{"id":1776704,"date":"2023-10-28T10:54:19","date_gmt":"2023-10-28T09:54:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1776704"},"modified":"2023-10-28T10:54:19","modified_gmt":"2023-10-28T09:54:19","slug":"der-westen-im-zielkonflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/10\/der-westen-im-zielkonflikt\/","title":{"rendered":"Der Westen im Zielkonflikt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Washington sucht gro\u00dfen Mittelostkrieg zu vermeiden, um sich weiter gegen China in Stellung bringen zu k\u00f6nnen. Berlin passt seinen Kurs gegen\u00fcber Israel an. Einsatz der Bundeswehr in Israel dennoch im Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesregierung passt ihren Kurs im j\u00fcngsten Nahostkrieg an die neue US-Linie an und fordert von Israel eine gewisse M\u00e4\u00dfigung bei Blockade und Bombardement des Gazastreifens. Hatte sie bislang ausschlie\u00dflich \u201eIsraels Recht auf Selbstverteidigung\u201c postuliert und damit nicht zuletzt in der EU heftigen Unmut ausgel\u00f6st, so schr\u00e4nkte Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock die Berliner \u201eSolidarit\u00e4t\u201c am gestrigen Donnerstag auf den \u201eKampf gegen die Hamas\u201c ein und drang auf die Einhaltung des V\u00f6lkerrechts. Hintergrund ist eine entsprechende Kurskorrektur der Vereinigten Staaten. Diese haben zuletzt in Nah- und Mittelost sp\u00fcrbar an Einfluss verloren, was sich unter anderem in der Ann\u00e4herung zwischen Saudi-Arabien und Iran ausdr\u00fcckt. Zugleich hat Iran \u2013 eine Folge auch der westlichen Gewaltpolitik \u2013 in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich an Einfluss gewonnen. Washington, schon mit dem Ukraine-Krieg ausgelastet, will einen Fl\u00e4chenbrand in der Region vermeiden, um sich vorrangig auf seinen Machtkampf gegen China zu fokussieren. In Berlin wird parallel aber auch eine st\u00e4rkere milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Israel diskutiert \u2013 auch ein Einsatz der Bundeswehr.<\/p>\n<h3>Neue Spielr\u00e4ume<\/h3>\n<p>Die aktuellen diplomatischen Bem\u00fchungen im Nahen und Mittleren Osten werden zum einen dadurch gepr\u00e4gt, dass die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in der Region sich tiefgreifend zu verschieben begonnen haben. Ein Beispiel bietet etwa die Tatsache, dass es dank chinesischer Vermittlung gelungen ist, den erbitterten Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran einzuhegen und die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden L\u00e4ndern wiederherzustellen. Auf dem j\u00fcngsten Gipfeltreffen des BRICS-B\u00fcndnisses wurde gar beschlossen, beide L\u00e4nder gleichzeitig in den Zusammenschluss aufzunehmen.[1] Die Ann\u00e4herung zwischen beiden Staaten, die US-Interessen in Mittelost zuwiderl\u00e4uft \u2013 Washington will Teheran isolieren \u2013, er\u00f6ffnet ganz neue Handlungsspielr\u00e4ume. So kamen am 12. Oktober Irans Pr\u00e4sident Ebrahim Raisi und Saudi-Arabiens Kronprinz Muhammad bin Salman in ihrem ersten gemeinsamen Telefonat \u00fcberhaupt \u00fcberein, im aktuellen Konflikt auf \u201eislamische Einheit\u201c, also auf ein miteinander abgestimmtes Vorgehen zu setzen.[2] Als am 15. Oktober US-Au\u00dfenminister Antony Blinken zu Gespr\u00e4chen in Riad eintraf, lie\u00df Muhammad bin Salman ihn einige Stunden lang warten und stach dies an die \u00d6ffentlichkeit durch \u2013 ein Schritt, den nichtwestliche Medien v\u00f6llig offen als \u201eDem\u00fctigung\u201c der Vereinigten Staaten einstuften.[3]<\/p>\n<h3>Irans Kr\u00e4ftedispositiv<\/h3>\n<p>Werden die USA dadurch im Mittleren Osten geschw\u00e4cht, so ist Iran sp\u00fcrbar gest\u00e4rkt aus der Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte hervorgegangen \u2013 paradoxerweise dank der Gewaltpolitik der westlichen M\u00e4chte in der Region. So haben der Irak-Krieg des Jahres 2003 und der Sturz von Saddam Hussein schiitische Kr\u00e4fte im Irak freigesetzt, von denen einige Teheran nahe stehen; Iran kann nun bei Bedarf kampfstarke, ihm gegen\u00fcber loyale Milizen in seinem Nachbarland mobilisieren. Der 2011 initiierte Versuch des Westens, Syriens Pr\u00e4sident Bashar al Assad zu st\u00fcrzen, hat es Teheran erm\u00f6glicht, als dessen Unterst\u00fctzer aufzutreten und proiranische Milizen in Syrien zu positionieren. Dass Saudi-Arabien \u2013 damals noch loyal auf der Seite des Westens stehend \u2013 im Jemen gegen die Huthi-Milizen Krieg f\u00fchrte, hat auch diese Iran in die Arme getrieben, \u00e4hnlich wie die eineinhalb Jahrzehnte w\u00e4hrende Blockade des Gazastreifens Bestrebungen in der sunnitischen Hamas st\u00e4rkte, enger mit Teheran zu kooperieren. Gemeinsam mit der libanesischen Hizbollah bilden diese Kr\u00e4fte ein in mehreren Staaten des Nahen und Mittleren Ostens verankertes Dispositiv, das wohl kaum iranischem Befehl direkt gehorcht, das aber f\u00fcr iranischen Einfluss sehr offen ist.<\/p>\n<h3>Mehrere Fronten<\/h3>\n<p>Die Vereinigten Staaten, jahrzehntelang im Nahen und Mittleren Osten dominant, sind damit in der Region verletzbar geworden. W\u00e4hrend die internationale Aufmerksamkeit zur Zeit auf den Gazastreifen und die Scharm\u00fctzel an der israelisch-libanesischen Grenze fokussiert ist, wo die Eskalation zu einer zweiten Kriegsfront zwischen Israel und der Hizbollah bef\u00fcrchtet wird, griffen mutma\u00dflich proiranische irakische Milizen am Mittwoch zwei US-Milit\u00e4rbasen im Westen und im Norden des Iraks mit Drohnen an; dabei wurde eine nicht genannte Zahl an US-Soldaten verletzt.[4] Am gestrigen Donnerstag folgten weitere Drohnenangriffe, diesmal auf die US-Milit\u00e4rbasis Al Tanf im S\u00fcdosten sowie auf das Conoco-Erdgasfeld im Nordosten Syriens, das von den Vereinigten Staaten kontrolliert wird.[5] Im Irak sind noch rund 2.500, in Syrien rund 900 US-Soldaten stationiert. Am Montagabend hatte der iranische Au\u00dfenminister Hossein Amir-Abdollahian erkl\u00e4rt: \u201eIn den kommenden Stunden k\u00f6nnen wir pr\u00e4emptive Handlungen der Widerstandsfront erwarten\u201c. Mit \u201eWiderstandsfront\u201c sind die erw\u00e4hnten Iran gegen\u00fcber loyalen Milizen gemeint.[6]<\/p>\n<h3>\u201eNicht wie nach 9\/11\u201c<\/h3>\n<p>Zwar kann an der milit\u00e4rischen \u00dcberlegenheit der US-Streitkr\u00e4fte kein Zweifel bestehen. Ein Fl\u00e4chenbrand in Nah- und Mittelost w\u00fcrde aber eine erhebliche Zahl an US-Truppen binden \u2013 dies zu einer Zeit, zu der in Washington die Forderung erstarkt, die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine zu reduzieren, um sich vollst\u00e4ndig auf den Machtkampf gegen China zu fokussieren. Die Vereinigten Staaten geraten damit immer st\u00e4rker in einen Zielkonflikt: Lassen sie die Ukraine fallen, k\u00f6nnte Russland einen gewichtigen Sieg erzielen; m\u00fcssen sie st\u00e4rker in Israel und im Mittleren Osten intervenieren, fehlen erneut Kr\u00e4fte f\u00fcr den Aufmarsch in der Asien-Pazifik-Region. US-Pr\u00e4sident Joe Biden versucht deshalb zur Zeit, Israel zu st\u00e4rken, ohne einen ganz gro\u00dfen Krieg im gesamten Nahen und Mittleren Osten zu riskieren. Am Mittwoch drang er in einer Rede in Tel Aviv auf M\u00e4\u00dfigung bei den Angriffen auf den Gazastreifen. So warnte er mit Bezug auf die hemmungslose US-Gewaltpolitik nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001, dabei seien \u201eFehler\u201c gemacht worden; Tel Aviv solle sie nicht wiederholen. Man m\u00fcsse ber\u00fccksichtigen, dass die Pal\u00e4stinenser unter den derzeitigen Bombardements dramatisch litten; auch deshalb gelte es, schon jetzt auf Frieden zu orientieren. Biden erw\u00e4hnte ausdr\u00fccklich die \u201eZweistaatenl\u00f6sung\u201c.[7]<\/p>\n<h3>Die Entdeckung der Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n<p>Die Bundesregierung beginnt mittlerweile, ihre Nahostpolitik der US-Strategie anzupassen. Dies zeigen Aussagen, die Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock vor ihrer gestern gestarteten Nahostreise t\u00e4tigte. Hatte sich Baerbock bislang \u2013 wie Berlin insgesamt \u2013 darauf beschr\u00e4nkt, \u201eIsraels Recht auf Selbstverteidigung\u201c zu postulieren, ohne es auch blo\u00df um eine Warnung vor Kriegsverbrechen bei Blockade und Bombardement des Gazastreifens zu erg\u00e4nzen [8], so schr\u00e4nkte sie gestern, konform mit Biden, erstmals ein, \u201eunsere unverbr\u00fcchliche Solidarit\u00e4t\u201c gelte Israel nicht allgemein, sondern \u201eim Kampf gegen die Hamas\u201c [9]. Israels \u201eRecht, sich gegen den Hamas-Terror zu verteidigen\u201c, gelte \u201ein dem Rahmen, den das V\u00f6lkerrecht\u201c daf\u00fcr vorgebe. Hatte Baerbock bislang lediglich Tr\u00e4nen f\u00fcr israelische Kinder vergossen, die dem Massaker vom 7. Oktober zum Opfer gefallen waren, so stellte sie am gestrigen Mittwoch zum ersten Mal \u00f6ffentlich fest, auch im Gazastreifen seien \u201eunglaublich viele Kinder &#8230; ums Leben gekommen\u201c. Den Kurswechsel auf die aktuelle US-Linie bekr\u00e4ftigte Baerbock mit dem Hinweis, sie wolle \u201eden Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern deutlich &#8230; machen, dass wir auch ihr Leid sehen\u201c. Lediglich den Biden\u2019schen Hinweis auf die Zweistaatenl\u00f6sung verkniff sich die deutsche Au\u00dfenministerin noch.<\/p>\n<h3>Bundeswehr nach Israel?<\/h3>\n<p>Freilich ist zweifelhaft, ob der US-Versuch gelingt, das Ausgreifen des Krieges zu einem Fl\u00e4chenbrand zu verhindern. Am gestrigen Donnerstag hie\u00df es, Israels Verteidigungsminister Joav Gallant stimme die Streitkr\u00e4fte auf den baldigen Beginn der Bodenoffensive ein.[10] F\u00fcr den Fall, dass der Krieg dann eskaliert, wird in Berlin eine Ausweitung der milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung f\u00fcr Israel diskutiert. Wie der CDU-Au\u00dfenpolitiker Roderich Kiesewetter am Mittwochabend erkl\u00e4rte, k\u00f6nne dazu unter Umst\u00e4nden auch die Bundeswehr nach Israel entsandt werden. So k\u00f6nne man beispielsweise ein deutsches Kriegsschiff vor der K\u00fcste von Gaza patrouillieren lassen oder deutsche Milit\u00e4rjets schicken, um \u201edie Grenzen Israels abzufliegen\u201c.[11] Davon unabh\u00e4ngig halten sich, wie gestern bekannt wurde, Spezialkr\u00e4fte der Bundeswehr bereits auf Zypern auf \u2013 wie es hei\u00dft, zun\u00e4chst mit dem Ziel, im Fall einer Kriegseskalation deutsche Staatsb\u00fcrger evakuieren zu k\u00f6nnen.[12]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr zum Thema:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9373\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Waffen f\u00fcr Israel<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9374\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vor der humanit\u00e4ren Katastrophe<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9204\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Ende der US-Dominanz am Persischen Golf (III)<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9329\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Strategien gegen die BRICS<\/a>.<\/p>\n<p>[2] Raisi, bin Salman discuss Palestine developments over phone. en.irna.ir 12.10.2023.<\/p>\n<p>[3] Saudi Crown Prince \u2018Humiliates\u2019 Blinken Over Israel; \u2018MBS Kept U.S. Diplomat Waiting\u2026\u2019 Youtube-Kanal der Hindustan Times, 16.10.2023.<\/p>\n<p>[4] Drones target US troops in Middle East for second day in a row. stripes.com 19.10.2023.<\/p>\n<p>[5] Lara Seligman: U.S. forces thwart drone strikes headed for bases in Syria. politico.com 19.10.2023.<\/p>\n<p>[6] Friederike B\u00f6ge: Sch\u00e4rfere T\u00f6ne. Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.10.2023.<\/p>\n<p>[7] Remarks by President Biden on the October 7<sup>th<\/sup>\u00a0Terrorist Attacks and the Resilience of the State of Israel and its People. Tel Aviv, 18.10.2023.<\/p>\n<p>[8] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9379\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kein Waffenstillstand<\/a>.<\/p>\n<p>[9] Au\u00dfenministerin Baerbock vor ihrer erneuten Nahost-Reise. Pressemitteilung des Ausw\u00e4rtigen Amts. Berlin, 19.10.2023.<\/p>\n<p>[10] Galant: Truppen werden Gaza \u201ebald von innen sehen\u201c. tagesschau.de 19.10.2023.<\/p>\n<p>[11] Pierre Winkler: Israel: Kiesewetter kritisiert Islamverb\u00e4nde. zdf.de 19.10.2023.<\/p>\n<p>[12] Julia Klaus: Deutsche Spezialkr\u00e4fte auf Zypern stationiert. zdf.de 19.10.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Washington sucht gro\u00dfen Mittelostkrieg zu vermeiden, um sich weiter gegen China in Stellung bringen zu k\u00f6nnen. 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