{"id":1785827,"date":"2023-12-07T07:33:25","date_gmt":"2023-12-07T07:33:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1785827"},"modified":"2023-12-07T07:33:25","modified_gmt":"2023-12-07T07:33:25","slug":"die-strategie-der-eindaemmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/12\/die-strategie-der-eindaemmung\/","title":{"rendered":"Die Strategie der Eind\u00e4mmung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Washington und Berlin dringen laut einem Bericht auf Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau. US-Experten fordern \u00dcbergang vom Krieg zu \u201eStrategie der Eind\u00e4mmung\u201c gegen Russland.<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland und in den Vereinigten Staaten w\u00e4chst der Druck auf Kiew, sich Verhandlungen mit Moskau \u00fcber einen Waffenstillstand nicht mehr zu verschlie\u00dfen. Die Regierungen beider L\u00e4nder streben, wie Ende vergangener Woche berichtet wurde, den \u00dcbergang zu solchen Verhandlungen an, w\u00fcnschen aber, dass Kiew sie selbst einleitet, ohne \u00f6ffentlich dazu aufgefordert zu werden. Eine Aufforderung g\u00e4be die stetige Behauptung des Westens, die Ukraine bestimme eigenst\u00e4ndig \u00fcber ihr Vorgehen, der L\u00e4cherlichkeit preis. Der Plan, Gespr\u00e4che mit Moskau anzubahnen, tr\u00e4gt dem Scheitern nicht nur der Kiewer Gegenoffensive, sondern auch der westlichen Russland-Sanktionen Rechnung: Da es nicht gelingt, den ukrainischen Streitkr\u00e4ften zum Sieg auf dem Schlachtfeld zu verhelfen oder Russland \u00f6konomisch niederzuringen, wird von Experten schon seit einiger Zeit der \u00dcbergang zu einer Politik der Eind\u00e4mmung empfohlen. Diese soll den aktuellen milit\u00e4rischen Stand einfrieren, ohne ukrainische Gebiete formell an Russland abzutreten. Begleitet werden soll sie von einer massiven Aufr\u00fcstung der NATO. F\u00fcr Deutschland fordern Experten einen \u201eMentalit\u00e4tswechsel\u201c; Berlin dringt auf \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c.<\/p>\n<h3>Das Ende des magischen Denkens<\/h3>\n<p>Bereits am 16. November hatten Eugene Rumer, ein ehemaliger Russland-Experte der US-Geheimdienste, und Andrew S. Weiss, ein Russland-Experte der US-Regierungen von George H.W. Bush und William Clinton, in einem Beitrag f\u00fcr das Wall Street Journal ausdr\u00fccklich einen Schwenk zu einer \u201eStrategie der Eind\u00e4mmung\u201c gegen\u00fcber Russland gefordert. Im Westen h\u00e4tten sich die Regierungen allzu h\u00e4ufig \u201emagischem Denken\u201c hingegeben, schrieben Rumer und Weiss: Man habe \u201eauf Sanktionen gesetzt\u201c, darauf, \u201eRussland diplomatisch zu isolieren\u201c, auf \u201eeine erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive\u201c, auf \u201eneue Waffentypen\u201c [1]; ein Beispiel f\u00fcr Letzteres war die deutsche Begeisterung f\u00fcr die Lieferung von Kampfpanzern des Typs Leopard (\u201efree the Leopards!\u201c). Nichts davon habe zum Erfolg gef\u00fchrt, halten die beiden Experten fest; die Gegenoffensive sei gescheitert, die russische Wirtschaft stehe besser da als gedacht, Pr\u00e4sident Wladimir Putin werde von der Bev\u00f6lkerung weiterhin unterst\u00fctzt. Man m\u00fcsse daher einen Kurswechsel einleiten und sich auf einen langfristigen Machtkampf einstellen. Dazu m\u00fcsse die Ukraine weiter gef\u00f6rdert und hochger\u00fcstet werden; die Sanktionen gegen Russland m\u00fcssten in Kraft bleiben; es gelte Moskau konsequent zu isolieren. Anstatt auf schnelle milit\u00e4rische Erfolge der Ukraine zu hoffen, m\u00fcssten die NATO-Staaten sich selbst massiv hochr\u00fcsten \u2013 gegen Russland.<\/p>\n<h3>Ein Mentalit\u00e4tswechsel<\/h3>\n<p>Eine solche massive Hochr\u00fcstung haben erst vor kurzem zwei Experten von der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Politik (DGAP) gefordert. Demnach ben\u00f6tigen die NATO sowie die Bundesrepublik \u201eeine Strategie, die auf fr\u00fchestm\u00f6gliche Abschreckung setzt\u201c und bereits in wenigen Jahren auf hochger\u00fcstete Streitkr\u00e4fte zur\u00fcckgreifen kann.[2] Dazu sei ein \u201eQuantensprung\u201c notwendig, hei\u00dft es: Die Bundesregierung m\u00fcsse \u201ebinnen k\u00fcrzester Frist die Bundeswehr personell st\u00e4rken\u201c, \u201edie R\u00fcstungsproduktion ausweiten\u201c und vor allem \u201edie Resilienz verbessern\u201c. \u201eVoraussetzung daf\u00fcr ist ein Mentalit\u00e4tswechsel in der Gesellschaft\u201c, hei\u00dft es in dem DGAP-Papier. Dieser aber k\u00f6nne nur dann eingeleitet werden, \u201ewenn die Gesamtverteidigung ein Teil des Alltags von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wird\u201c. Dazu m\u00fcsse man die Bev\u00f6lkerung in den Prozess einbinden, was \u201e\u00fcber Wettbewerbe, Weiterbildungen, Trainingscamps\u201c oder \u201eandere interaktive Formate\u201c geschehen k\u00f6nne. Denkbar sei \u201eein verpflichtendes Praktikum f\u00fcr alle in Deutschland lebenden Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren\u201c auf dem Feld der \u201eGesamtverteidigung\u201c. Der Forderung nach einem Mentalit\u00e4tswechsel entspricht, dass Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius die deutsche Gesellschaft \u201ekriegst\u00fcchtig\u201c sehen will und die neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien dies ausdr\u00fccklich unterst\u00fctzen.[3]<\/p>\n<h3>Ziele und Mittel<\/h3>\n<p>Mit Blick auf die Lage in der Ukraine haben am 17. November zwei weitere einflussreiche US-Experten auf der Website der Zeitschrift Foreign Affairs \u00dcberlegungen zur US-Strategie pr\u00e4sentiert. Richard Haass, ehemaliger Pr\u00e4sident des Council on Foreign Relations, und Charles Kupchan, Ex-Mitarbeiter des Nationalen US-Sicherheitsrats unter Pr\u00e4sident William Clinton, urteilen, Kiew und der Westen bef\u00e4nden sich \u201eauf einem nicht l\u00e4nger haltbaren Pfad\u201c. Die ukrainischen Kriegsziele \u2013 die R\u00fcckeroberung der Krim und des Donbass \u2013 seien \u201estrategisch au\u00dfer Reichweite, sicherlich f\u00fcr die nahe Zukunft und sehr wahrscheinlich auch dar\u00fcber hinaus\u201c.[4] Zudem habe \u201edie politische Bereitschaft, der Ukraine weiterhin milit\u00e4rische und wirtschaftliche Unterst\u00fctzung zukommen zu lassen, sowohl in den USA als auch in Europa zu erodieren begonnen\u201c. Die \u201egrelle Diskrepanz zwischen den Zielen und den verf\u00fcgbaren Mitteln\u201c steche ins Auge. Die Vereinigten Staaten m\u00fcssten nun mit der Ukraine zusammenarbeiten, um \u201ezu einer neuen Strategie \u00fcberzugehen, die die milit\u00e4rischen und die politischen Realit\u00e4ten widerspiegelt\u201c. Unterbleibe dies, dann drohe Kiew langfristig die Unterst\u00fctzung des Westens insgesamt zu verlieren, mit sehr weit reichenden Folgen, warnen die beiden Autoren.<\/p>\n<h3>Vom Angriff zur Verteidigung<\/h3>\n<p>Als unumg\u00e4nglich erachten Haass und Kupchan dabei die Bereitschaft der Ukraine, \u201eeinen Waffenstillstand mit Russland auszuhandeln\u201c und zugleich ihren milit\u00e4rischen Schwerpunkt \u201evom Angriff zur Verteidigung\u201c zu verlagern.[5] Es gehe nicht darum, Territorium offiziell aufzugeben, erl\u00e4utern die Autoren. Kupchan hatte bereits im Juni [6] ausdr\u00fccklich darauf hingewiesen, dass man die K\u00e4mpfe einstellen, jedoch zugleich am Anspruch auf Territorien festhalten kann; als \u201ehistorische Analogie\u201c hatte er die Bundesrepublik genannt: Diese hatte w\u00e4hrend des Kalten Kriegs den Anspruch auf das Territorium der DDR in der Tat nie aufgegeben. Als weitere Parallele gilt Korea, wo seit Jahrzehnten Waffenstillstand herrscht, ohne dass S\u00fcdkorea je auf seinen Anspruch auf den Norden verzichtet h\u00e4tte. Wie Haass und Kupchan urteilen, m\u00fcsse die Ukraine jetzt allerdings \u201eanerkennen, dass ihre kurzfristigen Priorit\u00e4ten vom Versuch, mehr Territorium zu befreien, sich verschieben m\u00fcssen zur Verteidigung und zur Wiederherstellung von mehr als 80 Prozent des Landes, das sie immer noch unter Kontrolle hat\u201c. Dazu sei ein Waffenstillstand hilfreich, wom\u00f6glich sogar n\u00f6tig. Nicht zuletzt werde ein solches Vorgehen \u201edemonstrieren\u201c, dass Kiew eine \u201eanwendbare Strategie mit erreichbaren Zielen\u201c habe; das werde auch helfen, langfristig westliche Unterst\u00fctzung zu sichern.<\/p>\n<h3>\u201eAus freien St\u00fccken\u201c<\/h3>\n<p>An die Gedankeng\u00e4nge kn\u00fcpfen nicht nur \u00dcberlegungen an, die vor kurzem ein ehemaliger Berater des ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj, Oleksij Arestowytsch, in einem Interview mit der Zeitschrift Stern ge\u00e4u\u00dfert hat. Arestowytsch sprach von einer \u201eSackgasse auf dem Schlachtfeld\u201c, urteilte, es sei an der Zeit, \u201esich an den Verhandlungstisch zu setzen\u201c, und pl\u00e4dierte daf\u00fcr, sich am Vorbild der Bundesrepublik in den Jahren des Kalten Kriegs zu orientieren: \u201eDie R\u00fcckkehr der besetzten Territorien\u201c k\u00f6nne man \u201eauf politischem Wege verfolgen\u201c.[7] Auch Pl\u00e4ne der US-amerikanischen sowie der deutschen Regierung, \u00fcber die Ende vergangener Woche das Springer-Blatt Bild berichtete, entsprechen dem Modell. Demnach gilt nun die Einleitung von Verhandlungen mit Russland als Ziel. Allerdings solle der ukrainische Pr\u00e4sident \u201eselbst zu der Erkenntnis kommen\u201c, dass es \u201eso nicht weitergeht\u201c, wird ein Berliner Insider zitiert: Selenskyj \u201esoll sich aus freien St\u00fccken an seine Nation richten und erkl\u00e4ren, dass man verhandeln muss\u201c.[8] Dies gilt als unumg\u00e4nglich, da es im Westen bislang immer hie\u00df, man richte sich stets nach dem ukrainischen Willen und mache Kiew keinerlei Vorgaben; eine Abkehr davon w\u00e4re dem Publikum schwer zu verkaufen.<\/p>\n<h3>Druck<\/h3>\n<p>Allerdings sollen Vorkehrungen getroffen werden, die geeignet sind, Selenskyj zu der vom Westen gew\u00fcnschten Kurskorrektur zu veranlassen. So hei\u00dft es, es sollten blo\u00df exakt so viele Waffen geliefert werden, wie sie zur Verteidigung erforderlich seien.[9] Zudem wird als Alternative \u201eein eingefrorener Konflikt ohne Einvernehmen der Konfliktparteien\u201c in Aussicht gestellt. Er w\u00fcrde die Ukraine aufreiben und Kiew wohl fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Nachgeben zwingen. Offiziell wird der Inhalt des \u201eBild\u201c-Berichts noch dementiert. Von Experten jedoch wird ein Waffenstillstand immer h\u00e4ufiger gefordert \u2013 seltener in Deutschland, \u00f6fter in den USA.<\/p>\n<p>[1] Eugene Rumer, Andrew S. Weiss: It\u2019s Time to End Magical Thinking About Russia\u2019s Defeat. wsj.com 16.11.2023.<\/p>\n<p>[2] Christian M\u00f6lling, Torben Sch\u00fctz: Den n\u00e4chsten Krieg verhindern. DGAP Policy Brief. Berlin, 08.11.2023.<\/p>\n<p>[3] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9391\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDeutschland kriegstauglich machen\u201c<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9402\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c als Handlungsmaxime<\/a>.<\/p>\n<p>[4], [5] Richard Haass, Charles Kupchan: Redefining Success in Ukraine. A New Strategy Must Balance Means and Ends. foreignaffairs.com 17.11.2023.<\/p>\n<p>[6] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9279\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der \u00dcbergang zur Diplomatie (I)<\/a>.<\/p>\n<p>[7] Florian Schillat: Ukraine-Krieg: SPD-Politiker bringen Verhandlungsl\u00f6sung ins Spiel. stern.de 04.11.2023. Moritz Gathmann: Ex-Berater von Selenskyj fordert: \u201eWir sind in einer Sackgasse. Es ist Zeit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen\u201c. stern.de 03.11.2023.<\/p>\n<p>[8], [9] Julian R\u00f6pcke: Neuer Geheimplan f\u00fcr die Ukraine. bild.de 24.11.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Washington und Berlin dringen laut einem Bericht auf Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau. US-Experten fordern \u00dcbergang vom Krieg zu \u201eStrategie der Eind\u00e4mmung\u201c gegen Russland. 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