{"id":1828355,"date":"2024-02-29T15:55:51","date_gmt":"2024-02-29T15:55:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1828355"},"modified":"2024-02-29T10:00:05","modified_gmt":"2024-02-29T10:00:05","slug":"klassenkampf-rebooten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/02\/klassenkampf-rebooten\/","title":{"rendered":"Klassenkampf rebooten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nick Dyer-Withford zeigt auf, wie der digitale Kapitalismus die weltweite Klassenzusammensetzung pr\u00e4gt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Seit Anfang des neuen Jahrtausends ist die Rede vom digitalen Kapitalismus.<\/strong> Auf linken Veranstaltungen, in Feuilletons und auf hip-getrimmten Panels irgendwelcher Telekommunikationsfirmen wird \u00fcber ihn diskutiert. Digitaler Kapitalismus, das klingt catchy und ruft Bilder hervor: Man denkt an die Konzernzentralen von Google und Facebook im Silicon Valley. Notebooks, Smartphone und andere hippe Technik-Gadgets fallen genauso so m\u00fchelos ein wie selbstfahrende Autos, Uber-Apps und Airbnb-Wohnungsangebote. Wir h\u00f6ren, dass die Arbeit verschwindet, sie wird prek\u00e4r oder immateriell, und die Roboter werden uns ersetzen.<\/p>\n<p><strong>Auch in den deutschen Feuilletons wird das Thema durchaus kritisch diskutiert.<\/strong> Die Autor_innen stellen sich Fragen wie: Wird mein Leben noch prek\u00e4rer, wenn die Sharing Economy das Private jetzt auch noch zum Beruflichen macht? Kann ich mir in meiner Nachbarschaft bald keine Wohnung mehr leisten, wenn noch mehr Ferienwohnungen \u00fcber Airbnb vermietet werden? Was macht Facebook mit meinen Daten? Haben wir dank der technischen Tools eigentlich nie Feierabend, und wann stoppt Twitter die Trolle? Die Fragen spiegeln meistens jedoch nur das Milieu derjenigen wieder, die da diskutieren, und reichen sehr selten dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht ist Digitaler Kapitalismus ja auch ein irref\u00fchrender Begriff,<\/strong> weil er suggeriert, es sei ein anderer Kapitalismus, einer, der nur irgendwie mit Apps, Smartphones und technischen Tools zu tun h\u00e4tte, einer, der cooler, neuer und hipper ist. Die B\u00fccher linker Autor_innen, die zum Thema erscheinen, tragen zur Verwirrung bei, weil sie immer nur Ph\u00e4nomene in den Blick nehmen. Noch schwieriger wird es, wenn Krisen und K\u00e4mpfe auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben, wenn es zum Beispiel um das Elend der Gefl\u00fcchteten weltweit oder die Gentrifizierung im eigenen Stadtbezirk geht.<\/p>\n<p><strong>Politische K\u00e4mpfe geben schon lange keine Antwort mehr,<\/strong> und nicht nur das: Oft findet mehr ein Gegeneinander als ein Miteinander statt. Statt Kollektivierung reibt man sich untereinander und streitet erbittert dar\u00fcber, welcher Kampf mehr Berechtigung hat. Wer in der linken Geschichte zur\u00fcckblickt, weiss, wieso das so ist: Als der Industriekapitalismus noch ein klassenk\u00e4mpferisches Subjekt hatte, den meist weissen, meist m\u00e4nnlichen, meist heterosexuellen Arbeiter, waren alle anderen von diesen K\u00e4mpfen weitgehend ausgeschlossen. Viele Linke wollen zwar zu Recht diese Fehler nicht wiederholen und versuchen in ihren K\u00e4mpfen nicht rassistisch, homophob oder sexistisch zu sein. Doch dabei bleibt es dann auch oft. Vereinzelt gibt es nat\u00fcrlich aber auch heute Proteste, die Hoffnung machen, wie gerade in Frankreich die Streiks und Versammlungen gegen das neue Arbeitsgesetz, doch auch sie bleiben letztlich ohne Anschluss, vereinzelt und folgenlos. Die Geschichte der kybernetischen Revolutionen Doch was sollen wir tun? Einer, der versucht darauf eine Antwort zu geben, ist Nick Dyer-Withford in seinem Buch \u201eCyber-Proletariat\u201c. Dyer-Withford nennt seine Schrift selbst an einer Stelle eine \u201ewhirlwind tour of the cybernetic vortex\u201c (S. 129), eine wirbelsturmartige Reise durch den kybernetischen Vortex, und beschreibt damit pr\u00e4zise das Gef\u00fchl, das einem beim Lesen oft \u00fcberkommt. Es ist tats\u00e4chlich sehr schwer, all das, was Dyer-Withford an Zusammenh\u00e4ngen aufmacht, in eine Besprechung zu packen, solch eine Tour de Force leistet er in seinem Buch. Auf knapp 205 Seiten versucht er die Vers\u00e4umnisse anderer linker Autor_innen und Konzepte wettzumachen, eine g\u00fcltige und allumfassende Analyse aktueller kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse zu leisten, die Geschichte der kybernetischen Revolution in s\u00e4mtlichen Facetten zu umreissen und auch noch vergangene, aktuelle und zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe dazu in Beziehung zusetzen. Wer also eine Einf\u00fchrung in diese Themen oder einen \u00dcberblick zu ihnen sucht, ist hier gut aufgehoben.<\/p>\n<p><strong>\u201eCyber-Proletariat\u201c beeindruckt aber nicht nur aufgrund der angestrebten Vollst\u00e4ndigkeit<\/strong>, sondern wegen der Zusammenh\u00e4nge, die Dyer-Withford herstellt. Die sogenannte kybernetische Revolution begann zur Zeit des Kalten Krieges im milit\u00e4risch-industriellen Komplex der Vereinigten Staaten. Die Automatisierung, die gerade wieder heiss debattiert wird \u2013 zum Beispiel von deutschen Unternehmen unter dem Stichwort Industrie 4.0 oder von Linken, die sich davon etwas versprechen, unter dem Stichwort \u201eFullyAutomatedLuxuryCommunism\u201c \u2013 hat damals schon angefangen. Der industrielle Kapitalismus begann damals, menschliche Arbeitskr\u00e4fte zu ersetzen, in B\u00fcros, in Fabriken, eigentlich \u00fcberall dort, wo es Forschung und Technik zuliessen. Zugleich fand in den westlichen Staaten ein Prozess statt, der unter Outsourcing bekannt wurde: In den Industriel\u00e4ndern wurden Arbeitspl\u00e4tze an Externe vergeben, die man nicht festanstellen musste, w\u00e4hrend ein grosser Teil der Produktion in sogenannte Billig-Lohn-L\u00e4nder verlegt wurde. Der digitale Kapitalismus betrifft alle Das ist der Gedanke, der \u201eCyber-Proletariat\u201c im Kern zusammenh\u00e4lt: der Digitale Kapitalismus ist nicht bloss eine Frage von Gadgets und Apps, vom Neuen Arbeiten und Start-Ups, er hat l\u00e4ngst den Kapitalismus, so wie wir ihn bisher kannten, komplett transformiert und betrifft das Leben von allen. Algorithmen regeln den Finanzmarkt, der durch seine Krisenanf\u00e4lligkeit zuletzt 2008 L\u00e4nder und Menschen in den Abgrund gerissen hat. Und er betrifft l\u00e4ngst auch die (Arbeits-)Leben derer, die sich die Frage nach Smartphone-Besitz, nach coolen Apps und noch cooleren Gadgets gar nicht erst stellen. Dyer-Withforts These: Der Kapitalismus schafft ein neues, weltweites Cyber-Proletariat,beziehungsweise: Er hat es schon geschaffen, und die Proletarisierung schreitet weltweit unaufh\u00f6rlich voran.<\/p>\n<p><strong>Wer ist dieses globale Proletariat?<\/strong> Im Grunde wir alle, und das ist auch die St\u00e4rke des Begriffs. Nicht nur wird die Arbeit immer mehr durch Maschinen ersetzt, auch ehemals noch qualifizierte Arbeit wird schnell zu unqualifizierter und damit auch schlecht bezahlter abgewertet. Doch w\u00e4hrend es bei den elenden Jobs von Konzernen wie Foxconn schnell klar ist, dass sie zum Cyber-Proletariat geh\u00f6ren, w\u00e4hnen sich gut bezahlte Programmierer_innen, Akademiker_innen und andere noch in Sicherheit.<\/p>\n<p><strong>Das Konzept des Cyber-Proletariat erm\u00f6glicht es,<\/strong> komplexe Zusammenh\u00e4nge global zu denken und vor allem die Unterdr\u00fcckungen, die der Kapitalismus produziert, als Klassenfragen zu denken. Vieles von dem, was in \u201eCyber-Proletariat\u201c endlich wieder als Klassenfrage diskutiert wird, debattiert die Linke heute als vereinzelte Probleme des Systems; Rassismus, Homophobie und Sexismus werden dann nur noch als Diskriminierungen, Ausbeutung als Chancenungleichheit wahrgenommen. Dyer-Withford liefert nicht nur eine sehr aktuelle Beschreibung des globalen Klassenwiderspruchs, der durch die fortschreitenden Digitalisierungen noch versch\u00e4rft wird, sondern bietet auch an, sich mit den K\u00e4mpfen anderer, egal ob der Nachbarin nebenan oder dem technologischen Lumpenproletariat in Indonesien, das unsere Smartphones zusammenschraubt, zu verbinden, ohne sich mit deren Lebenswirklichkeit identifizieren zu m\u00fcssen. Nichts anderes ist Klassensolidarit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Beeindruckend ist \u201eCyber-Proletariat\u201c immer dort,<\/strong> wo es Dyer-Withford gelingt, die Zusammenh\u00e4nge und Widerspr\u00fcche deutlich herauszuarbeiten. Gleich zu Beginn des Buchs stellt er die Zusammenh\u00e4nge, um die es ihm geht, her: Er stellt VITAL vor, ein K\u00fcnstliches-Intelligenz-Programm, das \u00fcber Algorithmen Investment-Entscheidungen vorhersagen und treffen kann und neuerdings ein vollst\u00e4ndiges Mitglied im Vorstand der in Hong Kong beheimateten Venture-Capital-Firma \u201eDeep Knowledge Ventures\u201c ist. Am selben Tag, n\u00e4mlich am 13. Mai 2014, als die Berufung eines Algorithmus in den Vorstand bekannt gegeben wurde, ereignete sich in der T\u00fcrkei eine Explosion, die in der deutschen Presse als \u201eGrubenungl\u00fcck\u201c beschrieben wurde. Bei einem Streik in der Kohlengrube im t\u00fcrkischen Soma kamen 301 Arbeiter ums Leben. Ganz \u00e4hnlich wie aktuell in Frankreich hatten sie im Anschluss an die Gezi-Proteste in Istanbul gegen die unw\u00fcrdigen Arbeitsbedingungen gestreikt. Die bereits im Jahr 2007 privatisierte Mine liefert unter anderem jene Rohstoffe, die man braucht, um Elektrizit\u00e4t herzustellen. Ohne Elektrizit\u00e4t kein digitaler Kapitalismus, ohne digitalen Kapitalismus keine fortschreitende Privatisierung und so weiter. Es geht hier nat\u00fcrlich nicht darum, ein geschlossenes, esoterisches System zu entlarven, sondern darum, die verschiedenen Ereignisse in Zusammenhang zu bringen. Das Cyber-Proletariat im Silicon Valley Besonders deutlich wird das an einem Ort wie dem Silicon Valley: Auf der einen Seite stehen die bunten Konzernzentralen, die ihren meist weissen und m\u00e4nnlichen Angestellten eine Arbeit versprechen, die Spass macht, die Rutschen, B\u00e4lleb\u00e4der und Snackr\u00e4ume einerseits, gute Bezahlung andererseits bieten. Aber selbst dort gibt es Schattenseiten: Fast jeder Programmierer ist ersetzbar, mit der Folge, dass der Konkurrenzdruck hoch und Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden keine Seltenheit sind. Die hohen Eink\u00fcnfte gehen f\u00fcr hohe Mieten und Grundst\u00fcckpreise sowie die bittern\u00f6tige Entspannung drauf. Ganz unten im sozialen Gef\u00fcge des Silicon Valley stehen migrantische Frauen, f\u00fcr die drei Jobs gleichzeitig eher Regel als Ausnahme sind. Sie k\u00fcmmern sich um ihre Familien, haben ein bis zwei schlechtbezahlte Service-Jobs im Silicon Valley, f\u00fcr die sie oft lange Busreisen in Kauf nehmen m\u00fcssen, weil in den Vierteln, in denen viele von ihnen vormals gelebt haben, jetzt die gutbezahlten Programmierer leben. Viele schrauben ausserdem in Heimarbeit die Platinen f\u00fcr die Hardware des Silicon Valley zusammen, eine Arbeit, die aufgrund der giftigen Materialien krank macht. An dieser Stelle werden aber nicht nur die Zusammenh\u00e4nge sehr deutlich, sondern auch, wie immanent diesem System Rassismus und Sexismus sind, und warum es so wichtig ist, sie in Relation zur Klassenfrage zu behandeln. Und hier wird auch klar, dass sich kein Problem dadurch erledigen wird, dass wir an den T\u00fcren dieser Konzerne rappeln und lediglich fordern, mitmachen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Das Konzept des Cyber-Proletariats selbst ist aber auch nicht ohne Probleme:<\/strong> Dyer-Withford scheitert im Grunde bei seinem Versuch, ein allumfassendes Konzept zu schaffen, das beides ist, Analysekategorie und kollektivierender Kampfbegriff. Aber letztlich bleibt er eben genau das: wieder ein weiterer Begriff, der in die Debatte eingef\u00fchrt werden muss, der sich erst durchsetzen m\u00fcsste, der in Konkurrenz zum Prekariat, zur Multitude, zu den 99 Prozent tritt. Und er schafft es auch nicht, neue Formen der Arbeit in den Blick zu nehmen. Er reisst zwar an, dass das, was wir beispielsweise jeden Tag f\u00fcr Facebook machen, dass jeder Klick im Grunde unbezahlte Arbeit ist. Aber er beschr\u00e4nkt sich darauf, zu beschreiben, wie prek\u00e4r und ersetzbar sie ist, und vergisst, dass sich hier\u00fcber auch Kollektivierungen ergeben k\u00f6nnten sowie ein Ankn\u00fcpfen an die deutlich geschichtstr\u00e4chtigeren Begriffe der Arbeit, der Arbeiter_innen und des Arbeitskampfs.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Doch Dyer-Withford h\u00f6rt hier noch lange nicht auf:<\/strong> Er diskutiert die Proteste, die wir seit der letzten Finanzkrise 2008 gesehen haben, stellt diese ebenfalls in Zusammenhang zur fortschreitenden Digitalisierung und zeigt auf, dass wir als Linke zwar technisch versiert sein m\u00fcssen, dass von Twitter- und Facebook-Revolutionen aber keine Rede sein kann. Wie bereits in seinem \u201eCybermarx\u201c (1999) diskutiert er all das im Hinblick auf die Debatten und K\u00e4mpfe der Autonomen Marxisten und Post-Operaisten, zeigt aber auch deren Limitierungen auf. Er hat mit dem Wirbelwind durch den digitalen Vortex wirklich nicht zu wenig versprochen. Und zum Schluss gibt er dann noch einen pathetischen Ausblick auf kommende K\u00e4mpfe, bei denen er unter anderem durchaus sinnvolle Argumente f\u00fcr einen bewaffneten Kampf liefert. Und selbst wenn man dem nicht folgen mag, geht man am Ende aus \u201eCyber-Proletariat\u201c wie aus einem richtig guten Blockbuster-Film raus: leicht durchgeb\u00fcgelt und \u00fcberw\u00e4ltigt, voller neuer Erkenntnisse und bereit f\u00fcr die Tat. Und alleine schon deswegen ist das Buch nat\u00fcrlich unbedingt empfehlenswert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nina Scholz<br \/>\nkritisch-lesen.de<\/p>\n<p><strong>Nick Dyer-Witheford: Cyber-Proletariat. Global Labour in the Digital Vortex. Pluto Press, London 2015. 256 Seiten. ca. SFr. 37.00. ISBN: 9780745334035.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nick Dyer-Withford zeigt auf, wie der digitale Kapitalismus die weltweite Klassenzusammensetzung pr\u00e4gt. Seit Anfang des neuen Jahrtausends ist die Rede vom digitalen Kapitalismus. Auf linken Veranstaltungen, in Feuilletons und auf hip-getrimmten Panels irgendwelcher Telekommunikationsfirmen wird \u00fcber ihn diskutiert. 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