{"id":1791946,"date":"2024-01-08T18:32:18","date_gmt":"2024-01-08T18:32:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1791946"},"modified":"2024-01-08T18:32:18","modified_gmt":"2024-01-08T18:32:18","slug":"konjunktur-fuer-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/01\/konjunktur-fuer-faschismus\/","title":{"rendered":"Konjunktur f\u00fcr Faschismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Krise des Kapitals treibt der AfD die W\u00e4hlermassen zu \u2013 auch wenn einflussreiche Kapitalmanager \u00f6ffentlich gegen Rechtsextremisten polemisieren.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt durchaus faschistoide Faschismusdefinitionen. Diese zumeist in den braun anlaufenden Zerfallsprodukten altlinker Str\u00f6mungen verbreiteten Anschauungen sehen den Faschismus, der oft vom Verschw\u00f6rungswahn angetrieben wird, selber als eine Verschw\u00f6rung an. Die Grundidee dabei ist, dass die im Hintergrund agierenden, b\u00f6sen Reichen vermittels faschistischer Strohm\u00e4nner die guten Armen gegeneinander aufhetzen, um hieraus Profit zu schlagen oder ihre Herrschaft zu sichern.1 Solch pseudolinker Verschw\u00f6rungsglaube ist zumeist Ausdruck einer bereits weitgehend errungenen rechten Hegemonie. Er gewinnt in der Endphase der Faschisierung einer Gesellschaft an Popularit\u00e4t, wenn selbst deren Gegner unbewusst von dieser erfasst werden.<\/p>\n<p>Das historische Vorbild f\u00fcr diese Ideologeme reicht zur\u00fcck in die Aufstiegsphase des Faschismus in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. W\u00e4hrend die Nazis die Welt als eine absurde \u201ej\u00fcdisch-bolschewistische Weltverschw\u00f6rung\u201c halluzinierten, bei der sowjetische Bolschewiki und amerikanische Finanzkapitalisten zusammen die F\u00e4den gezogen haben sollen, sah wiederum die im Stalinismus popul\u00e4re Dimitroff-These die Finanzkapitalisten hinter dem Faschismus. Die nach dem bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff benannte Definition, die zum Kanon des orthodoxen Marxismus-Leninismus2 avancierte, definierte den Faschismus als die \u201eterroristische Diktatur der am meisten reaktion\u00e4ren, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals\u201c.<\/p>\n<p>Derzeit scheint es hingegen so, als ob Dimitroffs These auf dem Kopf st\u00fcnde, da es gerade die \u201eElemente des Kapitals\u201c sind, die sich \u00f6ffentlich gegen den drohenden Faschismus positionieren. Der Pr\u00e4sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, warnte Ende Dezember eindringlich vor der AfD als einer \u201ePartei, die sch\u00e4dlich ist f\u00fcr die Zukunft unseres Landes\u201c.3 Es sei \u201ekein harmloser\u201c Protest, die in weiten Teilen rechtsextreme Bewegung zu w\u00e4hlen, da Deutschland \u201evon Weltoffenheit und internationalem Handel\u201c lebe, warnte Russwurm. Womit der Kapitalfunktion\u00e4r der g\u00e4ngigen, langj\u00e4hrigen Verharmlosung der AfD als blosser \u201eProtestpartei\u201c widersprach.<\/p>\n<h3>\u201eGift f\u00fcr den Standort\u201c<\/h3>\n<p>Wolfgang Grosse Entrup, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Verbandes der Chemischen Industrie, bezeichnete die AfD gar als \u201eGift\u201c f\u00fcr den Standort Deutschland und als eine grosse \u201eBedrohung f\u00fcr Deutschland\u201c, die sogar die \u201ehohen Energiepreise\u201c und die \u201e\u00fcberbordende B\u00fcrokratie\u201c in den Schatten stelle.4 Es w\u00e4re \u201efatal\u201c, wenn die \u201eRechten in Deutschland\u201c, die derzeit nur \u201evereinzelt an den Hebeln der Macht\u201c s\u00e4ssen, im Wahljahr 2024 weiter Auftrieb erhielten, so der Kapitalfunktion\u00e4r, der daf\u00fcr pl\u00e4dierte, die \u201ewachsende Zahl der Gleichg\u00fcltigen\u201c zu motivieren, mit dem \u201eStimmzettel f\u00fcr eine offene Gesellschaft zu votieren\u201c. \u00c4hnlich \u00e4usserte sich Ende Dezember der fr\u00fchere Siemens-Chef Joe Kaeser, der schon mehrmals vor der AfD gewarnt hatte.5 Der prominente Industriemanager gab seiner Sorge um den Fortbestand der Demokratie in der Bundesrepublik Ausdruck, da die Mehrheit der Deutschen sich nicht mehr f\u00fcr deren Erhalt einsetzen w\u00fcrde \u2013 wobei Kaeser offen Parallelen zu 1933 zog.<\/p>\n<p>Kapitalfunktion\u00e4re haben sporadisch in den vergangenen Jahren immer wieder Position gegen die AfD bezogen, neben Kaeser6 waren es etwa die Pr\u00e4sidenten des BDI, die 2017 den drohenden \u201eR\u00fcckzug ins Nationale\u201c kritisierten,7 oder bereits 2016 die Programmatik der Rechtspartei als \u201eGift f\u00fcr uns als Exportnation\u201c bezeichneten.8 Dennoch beklagte das Handelsblatt Mitte 2023,9 dass viele \u201eWirtschaftsf\u00fchrer\u201c zwar die Politik der Ampel-Koalition hart kritisierten, etwa bei Energiefragen, aber kaum Stellung gegen die AfD beziehen w\u00fcrden. Hier herrsche \u201eauff\u00e4llige Stille\u201c, obwohl \u201ekeine andere Partei\u201c andersdenkende Menschen so stark \u201ediffamiert und diskriminiert\u201c. L\u00e4ngst sei ein entsprechender \u201eDiskurs\u201c in Gang gesetzt worden, der sich auch in die \u201evielf\u00e4ltig aufgestellten Betriebe mit ihren Millionen von Besch\u00e4ftigten hineinfrisst\u201c.<\/p>\n<h3>M\u00f6venpick in Zuckermilch<\/h3>\n<p>Hohe Energiepreise sind Deutschlands Wirtschaftskapit\u00e4nen wichtiger als hohe Umfragewerte f\u00fcr Rechtsextremisten. Russwurm &amp; Co. sind Kapitalfunktion\u00e4re, nicht Politiker. Doch wieso kritisieren pl\u00f6tzlich mehrere Vertreter der Wirtschaft die AfD? Die \u00f6ffentliche Manager-Intervention gegen den aufsch\u00e4umenden Faschismus sieht faktisch nach Schadensbegrenzung und Imagepflege aus. Kurz zuvor ist bekannt geworden, dass der Milliard\u00e4r und Zuckermilchproduzent Theo M\u00fcller (u. a. M\u00fcllermilch, Weihenstephan, Landliebe) sich im vergangenen Herbst mit AfD-Chefin Alice Weidel in Cannes getroffen hat, um \u00fcber das Programm der best\u00e4ndig nach rechts abdriftenden Bewegung10 zu plaudern. In einer Stellungnahme M\u00fcllers hiess es, der Zuckermilchmilliard\u00e4r habe im Gespr\u00e4chsverlauf \u201enicht den geringsten Anhaltspunkt\u201c f\u00fcr NS-Ideologie in einer Partei finden k\u00f6nnen, die selbst ein Verfassungsschutz, der einen Hans-Georg Maassen hervorbrachte,11 in weiten Teilen als \u201egesichert rechtsextremistisch\u201c12 einstuft.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheinen hier auch bei den Funktionseliten verschiedene politische Ansichten zum Ausdruck zu kommen, die auf die politische Spaltung der krisengeplagten Metropolengesellschaften verweisen. M\u00fcller, der in den 80ern schon die rechtspopulistischen \u201eRepublikaner\u201c finanziert haben soll,13 scheint schlicht eine \u00e4hnliche pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenz f\u00fcr rechte Bewegungen zu haben wie der in der Schweiz lebende, deutsche \u201eM\u00f6venpick-Milliard\u00e4r\u201c Baron August von Finck, der die AfD in ihrer Aufstiegsphase finanziert haben soll.14 Der grosse Unterschied zwischen dem Hotelkettenbesitzer Baron von Finck und dem Molkereif\u00fcrst M\u00fcller besteht darin, dass der Schweizer Steuerexilant grosse M\u00fche auf Geheimhaltung legte, w\u00e4hrend M\u00fcller offen agiert und auch weitere Gespr\u00e4che mit Weidel ank\u00fcndigte. Diese offene Kumpanei zwischen Milliard\u00e4r und dem F\u00fchrungspersonal einer ins Faschistische abdriftenden15 Partei kommt tats\u00e4chlich einem weiteren Dammbruch gleich, was auch die heftigen Reaktionen der Manager und BDI-Funktion\u00e4re erkl\u00e4rt, die nicht nur um das internationale Ansehen des Standorts Deutschland besorgt sind.<\/p>\n<h3>Braune Bewegung in der Krise<\/h3>\n<p>Etwas ger\u00e4t ins Rutschen, wenn deutsche Milliard\u00e4re anfangen, offen die AfD von NS-Ideologie freizusprechen, w\u00e4hrend ein Bj\u00f6rn H\u00f6cke in Th\u00fcringen zum Spitzenkandidaten gew\u00e4hlt wird. Die in vielen westlichen Zentrumsl\u00e4ndern zum Durchmarsch ansetzenden Rechtsparteien sind keine Retortenprodukte, sie sind keine Politattrappen, hinter denen reaktion\u00e4re \u201eFinanzkapitalisten\u201c die F\u00e4den z\u00f6gen, auch wenn sie Anschubfinanzierungen von reaktion\u00e4ren Milliard\u00e4ren erhalten m\u00f6gen. Es sind genuine, echte Massenbewegungen,16 die, angetrieben von einem Extremismus der Mitte, sich in einer autorit\u00e4ren Revolte befinden. Und sie werden von den Funktionseliten in Wirtschaft und Politik \u2013 vor allem in der Anfangsphase \u2013 zumeist als St\u00f6rfaktoren wahrgenommen.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich bei diesen pr\u00e4faschistischen Bewegungen um den braunen Ausfluss des Krisenprozesses, der das kapitalistische Weltsystem in den Kollaps treibt.17 Faschismus ist vor allem Krisenideologie. Die Systemkrise in ihrer \u00f6konomischen wie \u00f6kologischen Dimension befeuert dessen politische Konjunktur. Damit sind die Wahlerfolge der AfD nur Ausdruck der reaktion\u00e4ren Dynamik, die in der Mitte der Gesellschaft in Reaktion auf deren krisenhafte Ersch\u00fctterungen aufkommt. Autorit\u00e4re Charaktere, die sich an eine in Aufl\u00f6sung befindliche Gesellschaft klammern, sind besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr diesen Extremismus der Mitte, der paradoxerweise vom Umsturz faselt, um zur guten, alten, \u201erassereinen\u201c Zeit zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Die von Kaeser gezogenen Parallelen zu 1933 sind somit durchaus zutreffend, da die Macht\u00fcbertragung an die Nazis ohne die Weltwirtschaftskrise von 1929 undenkbar gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Faschismus kann als eine terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft angesehen werden, als den Versuch, das kapitalistische System auch dann noch mittels barbarischer Methoden und wahnhafter Ideologie aufrechtzuerhalten, wenn es an seinen Widerspr\u00fcchen zu zerbrechen droht. Die soziale und \u00f6kologische Krise, von der das sp\u00e4tkapitalistische Weltsystem erfasst ist, reicht aber viel tiefer als die 1929 ausgel\u00f6ste Weltwirtschaftskrise. Der zentrale Unterschied besteht darin, dass es unm\u00f6glich geworden ist, die Widerspr\u00fcche und die Krise des Kapitals durch ein neues Akkumulationsmodell aufzul\u00f6sen, welches massenhaft rentabel Arbeit einsaugt (wie den Fordismus der Nachkriegszeit), nicht mal durch eine Kriegswirtschaft. Es kann also nur eine Krisenverschleppung, keine Krisenl\u00f6sung geben. Nicht zuf\u00e4llig ist mittlerweile auch in der b\u00fcrgerlichen Presse von multiplen Krisen die Rede, wobei sie unverstanden bleiben.<\/p>\n<p>Jede neue gesellschaftliche Ersch\u00fctterung schafft dieser reaktion\u00e4ren, ins Rechtsextreme tendierenden Dynamik neuen Aufschwung, deren Aufstieg durch die Krisensch\u00fcbe der vergangenen zwei Jahrzehnte befeuert wurde: Hartz IV samt Sarrazin-Debatte, Finanz und Eurokrise, Fl\u00fcchtlingskrise, Klimakrise und Klimabewegung, Pandemie und Ukrainekrieg, Inflation und Stagnation. Was treibt rechte und rechtsextreme Ideologie in Krisenzeiten konkret ins Extrem? Auf identit\u00e4rer Ebene ist es die nationale Identit\u00e4t, auf ideologischer Ebene ist es das kapitalistische Konkurrenzdenken, das mit Nationalismus und Rassismus angereichert wird.<\/p>\n<p>Der ideologische Reflex ist \u2013 wie schon in der Sarrazindebatte18 etabliert \u2013 immer der gleiche: Ein Krisenschub wird auf halluzinierte rassische oder kulturelle Minderwertigkeiten der Krisenopfer zur\u00fcckgef\u00fchrt. Die Krisenursachen werden so personifiziert: Die Arbeitslosen seien schuld an Verelendung und Arbeitslosigkeit, die S\u00fcdeurop\u00e4er seien schuld an der Eurokrise, die Araber seien schuld an Krieg und Staatszerfall in ihrer Region, die Klima-Kids sch\u00fcrten Panik und machten unsere Wirtschaft kaputt, etc., pp. \u2013 so die \u00fcblichen rechten Narrative, die zumeist mit strukturell antisemitischen Verschw\u00f6rungsideologien einhergehen (Finanzkrise und Bankerverschw\u00f6rung, Pandemie und Corona-Verschw\u00f6rung, Klimakrise und Wissenschaftlerverschw\u00f6rung). Der Deal, den der Faschismus den Lohnabh\u00e4ngigen anbietet, ist einfach: Ohne die zu Feindbildern gestempelten Fremdgruppen, die nicht zum nationalen Leistungskollektiv gez\u00e4hlt werden (Arbeitslose, Ausl\u00e4nder, etc.), reicht es f\u00fcr uns auch in Krisenzeiten.19<\/p>\n<p>Der springende Punkt ist, dass diese autorit\u00e4re Revolte nie an die Macht gelangt, solange nicht ein substanzieller Teil der Funktionseliten sich f\u00fcr diese faschistische Option entscheidet. Deswegen die Intervention des BDI und \u00f6ffentliche Kritik an der AfD durch Spitzenmanager, da der milliardenschwere Herr M\u00fcllermilch das Programm dieser Partei auch im Internet h\u00e4tte lesen k\u00f6nnen und wohl eher die Modalit\u00e4ten einer etwaigen Regierungspolitik der AfD sondierte. Es deutet sich eine offene Spaltung hinsichtlich der Regierungsbeteiligung einer ins Rechtsextreme abdriftenden Partei innerhalb der deutschen Funktionseliten an \u2013 zuletzt war dies w\u00e4hrend der Eurokrise der Fall.20 Das ist der entscheidende Dammbruch, da ja auch die Nazis keine \u201ePartei des chauvinistischen Finanzkapitals\u201c waren, aber auch niemals ohne Zustimmung m\u00e4chtiger Kapitalfraktionen, ohne den Tag von Potsdam21 an der Macht geblieben w\u00e4ren.<\/p>\n<h3>Einbruch Exportkonjunktur \u2013 Aufbruch AfD?<\/h3>\n<p>Hierin wird auch die eingangs erw\u00e4hnte Dimitroff-Doktrin vollauf als Ideologie kenntlich, als falsches Bewusstsein, das aber einen Kern verzerrter Realit\u00e4t in sich tr\u00e4gt: Faschistische Bewegungen kommen in Krisenzeiten erst dann an die Macht, wenn die Ersch\u00fctterungen und Verwerfungen ein solches Ausmass angenommen haben, dass Funktionseliten diese Bewegungen als das \u201ekleinere \u00dcbel\u201c wahrnehmen. Um es mal plastisch auszudr\u00fccken: Erst wenn Kapitalmanager sich so tief im Krisensumpf verrannt haben, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht, halten sie sich die Nase zu, um der extremen Rechten die Hand zu reichen. Und dann gibt es kein Halten mehr, da die faschistische autorit\u00e4re Revolte, die immer nach der Billigung durch Autorit\u00e4ten giert, hierdurch gerade zus\u00e4tzlich angefacht wird (Was, im \u00fcbrigen, auch die linke Intention, durch Demaskierung der m\u00e4chtigen faschistischen Hinterm\u00e4nner deren Anh\u00e4ngerschaft wachzur\u00fctteln, ins Leere laufen l\u00e4sst. Autorit\u00e4re Charaktere werden durch die Kumpanei von AfD-Funktion\u00e4ren und Milliard\u00e4ren nicht abgeschreckt, sondern angezogen.).<\/p>\n<p>Die reaktion\u00e4re Avantgarde innerhalb der Funktionseliten bilden in Krisenzeiten eher Kleinunternehmer und Mittelst\u00e4ndler, wie es etwa anhand der Verbindungen zwischen dem Verband der \u201eFamilienunternehmer\u201c und der AfD sichtbar wurde.22 Auf den Binnenmarkt fokussierte Kapitalisten, wie Baron von Finck oder Herr M\u00fcller, scheinen ebenfalls eher geneigt, rechtsextreme Optionen zu erw\u00e4gen, als Exportunternehmer. Diejenige Kapitalfraktion, die am entschiedensten gegen eine AfD-Regierungsbeteiligung opponiert, ist folglich die deutsche Gross- und Exportindustrie. Es ist gerade das global agierende Grosskapital, das eher strategisch denkt, das um Spitzenkr\u00e4fte konkurrieren muss, das in der \u00c4ra der Globalisierung auch globale Produktionsketten aufgebaut hat und sich um das Image des Exportweltmeisters in seinen Absatzm\u00e4rkten sorgen muss. Es sind nicht nur pers\u00f6nliche politische Pr\u00e4ferenzen, sondern auch \u2013 und vor allem \u2013 handfeste, in der \u00c4ra der Globalisierung geformte Wirtschaftsinteressen, die den BDI und Siemens zur harschen Kritik an der AfD veranlassen.<\/p>\n<p>Und es ist eben die deutsche Exportindustrie, die sich aktuell in einem Abschwung befindet,23 der eigentlich nur den Anfang vom Ende des exportfixierten deutschen Wirtschaftsmodells24 bildet. Der starke R\u00fcckgang der Exporte 2023 hat wesentlich zur schlechten Konjunkturentwicklung in der Bundesrepublik beigetragen, wobei auch in den kommenden Jahren kaum Besserung zu erwarten ist.25 Das hat seinen guten Grund: Die Krise, die das Weltsystem erfasst hat,26 erscheint in ihrer \u00f6konomischen Dimension eine \u00dcberproduktionskrise, die zur Herausbildung immer gr\u00f6sserer Schuldenberge f\u00fchrte, mit denen eine an ihrer Produktivit\u00e4t erstickende Warenproduktion quasi \u201eauf Pump\u201c aufrechterhalten werden konnte.27 Deutschland schaffte es in der \u00c4ra der Globalisierung, nach der inneren Abwertung durch Hartz IV und Agenda 2010, durch Export\u00fcbersch\u00fcsse die Folgen dieser Systemkrise \u2013 wie Deindustrialisierung, Verschuldung und Arbeitslosigkeit \u2013 zu exportieren. Doch damit wird bald Schluss sein, da inzwischen verst\u00e4rkt weltweit protektionistische Massnahmen implementiert werden. Gerade die Vereinigten Staaten als einer der wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik greifen zunehmend zum Protektionismus,28 sodass die Globalisierung in einen Prozess der Ent- oder Deglobalisierung29 umschl\u00e4gt (nicht un\u00e4hnlich der protektionistischen Krisenreaktion in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts).<\/p>\n<p>Das bedeutet aber auch, dass die fetten, durch Export\u00fcbersch\u00fcsse erm\u00f6glichten Jahre f\u00fcr die Bundesrepublik unweigerlich zu Ende gehen. Das machtpolitische Gewicht der deutschen Exportindustrie wird somit zu einer Zeit abnehmen, in der erstmals seit langem auch Deutschland in eine lang anhaltende Krisenphase eintreten wird, von der abermals die Neue Rechte zu profitieren droht. Dabei ist die AfD schon zweitst\u00e4rkste Kraft. Wie d\u00fcnn das zivilisatorische Eis in der Bundesrepublik inzwischen ist, wird allein an dem Umstand deutlich, dass der Aufstieg der AfD in einer Phase relativer \u00f6konomischer Prosperit\u00e4t erfolgte; er wurde von der deutschen Krisenangst angefeuert, nicht von einem tats\u00e4chlichen Krisenausbruch, wie ihn etwa S\u00fcdeuropa w\u00e4hrend der Eurokrise durchstehen musste. Der gesamte b\u00fcrgerlich-liberale Antifaschismus, der weitgehend konform mit der Argumentation der Exportwirtschaft ging, betonte seit der Fl\u00fcchtlingskrise gerade die \u00f6konomischen \u201eN\u00fctzlichkeit\u201c von Globalisierung, f\u00fcr den Warenverkehr offener Grenzen und Zuwanderung. Fl\u00fcchtlinge seien \u00f6konomisch n\u00fctzlich aufgrund der \u00dcberalterung der Bundesrepublik, das Exportland m\u00fcsse attraktiv f\u00fcr Fachkr\u00e4fte bleiben, so jedenfalls die g\u00e4ngigen Argumente.<\/p>\n<p>Doch diese im liberalen Mainstream gepflegten Narrative werden verschwinden, sobald Stagnation und Rezession sich in Deutschland verfestigen, w\u00e4hrend die Exporte weiter abnehmen werden, um der \u201edeutschen Angst\u201c, die so gerne in Hass auf sozial Schwache umschl\u00e4gt, weiteren Aufwind zu verschaffen. Vielleicht ist jetzt schon der letzte historische Moment angebrochen, um den Durchmarsch der ins Rechtsextreme marschierenden AfD noch zu verhindern, bevor der Pr\u00e4faschismus auch noch eine dauerhafte Stagflation30 im R\u00fccken hat. Fokussierung auf den antifaschistischen Kampf in breiten B\u00fcndnissen, Forderung nach Verbotsverfahren und, vor allen Dingen, die offensive Suche nach Systemalternativen31 zur eskalierenden kapitalistischen Dauerkrise m\u00fcssten jetzt wirklich bei allen nicht-faschistischen Kr\u00e4ften in der Bundesrepublik Priorit\u00e4t geniessen. Vielleicht ist es noch nicht zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Tomasz Konicz<\/p>\n<p class=\"fussnoten\"><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p>1 Oftmals, gerade bei rechtsoffenen, altlinken Querfrontlern, geht dieser Verschw\u00f6rungsglaube mit der Verharmlosung oder Legitimierung faschistischer Gewalt einer, wenn diese nur von sozial unterprivilegierten Rechtsextremisten ver\u00fcbt wird. Hier ein Beispiel aus der Zeitschrift Konkret (12\/2022), die beim Pogrom und beim Brandschatzen durchaus Milde walten lassen will, wenn der Nazi nur angibt, von \u201eAbstiegs\u00e4ngsten\u201c geplagt zu sein: \u201eAuch ist denjenigen, die mit G\u00e4ngen zum Amt, mit Arbeit und Abstiegs\u00e4ngsten so auf Trab gehalten werden, dass sie nicht zum Denken kommen, nur bedingt zu ver\u00fcbeln, wenn sie ausagieren, was \u00f6ffentliche Rede und Regierungspolitik behaupten: dass n\u00e4mlich Migranten keine Menschen sind.\u201c<\/p>\n<p>2 https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/referenz\/dimitroff\/1935\/bericht\/ch1.htm<\/p>\n<p>3 https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/bdi-warnung-afd-100.html<\/p>\n<p>4 https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article249146036\/Standort-Krise-Noch-gefaehrlicher-fuer-Deutschland-ist-das-Gift-der-AfD.html<\/p>\n<p>5 https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/der-fruehere-siemens-chef-joe-kaeser-sorgt-sich-um-die-demokratie-19401907.html<\/p>\n<p>6 https:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/joe-kaeser-ueber-die-afd\u2014ich-kann-intoleranz-und-ausgrenzung-nicht-ausstehen\u20148557180.html<\/p>\n<p>7 https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/bdi-chef-dieter-kempf-gegen-afd-schaden-vom-standort-deutschland-abwenden-a-1169718.html<\/p>\n<p>8 https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/politik-der-afd-ist-gift-fur-uns-als-exportnation-3762061.html<\/p>\n<p>9 https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/kommentar-afd-umfragehoch-das-schweigen-der-wirtschaft\/29192600.html<\/p>\n<p>10 https:\/\/www.konicz.info\/2016\/08\/01\/die-bewegung-als-bewegung\/<\/p>\n<p>11 https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/hans-georg-maassen-innenministerium-verweigert-auskunft-ueber-ex-verfassungsschutzpraesident-a-5fc25a9d-f553-4dd9-a142-ada63e0c9838<\/p>\n<p>12 https:\/\/www.rnd.de\/politik\/afd-und-junge-alternative-wo-gelten-sie-als-gesichert-rechtsextrem-und-was-bedeutet-das-BEOYLLR67FCABBNQ6ESSRUZJWM.html<\/p>\n<p>13 https:\/\/www.fr.de\/wirtschaft\/muellermilch-bleibt-rechts-92707167.html<\/p>\n<p>14 https:\/\/www.konicz.info\/2017\/09\/14\/die-masken-fallen\/<\/p>\n<p>15 https:\/\/www.merkur.de\/politik\/hoecke-ist-spitzenkandidat-der-thueringer-afd-zr-92681629.html<\/p>\n<p>16 https:\/\/www.konicz.info\/2016\/08\/01\/die-bewegung-als-bewegung\/<\/p>\n<p>17 https:\/\/konkret-magazin.shop\/texte\/konkret-texte-shop\/66\/tomasz-konicz-kapitalkollaps?c=10<\/p>\n<p>18 https:\/\/www.konicz.info\/2010\/09\/21\/sarrazins-sieg-11\/<\/p>\n<p>19 Diese Argumentationsmuster hat Leo L\u00f6wenthal schon in seiner Studie \u201efalsche Propheten\u201c bei faschistischen Agitatoren in den Vereinigten Staaten der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts beschrieben. Leo L\u00f6wenthal, Falsche Propheten, Studien zur faschistischen Agitation, Suhrkamp, 2021<\/p>\n<p>20 https:\/\/www.konicz.info\/2017\/09\/14\/die-masken-fallen\/<\/p>\n<p>21 https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tag_von_Potsdam<\/p>\n<p>22 https:\/\/blog.campact.de\/2016\/08\/reich-maechtig-im-zentrum-der-hauptstadt-die-lobby-der-superreichen-firmenerben\/<\/p>\n<p>23 https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/konjunktur\/aussenhandel-export-import-china-usa-deutschland-100.html<\/p>\n<p>24 https:\/\/www.konicz.info\/2012\/12\/21\/der-exportuberschussweltmeister\/<\/p>\n<p>25 https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/konjunktur\/konjunktur-deutschland-diw-oecd-100.html<\/p>\n<p>26 Siehe hierzu auch: Claus Peter Ortlieb (2008): Widerspruch zwischen Stoff und Form, https:\/\/exit-online.org\/pdf\/WiderspruchStoffFormPreprint.pdf und Robert Kurz (2012): Die Klimax des Kapitalismus \u2013 Kurzer Abriss der historischen Krisendynamik, https:\/\/exit-online.org\/textanz1.php?tabelle=autoren&amp;index=38&amp;posnr=503&amp;backtext1=text1.php<\/p>\n<p>27 https:\/\/oxiblog.de\/die-mythen-der-krise\/<\/p>\n<p>28 https:\/\/www.konicz.info\/2023\/11\/28\/transatlantische-entkopplung\/<\/p>\n<p>29 https:\/\/www.konicz.info\/2023\/11\/20\/neue-kapitalistische-naehe-2-0\/<\/p>\n<p>30 https:\/\/www.konicz.info\/2021\/11\/16\/zurueck-zur-stagflation\/<\/p>\n<p>31 https:\/\/www.konicz.info\/2022\/10\/27\/radikalitaet-vs-extremismus\/<\/p>\n<p>Ich finanziere meine journalistische T\u00e4tigkeit gr\u00f6sstenteils durch Spenden. Falls Ihnen meine Texte zusagen, dann k\u00f6nnen Sie sich gerne daran beteiligen \u2013 entweder \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.patreon.com\/user?u=57464083\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Patreon<\/a>, oder durch direkte Bank\u00fcberweisung nach Absprache per Mail.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"artikel_footer\">\n<div id=\"social_share\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Krise des Kapitals treibt der AfD die W\u00e4hlermassen zu \u2013 auch wenn einflussreiche Kapitalmanager \u00f6ffentlich gegen Rechtsextremisten polemisieren. Es gibt durchaus faschistoide Faschismusdefinitionen. 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