{"id":1795009,"date":"2024-01-24T12:33:02","date_gmt":"2024-01-24T12:33:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1795009"},"modified":"2024-01-24T12:36:40","modified_gmt":"2024-01-24T12:36:40","slug":"sepp-holzer-bauern-sind-sklaven-auf-dem-eigenen-hof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/01\/sepp-holzer-bauern-sind-sklaven-auf-dem-eigenen-hof\/","title":{"rendered":"Sepp Holzer: \u00abBauern sind Sklaven auf dem eigenen Hof\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Poltern kann er auch mit 82 Jahren noch. Anl\u00e4sslich seines neuen Buches \u00abAgrarrebellion jetzt!\u00bb sprach ich mit dem bekannten Bergbauern aus \u00d6sterreich \u00fcber die Bauernproteste und was Bauern heute anders machen sollten.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Christa Dregger<\/em><\/p>\n<p>Sepp Holzer, heute 82, \u00fcbernahm mit 19 Jahren den elterlichen Bergbauernhof im Lungau im Bundesland Salzburg \u2013 auch als K\u00e4lteloch oder \u00abSibirien \u00d6sterreichs\u00bb bekannt. Der junge und streitbare Bauer begann mit seiner Frau Veronika in den 60er-Jahren ganz intuitiv etwas, was viel sp\u00e4ter als \u00abPermakultur\u00bb weltbekannt werden sollte: eine ganzheitliche Mischkultur, ein Biotop aus verflochtenen Symbiosen. Und das auf 1100 \u2013 1500 m Seeh\u00f6he. Er las \u00abim Buch der Natur\u00bb, wie er nicht m\u00fcde wird zu erkl\u00e4ren, und fand heraus, dass auch in diesen widrigen Umst\u00e4nden ohne Kunstd\u00fcnger und Pestizide ein sehr gutes Auskommen war. Seen und Teiche auf Bergh\u00e4ngen, Mischw\u00e4lder statt Fichtenw\u00fcsten, \u00fcppige Ernten von Obst, Kr\u00e4utern und Gem\u00fcse, artgerecht gehaltene, tats\u00e4chlich gl\u00fccklich wirkende Nutztiere.<\/p>\n<p>Vertretern von Landwirtschaftskammern und Beh\u00f6rden drohte er manchmal Pr\u00fcgel an und jagte sie vom Hof: Er blieb stur und liess sich nicht dreinreden. Der Erfolg gab ihm recht: Sein Krameterhof, den inzwischen sein Sohn Josef Holzer \u00fcbernommen hat, wirft seit Jahrzehnten ohne jegliche Subvention Gewinne ab. Jetzt schrieben Sepp und Josef Holzer zusammen ein neues Buch: \u00abAgrarrebellion jetzt!\u00bb.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1795016 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/cover-Agrarrebellion-kl-226x300.jpg\" alt=\"\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/cover-Agrarrebellion-kl-226x300.jpg 226w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/cover-Agrarrebellion-kl.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><\/p>\n<p>Darin legen sie nieder, wie ein echter Bauernaufstand aussehen k\u00f6nnte: Indem sich die Landwirte ganz von der Industrie und der B\u00fcrokratie abkoppeln &#8211; und mit der Natur kooperieren!<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Eine Subvention ist keine F\u00f6rderung. Das ist eine teilweise Schadensabgeltung einer verfehlten Agrarpolitik. Und dieses geschenkte Geld hat die Bauern s\u00fcchtig gemacht.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Zeitpunkt: Herr Holzer, der Titel Ihres neuen Buches k\u00f6nnte nicht besser zur aktuellen Situation passen. Sind die Bauernproteste in Deutschland der Beginn einer Agrarrebellion?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sepp Holzer:<\/strong> Die Bauern kommen mit ihrem Protest viel zu sp\u00e4t. Sie haben sich von der Industrie vereinnahmen lassen und sind Arbeitssklaven auf ihrem eigenen Betrieb geworden. Sie lassen sich von den Beh\u00f6rden, den Genossenschaften und Konzernen vorschreiben, wann sie liefern sollen, wieviel sie liefern sollen, was sie d\u00fcngen. Sie halten sich daran, weil sie Angst hatten, dass man ihnen die Subvention streicht. Eine Subvention ist aber keine F\u00f6rderung. Das ist eine teilweise Schadensabgeltung einer verfehlten Agrarpolitik. Und dieses geschenkte Geld hat die Bauern s\u00fcchtig gemacht.<\/p>\n<p>So wurden Bauern, die ja fr\u00fcher verantwortungsvoll mit der Natur umgegangen sind, zu Naturzerst\u00f6rern, Vergiftern, Tierqu\u00e4lern. Was ich alleine heute in der Massentierhaltung sehe, ist haarstr\u00e4ubend, \u00fcberall auf der Welt, auch in einigen Biobetrieben. Diese Tierqu\u00e4lerei ist katastrophal.<\/p>\n<p>Wenn der Bauer das aber nicht f\u00fchlt, dann geht er nicht mit der Natur. Und dann geht die Natur auch nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Der Verwaltungsapparat ist eine Katastrophe, die Auflagen sind Schikanen! Das ist f\u00fcr Bauern so kompliziert, dass sie es nicht mehr selbst machen k\u00f6nnen und von Beratern abh\u00e4ngig werden. Sie sollen sich verschulden und s\u00fcndhaft teure Maschinen anschaffen \u2013 die dann auch noch den Boden und die Fruchtbarkeit zerst\u00f6ren. Bauer gehen pleite, weil sie kein Gef\u00fchl mehr f\u00fcr die Natur haben. Viele Bauern h\u00f6ren auf, denn die Produktion rechnet sich nicht mehr. Verdienen tun nur noch Grossgrundbesitzer und Industrie. Die Kinder der Bauern wollen den Leidensweg der Eltern nicht mehr weiterf\u00fchren und gehen in die Stadt. Darum verk\u00fcmmern die H\u00f6fe. 250.000 Bauern haben in \u00d6sterreich seit dem Beitritt zur EU aufgegeben. \u00a0<a href=\"https:\/\/www.agrarzeitung.de\/nachrichten\/agrarspitzen\/horst-hermannsen-zur-misere-am-schweinemarkt-eu-weite-ueberproduktion-97489\">(In der EU haben in den letzten 15 Jahren 5 Millionen Bauern aufgegeben&#8230; d.R.)\u00a0<\/a> Bei uns kaufen Banker ganze D\u00f6rfer auf. Warum lassen die Bauern das so lange mit sich machen? Das sollten sie \u00e4ndern. Und das k\u00f6nnten sie \u00e4ndern.<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die Natur ist meine F\u00f6rderung. Wenn ich es so bewirtschafte, wird die Natur f\u00fcr mich arbeiten. Die Vielfalt arbeitet Tag und Nacht f\u00fcr mich.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen sie denn tun?<\/strong><\/p>\n<p>Viel mehr an den Ursachen anfangen. Bauern m\u00fcssen wieder lernen, mit ihrem Grund und Boden verantwortlich umzugehen. Die Grosseltern oder Urgrosseltern haben das vielleicht noch gekonnt. Doch die Industrie hat die Bauern dazu gebracht, ganz anders vorzugehen: Der Boden wird planiert, alles soll auf einer Ebene sein, alle Str\u00e4ucher und Steine weg, das Wasser wird abgeleitet, das Saatgut kommt von der Genossenschaft. Bauern wurden hinterw\u00e4ldlerisch genannt, wenn sie nicht mit machen.<\/p>\n<p>Wir haben in unserem Buch beschrieben, wie man vorgehen muss, damit man bei der Arbeit Freude hat: Neugierig sein. Vieles ausprobieren. Und dann herausfinden, was auf meinen Boden am besten passt. Das ist ja unterschiedlich, lehmig oder sandig, trocken oder feucht. Wenn ich mit der Natur kommuniziere, dann sp\u00fcre ich ja, wie es dem Boden und den Pflanzen und Tieren geht. Da muss ich mir von so genannten Experten nichts sagen lassen. Ich muss nur den Boden etwas aufkratzen und mit den Fingern hineinsp\u00fcren, dann erkenne ich die Feuchtigkeit, das K\u00f6rnungsmuster usw. Mit der Natur kommunizieren, sich hineinversetzen in unser Gegen\u00fcber, in die Natur, dann verstehen wir, was es braucht.<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wenn der Bauer nicht mit der Natur geht, dann geht sie auch nicht mit ihm.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Inzwischen \u00e4ndert sich das Klima. Im Sommer wird es trockener, wenn es dann doch einmal regnet, gibt es gleich \u00dcberschwemmungen. Die Last am Klimawandel tragen die Bauern.<\/strong><\/p>\n<p>Aber warum \u00e4ndert sich das Klima? Wegen der falschen Bewirtschaftung! Wasser ist das allerwichtigste! Das gr\u00f6sste Problem ist, dass man es, wo es auftritt, sofort kanalisiert, drainagiert und ableitet. Quellen versiegen, das Wasser wird weniger, gleichzeitig gibt es jedes Jahr \u00dcberschwemmungen. Was muss denn noch passieren, dass der Mensch kapiert, dass er der Verursacher ist!<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die Bauern haben aber gelernt, immer nur zu fragen: Wie kann ich in k\u00fcrzester Zeit am meisten herausholen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dagegen kann man was tun: das Wasser auf dem Land halten, nicht abf\u00fchren! Das hat man vor \u00fcber hundert Jahren schon gemacht, durch Teiche und Gr\u00e4ben. Heute hat man dazu aber viel mehr technische M\u00f6glichkeiten. Jetzt kann man grossfl\u00e4chig in den verschiedenen Zonen Retentionsbecken anlegen \u2013 ein, zwei oder wie viele notwendig sind, damit der Boden das Regenwasser aufnehmen kann. Wenn es dann im Sommer nicht mehr regnet, ist noch genug Feuchtigkeit f\u00fcr das Wachstum vorhanden. Denn ich mache die Teiche anhand der H\u00f6henlinien so, dass das Wasser in trockenen Zeiten zwar sinkt, aber nie ganz leer wird. Heute haben wir auf dem Krameterhof ein verbundenes System mit 30-40 Teichen. Das bringt Wachstum und Vielfalt, ein regelrechtes Paradies.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1795012 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Krameterhof_2011063-Holzer-Permakultur-1500px.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"633\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Krameterhof_2011063-Holzer-Permakultur-1500px.jpg 1000w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Krameterhof_2011063-Holzer-Permakultur-1500px-300x190.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Krameterhof_2011063-Holzer-Permakultur-1500px-820x519.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p><b>Sie haben oben auf dem Berg, wo ansonsten Almen sind, 30-40 Teiche angelegt \u2013 wo kommt das Wasser denn her?<\/b><\/p>\n<p>Das Wasser kommt vom Himmel! Das Niederschlagswasser muss in den Boden einsickern k\u00f6nnen. Die Teiche sind alle ohne Folie oder Beton. Durch die Feuchtigkeit entwickelt sich das Bodenleben und Humus. Und je mehr Humus ich habe, desto gr\u00f6sser ist die Speicherwirkung. Dann rauscht kein Regen mehr ins Tal, sp\u00fclt mir den Boden aus und w\u00e4scht die N\u00e4hrstoffe weg.<\/p>\n<p>Die Bauern haben aber gelernt, immer nur zu fragen: Wie kann ich in k\u00fcrzester Zeit am meisten herausholen an Mais oder Weizen oder was auch immer? Dadurch geschehen all die Fehler. Dann streuen sie Kunstd\u00fcnger, die sind salzhaltig, und das Salz macht das ganze Bodenleben kaputt. Die Regenw\u00fcrmer und alle anderen Kleinstlebewesen verschwinden. Wenn das alles tot ist, wird der Boden hart und fest, das Wasser kann nicht mehr einsickern. Der wenige verbleibende Humus wird weggeschwemmt und landet auf den Strassen und B\u00e4chen, dann werden die Fl\u00fcsse braun und der Boden verarmt. Das sieht man bei jedem Regen. Wie kann man so bl\u00f6d sein, dass man das nicht kapiert: Die B\u00f6den werden immer magerer, immer weniger w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Die Bauern machen das mit, weil ihnen das von Seiten der Kammer, der Genossenschaft so gesagt wird. Sie laufen ihnen nach und vergessen, dass sie das \u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Jetzt nochmal: Wie?<\/strong><\/p>\n<p>Indem sie anfangen, die Fl\u00e4chen zu renaturieren, die sie kaputtgemacht haben, und statt dessen Retentionsbecken aufbauen. Dann k\u00f6nnen sie Vielfalt anpflanzen. Ob sie sich dann f\u00fcr Tierhaltung entscheiden oder Getreide, Kr\u00e4uter oder Gem\u00fcse haben, das ist dann ihnen \u00fcberlassen. Oder zum Beispiel f\u00fcr einen essbaren Wald, leicht bewirtschaftbar.<\/p>\n<p><strong>Daf\u00fcr kriegt aber niemand eine F\u00f6rderung.<\/strong><\/p>\n<p>Ich brauche keine. Die Natur ist meine F\u00f6rderung. Wenn ich es so bewirtschafte, wird die Natur f\u00fcr mich arbeiten. Die Vielfalt arbeitet Tag und Nacht f\u00fcr mich. Schauen, beobachten, lesen in der Natur \u2013 lernen, wie es einfacher geht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1795013 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/schwein.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"633\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/schwein.jpg 1000w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/schwein-300x190.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/schwein-820x519.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<div class=\"field--item\"><a href=\"https:\/\/www.seppholzer.at\/\">Mehr: www.seppholzer.at\/<\/a><\/div>\n<div class=\"field--item\"><a href=\"https:\/\/www.stocker-verlag.com\/buch\/agrar-rebellion-jetzt\/\">Mehr \u00fcber das Buch: \u00abAgrarrebellion jetzt\u00bb von Sepp Holzer und Josef Holzer<\/a><\/div>\n<div class=\"field--item\"><a href=\"https:\/\/www.stocker-verlag.com\/buch\/wueste-oder-paradies\/\">Mehr \u00fcber das Buch \u00abW\u00fcste oder Paradies\u00bb von Sepp Holzer und Christa Dregger<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Poltern kann er auch mit 82 Jahren noch. 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