbar ist. Dies war seinerzeit sicher ein Fortschritt, weil es die ausufernden Formen der Blutrache durch den Versuch ersetzte, klare Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Strafen zu benennen: Schl\u00e4gst du jemandem ein Ohr ab, dann wird auch dir ein Ohr abgeschlagen&#8230; Gleichzeitig \u2013 und dies wird in der geschichtlichen Betrachtung leicht \u00fcbersehen \u2013 wurden hier die alten und ururalten Formen der Konfliktl\u00f6sung (die Rache), leicht angepasst, in eine neue institutionalisierte Form der Rache gegossen. Der Staat, als r\u00e4chende Institution, nat\u00fcrlich mit erhabenen Worten von Rechtsprechung und Gerechtigkeit, mit seinem \u201er\u00e4chenden\u201c Apparat von Polizei, Gerichten und Gef\u00e4ngnissen nach Innen, und seinem \u201er\u00e4chenden\u201c Apparat von Milit\u00e4r, Geheimdiensten und Bewaffnung nach Aussen. Wir kennen das heute als selbstverst\u00e4ndliche Form uns zu organisieren und scheinbarer Konfliktl\u00f6sungen. All dies k\u00f6nnte man im Hinblick auf unsere Zukunft lange diskutieren. Fest steht aber, da\u00df bereits in diesen Anf\u00e4ngen der westlichen Kultur, eine Kultur der Konfliktl\u00f6sung gepr\u00e4gt wird, die das Fundamentalste vergisst: wie der Mensch \u2013 im Zusammenleben immer von Konflikten betroffen \u2013 den inneren Frieden, das innere Gleichgewicht, die innere Heilung der erlittenen \u201eWunden\u201c wiederfindet. Diese Fehlkonstruktion, um es einmal so zu nennen, wird heute zum doppelten und vielfachen Hindernis auf dem Weg den so dringenden notwendigen Frieden und oder gar Vers\u00f6hnung zu finden. Uns fehlt fundamental eine Kultur der Vers\u00f6hnung, des inneren Friedens, der inneren Heilung. Und ohne eine solche Kultur stehen wir, angesichts der zunehmenden Beschleunigung der Ereignisse, mit leeren H\u00e4nden der dauernden Gefahr weiterer schlimmer und schlimmster explosiver Konfrontationen \u00fcberall gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Noch etwas: wenn wir wirklich verstehen wollen, wo wir herkommen, w\u00e4re es auch Zeit zur Kenntnis zu nehmen, dass in dem gleichen geographischen Raum und auf dem gleichen kulturellen Substrat diese drei Ausdrucksformen menschlicher Spiritualit\u00e4t geboren werden, die wir als Judentum, Christentum und Islam kennen. Diese drei kulturell-historischen Geschwister!, haben sich in der Geschichte bis hin zur aktuellen Gegenwart nicht durch Zufall soviel unbarmherzige Konfrontation geliefert: die Ausschlie\u00dflichkeit nur demjenigen gleichberechtigte Anerkennung als Mensch zu geben, der vom gleichen \u201eStamm\u201c, der gleichen Religion ist. Die unbarmherzige Bestrafung durch angeblich g\u00f6ttliche Gerechtigkeit, die Rache in all ihren Formen, \u00fcber Generationen tausendfach kultiviert und in den Volkstraditionen bis in den hintersten Winkel des famili\u00e4ren Zusammenlebens getragen, dr\u00fcckt sich in einer Kultur der Unvers\u00f6hnlichkeit und der \u201eOpfer\u201cbereitschaft aus.<\/p>\n<p>Solange wir diese Kultivierung eines steinzeitlichen \u00dcberlebenskampf, die Rache, nicht \u00fcberwinden, werden wir den Fortschritt unseres Zusammenlebens nicht erreichen, den so viele schon so lange ersehnen.<\/p>\n<p><strong><em>Welche Hauptstrategien zur Gewaltbek\u00e4mpfung finden Sie wichtig f\u00fcr Nahost?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie Sie sehr wohl wissen, geh\u00f6re ich nicht zu den ernannten oder selbsternannten Spezialisten des Nahen Osten und seiner himmelschreienden Konflikte. In den mehr als 50 Jahren, die ich nun lebe, sind die fast t\u00e4glichen Nachrichten \u00fcber die nicht enden wollenden Konflikte, Ausgrenzungen, Bombenanschl\u00e4ge und Terror aller Art, Krieg, Folter, scheinbare Friedensschl\u00fcsse, Armut, Hoffnungslosigkeit, Wut und Hass im Nahen Osten traurige Begleitmusik meines Lebens und viel traurigere und bedr\u00fcckende Lebenswirklichkeit f\u00fcr hunderttausende, Millionen Menschen. Die Funktion\u00e4re der beteiligten politischen Kr\u00e4fte stammen \u2013 so scheint mir \u2013 fast alle aus milit\u00e4rischen oder anderen gewaltt\u00e4tigen Zusammenh\u00e4ngen. Wie sollten sich aus solchen Gremien Strategien f\u00fcr wirklichen Frieden ergeben? Wir sprechen von Konflikten, die die Beteiligten bis tief in die Bev\u00f6lkerung hinein, geradezu dazu treiben, Position zu ergreifen, uns in Freunde und Feinde zu spalten, irgendeine Seite zu w\u00e4hlen, die dem eigenen Leben Vorteil und vielleicht Sicherheit verspricht. Und wir haben es mit Fundamentalismen aller Art zu tun, jenseits aller Vernunft und jenseits aller Barmherzigkeit, auch mit eiskalten Gesch\u00e4ftemachern aller Art und vieler L\u00e4nder zu tun. Wenn ich auf diese Gremien schaue, sehe ich keinen Anlass zur Hoffnung. Ganz im Gegenteil. Und ich bin gespannt, wie lange die Menschen diese hoffnungs- und zukunftslosen Gruppierungen noch w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Und ich wei\u00df nicht, ob es eher meine Hoffnung als eine Strategie ist: die Menschen. Ich meine die M\u00fctter und V\u00e4ter, die Jugendlichen, welche jenseits der politischen und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen und geografischen Grenzen, in die sie hineingeboren wurden, die innere Freiheit der ganz pers\u00f6nlichen Reflexion \u2013 vielleicht in einem Moment pers\u00f6nlichen Scheiterns mit den alten Konzepten \u2013 kennenlernen. Damit verbinde ich die Hoffnung auf die notwendige Einsicht, dass die Zukunft nur, einzig und alleine, der Gewaltlosigkeit geh\u00f6ren kann. Und selbst wenn tausende Stimmen der organisierten Betonk\u00f6pfe, Gewaltapparate und Parteig\u00e4nger rufen: wie naiv! Es ist die Hoffnung auf M\u00fctter und V\u00e4ter, die die n\u00e4chste Generation nicht die Pflicht zur Rache lehren, sondern ihnen ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Zusammengeh\u00f6rigkeit unserer Spezies vermitteln und vorleben. Es ist die Hoffnung auf zuk\u00fcnftige Generationen, f\u00fcr die Gleichberechtigung eine warme und frohe Empfindung von offener Zukunft f\u00fcr alle Menschen ist. Und, so viel ich geh\u00f6rt, gelesen und gesehen haben, gibt es solche pers\u00f6nlichen Initiativen, Gruppierungen, die sich \u00fcber den Stamm, die Nation, den Glauben hinweg miteinander verbinden und sich gegenseitig helfen. Diesen einfachen Personen und Gr\u00fcppchen gilt meine Hoffnung. Von ihnen aus wird die notwendige g\u00e4nzlich neue Kultur entstehen k\u00f6nnen, welche die Gewalt, die schreiende Ungerechtigkeit und die tief sitzenden \u00c4ngste \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollten wir Gespr\u00e4che, wie dieses hier, weiter f\u00fchren; mit LehrerInnen, Eltern, Jugendlichen. Wir sollten und k\u00f6nnten an einem tieferen Verst\u00e4ndnis unserer Gewalt und aller damit verbundenen Traditionen arbeiten. Hier sehe ich M\u00f6glichkeit und Hoffnung; nicht aber in Diskursen in Konferenzen mit den Gremien, die in die Kamera l\u00e4cheln, unter dem Tisch aber die Pistole entsichert haben.<\/p>\n<p><strong><em>Wie entsteht Vers\u00f6hnung und warum? Wie kann man daran arbeiten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Vers\u00f6hnung entsteht aus dem tiefen Wunsch, dem eigenen tief verletzten und schmerzenden Bewusstsein den verlorenen Frieden und das verlorene Gleichgewicht wieder zu bringen. Es entstammt dem tiefen Wunsch nach einer wahren Neuordnung und Neuausrichtung meines Lebens und auch meines Zusammen-Lebens mit den Anderen. Und nicht zuletzt stammt es aus einer bewussten Ablehnung der Gewalt und aller Impulse, die mich zur Rache auffordern.<\/p>\n<p>Vers\u00f6hnung ist zuallererst einmal ein pers\u00f6nlicher Umgang mit mir selbst: das Leid, die Gewalt, den Schmerz, den ich selbst erlitten habe zu verstehen; zu verstehen, was bei mir und dem oder den Anderen, die Menschen wie ich sind, dazu gef\u00fchrt hat. Nicht vergeben, nicht vergessen. Sondern: verstehen. Das ist ein reflexiver, fast meditativer Akt, welcher Absicht, Intention erfordert. Alles andere wird sich daraus ergeben.<\/p>\n<p>\u00dcber dieses Verst\u00e4ndnis einer inneren Kultur des Gleichgewichtes und des inneren Friedens lohnt sich bestimmt mit all denen zu sprechen und auszutauschen, die der nicht enden wollenden Gewalt m\u00fcde sind. Es w\u00fcrde sich lohnen hier\u00fcber mit den Kindern, den Jugendlichen und all denen zu sprechen, die mit den neuen Generationen zu tun haben. Sehr vielf\u00e4ltig k\u00f6nnten dieser Art Initiativen und Bem\u00fchungen sein.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach, w\u00e4re dies der einzige Weg, den einzementierten Ungerechtigkeiten, den Gewaltpredigern aller Coleur den N\u00e4hrboden und die Unterst\u00fctzung in wachsendem Masse zu entziehen.<\/p>\n<p><strong><em>Wie denken Sie, kann man f\u00fcr den Frieden in Nahost in der Gesellschaft arbeiten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, man sollte diesen grunds\u00e4tzlichen Diskurs hin zu einer empfundenen und begr\u00fcndeten Ablehnung der Gewalt vertiefen. Es gilt das Ph\u00e4nomen der Gewalt in all seinen Facetten, seiner Wirkungsweise und geschichtlichen Herkunft zu verstehen: es gibt physische, \u00f6konomische, rassistische, psychologische, religi\u00f6se Formen der Gewalt. Jedes Beispiel, jedes Zeugnis von Einzelnen oder Gruppen, denen es f\u00fcr sich gelingt Gewalt und Hass zu \u00fcberwinden, gilt es zu propagieren. Es g\u00e4lte \u2013 f\u00fcr die, die tats\u00e4chlich L\u00f6sungen suchen \u2013 mit einem kritischen Blick die alten Rachetraditionen, die Gewaltbegr\u00fcndungen in der eigenen Kultur, der eigenen Gemeinde, der eigenen Nachbarschaft, der eigenen Familie, in mir selbst, sogar in den so unantastbar heiligen Schriften kritisch zu hinterfragen. Vor uns liegt die Aufgabe ein noch nicht geschriebenes Kapitel der Menschheit zu gestalten.<\/p>\n<p>Und immer wieder brauchen wir die Suche nach dem ganz pers\u00f6nlichen Dialog, dem Meinungsaustausch, der Kooperation, der Gemeinsamkeit \u00fcber scheinbare ethnische, religi\u00f6se und nationale Grenzen hinaus \u2013 mit denen, die guten Willens sind. Den Aufbau einer neuen Kultur zu f\u00f6rdern: die Vielfalt zu respektieren (die Gewalt nicht!) mit dem gemeinsamen Traum einer universellen menschlichen Kultur. Jedes Gespr\u00e4ch, jede Zusammenkunft, jeder Artikel, jedes Buch, jede Vorlesung oder Unterrichtsstunde in diese Richtung ist wichtig und zu unterst\u00fctzen. Wir d\u00fcrfen nicht m\u00fcde werden, auch wenn wir R\u00fcckschl\u00e4ge erleiden, die Stimme gegen die Gewalt zu erheben, sie zu benennen, zu demaskieren und die Rechte Aller auf lebenswerte Existenz einzufordern.<\/p>\n<p><strong><em>Was haben Sie mit Ihrer so wichtigen Arbeit erreicht und was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr die Zukunft?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Erreicht haben wir alle noch nicht viel, aber immerhin die Klarheit f\u00fcr den Weg, der vor uns liegt. Eine so klare Richtung zu haben, bedeutet schon viel in dieser verwirrten und gewaltt\u00e4tig-explosiven Welt voller Umw\u00e4lzungen. Und f\u00fcr die Zukunft w\u00fcnsche ich mir genau das, was ich in der vorherigen Antwort ge\u00e4u\u00dfert habe. Und deshalb danke ich Ihnen auch von Herzen f\u00fcr die Gelegenheit dieses Gespr\u00e4chs!<\/p>\n<div class=\"post-gallery\">\n\t\t\t<figure class=\"post-gallery-item\">\n\t\t\t\t<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/codeofHammurabi2.jpg\" loading=\"lazy\">\n\t\t\t\t<figcaption>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t<\/figcaption>\n\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<figure class=\"post-gallery-item\">\n\t\t\t\t<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Skulptur_Fehrbelliner_Platz_4_Wilmd_Versoehnung_Pablo_Hannemann2-720x813.jpg\" loading=\"lazy\">\n\t\t\t\t<figcaption>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t<\/figcaption>\n\t\t\t<\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnen wir heute f\u00fcr den Frieden arbeiten? Wie k\u00f6nnen wir die Lasten und das Leid der Geschichte hinter uns lassen, um eine Zukunft des unbeschwerten Friedens aufzubauen? \u00dcber diese und weitere Fragen hat sich Dr. phil. 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