{"id":1789440,"date":"2023-12-23T15:00:35","date_gmt":"2023-12-23T15:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1789440"},"modified":"2023-12-23T15:00:19","modified_gmt":"2023-12-23T15:00:19","slug":"smart-to-exitus-letzte-ausfahrt-dorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/12\/smart-to-exitus-letzte-ausfahrt-dorf\/","title":{"rendered":"Smart to Exitus \u2013 Letzte Ausfahrt Dorf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Noch w\u00e4chst die Weltbev\u00f6lkerung und die Urbanisierung erreicht ungeahnte Ausma\u00dfe. In Mega-Citys wie Tokio, S\u00e3o Paulo, Jakarta, Lagos und New York City leben bereits Abermillionen Menschen dicht an dicht. Das Dasein in Massengesellschaften ist aber weder artgerecht noch gesund. \u00dcberbelegung beg\u00fcnstigt die Entstehung psychischer Erkrankungen und f\u00fchrt zum Zusammenbruch des Verhaltens.<\/strong><\/p>\n<p>Auch in den europ\u00e4ischen Metropolen werden die Menschen zusammengedr\u00e4ngt. Doch w\u00e4hrend das Phantom einer globalen \u00dcberbev\u00f6lkerung die Gem\u00fcter zu erregen vermag, wird das Zusammenleben in der Enge der St\u00e4dte nicht infrage gestellt. Die Menschen sollen sich mit dem k\u00fcnstlichen \u201ePlatzmangel\u201c, einem Spiegel der Besitz- und Machtverh\u00e4ltnisse, arrangieren. Daf\u00fcr werden die St\u00e4dte optimiert. Sie sollen smart, nice, clean und nat\u00fcrlich sicher werden.<\/p>\n<p>Weniger Autos, mehr Fahrr\u00e4der, weniger Asphalt, mehr Rasen, immer mehr Kontrolle, immer weniger Freiheit, kurze Wege zu Supermarkt und Apotheke, ein paar B\u00e4ume im Topf, Gr\u00fcne-Energie, K\u00e4lteboxen f\u00fcr Obdachlose, Weltuntergangsbunker f\u00fcr die Reichen und Beruhigungsmittel und Tittytainment f\u00fcr jeden. Das alles folgt einer \u00f6konomischen Logik, die den sozialen Exitus in Kauf nimmt. Auf dem Weg dorthin, darf eins aber nicht passieren: Dass sich die Menschen ihrer \u00dcberfl\u00fcssigkeit bewusst werden und rebellieren.<\/p>\n<h3><strong>Verdichtung. Arbeit. Bullshit-Jobs.<\/strong><\/h3>\n<p>Auf lediglich 2-3 Prozent der verf\u00fcgbaren Landfl\u00e4che leben 50 Prozent der Menschen. Und die Weltbev\u00f6lkerung, derzeit etwa 8 Milliarden Menschen, wird weiter verdichtet. Im Jahr 2050 werden 70 Prozent der dann fast 9 Milliarden Erdenbewohner im urbanisierten Raum leben. (1) In den USA haben bereits \u00fcber 83 Prozent der Bev\u00f6lkerung ihren Lebensmittelpunkt in St\u00e4dten, in Deutschland sind es rund 75 Prozent. (2) In Berlin, der bev\u00f6lkerungsreichsten Stadt der Bundesrepublik, sind rund 3,8 Millionen Einwohner auf 892 Quadratkilometern konzentriert. In Tokio, aktuell die Mega-City mit den meisten Bewohnern, leben 9,6 Mio. Menschen auf 628 Quadratkilometern, was \u00a0ungef\u00e4hr der doppelten Fl\u00e4che Bremens entspricht.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Ansammlung der Menschen auf engem Raum, sind vor allem in einer sich ver\u00e4ndernden \u00d6konomie zu suchen. Die Verst\u00e4dterung wurde Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem \u00dcbergang der Agrargesellschaften ins Industriezeitalter eingeleitet. Produktion, Distribution, Konsumtion und menschliche Arbeitskraft wurden in den St\u00e4dten geb\u00fcndelt. Es entstanden Jobs und damit die Aussicht auf Einkommen und Wohlstand. Durch die fortschreitende Automatisierung und die Optimierung der Produktionsprozesse, nahm der anf\u00e4nglich hohe Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften in der Industrie ab. Ausgewichen wurde in den Dienstleistungsbereich.<\/p>\n<p>1970 betrug um Beispiel der Anteil der in Deutschland im terti\u00e4ren Sektor Besch\u00e4ftigten an allen Erwerbst\u00e4tigen 45,1 Prozent. 2019 lag er bei 74,5 Prozent. (3) Eine schier endlose Karawane aus Telefonverk\u00e4ufern, Versicherungsvertretern, Finanzberatern, Bankern, Maklern, Lobbyisten, Juristen und Experten und Beratern f\u00fcr irgendwas, bev\u00f6lkert das Land. Dazu gesellt sich eine Armee aus Managern und B\u00fcrokraten, die Datens\u00e4tze, Sachen und Menschen verwalten. Sie alle habe eine Gemeinsamkeit: Sie produzieren nichts und erschaffen keine Werte.<\/p>\n<p>Die Landwirtschaft ist in Deutschland praktisch automatisiert. Maschinen und Roboter \u00fcbernehmen die Produktion, Computerprogramme und k\u00fcnstliche Intelligenz dringen in den Dienstleistungssektor vor und \u00fcbernehmen Routineaufgaben. Auch wenn offizielle Verlautbarungen ein anderes Bild vermitteln, der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft schwindet. Die Zahl der Erwerbsarbeitslosen wurde in den letzten Jahrzehnten durch Teilzeitarbeit reduziert. Dies geschah allerdings zu dem Preis, dass viele Menschen von dieser Art Arbeit kaum oder gar nicht leben k\u00f6nnen. (4)<\/p>\n<p>Zudem entstanden immer mehr Jobs, die \u00fcberwiegend keinen Sinn machen, au\u00dfer, dass man f\u00fcr die T\u00e4tigkeit Geld bekommt. Der Beispiele gibt es viele. Der Ethnologe David Graeber hat \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen 2018 ein Buch ver\u00f6ffentlicht, dessen Titel alles aussagt: \u201eBullshit-Jobs\u201c. Die Frage nach dem Warum beantwortete er f\u00fcnf Jahre vorher in einem Artikel f\u00fcr das Strike! Magazin:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eEs ist fast so, als g\u00e4be es da jemanden, der sich alle m\u00f6glichen sinnlosen Jobs ausdenkt, nur um alle von uns besch\u00e4ftigt zu halten. Und hier, genau hier, ist des R\u00e4tsels L\u00f6sung. Im Kapitalismus, sollte genau dies nicht geschehen. (\u2026) Die Antwort ist deutlich nicht \u00f6konomischer Natur: sie ist moralischen und politischen Ursprungs. Die herrschende Klasse hat erkannt, dass eine zufriedene und produktive Bev\u00f6lkerung mit frei verf\u00fcgbarer Zeit eine t\u00f6dliche Gefahr darstellt. (Man denke daran, was in den 60er-Jahren zu passieren begann, als man dem lediglich nahe kam.)\u201c<\/em> (5)<\/p><\/blockquote>\n<h3><strong>Die 20\/80-Gesellschaft<\/strong><\/h3>\n<p>Man k\u00f6nnte auch sagen, wer in der Klassengesellschaft der Gegenwart besch\u00e4ftigt ist, der neigt nicht zur politischen Revolte. Die Lohnabh\u00e4ngigen, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen k\u00f6nnen, bleiben so oder so an die Stadt gefesselt. Die Masse taumelt der Perspektivlosigkeit entgegen. Die meisten von ihnen werden im 21. Jahrhunderts als Arbeiter, ob im B\u00fcro oder an einer Maschine, gar nicht oder nur stundenweise gebraucht. Mangels Einkommen taugen sie auch kaum noch als Konsumenten. Damit sind sie im \u00f6konomischen Sinn so gut wie \u00fcberfl\u00fcssig. Das darf ihnen nicht bewusst werden.<\/p>\n<p>Hans-Peter Martin und Harald Schumann machten in ihrem 1996 ver\u00f6ffenlichten Buch \u201eDie Globalisierungsfalle: Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand\u201c darauf Aufmerksam, dass in der Zukunft 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter ausreichen w\u00fcrden, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. (6) Die anderen 80 Prozent w\u00fcrden von staatlicher Unterst\u00fctzung oder irgendeiner anderen Form der Wohlfahrt leben.<\/p>\n<p>Von der 20\/80-Gesellschaft ist man noch entfernt, aber \u00e4hnliche Konstellationen verfestigen sich. Fast 8 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung war im Jahr 2017 erwerbsarbeitslos, etwa 30 Prozent unterbesch\u00e4ftigt. In Staaten wie Griechenland und Spanien bewegt sich die Jugendarbeitslosigkeit seit Jahren auf hohem Niveau. Deutlich \u00fcber 30 Prozent haben keinen Job. In S\u00fcdafrika ist jeder zweite junge Mensch unter 34 Jahren arbeitslos. (7) Das ist sozialer Sprengstoff. Was werden diese vielen jungen Leute tun? Auf bessere Zeiten warten?<\/p>\n<p>Damit Menschen, f\u00fcr die keine Verwendung besteht, ihre Situation ertragen und nicht eventuell auf die Idee kommen, die Verh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern, m\u00fcssen sie abgelenkt werden. Zbigniew Brzezinski, nationaler Sicherheitsberater von US-Pr\u00e4sident Jimmy Carter, soll es gewesen sein, der 1995 auf dem ersten State of the World Forum in San Francisco die L\u00f6sung pr\u00e4sentierte: \u201eTittytainment\u201c. Eine Mischung aus seichtester Unterhaltung und ausreichender Ern\u00e4hrung soll gen\u00fcgen, um eine frustrierte Weltbev\u00f6lkerung ruhig zu stellen. Doch das allein reicht nicht. Es gibt noch einen Hebel, der von der herrschenden Klasse bedient wird. Er ist im \u201eTal der Angst\u201c (8) zu finden.<\/p>\n<h3><strong>Das gro\u00dfe Zittern<\/strong><\/h3>\n<p>Das Grauen fasziniert den Menschen, es zieht ihn magisch an. Er ist bereit, seine Psyche durch die Konfrontation mit dem Horror zu triggern. L\u00e4sst die Wirkung der Angst nach, wird das Leben sp\u00fcrbar. In der Epoche der digitalen Kommunikation, in der ein Kampf um die Aufmerksamkeit tobt, wird medial alles, was als Trigger tauglich scheint, wie von einem Magneten angezogen, als M\u00f6glichkeit besprochen und bis ins Detail erforscht. Transportiert \u00fcber alle denkbaren Kommunikationskan\u00e4le, unz\u00e4hlige Male rezipiert, dupliziert und kommentiert auf Blogs, in Zeitungen, auf Telegram, Facebook, WhatsApp, TikTok und in sonstigen Medien, wird der Effekt verst\u00e4rkt und der gesunde Menschenverstand von einer Lawine aus Informationsschrott an die Seite gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Dass sich niemand, nicht einmal Intellektuelle und sogenannte Experten, die es besser wissen m\u00fcssten, dem \u201eTal der Angst\u201c ohne Weiteres entziehen k\u00f6nnen, ist f\u00fcr die Beherrschung von Menschen entscheidend. Wer Angst hat, hat auch ein individuelles Bed\u00fcrfnis nach \u201eSicherheit\u201c. In der Psyche verankert wie ein Urinstinkt, ist die Erf\u00fcllung dieses Wunsches der wichtigste Mechanismus f\u00fcr die Unterwerfung den Homo sapiens. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Wer dar\u00fcber bestimmt, wovor man Angst haben soll und gleichzeitig Erl\u00f6sung von der verordneten Angst verspricht, der herrscht \u00fcber die Psyche der Menschen und kann mit ihnen machen, was er will.<\/p>\n<p>Das Wechselspiel von Bedrohung und Erl\u00f6sung, eine Art Pendant zu Himmel oder H\u00f6lle oder zu Leben oder Tod, \u00f6ffnet gesamtgesellschaftlich Vorstellungs- und Denkr\u00e4ume, in die selbst die unwahrscheinlichsten Untergangsszenarien eindringen k\u00f6nnen: Kometeneinschlag, Supervulkane, Au\u00dferirdische, Temperaturschwankungen, L\u00f6cher in der Stratosph\u00e4re durch Haarspray, revoltierende Roboter, Killerviren. Am Ende wei\u00df jeder alles und niemand irgendwas. Denn passiert ist nichts! Die Apokalypse ist vertagt, nur das gro\u00dfe Zittern bleibt, w\u00e4hrend dem zivilisatorischen Knockout der rote Teppich ausgerollt wird.<\/p>\n<p>Substanzielle Probleme, deren Auswirkungen f\u00fcr alle Gesellschaften verheerend sind, werden von den Regimen nach Bedarf ins Blickfeld der Masse ger\u00fcckt, aber nur, um die eigene Herde \u00fcber ein falsches \u201eWir\u201c zusammenzuhalten. Der Krieg in der Ukraine ist ein Beispiel oder die Gewalt im Nahen Osten. Die Protagonisten werden vorauseilend in Gut und B\u00f6se eingeordnet. Rufe wie \u201eStopp!\u201c, \u201eSchluss mit der Zerst\u00f6rung!\u201c, \u201eH\u00f6rt auf mit der Gewalt!\u201c versinken h\u00fcben wie dr\u00fcben im Morast der alles zersetzenden Frage, auf welcher Seite man stehe. Damit werden Ethik und Moral zum Teufel gejagt.<\/p>\n<p>Nicht das Leben aller z\u00e4hlt, sondern das \u00dcberleben der Guten oder St\u00e4rksten oder Besseren. Wir gegen die, ich oder du, \u201eSurvival of the fittest\u201c. Das ist in einer Welt des \u00dcberflusses, die es sich erlauben kann, Jahr f\u00fcr Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in den M\u00fcll zu werfen (9), w\u00e4hrend t\u00e4glich 30.000 Menschen verhungern, Ausdruck einer Desorientierung, die nur der Klasse dienlich ist, die die Orientierung f\u00fcrchtet. F\u00fcr sie ist Frieden in all seinen Varianten, um die Formulierung von David Graeber aufzugreifen, eine t\u00f6dliche Gefahr. N\u00e4mlich deshalb, weil es den vielen unten d\u00e4mmern k\u00f6nnte, dass es ohne die wenigen oben kaum schlechter gehen kann.<\/p>\n<h3><strong>Kampf. Streit. Aufl\u00f6sung.<\/strong><\/h3>\n<p>In den sich verdichtenden Gesellschaften entstehen immer mehr Verwaltungseinheiten. Sie dienen als Anlaufstation bei der Wohnungsvermittlung, der Suche nach einem Arbeitsplatz, der Beantragung von Kindergeld und so weiter. Das erscheint positiv und sollte es im Idealfall auch sein. Der urbanisierte Mensch kann aber immer weniger selbst regeln. Die funktionale Dominanz der Verwaltung wird sp\u00fcrbar. Was im Einzelfall unwichtig erscheint, hat auf der Metaebene ganz erhebliche Auswirkungen. B\u00fcrokratie kann keine \u00fcbergeordnete Ziele, das hei\u00dft, f\u00fcr jeden relevante Problemstellungen, l\u00f6sen. Das ist vorteilhaft f\u00fcr den Neoliberalismus, der sich wie ein dunkler Schleier \u00fcber die Welt ausgebreitet hat und die Ausbeutung von Mensch und Natur auf die Spitze treibt. Vor nichts wird Halt gemacht, alles wird zur Ware. Und die verkauft sich am besten, wenn Mangel herrscht.<\/p>\n<p>Die urbanen R\u00e4ume und die digitale Sph\u00e4re erweisen sich als ideale Schmelztiegel. In ihnen konkurriert jeder mit jedem \u00fcberall und zu jeder Zeit um alles: Wohnraum, Parkpl\u00e4tze, Termine beim Arzt, Kindergartenpl\u00e4tze, Jobs, die meisten Likes auf Facebook oder Instagram und so weiter.<\/p>\n<p>In dieser Umgebung gibt es kein Wir, sondern nur ein Ich. Das ist f\u00fcr das soziale Miteinander t\u00f6dlich. Gemeinsame Wertvorstellungen, sofern sie noch existieren, gehen verloren. Die Aufl\u00f6sung der sozialen Strukturen ist vollzogen, wenn im Gegen\u00fcber nur noch der Nutzwert gesucht, aber nicht mehr der innere Wert gesehen wird.<\/p>\n<p>Streit, der Krieg im Kleinformat, ist ein Resultat. Er wird gepflegt wie eine kostbare Pflanze, schlie\u00dflich gilt es, ein riesiges Heer an Juristen zu ern\u00e4hren. Allein in Deutschland sind \u00fcber 165.000 Rechtsanw\u00e4lte zugelassen. Ihre Zahl hat sich seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland etwa verdreifacht. (10)<\/p>\n<p>Der Konkurrenzkampf wird unter dem Pseudonym \u201eWettbewerb\u201c in jeden Winkel getragen. Doch ein \u201eWettbewerb\u201c kennt keine Verlierer, sondern ist ein von Agonist und Antagonist gemeinschaftlich gestalteter Kreislauf aus Herausforderung, Versuch, Scheitern oder Erfolg, Verbesserung und erneute Herausforderung. Fehlt das Gegenst\u00fcck oder dominiert ein Partner dauerhaft den anderen, ist der Wettbewerb vorbei und man konkurriert nur noch mit sich selbst.<\/p>\n<p>Die Gef\u00fchlswelt wird verw\u00fcstet. Konsum r\u00fcckt an die Stelle von Liebe, Zuneigung und Z\u00e4rtlichkeit. Emotionaler Schmerz wird mit Pillen bet\u00e4ubt, Zuspruch und N\u00e4he in der digitalen Leere gesucht. Die Auseinandersetzung mit Schicksal und Tod wird wegversichert. Mitleid weicht der Gleichg\u00fcltigkeit, Hilfsbereitschaft der Gafferei. Das Ich stumpft mehr und mehr ab.<\/p>\n<p>Die Entfremdung von anderen und sich selbst hat den Schmelzpunkt \u00fcberschritten. Die Psyche leidet H\u00f6llenqualen. Die mentale Verfassung der Menschheit hat ein bedenkliches Niveau erreicht. Schon im Jahr 2019 wies die Weltgesundheitsorganisation (WHO) darauf hin, dass eine Milliarde Menschen mit einer psychischen Krankheit leben. In der sogenannten Corona-Pandemie hat sich diese Zahl laut WHO noch deutlich erh\u00f6ht. (11) Depressionen und Angstst\u00f6rungen haben zugenommen. Als Ursachen werden die unterschiedlichsten Gr\u00fcnde angef\u00fchrt: Schikane, Missbrauch, Mobbing, Gewalt, \u00dcberforderung, anhaltender Stress et cetera. Als L\u00f6sung wird angeboten, den Zustand in die gesellschaftliche Normalit\u00e4t zu integrieren, was f\u00fcr jeden Betroffenen hilfreich ist, und in die Behandlung zu investieren. Das Problem bleibt bestehen und ein neuer Markt mit Zukunftschancen ist er\u00f6ffnet.<\/p>\n<h3><strong>Das Paradies der M\u00e4use<\/strong><\/h3>\n<p>Unter diesem Eindruck erscheint es nachvollziehbar, wenn St\u00e4dte smart, nice und clean werden sollen. Das entspannt und schont die Nerven, solange der Platz f\u00fcr alle reicht \u2013 und das ist schon jetzt nicht der Fall. Der US-amerikanische Verhaltensforscher John B. Calhoun (1917-1995) ging Fragen zum Bev\u00f6lkerungswachstum nach. Er beobachtete die Auswirkungen von \u00dcberbelegung auf das Sozialverhalten von Wanderratten und M\u00e4usen. In einem seiner bekanntesten Experimente, \u201eUniverse 25\u201c, schuf er f\u00fcr die Versuchstiere eine ideale Lebensumgebung. (12) Das \u201eM\u00e4use-Paradies\u201c, ein Luxusgef\u00e4ngnis, aus dem es f\u00fcr die Nager kein Entrinnen gab, verwandelte sich im Laufe der Zeit erst in ein Irrenhaus und dann in die H\u00f6lle.<\/p>\n<p>In diesem \u201eUniversum\u201c waren \u00dcberlebensstrategien wie Flucht oder Futtersuche hinf\u00e4llig. Es gab keine Raubtiere und es herrsche kein Mangel. Baumaterial f\u00fcr die Nester, Nahrung und Wasser gab es im \u00dcberfluss. Die M\u00e4use wurden medizinisch versorgt, ihr K\u00e4fig regelm\u00e4\u00dfig ges\u00e4ubert und selbst das Klima war f\u00fcr ein perfektes \u201eM\u00e4use-Dasein\u201c optimiert. (13) Lediglich der Platz des Geheges, das die Form eines Tanks hatte, war begrenzt. 1,40 Meter hohe W\u00e4nde umgaben die Grundfl\u00e4che von rund 6,6 Quadratmetern.<\/p>\n<p>Die M\u00e4use vermehrten sich wie gew\u00fcnscht, die Population wuchs. Sie erreichte in der Spitze 2200 Tiere. Je weniger Raum pro Tier vorhanden war, desto mehr abnorme und destruktive Verhaltensweisen stellten sich ein. Passive Individuen, die sich in der Situation der \u00dcberbelegung aus allen sozialen Interaktionen zur\u00fcckzogen, nannte Calhoun \u201eDie Sch\u00f6nen\u201c. Sie waren nur noch mit sich selbst besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Damit nicht genug. Calhoun beobachtete zum Beispiel eine zunehmende Vernachl\u00e4ssigung des Nachwuchs, \u00dcberaktivit\u00e4t, steigende Aggressivit\u00e4t, sexuelle Abweichung und Kannibalismus. Auf die \u00dcbersexualisierung folgte die Asexualit\u00e4t. Die Reproduktion sank, die Sterblichkeit nahm zu, willk\u00fcrliche Gewalt betrat die B\u00fchne. Das pathologische Verhalten, das sich l\u00e4ngst jeder Kontrolle entzogen hatte, eskalierte. Die M\u00e4use-Gesellschaft fiel buchst\u00e4blich auseinander.<\/p>\n<p>1962 ver\u00f6ffentlichte Calhoun in der Zeitschrift \u201eScientific American\u201c den Artikel &#8222;Population Density and Social Pathology&#8220; (Bev\u00f6lkerungsdichte und soziale Pathologie). Darin schlussfolgert er, dass \u00dcberbev\u00f6lkerung sozialen Zusammenbruch bedeutet, auf den das Aussterben folgt. Den aus der \u00dcberf\u00fcllung resultierenden totalen Zusammenbruch des Verhaltens beschrieb Calhoun mit dem Begriff \u201eVerhaltenssenke\u201c (Behavioral Sink).<\/p>\n<h3><strong>Letzte Ausfahrt Dorf<\/strong><\/h3>\n<p>Es muss betont werden, dass das, was f\u00fcr M\u00e4use gilt, keine Blaupause f\u00fcr die Menschheit ist. Daf\u00fcr ist die Erde viel zu gro\u00df und die menschliche Population zu klein. Aber es geht ums Prinzip, denn die Konzentration auf engem Raum macht das Gift. Und das wird nicht neutralisiert durch mehr Fahrr\u00e4der, weniger Asphalt oder ein paar B\u00e4ume im Topf.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDer Vergleich besteht nicht darin, dass eine \u00dcberbelegung bei M\u00e4usen zu einem bestimmten Verhaltensverlust f\u00fchrt, sondern dass dies auch bei Menschen der Fall ist. Der Vergleich ist, dass \u00dcberbelegung zu einem Zusammenbruch des Verhaltens f\u00fchrt, beginnend mit den komplexesten Verhaltensweisen f\u00fcr diese Art. Was f\u00fcr eine Maus komplex ist, wird sich von dem, was f\u00fcr einen Menschen komplex ist, deutlich unterscheiden.\u201c<\/em> (14)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die L\u00f6sung scheint banal, ist aber naheliegend: Azyklisch agieren und die Menschen auswildern. Geld spiel keine Rolle. Statt Unsummen in den Umbau von St\u00e4dten zu Mega- und Smart-Citys zu pumpen und Abermilliarden Euro f\u00fcr Panzer, Kampfjets und Raketenwerfer zu verpulvern, kann massiv in die Weite des l\u00e4ndlichen Raums investiert werden.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten sind organisatorisch und logistisch gegeben, an jedem beliebigen Ort Ressourcen, Energie, Baumaterial, Internetanbindung und alles, was ben\u00f6tigt wird, um kleinteilige Dorfgemeinschaften, die verwaist sind, zu beleben oder neue zu begr\u00fcnden, zur Verf\u00fcgung zu stellen. Diese neuen D\u00f6rfer, vom Zukunftslabor GIVE (15) ausf\u00fchrlich beschrieben, k\u00f6nnen als hoch technisierte und naturverbunden Einheiten eigene Produktionen errichten und Wirtschaftskreisl\u00e4ufe entwickeln, die ihnen Autarkie erm\u00f6glichen, aber auch umfassende Kooperationen bis hin zum globalen Handel.<\/p>\n<p>Es ist ein Renaturierungsprogramm f\u00fcr die eigene Spezies, bei dem gleich am Anfang eine Herausforderung wartet: die Vorstellung zuzulassen, dass es m\u00f6glich und gesellschaftlich n\u00f6tig ist, weltweit Grund und Boden zu verteilen und D\u00f6rfer aufzubauen, um dem sozialen Exitus in den goldenen K\u00e4figen zuvorzukommen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>(1) Zukunftsinstitut: Megatrend Dokumentation; Urbanisierung: Die Stadt von morgen. Auf <a href=\"https:\/\/www.zukunftsinstitut.de\/artikel\/urbanisierung-die-stadt-von-morgen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.zukunftsinstitut.de\/artikel\/urbanisierung-die-stadt-von-morgen<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(2) Statista (20.9.2023): Grad der Urbanisierung in den USA von 2012 bis 2022. Auf <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/165800\/umfrage\/urbanisierung-in-den-usa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/165800\/umfrage\/urbanisierung-in-den-usa<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(3) Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung (28.11.2020): Soziale Situation in Deutschland. Erwerbst\u00e4tige nach Wirtschaftssektoren. Auf <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/zahlen-und-fakten\/soziale-situation-in-deutschland\/61698\/erwerbstaetige-nach-wirtschaftssektoren\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/zahlen-und-fakten\/soziale-situation-in-deutschland\/61698\/erwerbstaetige-nach-wirtschaftssektoren<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(4) Reiner Wein (29.10.2021): Einordnung: Gute Arbeit und das Diktat des Mehrwerts. Auf <a href=\"https:\/\/www.reiner-wein.org\/einordnung-gute-arbeit-und-das-diktat-des-mehrwerts\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.reiner-wein.org\/einordnung-gute-arbeit-und-das-diktat-des-mehrwerts<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(5) Strike! (August 2013, 3. Ausgabe): On the Phenomenon of Bullshit Jobs: A Work Rant. Auf <a href=\"https:\/\/strikemag.org\/bullshit-jobs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/strikemag.org\/bullshit-jobs<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(6) Hans-Peter Martin und Harald Schumann: \u201eDie Globalisierungsfalle: Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand\u201c (Rowohlt Verlag 1996).<br \/>\n(7) Deutsche Welle (15.3.2023): Afrikas Arbeitskrise: Immer mehr junge Leute ohne Stelle. Auf <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/afrikas-arbeitskrise-immer-mehr-junge-leute-ohne-stelle\/a-64987935\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.dw.com\/de\/afrikas-arbeitskrise-immer-mehr-junge-leute-ohne-stelle\/a-64987935<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(8) Das \u201eTal der Angst\u201c beschreibt in der Pers\u00f6nlichkeitspsychologie die freiwillige Konfrontation des Menschen mit ekelhaften oder h\u00f6chst unangenehmen Situationen, die ihm Angst machen. Als eine Erkl\u00e4rung wird angenommen, dass eine Gegenreaktion provoziert werden soll, die nach der \u00fcberstandenen Angstsituation eintritt, wodurch eine Intensivierung des Lebensgef\u00fchls erreicht wird.<br \/>\n(9) Vereinte Nationen: Food Waste Index Report 2021. Auf <a href=\"https:\/\/wedocs.unep.org\/handle\/20.500.11822\/35280\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/wedocs.unep.org\/handle\/20.500.11822\/35280<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(10) Statista (13.11.2023): Anzahl der zugelassenen Rechtsanw\u00e4lte in Deutschland von 1950 bis 2023. Auf <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/37293\/umfrage\/entwicklung-der-zahl-zugelassener-rechtsanwaelte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/37293\/umfrage\/entwicklung-der-zahl-zugelassener-rechtsanwaelte<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(11) Zeit Online (17.6.2022): WHO verzeichnet starke Zunahme psychischer Erkrankungen durch Corona. Auf <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2022-06\/psychische-gesundheit-corona-who\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2022-06\/psychische-gesundheit-corona-who<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(12) Science History Institute (17.5.2022): Mouse Heaven or Mouse Hell? Auf <a href=\"https:\/\/www.sciencehistory.org\/stories\/magazine\/mouse-heaven-or-mouse-hell\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.sciencehistory.org\/stories\/magazine\/mouse-heaven-or-mouse-hell<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(13) Cabinet Magazine (2011, Ausgabe 42): The Behavioral Sink \u2013 The mouse universes of John B. Calhoun. Auf <a href=\"https:\/\/www.cabinetmagazine.org\/issues\/42\/wiles.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.cabinetmagazine.org\/issues\/42\/wiles.php<\/a> (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(14) The Life &amp; Works of Population Researcher John B. Calhoun. Auf https:\/\/johnbcalhoun.com (abgerufen am 16.12.2023).<br \/>\n(15) Das Projekt \u201eGlobally Integrated Village Environment\u201c (GIVE) besch\u00e4ftigt sich mit dem Lebensraum der Zukunft, in dem Telematik und Informationstechnologie wieder kleinr\u00e4umigere Siedlungseinheiten, tragf\u00e4hig und naturverbunden, erm\u00f6glichen. 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