{"id":1786086,"date":"2023-12-06T07:53:13","date_gmt":"2023-12-06T07:53:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1786086"},"modified":"2023-12-06T07:53:13","modified_gmt":"2023-12-06T07:53:13","slug":"vor-dem-ruestungssturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/12\/vor-dem-ruestungssturm\/","title":{"rendered":"Vor dem R\u00fcstungssturm"},"content":{"rendered":"<p><strong>SIPRI-Bericht: Die 100 gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungkonzerne weltweit stehen nach schwachem Jahr 2022 wegen globaler Hochr\u00fcstung vor gewaltigem Aufschwung. Rheinmetall will Umsatz von 2023 bis 2026 verdoppeln.<\/strong><\/p>\n<p>Der globalen R\u00fcstungsindustrie, darunter deutsche Konzerne, steht nach einem vergleichsweise schwachen Jahr 2022 ein gewaltiger Boom bevor. Dies geht aus dem j\u00fcngsten Bericht des Stockholmer Forschungsinstituts SIPRI zu den 100 gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungsunternehmen weltweit hervor. Laut dem gestern publizierten Bericht ging der Umsatz der 100 R\u00fcstungsgiganten im vergangenen Jahr trotz des Ukraine-Krieges um 3,5 Prozent zur\u00fcck. Ursache waren einerseits Sp\u00e4tfolgen der Covid-19-Pandemie, andererseits die Tatsache, dass Auftr\u00e4ge, die seit Kriegsbeginn eingingen, weitgehend erst seit diesem Jahr abgearbeitet werden und sich erst in den n\u00e4chsten Jahren in massiv steigenden Ums\u00e4tzen niederschlagen. Ein Beispiel bietet der D\u00fcsseldorfer Rheinmetall-Konzern, der den Umsatz in diesem Jahr um 15 Prozent oder mehr steigern und 2026 einen Umsatz von 13 bis 14 Milliarden Euro erreichen will \u2013 fast doppelt so viel wie 2023. Dabei zeigt der SIPRI-Bericht auch, dass neue Konkurrenz f\u00fcr die alte westeurop\u00e4ische R\u00fcstungsindustrie erw\u00e4chst. So steigt der polnische Konzern PGZ auf, der davon profitiert, dass Polen Europas gr\u00f6\u00dfte Landstreitkr\u00e4fte aufbauen will. Vor allem t\u00fcrkische R\u00fcstungskonzerne boomen.<\/p>\n<p><strong>2022: Sondereffekte<\/strong><\/p>\n<p>Die Zahlen, die das Stockholmer Forschungsinstitut SIPRI am gestrigen Montag vorgelegt hat, lassen das bevorstehende rasante Wachstum auf den ersten Blick nicht wirklich erkennen. Zwar lag der Umsatz der 100 gr\u00f6\u00dften Waffenschmieden weltweit im vergangenen Jahr um 14 Prozent \u00fcber demjenigen im Jahr 2015 \u2013 ein klares Zeichen f\u00fcr einen langfristigen Anstieg. Doch lag er mit 597 Milliarden US-Dollar zugleich um 3,5 Prozent unter dem Vergleichswert von 2021. Insbesondere der Umsatz der US-amerikanischen (-7,9 Prozent) und der russischen (-12 Prozent) Unternehmen unter den Top 100 ging betr\u00e4chtlich zur\u00fcck.[1] SIPRI f\u00fchrt das allerdings auf Sondereffekte zur\u00fcck. So hatten R\u00fcstungsfirmen in den Vereinigten Staaten mit Nachwirkungen der Covid-19-Pandemie zu k\u00e4mpfen gehabt \u2013 etwa mit Personalmangel und mit ernsten Problemen in den Lieferketten. Dennoch \u00fcbertraf ihr Umsatz mit ungef\u00e4hr 302 Milliarden US-Dollar immer noch die H\u00e4lfte des Umsatzes weltweit. Den R\u00fcckgang bei den russischen R\u00fcstungsfirmen f\u00fchrt SIPRI auf fehlende Daten, Inflation und die kriegsbedingt erforderliche, aber weniger Umsatz bringende Modernisierung alten Ger\u00e4ts zur\u00fcck. Die Produktion der russischen R\u00fcstungsindustrie insgesamt l\u00e4uft seit Kriegsbeginn erkl\u00e4rterma\u00dfen auf Hochtouren.<\/p>\n<p><strong>Die Lage in Europa<\/strong><\/p>\n<p>Bei den 26 europ\u00e4ischen R\u00fcstungskonzernen unter den globalen Top 100 registrierte SIPRI im Vergleich zum Vorjahreswert ein leichtes Wachstum um 0,9 Prozent auf ein Volumen von insgesamt 121 Milliarden US-Dollar. Gebremst wurde es unter anderem von Einbr\u00fcchen in Frankreich (-3,9 Prozent) und Italien (-5,6 Prozent), die das Stockholmer Institut ebenfalls auf Sondereffekte zur\u00fcckf\u00fchrt. Im Falle Frankreichs schlugen vor allem Einbu\u00dfen bei Dassault und Safran zu Buche; beide Konzerne sind stark in die Herstellung des Kampfjets Rafale involviert, von dem im vergangenen Jahr weniger ausgeliefert wurden, und sie hatten zudem ebenfalls mit Problemen in den Lieferketten zu k\u00e4mpfen. Im Falle Italiens wiederum machten sich Verz\u00f6gerungen bei der Auslieferung von Eurofightern an Kuwait bemerkbar; der Konzern Leonardo, der an ihrer Herstellung beteiligt ist, verzeichnete harte Einbu\u00dfen.[2] Die vier deutschen Waffenschmieden unter den Welt-Top 100 (Rheinmetall, ThyssenKrupp, Hensoldt, Diehl) steigerten ihren Umsatz um durchschnittlich 1,1 Prozent. Hinzu kommen Firmen mit deutscher Beteiligung, die in mehreren L\u00e4ndern Europas verankert sind \u2013 Airbus (+17 Prozent), KNDS (+11 Prozent) und MBDA (-7,3 Prozent). In KNDS ist der deutsche Panzerbauer Krauss-Maffei Wegmann (KMW) aufgegangen.<\/p>\n<p><strong>In drei Jahren verdoppelt<\/strong><\/p>\n<p>Rheinmetall, zur Zeit erfolgreichster deutscher R\u00fcstungskonzern, konnte SIPRI zufolge seinen R\u00fcstungsumsatz von 2021 auf 2022 um 6,0 Prozent auf 4,55 Milliarden US-Dollar steigern. Das Unternehmen h\u00e4lt sich auch eine Kfz-Zuliefersparte, die eigentlich dazu dient, Schwankungen im R\u00fcstungsgesch\u00e4ft auszugleichen; Schwankungen nach unten sind jedoch auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Die Kfz-Zuliefersparte erwirtschaftete 2022 ohnehin nur noch ein Drittel des Gesamtumsatzes (6,74 Milliarden US-Dollar) von Rheinmetall. Der Konzern \u2013 auf der Rangliste der 100 gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungskonzerne weltweit von Platz 31 auf Platz 28 aufgestiegen \u2013 zeigt, welches dramatische Wachstum in den kommenden Jahren f\u00fcr die Branche m\u00f6glich ist. Schon f\u00fcr dieses Jahr rechnet die D\u00fcsseldorfer Konzernzentrale mit einem durch den R\u00fcstungsboom erzielten Umsatzwachstum auf 7,4 bis 7,6 Milliarden Euro.[3] Kontinuierlich gehen neue Auftr\u00e4ge ein, aktuell etwa ein Auftrag aus einem NATO-Staat, eine f\u00fcnfstellige Zahl Artilleriegranaten des Kalibers 155 Millimeter f\u00fcr die Ukraine herzustellen; der Preis bel\u00e4uft sich auf gut 142 Millionen Euro.[4] Rheinmetall geht davon aus, seinen Umsatz bis 2026 auf 13 bis 14 Milliarden Euro steigern zu k\u00f6nnen. Das w\u00e4re eine knappe Verdoppelung binnen nur drei Jahren.[5]<\/p>\n<p><strong>Rheinmetalls neuer Heimatmarkt<\/strong><\/p>\n<p>Rheinmetall setzt dabei nicht nur auf die Bundeswehr, die von einem rasant steigenden R\u00fcstungshaushalt profitiert \u2013 gegenw\u00e4rtig von den Sonderschulden (\u201eSonderverm\u00f6gen\u201c) der Bundesregierung, k\u00fcnftig von dem regul\u00e4ren Wehretat, der laut Verteidigungsminister Boris Pistorius nach dem Auslaufen der Sonderschulden um mindestens 23 Milliarden Euro pro Jahr steigen soll (german-foreign-policy.com berichtete [6]). Der Konzern will zudem bereits in K\u00fcrze die Produktion in der Ukraine aufnehmen, dort laut Vorstandschef Armin Papperger \u201enach etwa sechs bis sieben Monaten das erste radgetriebene Fahrzeug fertig haben \u2013 und nach zw\u00f6lf bis 13 Monaten den ersten [Sch\u00fctzenpanzer] Lynx\u201c.[7] Daneben setzt das Unternehmen stark auf die Vereinigten Staaten, deren Streitkr\u00e4fte es schon lange beliefert. Die Beziehungen sind mittlerweile so eng, dass Rheinmetall den Auftrag erhalten hat, f\u00fcr das Exportmodell des Kampfjets F-35A Lightning II Rumpfmittelteile zu bauen; der F-35 wird unter F\u00fchrung des US-Konzerns Lockheed Martin, des mit einigem Abstand umsatzst\u00e4rksten R\u00fcstungsunternehmens weltweit, hergestellt. Rheinmetall ist zudem in der Schlussauswahl im Bieterkampf um den Bau des Sch\u00fctzenpanzers, der in den US-Streitkr\u00e4ften die Nachfolge des Bradley antreten soll. Die Vereinigten Staaten k\u00f6nnten bis Ende der 2020er Jahre ein \u201eneuer Heimatmarkt\u201c werden, hei\u00dft es bei Rheinmetall.[8]<\/p>\n<p><strong>Neue Konkurrenz<\/strong><\/p>\n<p>SIPRI best\u00e4tigt in dem neuen Bericht, dass zum Teil schon f\u00fcr 2023, allgemein aber f\u00fcr die kommenden Jahre mit einem massiven R\u00fcstungswachstum zu rechnen ist: Dann schlagen die Auftr\u00e4ge, die seit Beginn des Ukraine-Kriegs eingegangen sind und jetzt abgearbeitet werden m\u00fcssen, in Form steigender Ums\u00e4tze und Profite zu Buche. Einen Eindruck vom Ausma\u00df, das das Wachstum annehmen kann, bieten die j\u00fcngsten Konzernergebnisse und die Prognosen von Rheinmetall. Dabei zeigt der SIPRI-Bericht auch, dass sich die Konkurrenz in Europa, aber auch weltweit verschiebt. So steigt in Europa etwa der polnische R\u00fcstungskonzern PGZ (Polska Grupa Zbrojeniowa) stark auf und liegt bei SIPRI mittlerweile auf Platz 71, knapp hinter der deutschen Nummer 3, Hensoldt (Platz 69). PBZ profitiert von dem gewaltigen Aufr\u00fcstungsprogramm, mit dem Warschau die polnischen Landstreitkr\u00e4fte zu den gr\u00f6\u00dften in Europa machen will; dabei kommen statt deutschen s\u00fcdkoreanische Kampfpanzer zum Zuge (german-foreign-policy.com berichtete [9]). Die T\u00fcrkei wiederum ist mittlerweile mit vier statt wie zuvor zwei R\u00fcstungsfirmen unter den globalen Top 100 vertreten; aufgestiegen sind Roketsan, ein Unternehmen, das Raketen herstellt, und vor allem Baykar, der Hersteller der Milit\u00e4rdrohne mit den weltweit meisten Kunden \u2013 der Bayraktar TB2. Die t\u00fcrkische R\u00fcstungsindustrie boomt auch sonst, produziert mittlerweile Kampfpanzer und Kampfjets und wird dieses Jahr wohl R\u00fcstungsg\u00fcter im Wert von 6 Milliarden US-Dollar exportieren \u2013 nach blo\u00df 2,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020.[10] Damit entsteht in Teilbereichen f\u00fcr die alten westeurop\u00e4ischen R\u00fcstungskonzerne neue Konkurrenz.<\/p>\n<p>[1], [2] The SIPRI Top 100 Arms-Producing and Military Services Companies, 2022. Solna, December 2023.<\/p>\n<p>[3] Rheinmetall verdient im Quartal mehr und \u00fcbertrifft Erwartungen. handelsblatt.com 25.10.2023.<\/p>\n<p>[4] Rheinmetall liefert Granaten an die Ukraine f\u00fcr 142 Millionen Euro. manager-magazin.de 04.12.2023.<\/p>\n<p>[5] Rheinmetall will 2026 bei mehr Umsatz profitabler arbeiten. handelsblatt.com 21.11.2023.<\/p>\n<p>[6] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9421\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBis an die Z\u00e4hne bewaffnet\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>[7] Rheinmetall liefert Granaten an die Ukraine f\u00fcr 142 Millionen Euro. manager-magazin.de 04.12.2023.<\/p>\n<p>[8] Rheinmetall will 2026 bei mehr Umsatz profitabler arbeiten. handelsblatt.com 21.11.2023.<\/p>\n<p>[9] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9306\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Panzer f\u00fcr Europa<\/a>.<\/p>\n<p>[10] Andreas Mihm: Killerdrohne im Anflug. Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.11.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SIPRI-Bericht: Die 100 gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungkonzerne weltweit stehen nach schwachem Jahr 2022 wegen globaler Hochr\u00fcstung vor gewaltigem Aufschwung. Rheinmetall will Umsatz von 2023 bis 2026 verdoppeln. 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