{"id":1790106,"date":"2023-12-29T17:03:18","date_gmt":"2023-12-29T17:03:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1790106"},"modified":"2023-12-28T10:11:16","modified_gmt":"2023-12-28T10:11:16","slug":"durchhalteparolen-aus-berlin-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/12\/durchhalteparolen-aus-berlin-ii\/","title":{"rendered":"Durchhalteparolen aus Berlin (II)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlin dringt auf milit\u00e4rischen \u201eErfolg\u201c der Ukraine \u2013 trotz deren Mangels an Soldaten und Munition. Kiewer Kriegsstrategie soll in Wiesbaden in war games getestet werden. Einzug russischen Auslandsverm\u00f6gens im Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>Berlin dringt trotz rasch zunehmenden Mangels in den ukrainischen Streitkr\u00e4ften an Soldaten und an Munition auf einen milit\u00e4rischen \u201eErfolg\u201c der Ukraine. Es liege \u201ein unserem Interesse\u201c, dass Kiew im Krieg gegen Moskau \u201eerfolgreich\u201c sei, erkl\u00e4rt der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil; daf\u00fcr m\u00fcssten Deutschland und die EU nun auch \u201emehr Verantwortung\u201c \u00fcbernehmen. Klingbeil fordert dies, w\u00e4hrend vor allem US-Leitmedien dazu \u00fcbergehen, die milit\u00e4rische Lage in der Ukraine realistischer zu skizzieren als bisher. Demnach wird etwa der ukrainische Vorsto\u00df auf das Ostufer des Dnipro, der in Deutschland gefeiert wurde, von \u00fcberlebenden ukrainischen Soldaten als \u201esinnlos\u201c und \u201eSuizidmission\u201c charakterisiert. Weil sich kaum noch Freiwillige zum Kriegsdienst melden, gehen die ukrainischen Streitkr\u00e4fte immer mehr zu Zwangsrekrutierungen \u00fcber. Die Kiewer Kriegsstrategie soll k\u00fcnftig noch st\u00e4rker unter US-Einfluss entwickelt werden; sie wird in K\u00fcrze in Wiesbaden-Erbenheim in sogenannten war games durchgespielt. Unterdessen w\u00e4chst in den G7 der Druck, das Auslandsverm\u00f6gen der russischen Zentralbank \u2013 rund 300 Milliarden US-Dollar \u2013 zu konfiszieren. Es w\u00e4re ein Pr\u00e4zedenzfall, der dann auch anderen droht.<\/p>\n<h3>\u201eEine Suizidmission\u201c<\/h3>\n<p>Mehrere Berichte, die in den vergangenen Tagen vor allem in US-Leitmedien publiziert wurden, werfen ein \u2013 im Westen seltenes \u2013 realistisches Licht auf die aktuelle Kriegf\u00fchrung der Ukraine. So best\u00e4tigt sich, dass der Vorsto\u00df ukrainischer Truppen im Herbst auf das Ostufer des Dnipro unweit Cherson ein einziges Desaster war. \u00dcber den Vorsto\u00df schrieb etwa das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), rund 500 ukrainische Soldaten h\u00e4tten den Dnipro \u00fcberqueren und sich auf der von Russland kontrollierten Seite festsetzen k\u00f6nnen; es scheine \u201ef\u00fcr die Ukraine einer der gr\u00f6\u00dften Erfolge der vergangenen Wochen\u201c zu sein. Ein ukrainischer Milit\u00e4rgeheimdienstler wurde mit der Behauptung zitiert, \u201edie Russen\u201c gerieten \u201ewegen der Vorst\u00f6\u00dfe ukrainischer Einheiten &#8230; in Panik\u201c.[1] Wie jetzt die New York Times, gest\u00fctzt auf Schilderungen \u00fcberlebender Milit\u00e4rs, berichtet, werde die gesamte Offensive als \u201esinnlos\u201c beschrieben. Ganze \u201eWellen von Soldaten\u201c seien von feindlichem Feuer bereits beim \u00dcberqueren des Flusses niedergem\u00e4ht worden. F\u00fcr diejenigen, die lebend angelangt seien, sei es \u201eunm\u00f6glich\u201c gewesen, auf dem Ostufer im von Bombenkratern durchzogenen Schlamm wirklich Fu\u00df zu fassen: Es habe sich um \u201eeine Suizidmission\u201c gehandelt.[2] Es sei nicht einmal gelungen, die Verletzten zu bergen, weil es an Booten gefehlt habe.<\/p>\n<h3>Zwangsrekrutierungen<\/h3>\n<p>US-Medienberichte best\u00e4tigen inzwischen ebenfalls, dass ein schwerer Mangel an Soldaten die ukrainische Kriegf\u00fchrung hemmt. Bereits k\u00fcrzlich wurde ein ukrainischer Offizier in der Washington Post mit der Aussage zitiert: \u201eUns geht das professionelle Milit\u00e4rpersonal aus\u201c.[3] Grund sei eine massiv geschrumpfte Bereitschaft, sich zum Kriegsdienst zu melden; mittlerweile hielten sich rund 650.000 M\u00e4nner im kriegsdienstf\u00e4higen Alter im europ\u00e4ischen Ausland auf und weigerten sich, in die Ukraine zur\u00fcckzureisen, um an die Front zu ziehen. Jetzt berichtet die New York Times, die ukrainischen Beh\u00f6rden gingen immer mehr zu Zwangsrekrutierungen \u00fcber, bei denen M\u00e4nner im wehrpflichtigen Alter teils gewaltsam in Fahrzeuge gezerrt und zu Rekrutierungsstellen verschleppt w\u00fcrden. Eine Anw\u00e4ltin, die Zwangsrekrutierte gerichtlich vertritt, berichtet, derlei F\u00e4lle h\u00e4tten in den vergangenen sechs Monaten \u201emassiv zugenommen\u201c; bei ihr \u2013 sie arbeitet in der westukrainischen Gro\u00dfstadt Czernowitz mit rund 260.000 Einwohnern \u2013 meldeten sich zuweilen 30 bis 40 Personen am Tag, die gegen ihren Willen und zumindest partiell illegal in die Streitkr\u00e4fte gezwungen worden seien.[4] Freilich sei die Korruption ungebrochen; wer ausreichend Geld habe, k\u00f6nne sich freikaufen: \u201eEs ist ein Krieg f\u00fcr arme Leute\u201c, wird ein Rechtsanwalt aus Kiew zitiert.<\/p>\n<h3>Zu wenig Munition<\/h3>\n<p>Zu Wochenbeginn hat zudem der Kommandeur der ukrainischen Landstreitkr\u00e4fte, Olexander Sirskyj, offen einger\u00e4umt, die milit\u00e4rische Lage sei \u201ekompliziert\u201c.[5] Zum einen machen Berichte die Runde, den ukrainischen Truppen gehe die Munition aus; Brigadegeneral Olexander Tarnawskyj erkl\u00e4rte am Montag, \u201eKnappheit\u201c herrsche \u201ean der kompletten Frontlinie\u201c: \u201eDie Mengen, die wir haben, decken den Bedarf nicht.\u201c[6] Die EU hatte den ukrainischen Streitkr\u00e4ften gro\u00dfspurig versprochen, immense Mengen an Munition zu liefern, im November aber einr\u00e4umen m\u00fcssen, bislang nur ein Drittel der zugesagten Volumina beschafft zu haben.[7] Zum anderen ist, wie Sirskyj best\u00e4tigt, inzwischen Russland wieder in die Offensive gegangen; ihm zufolge r\u00fccken die russischen Streitkr\u00e4fte in der Ostukraine erneut vor. Der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj hat gestern mitgeteilt, die Streitkr\u00e4fte forderten zur Zeit 450.000 neue Soldaten. \u201eDas ist eine sehr ernste Zahl\u201c, \u00e4u\u00dferte Selenskyj: Es handle sich nicht nur um \u201eeine Frage von Menschen\u201c, sondern auch um \u201eeine Frage der Finanzen\u201c. Rekrutiere man tats\u00e4chlich nahezu eine halbe Million Menschen, werde das sehr viel Geld kosten. Selenskyj nannte eine Summe von rund 12,2 Milliarden Euro und k\u00fcndigte eine Befassung des Parlaments mit der Forderung der Streitkr\u00e4fte an.[8]<\/p>\n<h3>War games in Erbenheim<\/h3>\n<p>Ihre konkrete Kriegsstrategie wird die Ukraine dabei in Zukunft noch st\u00e4rker als bisher unter der Kontrolle der US-Milit\u00e4rf\u00fchrung ausarbeiten. Schon jetzt koordiniere Christopher Cavoli, Kommandeur der US-Streitkr\u00e4fte in Europa und Afrika sowie NATO-Oberbefehlshaber, die Absprachen mit Kiew intensiver, wird berichtet.[9] Das Pentagon werde zudem einen US-General viel h\u00e4ufiger als zuvor nach Kiew entsenden, um dort die ukrainischen Streitkr\u00e4fte zu \u201eberaten\u201c. Habe Washington es eigentlich vermeiden wollen, f\u00fchrende US-Milit\u00e4rs dauerhaft in der Ukraine zu stationieren \u2013 auch, da dies eine offene Kriegsbeteiligung deutlich erkennen lasse \u2013, so w\u00fcrden die regelm\u00e4\u00dfigen Reisen des Generals in den kommenden Wochen und Monaten einer dauerhaften Stationierung sehr nahekommen. Bei dem General handelt es sich laut Berichten um Generalleutnant Antonio Aguto, den Kommandeur der Security Assistance Group Ukraine (SAG-U), die die Aufr\u00fcstung der ukrainischen Truppen und die Ausbildung der ukrainischen Soldaten koordiniert. Sie umfasst rund 300 Soldaten und ist in der Clay-Kaserne in Wiesbaden-Erbenheim angesiedelt.[10] Dort werden ukrainische und US-Milit\u00e4rs in K\u00fcrze sogenannte war games durchf\u00fchren, um verschiedene Varianten f\u00fcr die ukrainische Kriegsstrategie durchzuspielen. Washington dringt \u2013 mit Blick auf die Knappheit an Munition und Soldaten \u2013 auf eine Defensivstrategie.[11]<\/p>\n<h3>Im deutschen Interesse<\/h3>\n<p>Berlin setzt demgegen\u00fcber weiterhin auf einen Kriegserfolg der Ukraine. Wie der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil erkl\u00e4rt, liege es \u201ein unserem Interesse\u201c, dass Kiew \u201eerfolgreich\u201c sei.[12] Um dies zu erreichen, m\u00fcssten Deutschland und die EU vermutlich schon bald \u201emehr Verantwortung\u201c bei der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine \u00fcbernehmen \u2013 dann jedenfalls, wenn sich in den Vereinigten Staaten, wie es den Anschein habe, die \u201eau\u00dfenpolitische[n] Priorit\u00e4ten verschieben\u201c: \u201eDann kommt es auf Frankreich, Deutschland, Polen an!\u201c<\/p>\n<h3>Ein Pr\u00e4zedenzfall<\/h3>\n<p>Um die erforderlichen Mittel zur Verf\u00fcgung zu haben, dringt vor allem Washington auf neue Wege. Hintergrund ist, dass die Republikaner im US-Kongress die Zahlung der 60 Milliarden US-Dollar an die Ukraine nicht genehmigen wollen, die die Biden-Administration verlangt. Kaum jemand geht davon aus, dass Deutschland und die EU in der Lage sein werden, die US-Mittel in vollem Umfang zu ersetzen. Bei den G7 steigt nun der Druck, die 300 Milliarden US-Dollar, die die russische Zentralbank in westlichen Staaten angelegt hat \u2013 \u00fcberwiegend in Europa \u2013, zumindest teilweise zu beschlagnahmen und sie der Ukraine zur Verf\u00fcgung zu stellen.[13] Der Plan galt lange Zeit als allzu riskant: Zum einen ist klar, dass Drittstaaten in Zukunft dazu \u00fcbergehen werden, Verm\u00f6gen aus dem Westen abzuziehen, wenn sie damit rechnen m\u00fcssen, dass dieses im Konfliktfall konfisziert werden kann; zum anderen liegt nahe, dass die westlichen Staaten damit rechnen m\u00fcssen, dass auch ihr Verm\u00f6gen in gegnerischen Staaten eingezogen werden kann. Vor allem Deutschland hatte den Plan bisher mit gro\u00dfer Skepsis betrachtet. Es sitzt auf immensen Altlasten nie gezahlter Reparationen und bis heute verweigerter Entsch\u00e4digungen aus zwei Welt- und diversen Kolonialkriegen. Die Einziehung russischen Verm\u00f6gens kann als Pr\u00e4zedenzfall gewertet werden und die Nachkommen der Opfer und ihre Staaten veranlassen, sich aus deutschem Auslandsverm\u00f6gen zu entsch\u00e4digen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Sven Christian Schulz: Kilometerweiter Vorsto\u00df: Ukrainische Marine \u00fcberrascht Russen am Dnipro-Ufer. rnd.de 22.11.2023.<\/p>\n<p>[2] Carlotta Gall, Oleksandr Chubko, Olha Konovalova: Ukrainian Marines on \u2018Suicide Mission\u2019 in Crossing the Dnipro River. nytimes.com 16.12.2023.<\/p>\n<p>[3] Fredrick Kunkle, Serhii Korolchuk: Ukraine cracks down on draft-dodging as it struggles to find troops. washingtonpost.com 08.12.2023. S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9433\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Durchhalteparolen aus Berlin<\/a>.<\/p>\n<p>[4] Thomas Gibbons-Neff: \u2018People Snatchers\u2019: Ukraine\u2019s Recruiters Use Harsh Tactics to Fill Ranks. nytimes.com 15.12.2023.<\/p>\n<p>[5] Marc Bennetts: Ukraine facing lack of western ammunition as tensions grow in Kyiv. thetimes.co.uk 19.12.2023.<\/p>\n<p>[6] Ukrainischer General klagt \u00fcber Munitionsmangel. sueddeutsche.de 18.12.2023.<\/p>\n<p>[7] EU verfehlt Lieferzusage von Munition f\u00fcr die Ukraine. zeit.de 14.11.2023.<\/p>\n<p>[8] Ukrainisches Milit\u00e4r fordert 450.000 neue Soldaten. sueddeutsche.de 19.12.2023.<\/p>\n<p>[9] Julian E. Barnes, Eric Schmitt, David E. Sanger, Thomas Gibbons-Neff: U.S. and Ukraine Search for a New Strategy After Failed Counteroffensive. nytimes.com 11.12.2023.<\/p>\n<p>[10] Peter Badenhop: Selenskyj besucht US-St\u00fctzpunkt in Wiesbaden. faz.net 14.12.2023.<\/p>\n<p>[11] Julian E. Barnes, Eric Schmitt, David E. Sanger, Thomas Gibbons-Neff: U.S. and Ukraine Search for a New Strategy After Failed Counteroffensive. nytimes.com 11.12.2023.<\/p>\n<p>[12] Putin \u201ekomplett auf Krieg ausgerichtet\u201c. bild.de 18.12.2023.<\/p>\n<p>[13] Laura Dubois, James Politi, Lucy Fisher: G7 moves closer to seizing Russian assets for Ukraine. ft.com 15.12.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin dringt auf milit\u00e4rischen \u201eErfolg\u201c der Ukraine \u2013 trotz deren Mangels an Soldaten und Munition. Kiewer Kriegsstrategie soll in Wiesbaden in war games getestet werden. Einzug russischen Auslandsverm\u00f6gens im Gespr\u00e4ch. 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