{"id":1776013,"date":"2023-11-27T12:11:56","date_gmt":"2023-11-27T12:11:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1776013"},"modified":"2023-11-29T11:47:21","modified_gmt":"2023-11-29T11:47:21","slug":"carlos-fino-in-einem-exklusiven-interview-fuer-pressenza-1-2-moskau-und-der-zusammenbruch-der-udssr-und-jugoslawiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/11\/carlos-fino-in-einem-exklusiven-interview-fuer-pressenza-1-2-moskau-und-der-zusammenbruch-der-udssr-und-jugoslawiens\/","title":{"rendered":"Carlos Fino in einem exklusiven Interview f\u00fcr PRESSENZA (1\/2): Moskau und der Zusammenbruch der UdSSR und Jugoslawiens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Carlos Fino*, interviewt f\u00fcr Pressenza von Vasco Esteves<\/strong><\/p>\n<p class=\"Textbody\" style=\"margin-bottom: 18.75pt;\"><span lang=\"DE\">Carlos Fino wurde in Portugal geboren und arbeitete vier Jahrzehnte lang als Radio- und Fernsehreporter, Kriegskorrespondent, Moderator von Nachrichtendiensten und Medienberater. Er war in Osteuropa, im Nahen Osten und Brasilien. Er lebte in Lissabon, Moskau, Br\u00fcssel, Washington und Brasilia. Er war ein preisgekr\u00f6nter Journalist, schrieb B\u00fccher und hat einen Doktortitel in Kommunikationswissenschaften. Er ist vielleicht der bekannteste portugiesische Reporter der Welt.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"Textbody\" style=\"margin-bottom: 18.75pt;\"><span lang=\"DE\">Im Jahr 2022 kehrte er nach Portugal zur\u00fcck, um &#8211; wie er selbst sagt &#8211; &#8222;nicht mehr im Rampenlicht der internationalen Politik und des Journalismus zu stehen und mit meiner Frau ein ruhigeres Leben zu f\u00fchren&#8220;, also zu versuchen, den \u201egoldenen Mittelweg&#8220; auf die gute alte Art und Weise auszuleben.<\/span><\/p>\n<p class=\"Textbody\" style=\"margin-bottom: 18.75pt;\"><span lang=\"DE\">Doch kaum war er 2022 in Portugal angekommen, brach der Krieg in der Ukraine aus, dessen Verlauf ihn zutiefst ersch\u00fctterte. Er z\u00f6gerte noch, sich einzumischen, aber jetzt hat er beschlossen, eine Ausnahme zu machen und dieses exklusive Interview f\u00fcr PRESSENZA zu geben, \u00fcber seine Erfahrungen in Osteuropa und die m\u00f6glichen geopolitischen Schlussfolgerungen, die er daraus ziehen kann.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"Textbody\" style=\"margin-bottom: 18.75pt;\"><span lang=\"DE\">In diesem ersten Teil des Interviews geht es um die Erfahrungen von Carlos Fino in Moskau, w\u00e4hrend des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Zerschlagung Jugoslawiens.<br \/>\nIm zweiten Teil, der in einigen Tagen ver\u00f6ffentlicht wird, wird er \u00fcber den aktuellen Krieg in der Ukraine, \u00fcber Osteuropa im Allgemeinen sowie \u00fcber die fortschreitende De-globalisierung und die sich abzeichnende neue Weltordnung sprechen.<\/span><\/p>\n<h3><strong>Moskau<\/strong><\/h3>\n<p><em>Pressenza: <\/em><em>Verfolgt von der PIDE\/DGS (Geheimpolizei des Salazar-Caetano-Regimes), mussten Sie, Carlos Fino, 1971 aus Portugal nach Frankreich fliehen. Zu dieser Zeit waren Sie Studentenf\u00fchrer (1968\/1969 als Mitglied des Asta-Vorstands in der Juristischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Lissabon) und sollten auch bald danach der PCP (Portugiesische Kommunistische Partei) beitreten, die damals noch im Untergrund agierte. Sie waren auch Mitglied der MDP\/CDE (Portugiesische Demokratische Bewegung &#8211; Demokratische Wahlkommission), die an den \u201ekontrollierten Wahlen&#8220; von 1969 trotz der vom Regime auferlegten Beschr\u00e4nkungen teilnahm.<\/em><\/p>\n<p><em>Anschlie\u00dfend reisten Sie nach Paris und von dort weiter nach Br\u00fcssel, wo Sie den Fl\u00fcchtlingsstatus der Vereinten Nationen erlangten und zwei Jahre lang als Stra\u00dfenbahnfahrer arbeiteten. Parallel dazu studierten Sie Jura an der ULB (&#8222;License en Droit de la Universit\u00e9 Libre de Bruxelles&#8220;).<\/em><\/p>\n<p><em>1973 gingen Sie \u00fcber die PCP nach Russland, um dort als Sprecher f\u00fcr Radio Moskau zu arbeiten, das ein auf Portugal ausgerichtetes Programm hatte, welches &#8211; ebenso wie das in Rum\u00e4nien ans\u00e4ssige \u201eR\u00e1dio Portugal Livre\u201c und das in Algier ans\u00e4ssige \u201eR\u00e1dio Voz da Liberdade\u201c &#8211; von den Regimegegnern heimlich abgeh\u00f6rt wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Nach dem Milit\u00e4rputsch vom 25. April 1974, der das diktatorische Regime von Salazar-Caetano st\u00fcrzte und den Weg f\u00fcr die Implementierung eines demokratischen Regimes ebnete, kehrten Sie Ende 1974 nach Portugal zur\u00fcck, wo Sie die laufende Nelkenrevolution verfolgten und ein Jahr lang als \u00dcbersetzer f\u00fcr die sowjetische Nachrichtenagentur Novosti arbeiteten, die gerade eine Niederlassung in Lissabon er\u00f6ffnet hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>Ende 1975 kehrten Sie nach Moskau zur\u00fcck, diesmal als Korrespondent und Reporter f\u00fcr den portugiesischen Rundfunk EN und sp\u00e4ter f\u00fcr RTP (R\u00e1dio Televis\u00e3o Portuguesa); diesmal blieben Sie bis 1982 in der sowjetischen Hauptstadt, als Sie nach einem erlittenen Angriff der sowjetischen Polizei nach Portugal zur\u00fcckkehrten.<\/em><\/p>\n<p><em>Zwischen 1982 und 1989 arbeiteten Sie f\u00fcr RTP in Lissabon als Reporter, Moderator und Kommentator, danach gingen Sie als Korrespondent des portugiesischen \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehens nach Moskau, wo Sie bis 1995 blieben. Anschlie\u00dfend wurden Sie nach Br\u00fcssel versetzt, und drei Jahre sp\u00e4ter nach Washington, jeweils als internationaler Korrespondent von RTP.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten (1973-1995) lebten Sie also dreimal in Moskau, insgesamt 12 Jahre lang, und verfolgten als Korrespondent und Reporter alle wichtigen Ereignisse in der Sowjetunion, einschlie\u00dflich ihres Zusammenbruchs und der Emanzipation der osteurop\u00e4ischen Staaten hinter dem so genannten &#8222;Eisernen Vorhang&#8220;&#8230; Was bedeutete Moskau damals f\u00fcr Sie, und was bedeutet es heute?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Carlos Fino: Als ich im November 1973 zum ersten Mal nach Moskau reiste, stellte ich mir die sowjetische Hauptstadt, nach dem, was ich in der Propaganda gelesen hatte und in der Unwissenheit meiner gr\u00fcnen Jahre, als eine Art rotes Brasilia vor \u2013 also eine entwickelte Stadt, offen f\u00fcr die Zukunft, fortschrittlich, und Sitz einer Macht, die auf der internationalen B\u00fchne offen die Hegemonie der USA herausforderte, deren Rolle damals durch den Vietnamkrieg stark angeschlagen war.<\/p>\n<p>Als ich nach Russland ging, um als Sprecher f\u00fcr Radio Moskau zu arbeiten \u2013 eine Radiostation, die ich in Portugal heimlich h\u00f6rte -, war das f\u00fcr mich der H\u00f6hepunkt einer pers\u00f6nlichen Entwicklung, die durch den Kontakt mit der Armut im Alentejo, den Kampf um den 8-Stunden-Tag, den ich als Kind miterlebte und das Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Gedem\u00fctigten und in ihren Rechten Verletzten gepr\u00e4gt war. Dieses Mitgef\u00fchl wurde geweckt durch die Soziallehre der katholischen Kirche, insbesondere dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1961, als ich noch 13 Jahre alt war.<\/p>\n<p>Diese katholische Pr\u00e4gung vermischte sich schlie\u00dflich mit dem kommunistischen Einfluss, als meine Eltern den Alentejo verlie\u00dfen und in die Region Vila Franca [in der N\u00e4he von Lissabon] zogen, um ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu erm\u00f6glichen, da es im Alentejo zu dieser Zeit keine Universit\u00e4t gab. Die PCP war im Industrieg\u00fcrtel von Lissabon sehr stark und einflussreich, und &#8211; auch wenn ich kein Aktivist war &#8211; kam ich in jenen Jahren der Partei nahe &#8211; sowohl dem Arbeiterfl\u00fcgel als auch den intellektuellen Sektoren &#8211; und engagierte mich in der demokratischen Bewegung, sowohl auf legaler als auch auf halblegaler Ebene. Der Eintritt in die juristische Fakult\u00e4t Ende der 1960er Jahre verst\u00e4rkte noch diese Verbindung, die in der Militanz im Untergrund gipfelte.<\/p>\n<p>Die Flucht vor der PIDE [Geheimpolizei] und mein Grenz\u00fcbertritt im Jahr 1971 festigten diese Situation, markierten aber auch eine Grenze: Als ich unter Druck gesetzt wurde, Parteifunktion\u00e4r zu werden, lehnte ich es ab: Ich stand nicht zur Verf\u00fcgung, um &#8222;die Uniform zu tragen&#8220;, wie Pires Jorge formulierte, das Mitglied des Zentralkomitees, das mich anzuwerben versuchte.<\/p>\n<p>Trotzdem willigte ich Ende 1973 ein, nach Moskau zu gehen, weil mir die Stelle als Radiomoderator attraktiv erschien, aber auch, weil das Schuljahr zu Ende ging und ein &#8222;Sitzenbleiben&#8220; wahrscheinlich wurde: Es schien mir ein attraktiver Ausweg zu sein, weil er einerseits mir eine berufliche Erf\u00fcllung brachte, nach der ich mich bereits sehnte (neben Radio Moskau h\u00f6rte ich auch immer BBC, die \u201eEmissora Nacional\u201c und RTP, die Moderatoren fand ich alle zauberhaft), und weil er anderseits mich auch menschlich bereichern k\u00f6nnte. Dies umso mehr, als damals noch nichts auf den 25. April hindeutete: Im Gegenteil, die Opposition gegen das Regime war gr\u00fcndlich vom sogenannten &#8222;Marcelistischen Fr\u00fchling&#8220; entt\u00e4uscht und das Regime schien nicht kurz vor seinem Ende zu stehen.<\/p>\n<p>Die Ankunft in der sowjetischen Hauptstadt war eine Entt\u00e4uschung: Statt der roten Brasilia, die ich mir vorgestellt hatte, war Moskau immer noch eine sehr schwere, politisch bedr\u00fcckende, kalte und ungem\u00fctliche Stadt, in der allein die Beschaffung der t\u00e4glichen Dinge Kopfzerbrechen bereitete, mit einem sehr geringen Angebot in verfallenen, leeren, stinkenden Gesch\u00e4ften, in denen man Schlange stehen musste, um das N\u00f6tigste zu kaufen, wobei alles oder fast alles auch noch von schlechter Qualit\u00e4t war.<\/p>\n<p>Von da an gab es eine ganze Zeit, in der ich meine eigenen Entscheidungen \u00fcberdachte, und als einige Monate sp\u00e4ter der 25. April kam, wollte ich sofort nach Portugal zur\u00fcckkehren. Schlie\u00dflich hatte auch ich, wenn auch in geringem Ma\u00dfe, zu diesem Moment der Befreiung beigetragen. Leider war die Partei im Besitz meines Passes und wusste, dass ich den Vertrag erf\u00fcllen musste &#8211; mindestens ein Jahr -, so dass sie mir das Dokument nicht aush\u00e4ndigte, was mich an der Ausreise hinderte. So konnte ich weder die ersten Tage des 25. April noch den darauffolgenden historischen 1. Mai so erleben, wie ich es mir vorgenommen hatte. Das ist eine bittere Erkenntnis, die ich mit ins Grab nehmen werde, und sie ist auch f\u00fcr immer mit meinen ersten Erfahrungen in Moskau verbunden.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit, zwischen April und November 1974, lernte ich Natacha kennen, meine erste russische Frau, und meine Verbindung zu Moskau verlor zwar den Aspekt der politischen Militanz, gewann daf\u00fcr an pers\u00f6nlicher und beruflicher Bedeutung.<\/p>\n<p>Das eine Jahr, das ich zwischen November &#8217;74 und November &#8217;75 in Portugal verbrachte, war ein \u00dcbergang &#8211; politisch hatte ich bereits den Tod in meiner Seele -, und nun wollte ich nach Moskau zur\u00fcckkehren, nicht wegen der Ideologie, sondern wegen der Liebe und meines Berufs. Ich wollte eine Verschmelzung von B\u00e9cauds Versen -\u201eNatalie\u201c &#8211; mit der romantischen Musik und dem Ambiente des Films \u201eDoktor Schiwago\u201c schaffen.<\/p>\n<p>Diese beiden Aspekte wurden mir zwischen &#8217;74 und &#8217;82 in Moskau bewusst, als ich &#8211; auf dem H\u00f6hepunkt einer zunehmend kritischen Betrachtung meiner Chroniken &#8211; Zielscheibe einer f\u00fcr den Kalten Krieg typischen Polizeibrutalit\u00e4t wurde, einer Episode, die meinen politischen Bruch mit einem bestimmten Russland markierte.<\/p>\n<p>Als ich 1989 zur\u00fcckkehrte, um den H\u00f6hepunkt der Perestroika f\u00fcr den portugiesischen \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk zu begleiten, tat ich dies, um die beiden Aspekte, mit denen ich weggegangen war &#8211; Beruf und Liebe &#8211; zu verst\u00e4rken, nun aber mit einer demokratischen politischen Vision und nicht mehr mit einer kommunistischen.<\/p>\n<p>All dies hinterlie\u00df bei mir widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchle in Bezug auf meine Beziehung zu Russland und insbesondere zu Moskau: Entt\u00e4uschung, Frustration und Unbehagen auf der einen Seite, aber auch intensive menschliche Beziehungen, pers\u00f6nliches Engagement und eine einzigartige berufliche Chance, eine &#8222;Mischung&#8220;, die meine gesamte Karriere und sogar mein ganzes Leben pr\u00e4gen sollte.<\/p>\n<p>Heute vermisse ich Russland nicht; Moskau steht auf einem anderen Blatt, aber ich hege auch keine Ressentiments und teile im Allgemeinen die vorherrschende Russophobie nicht.<\/p>\n<p>Aus der Ferne betrachtet ist Moskau (das ich das letzte Mal im Jahr 2000 besuchte, als Putin an die Macht kam), wenn meine Informationen stimmen, heute eine viel ansehnlichere Stadt als in den 70er &#8211; und sogar den 90er &#8211; Jahren des letzten Jahrhunderts. Und Russland versucht eindeutig, sich vom Trauma des Zusammenbruchs der UdSSR zu erholen. Andererseits glaube ich nicht, dass die europ\u00e4ische Sicherheit durch Konfrontation mit Moskau aufgebaut werden kann, sondern eher durch Verhandlungen, bei denen die Anliegen beider Seiten in diesem und anderen Bereichen ber\u00fccksichtigt werden und ein f\u00fcr beide Seiten akzeptabler &#8222;modus vivendi&#8220; gefunden werden kann.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Wie Sie sagten, waren Sie 1982 in Moskau Ziel eines &#8222;f\u00fcr den Kalten Krieg typischen Akts der Polizeibrutalit\u00e4t&#8220;. Was genau ist passiert und warum?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Zu der Zeit arbeitete ich schon f\u00fcr RDP &#8211; den Nachfolger von \u201eEmissora Nacional\u201c &#8211; und f\u00fcr RTP. Im Jahr 1980 hatte ich bereits \u00fcber die Olympischen Spiele in Moskau berichtet. Um zu verstehen, was passiert ist, muss man den Kontext ber\u00fccksichtigen. Als ich 1975, nach der Revolution vom 25. April in Portugal, wieder nach Moskau kam, war die Neugier auf Osteuropa und insbesondere auf die UdSSR gro\u00df. Aber es gab auch einen Moment &#8211; der bis heute anh\u00e4lt &#8211; der Feindseligkeit gegen\u00fcber der UdSSR: Die USA hatten die besagten Olympischen Spiele boykottiert, und es gab auch andere Sanktionen gegen die Sowjetunion. Wir waren im Kalten Krieg, und ich befand mich im Spannungsfeld dieser gegens\u00e4tzlichen Tendenzen (ideologisch, politisch, wirtschaftlich) und musste einen sehr gro\u00dfen Spagat hinlegen, um aus Moskau berichten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Obwohl ich immer sehr vorsichtig war mit dem, was ich sagte, wurde meine Berichterstattung &#8211; entsprechend der Entwicklung in der sowjetischen Gesellschaft selbst &#8211; immer kritischer. Infolgedessen begann die kommunistische Presse in Portugal, meine Arbeit offen zu kritisieren. Andererseits \u00fcbten auch die Sowjets Druck aus: Die Verantwortlichen des sowjetischen Au\u00dfenministeriums sagten sogar \u00fcber die in Moskau akkreditierten ausl\u00e4ndischen Journalisten, auf am\u00fcsanter Weise, dass &#8222;diejenigen, die keine Spione sind, bestimmt Journalisten sind\u201c! Ich war kein Spion, aber meine Berichte &#8211; viele von ihnen basierten auf Informationen aus der offeneren sowjetischen Presse selbst, wie der Literaturnaia Gazeta &#8211; neigten dazu, die Machthaber zu kritisieren.<\/p>\n<p>Dann gab es einen Zwischenfall mit der Polizei vor einem Hotel. Ich stand bereits &#8222;unter Beobachtung&#8220;, glaube ich. Ich wollte rein, sie lie\u00dfen mich nicht rein, ich wurde laut und es gab eine Auseinandersetzung mit dem Wachmann vor dem Hotel. Pl\u00f6tzlich kam ein Mann in Zivil aus dem Inneren des Hotels und eine Gruppe verhaftete mich. Ich wurde gewaltsam in ein Auto gezerrt und zum hinteren Teil des Hotels gebracht, wo eine Polizeistation vorhanden war, speziell um das Geschehen im Hotel zu \u00fcberwachen (es handelte sich um ein internationales Hotel, und die Station war voll mit \u00dcberwachungsger\u00e4ten ausgestattet), und dort wurde ich brutal angegriffen. Ich sagte ihnen, dass meine Festnahme nicht rechtens sei, dass ich mit meiner Botschaft sprechen wolle, und in diesem Streit traten sie mir hart zwischen die Beine und schlugen mir auf die Leber und die Nieren. Ich musste mich sofort \u00fcbergeben und f\u00fchlte mich zuerst wie bet\u00e4ubt. Erst im Laufe der n\u00e4chsten 24 Stunden wurden meine Schmerzen immer st\u00e4rker, bis sie schlie\u00dflich unertr\u00e4glich wurden.<\/p>\n<p>Die Botschaft Portugals protestierte, die portugiesischen Zeitungen reagierten ebenfalls, die Zeitung &#8222;Expresso&#8220; ver\u00f6ffentlichte einen Leitartikel dar\u00fcber, kurzum, die Episode f\u00fchrte zu Reibung in den Beziehungen zwischen Portugal und der UdSSR. Durch die portugiesische Diplomatie wurde ich an einen Arzt der britischen Botschaft verwiesen, der mich untersuchte (in der portugiesischen Botschaft gab es keinen Arzt), und \u00fcber ihn, der einen Arzt in Finnland kannte, wurde ich dann nach Helsinki \u00fcberwiesen, wo ich etwa zwei Wochen lang im Krankenhaus lag und mit Morphium behandelt wurde!<\/p>\n<p>Ich musste nicht operiert werden, weil mein K\u00f6rper auf nat\u00fcrliche Weise reagierte, aber es gab Nachwirkungen, die bis heute anhalten. Nach diesem Vorfall rief mich RTP nach Portugal zur\u00fcck, und ich fuhr nur nach Moskau, um meine Koffer zu packen und abzureisen.<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_1772434\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1772434\" class=\"wp-image-1772434\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Wikimedia-Commons-Autor-CARLOSFINO1948.-Carlos-Fino-cumprimenta-no-Kremlin-Mikhail-Gorbachov-em-Nov-1987-1-300x207.jpeg\" alt=\"\" width=\"820\" height=\"566\" \/><p id=\"caption-attachment-1772434\" class=\"wp-caption-text\"><em>Carlos Fino (rechts) wird im Kreml von Michail Gorbatschow begr\u00fc\u00dft, in November 1987. In der Mitte der damalige Pr\u00e4sident der Portugiesischen Republik, M\u00e1rio Soares (Foto von Wikimedia-Commons, Autor: Lu\u00eds Vasconcelos)<\/em><\/p><\/div>\n<h3><strong>Zusammenbruch der Sowjetunion<\/strong><\/h3>\n<p><em>Genau zu dieser Zeit, Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre &#8211; ich lebte damals schon in der Bundesrepublik Deutschland &#8211; erlebten wir hier in Mitteleuropa eine Phase der massiven Aufr\u00fcstung, nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, durch die Pershing II (atomare Mittelstreckenraketen), alles angeblich als Gegengewicht zu den russischen SS-20-Raketen, die auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs standen. Wir befanden uns also auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges. Ich erinnere mich, dass wir Angst davor hatten, dass ein Atomkrieg ausbrechen k\u00f6nnte &#8211; und wir in Deutschland mittendrin im Schlamassel sein w\u00fcrden&#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Und eines Tages hatte ich ein privates Gespr\u00e4ch mit einem SPD-Politiker, in dem er mir sagte, dass die Strategie des Westens darin bestand, sich immer mehr aufzur\u00fcsten, um die Russen zu zwingen, immer mehr in hochentwickelte R\u00fcstungsg\u00fcter zu investieren, mit der Absicht, ihre Wirtschaft zu sprengen und so den Zusammenbruch der Sowjetunion herbeizuf\u00fchren &#8211; was einige Jahre sp\u00e4ter tats\u00e4chlich geschah! Es handelte sich also um eine absichtliche Aufr\u00fcstung, um die Sowjetunion unter Druck zu setzen, von der man wusste, dass sie wirtschaftlich nicht in der Lage war, auf demselben Niveau zu reagieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Glauben Sie, dass 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion wirklich vom Westen verursacht oder zumindest beg\u00fcnstigt wurde, oder war er eher das Ergebnis der Schw\u00e4chen der sowjetischen Gesellschaft?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Ich denke, es war damals klar, dass das System nicht tragf\u00e4hig war. Sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht. Aber das, was Ihr deutscher Gespr\u00e4chspartner Ihnen anvertraut hat, muss auch dazu beigetragen haben, die Krise zu vertiefen, die bereits in der Sowjetunion selbst herrschte. <strong>Die Sowjetunion war in der Tat wie ein Riese, der eine sehr schwere Stange hochh\u00e4lt, aber nicht in der Lage war, das Gewicht zu <\/strong><strong>halten. Sie war ein &#8222;hagerer&#8220; Riese, der durch den Sieg im Zweiten Weltkrieg sehr an Fl\u00e4che gewonnen hatte, aber das hyperzentralisierte System entsprach nicht den Bed\u00fcrfnissen der Wirtschaft und der Entwicklung.<\/strong> Die Krise bestand schon seit geraumer Zeit, wurde aber in der Endphase durch die milit\u00e4rische Konfrontation mit dem Westen, zu der bekanntlich auch das sowjetische Abenteuer in Afghanistan geh\u00f6rte (das Ende der 70er Jahre begann und die gesamten 80er Jahre andauerte und mit dem Abzug der sowjetischen Truppen endete), offensichtlich beschleunigt oder versch\u00e4rft. Und in diesem allgemeinen Krisenkontext kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, als Gorbatschow an die Macht kam und versuchte, einen neuen Weg einzuschlagen, vielleicht einen eher sozialdemokratischen, doch immer noch unter der Kontrolle der KPdSU. Aber Moskau verlor schlie\u00dflich die Kontrolle \u00fcber die Situation&#8230; und das f\u00fchrte zum Ende der Sowjetunion.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Der Krieg in Afghanistan in den 1980er Jahren wurde von den USA angeheizt, weil sie islamische Gruppen gegen Russland aufstachelten und bewaffneten, darunter auch Osama Bin Ladens sp\u00e4tere <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Al-Qaida\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Al-Qaida<\/em><\/a><em>! Es handelte sich also um eine milit\u00e4rische Belagerung der Sowjetunion von der anderen Seite des Globus, die ebenfalls zu einer Schw\u00e4chung der Sowjetunion beitrug. Welche Rolle spielten in diesem Durcheinander <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michail_Sergejewitsch_Gorbatschow\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Gorbatschow<\/em><\/a> <em>&#8211; der nur kurz an der Macht war &#8211; und seine Perestroika, und welche Rolle spielte <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boris_Nikolajewitsch_Jelzin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Jelzin<\/em><\/a> <em>sp\u00e4ter (als er in den 1990er Jahren die Macht \u00fcbernahm)? Gorbatschow hat versucht, den Sozialismus und die Sowjetunion zu retten, aber es ist ihm nicht gelungen, und Jelzin hat versucht, Russland auf den richtigen Weg in den Kapitalismus zu bringen, aber auch ihm ist es nicht gelungen, weil er die ungez\u00fcgelte Privatisierung seines Landes nicht aufhalten konnte&#8230; Was haben Sie w\u00e4hrend Ihrer Zeit dort beobachtet?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Gorbatschow brachte anfangs eine gro\u00dfe Hoffnung in Bezug auf Freiheit, auf die M\u00f6glichkeit zu atmen und zu sprechen, aber er blieb der kommunistischen Ideologie bis zum Ende treu. Er versuchte ein paar Schritte des Wandels, aber innerhalb dieses ideologischen Kreises. Wie ein hochrangiges Mitglied des KGB damals sagte, machte sich Gorbatschow wie Kolumbus auf die Suche nach Indien und entdeckte schlie\u00dflich Amerika&#8230; Aber erst Jelzin brach wirklich mit dem kommunistischen Regime, und das in einem Umfeld, in dem bereits ein gro\u00dfes Chaos herrschte und mafi\u00f6se Gruppen auftauchten. Das Versorgungssystem des Landes brach zusammen, die Preise stiegen, es kam zu Produktknappheit und der Lebensstandard der Bev\u00f6lkerung sank stark. Jelzin wurde nicht vermisst.<\/p>\n<p>Heute werden beide als Ursache f\u00fcr die nachfolgenden Probleme angesehen und in Russland hat man kein gutes Bild von Gorbatschow, geschweige denn von <strong>Jelzin. Dieser lie\u00df die Entstehung von Oligarchen zu, welche gro\u00dfe Wirtschaftseinheiten \u00fcbernahmen, und erm\u00f6glichte die T\u00e4uschung der Bev\u00f6lkerung, etwa dass sie, wenn sie Aktien kaufte, davon profitieren w\u00fcrde.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Hier ein Zitat des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Professor der Columbia University, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jeffrey_Sachs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Jeffrey D. Sachs<\/em><\/a><em>: &#8222;<strong>1990-1991 war ich Berater von Michail Gorbatschow, und in der Zeit von 1991-1994 von Boris Jelzin und Leonid Kutschma, und habe die letzten Tage der Perestroika und die ersten Tage der russischen und der ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeit nach der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion begleitet. Ich verfolgte das Geschehen sehr genau. Ich sah, dass die Vereinigten Staaten absolut kein Interesse daran hatten, Russland bei der Stabilisierung seiner Lage zu helfen<\/strong>\u201c. Ist das auch Ihr Eindruck: Der Westen war nicht daran interessiert, Russland dabei zu helfen, sich zu reorganisieren, sondern wollte nur nach dem Motto &#8222;the winner takes it all&#8220; so viel wie m\u00f6glich vom Kuchen abbekommen?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Ich glaube, das ist wahr. Geoffrey Sachs wei\u00df viel mehr dar\u00fcber als ich, aber das war auch das Gef\u00fchl, das ich damals hatte. Und das f\u00fchrte zur gro\u00dfen Entt\u00e4uschung der russischen Reformpolitiker: Sie fanden im Westen nicht die Unterst\u00fctzung, die sie sich erhofft hatten. Das gilt auch f\u00fcr Putin selbst (ab 2000), denn in den 90er Jahren gab es noch eine Ann\u00e4herung an die NATO durch die Schaffung eines NATO-Russland-Rates, der in Paris tagte, und Russland selbst bat sogar um die Aufnahme in die NATO, was offen abgelehnt wurde. <strong>Das Ziel des Westens bestand vielmehr darin, Russland von einer Weltmacht zu einer m\u00f6glichst schwachen Regionalmacht zu degradieren.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Aus diesem Grund trat Putin im Jahr 2000 auf den Plan. Ich erinnere mich, dass Jelzin den Staffelstab an Putin weitergab, weil er die Lage im Land nicht mehr unter Kontrolle hatte. Putin kam im Januar 2000 an die Macht: Was hat sich seither ver\u00e4ndert, und ver\u00e4ndert zum Guten oder zum Schlechten?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Was sich \u00e4nderte, war die Einsicht der russischen Eliten, oder zumindest eines Teils von ihnen (derjenigen, die am engsten mit dem Staat, den Geheimdiensten und den Machtstrukturen verbunden waren), dass die Situation unhaltbar war und dass sie reagieren mussten. Es gibt diese tiefe Entt\u00e4uschung \u00fcber die nicht erfolgte Unterst\u00fctzung, die sie sich vom Westen erhofft hatten.<\/p>\n<p>Putins Ver\u00e4nderungen f\u00fchrten zu Verbesserungen, so etwas war an einem bestimmten Punkt der Meisterschaft zu erwarten, wie man so sch\u00f6n sagt. Der R\u00fcckgang der wirtschaftlichen Macht und des politischen Einflusses, die nicht zu l\u00f6senden Widerspr\u00fcche, waren unhaltbare Zust\u00e4nde. Der Machtantritt Putins, mit dem Ziel die Ordnung wiederherzustellen und die Wirtschaft zu sanieren, wurde daher allgemein von der Bev\u00f6lkerung begr\u00fc\u00dft; anfangs sogar auch im Westen, wo man zu Recht der Meinung war, dass es notwendig sei, die von Jelzin geschaffene Situation wieder in Ordnung zu bringen, dem h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen Chaos in einer Atommachtnation ein Ende zu setzen. Und Jelzin holte auch Putin als sein Nachfolger mit der Bedingung, nicht gegen ihn (Jelzin) und seine Clique zu ermitteln, sie in Ruhe zu lassen. <strong>Doch dann gab es auch im Westen eine Wende, als das aufkam, was Analysten eine &#8222;<em>unipolare \u00c4ra<\/em>&#8220; nannten, also als die USA begannen, Entscheidungen gegen alle anderen L\u00e4nder zu treffen nach dem Motto &#8222;Ich will, ich kann und ich tue es!&#8220;. Ab einem bestimmten Punkt reagierte dann Moskau dagegen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h3><strong>Zerschlagung Jugoslawiens<\/strong><\/h3>\n<blockquote><p>Und der H\u00f6hepunkt dieser Reaktion war das Umkehren des Flugzeugs von Primakow (russischer Ministerpr\u00e4sident von 1998-99). Primakow befand sich in einem Flugzeug auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, als er die Nachricht erhielt, dass die NATO eine Milit\u00e4roffensive gegen das ehemalige Jugoslawien starten und Belgrad angreifen wollte; in diesem Moment rief er Al Gore [den damaligen Vizepr\u00e4sident der USA] an, mit dem er sich treffen wollte, um in letzter Minute zu versuchen, diesen Angriff zu verhindern, aber Al Gore teilte ihm mit, dass er nichts mehr tun k\u00f6nnte, die W\u00fcrfel seien gefallen. Also befahl Primakow dem Piloten, nach Moskau zur\u00fcckzukehren, ohne in den USA zu landen. Diese Kehrtwende Primakows markierte buchst\u00e4blich einen Wendepunkt in der russischen Au\u00dfenpolitik nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Es war ein Schl\u00fcsselmoment, dessen Folgen wir noch heute erleben.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Die NATO bombardierte dann Serbien und forcierte damit die Zerschlagung Jugoslawiens, die in den 90er Jahren bereits voll im Gange war. Sprechen wir \u00fcber das ehemalige Jugoslawien, ein sehr dramatischer Fall, der sinnbildlich f\u00fcr die Ereignisse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 90er Jahren steht. Obwohl Jugoslawien nie ein Teil der Sowjetunion war&#8230;<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Ja, Jugoslawien war eine Art &#8222;Mini-Sowjetunion&#8220;, denn in ihr gab es verschiedene nationale Str\u00f6mungen, die mit ihren Widerspr\u00fcchen aufeinanderprallten und nur schwer zu b\u00e4ndigen waren. Nur eine hervorragende politische Figur wie Tito konnte sie so lange zusammenhalten. Da die westlichen L\u00e4nder sp\u00e4ter begannen, diese Nationalismen, oder interne Regionalismen, zu f\u00f6rdern, zerfiel Jugoslawien schlie\u00dflich. Der entscheidende Faktor waren jedoch die einseitigen Entscheidungen der USA, keine R\u00fccksicht auf die Interessen Russlands zu nehmen, das seit den Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich eine historische Pr\u00e4senz auf dem Balkan hatte.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Ich erinnere mich, dass Deutschland &#8211; wo ich lebte &#8211; damals sehr darauf bedacht war, die Zerschlagung Jugoslawiens zu f\u00f6rdern. Jugoslawien, das bereits ein sehr kleines Land war, wurde in mehrere winzige, autonome L\u00e4nder aufgeteilt, die zuvor nur Provinzen gewesen waren. War dies eine Form von &#8222;teile und herrsche&#8220;?<\/em><\/p>\n<blockquote><p><strong>1999 fand der Krieg der NATO gegen Serbien, einem Teil des ehemaligen Jugoslawiens, statt. Es war ein Krieg, der von der NATO au\u00dferhalb der Beschl\u00fcsse der Vereinten Nationen gef\u00fchrt wurde, mit brutalen Bombardierungen von Belgrad &#8211; der Hauptstadt Serbiens &#8211; mit dem Hauptziel, die Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo (bis dahin ein integraler Bestandteil Serbiens) zu erzwingen, was der NATO auch tats\u00e4chlich gelang&#8230; Die USA errichteten daraufhin eine Milit\u00e4rbasis im Kosovo, die heute die gr\u00f6\u00dfte in Europa ist.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Das ist wahr! Und diese Angriffe waren sogar noch brutaler als die jetzigen Bombardierungen in der Ukraine durch Putin, denn die NATO bombardierte Belgrad fast drei Monate lang, jeden Tag, und zerst\u00f6rte dabei \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude, Radio- und Fernsehstudios, Ministerien, Krankenh\u00e4user und sogar die chinesische Botschaft! Die Spezialit\u00e4t der Amerikaner ist \u00fcbrigens das Bombardieren&#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Ironischerweise steht der Separatismus, den der Westen in Jugoslawien f\u00f6rderte, in v\u00f6lligem Gegensatz zu dem Anti-Separatismus, den derselbe Westen und die NATO jetzt im Ukraine-Krieg verteidigen, wo sie unbedingt wollen, dass der Donbass und die Krim in das Herz der Ukraine zur\u00fcckkehren, obwohl diese Regionen ihre Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Abspaltung oder zumindest f\u00fcr eine gewisse Autonomie innerhalb der Ukraine haben. Dies sind zwei verschiedenen Ma\u00dfe f\u00fcr eine \u00e4hnliche Situation.<\/em><\/p>\n<p><em>War der brutale Angriff der NATO auf Serbien nicht das erste Zeichen daf\u00fcr, dass der Westen bereit war, alles zu tun, sogar milit\u00e4risch zu intervenieren, um sich einen guten Teil des &#8222;Kuchens&#8220; zu sichern, der ihm in S\u00fcdosteuropa \u201eangeboten\u201c wurde?<\/em><\/p>\n<blockquote><p><strong>Dies war besonders schockierend f\u00fcr Moskau, das historisch gesehen eine spezielle Beziehung zu Serbien unterh\u00e4lt. Es gab immer eine russische Pr\u00e4senz auf dem Balkan. Und die Tatsache, dass dieser Krieg gegen Serbien auch gegen die Interessen Russlands und ohne R\u00fccksprache mit Moskau gef\u00fchrt wurde, war der letzte Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte.<\/strong> Von da an verlor Jelzin seine letzten Illusionen \u00fcber den Westen. Zu Beginn des \u00dcbergangs, Anfang der 90er Jahre, in der Zeit von russischen Au\u00dfenministern wie Kosyrew und Schewardnadse (letzterer war Au\u00dfenminister der Sowjetunion und sp\u00e4ter Pr\u00e4sident der Republik Georgien), gab es sogar einen \u00e4hnlichen Slogan wie den von M\u00e1rio Soares in Portugal nach dem 25. April mit seinem &#8222;<em>Europa mit uns!<\/em>&#8222;: in Russland lautete der Slogan &#8222;<em>Der Westen hilft uns!<\/em>&#8222;. Sp\u00e4ter wurde ihnen aber klar, dass es so etwas wie eine Hilfe oder gar einen Dialog nicht gab, weil die USA einfach gaben und nahmen, was ihnen gefiel oder passte.<\/p>\n<p><strong>Von da an \u00f6ffnet sich die B\u00fcchse der Pandora, es kam zur Konfrontation: Wenn &#8211; so argumentiert der Kreml &#8211; die USA und der Westen ein Land wie Jugoslawien aufl\u00f6sen und ein Land wie Kosovo schaffen k\u00f6nnen, warum kann Moskau dann nicht auch die Unabh\u00e4ngigkeit Abchasiens oder Ossetiens von Georgien unterst\u00fctzen?<\/strong> Von da an verfolgt Russland eine Politik der Konfrontation mit der westlichen Politik und spielt auf demselben Spielfeld.<\/p>\n<p><em>Der Krieg der NATO gegen Serbien im Jahr 1999 hat gezeigt, dass es die NATO war, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion milit\u00e4rische Feindseligkeiten in Osteuropa gegen Russland eingeleitet hat, und nicht Putin 23 Jahre sp\u00e4ter mit dem Einmarsch in der Ukraine, wie im Westen oft behauptet wird. Dies zeigt auch, dass die NATO einen expansiven und aggressiven und nicht nur einen defensiven Charakter gegen\u00fcber Osteuropa hat. Sind Sie mit dieser Aussage einverstanden?<\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob ich diesem Adjektiv zustimme, ob die NATO von Anfang an einen wesentlich aggressiven Charakter hatte, aber es ist eine Tatsache, dass sie den Krieg gegen Serbien vom Zaun gebrochen hat. <strong>Es war dieser Moment &#8211; der unipolare Moment in der internationalen Politik, der auf den Zusammenbruch der Sowjetunion folgte -, diese US-amerikanische Option des &#8222;Ich will, ich kann und ich befehle es&#8220; und des &#8222;Wir entscheiden, ohne auf andere zu h\u00f6ren&#8220;, die letztendlich dazu beigetragen hat, dass Russland seine Haltung gegen\u00fcber dem Westen ge\u00e4ndert hat!<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Hier geht es zum zweiten und letzten Teil dieses Interviews: <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/11\/carlos-fino-in-einem-exklusiven-interview-mit-pressenza-2-2-der-krieg-in-der-ukraine-und-eine-neue-weltordnung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Krieg in der Ukraine und eine neue Weltordnung<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u00dcbersetzt aus dem Portugiesischen von Vasco Esteves und lektoriert von Evelyn Rottengatter vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!\u00a0<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>*<\/strong> <strong>Carlos Fino:<\/strong><\/p>\n<p>1948: Geboren in Lissabon, lebt und w\u00e4chst aber in Alto-Alentejo (Portugal) auf.<br \/>\n1967: Studiert Jura in Lissabon, ist Studentenf\u00fchrer und Mitglied der Kommunistischen Partei im Untergrund und wird als solcher von der PIDE, der politischen Polizei des Faschismus, verfolgt.<br \/>\n1971: \u00dcberquert illegal die Grenzen bis Paris und von dort nach Br\u00fcssel, wo er bei den Vereinten Nationen den Fl\u00fcchtlingsstatus erh\u00e4lt.<br \/>\n1973: \u00dcbersiedlung in die Sowjetunion, wo er als Sprecher von Radio Moskau f\u00fcr Portugal und die portugiesischsprachigen L\u00e4nder in Afrika arbeitet.<br \/>\n1974: Ende des Jahres, nach der Nelkenrevolution, kehrt er nach Portugal zur\u00fcck und arbeitet mit mehreren Zeitungen und der ehemaligen \u201eEmissora Nacional\u201c (EN) zusammen.<br \/>\n1975: Ende des Jahres kehrt er nach Moskau zur\u00fcck, diesmal jedoch als internationaler Korrespondent f\u00fcr EN und sp\u00e4ter f\u00fcr \u201eR\u00e1dio Televis\u00e3o Portuguesa\u201c (RTP).<br \/>\n1982-1989: Arbeitet f\u00fcr RTP in Lissabon als Reporter, Moderator und Kommentator.<br \/>\n1989-1995: Zur\u00fcck in Moskau, berichtet als Journalist \u00fcber den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Demokratisierung Osteuropas: in Russland, Rum\u00e4nien, Bulgarien, Tschechoslowakei, DDR, Polen und Ungarn, sowie \u00fcber die Konflikte in Abchasien, Georgien, Berg-Karabach, Moldawien, Tschetschenien und Afghanistan.<br \/>\n1995- 1998: RTP-Korrespondent in Br\u00fcssel.<br \/>\n1998-2000: RTP-Korrespondent in Washington.<br \/>\n2000-2004: Berichterstattung \u00fcber verschiedene Kriege und Konflikte: Albanien, Pal\u00e4stina, Afghanistan, und auch \u00fcber den Einmarsch der amerikanischen Truppen in den Irak im Jahr 2003, wo er als erster internationaler Reporter Live-Bilder vom Beginn der amerikanischen Bombardierung Bagdads sendete.<br \/>\n2003: Ver\u00f6ffentlichung des Buches &#8222;A Guerra em Directo&#8220;, herausgegeben von Verbo.<br \/>\n2004-2012: Diplomatische T\u00e4tigkeit als Pressereferent der portugiesischen Botschaft in Brasilien w\u00e4hrend der ersten beiden Amtszeiten von Pr\u00e4sident Lula da Silva.<br \/>\n2013: Er zieht sich aus dem beruflichen Leben zur\u00fcck und bleibt in Brasilien.<br \/>\n2019: Promotion in &#8222;Kommunikationswissenschaften&#8220; an der \u201eUniversit\u00e4t do Minho\u201c in Braga mit einer Arbeit, die sp\u00e4ter als Grundlage f\u00fcr sein neues Buch &#8222;Portugal-Brasilien: Wurzeln der Entfremdung&#8220; diente, das 2021 ver\u00f6ffentlicht wird.<br \/>\n2022: Er kehrt nach Portugal und in &#8222;sein&#8220; Alto Alentejo zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im Laufe seiner Karriere als Journalist hat Carlos Fino zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen erhalten. Auf Facebook hat er rund 37.000 Follower, Tendenz steigend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carlos Fino*, interviewt f\u00fcr Pressenza von Vasco Esteves Carlos Fino wurde in Portugal geboren und arbeitete vier Jahrzehnte lang als Radio- und Fernsehreporter, Kriegskorrespondent, Moderator von Nachrichtendiensten und Medienberater. Er war in Osteuropa, im Nahen Osten und Brasilien. 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