{"id":1770934,"date":"2023-10-04T07:00:15","date_gmt":"2023-10-04T06:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1770934"},"modified":"2023-10-04T07:00:15","modified_gmt":"2023-10-04T06:00:15","slug":"die-bilanz-der-nord-stream-sprengung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/10\/die-bilanz-der-nord-stream-sprengung\/","title":{"rendered":"Die Bilanz der Nord Stream-Sprengung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor einem Jahr wurden die Nord Stream-Pipelines gesprengt. Die Tat ist immer noch nicht aufgekl\u00e4rt; die Folgen f\u00fcr die Erdgasversorgung der Bundesrepublik wiegen schwer.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Nord Stream-Pipelines ist die Tat noch immer nicht aufgekl\u00e4rt, doch die Folgen f\u00fcr die Erdgasversorgung der Bundesrepublik sind gravierend. Ergaben Recherchen des US-Journalisten Seymour Hersh, der Anschlag sei von US-Stellen geplant und auch umgesetzt worden, so favorisieren Politik und Medien in Deutschland eine These zum Tathergang, die die USA entlastet. Die Sprengung der Pipelines schlie\u00dft es aus, dass diese in Zukunft wieder in Betrieb genommen werden k\u00f6nnten, so etwa nach einer Einigung auf einen Waffenstillstand, bei gravierenden Versorgungsproblemen oder bei einem &#8211; freilich zur Zeit nicht absehbaren &#8211; Kurswechsel der Bundesregierung. Die erforderliche Umstellung der Bundesrepublik auf Fl\u00fcssiggasimporte schreitet rasch voran; dabei bezieht Deutschland \u00fcber Belgien mutma\u00dflich auch russisches Fl\u00fcssiggas \u2013 jedoch zu einem h\u00f6heren Preis als das Pipelinegas, das einst \u00fcber Nord Stream 1 kam. Die Fl\u00fcssiggas-Importterminals, die an den deutschen K\u00fcsten gebaut werden, verl\u00e4ngern die Zeit, zu der noch fossile Rohstoffe importiert werden, einmal mehr.<\/p>\n<h3>Kriegsverbrechen oder Terroranschlag<\/h3>\n<p>Der Anschlag auf die beiden Nord Stream-Pipelines, der heute vor einem Jahr ver\u00fcbt wurde, ist weiterhin nicht aufgekl\u00e4rt. Bereits unmittelbar nach der Tat waren Experten \u00fcberzeugt, die Sprengung m\u00fcsse in staatlichem Auftrag ver\u00fcbt worden sein; allzu gro\u00df seien die Menge an Sprengstoff und der logistische Aufwand, um eine Explosion herbeizuf\u00fchren, die noch in erheblicher Entfernung von geologischen Messstationen als Erdbeben registriert werde, wie es bei der Sprengung der Nord Stream-Pipelines ja der Fall gewesen sei. Recherchen des investigativen US-Journalisten Seymour Hersh ergaben, der Anschlag sei von US-Stellen in Kooperation mit Soldaten der norwegischen Streitkr\u00e4fte durchgef\u00fchrt worden.[1] Politik und Medien in Deutschland favorisieren hingegen eine andere These, der zufolge polnische und ukrainische Privatpersonen schuldig seien.[2] Das widerspricht freilich der \u00dcberzeugung, die Durchf\u00fchrung sei ohne F\u00e4higkeiten und Kapazit\u00e4ten, \u00fcber die nur Staaten verf\u00fcgen, nicht m\u00f6glich gewesen. Juristen stufen die Tat, sollte sie von Russland oder der Ukraine begangen worden sein, als Kriegsverbrechen, habe ein Drittstaat sie durchgef\u00fchrt, als terroristischen Anschlag ein. Schadensersatz werde es nicht geben, erkl\u00e4rt der Bonner V\u00f6lkerrechtler Stefan Talmon: Vor Gericht k\u00f6nne sich jeder T\u00e4terstaat auf sogenannte Staatenimmunit\u00e4t berufen, die \u201eauch f\u00fcr solche rechtswidrigen Anschl\u00e4ge gilt\u201c.[3]<\/p>\n<h3>Auch k\u00fcnftig ausgeschlossen<\/h3>\n<p>Steht immer noch nicht fest, wer die zwei Erdgasleitungen bzw. drei ihrer vier Str\u00e4nge aus Russland nach Deutschland gesprengt hat, so liegen die Konsequenzen klar auf der Hand: Die Option, gr\u00f6\u00dfere Mengen Pipelinegases aus Russland zu beziehen, entf\u00e4llt nicht nur f\u00fcr die Gegenwart, sondern auch f\u00fcr die Zukunft \u2013 auch f\u00fcr den Fall, dass die m\u00f6gliche Einigung auf einen Waffenstillstand zwischen Moskau und Kiew mit einer Reduzierung der Sanktionen gegen Russland verbunden sein sollte. Beobachter schlie\u00dfen dies nicht aus. Zwar gilt schon der Gedanke, die Bundesrepublik k\u00f6nne irgendwann wieder russisches Pipelinegas beziehen, unter Experten weithin als \u201eunsinnig\u201c oder gar \u201eabsurd\u201c.[4] Dass dies freilich nicht unter allen Umst\u00e4nden so sein muss, zeigt das Beispiel Japan. Tokio beteiligt sich an den Russland-Sanktionen des Westens, nimmt aber die Einfuhr russischen Fl\u00fcssiggases, von der das Land abh\u00e4ngig ist, ausdr\u00fccklich davon aus. Die japanischen Konzerne Mitsui und Mitsubishi halten unver\u00e4ndert insgesamt 22,5 Prozent an dem russischen Erdgasf\u00f6rderprojekt Sachalin 2, das rund 9 Prozent der japanischen Fl\u00fcssiggaseinfuhr deckt.[5] Tokio sucht au\u00dferdem die japanische Beteiligung am russischen F\u00f6rderprojekt Arctic LNG 2 zu sichern, wenngleich das Vorhaben zur Zeit Ziel neuer US-Sanktionen ist.[6]<\/p>\n<h3>Neue Importstrukturen<\/h3>\n<p>Das definitive Ende des Bezugs von Erdgas \u00fcber die Nord Stream-R\u00f6hren hat eine rasante Umstellung der deutschen Importstrukturen erforderlich gemacht. Bezog die Bundesrepublik Anfang 2022 noch gut ein Drittel ihres Erdgases allein \u00fcber Nord Stream 1, so weisen die g\u00e4ngigen Branchenstatistiken die Einfuhr aus Russland seit September 2022 mit Null aus.[7] Zum gr\u00f6\u00dften Lieferanten, der zuletzt fast die H\u00e4lfte aller deutschen Erdgasimporte stellte, ist an Russlands Stelle Norwegen aufgestiegen; es folgen die Niederlande und Belgien. Der Anteil des Fl\u00fcssiggases, das \u00fcber die neuen Importterminals an der deutschen K\u00fcste direkt angeliefert wurde, belief sich im ersten Halbjahr 2023 auf lediglich 6,4 Prozent.[8] Letzteres stammte nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zum allergr\u00f6\u00dften Teil aus den USA. Allerdings geben die Angaben die tats\u00e4chlichen Quellen des in Deutschland verbrauchten Erdgases nur unzul\u00e4nglich wieder. So wird beispielsweise aus Belgien auch Fl\u00fcssiggas eingef\u00fchrt, das in Zeebrugge regasifiziert und anschlie\u00dfend weitertransportiert wird. Beim BDEW hei\u00dft es dazu, grenz\u00fcberschreitend gehandeltes Gas k\u00f6nne \u201enicht eindeutig Herkunftsl\u00e4ndern zugeordnet werden\u201c. Grund sei \u201edie teilweise enge Vermaschung des europ\u00e4ischen Pipelinenetzes\u201c, in dem sich best\u00e4ndig \u201edie Erdgasarten unterschiedlicher Herkunft vermischen\u201c.[9]<\/p>\n<h3>Teurer als zuvor<\/h3>\n<p>Aufschl\u00fcsse \u00fcber die Fl\u00fcssiggaseinfuhren lassen allerdings Angaben etwa der Analysefirma Kpler zu. Unter Berufung auf diese berichtete k\u00fcrzlich die Financial Times, gr\u00f6\u00dfter Fl\u00fcssiggaslieferant der EU seien in den ersten sieben Monaten des Jahres 2023 mit knapp 43 Prozent der Gesamteinfuhr die Vereinigten Staaten gewesen. Die zweitgr\u00f6\u00dfte Menge sei mit rund 16 Prozent aus Russland gekommen.[10] Laut Berechnungen der Organisation global witness, die sich ebenfalls auf Daten von Kpler st\u00fctzen, hat die EU ihre Einfuhr russischen Fl\u00fcssiggases im Zeitraum von Januar bis Juli 2023 um 40 Prozent gegen\u00fcber dem Vorkriegs-Vergleichzeitraum im Jahr 2021 erh\u00f6ht; heute kauft sie mehr als die H\u00e4lfte aller russischen Fl\u00fcssiggasexporte \u2013 gut 52 Prozent.[11] Zweitgr\u00f6\u00dfter Abnehmer russischen Fl\u00fcssiggases weltweit ist demnach Spanien, das rund 18 Prozent aller russischen Exporte erwirbt \u2013 kaum weniger als Spitzenreiter China (20 Prozent); drittgr\u00f6\u00dfter Abnehmer russischen Fl\u00fcssiggases ist demnach Belgien (17 Prozent), einer der drei gro\u00dfen Lieferanten der Bundesrepublik. Dabei gilt auch f\u00fcr russisches Fl\u00fcssiggas: Es ist wegen der aufwendigen Verarbeitung teurer als Pipelinegas. Die EU-Staaten, darunter Deutschland, bezahlen heute also viel mehr f\u00fcr Erdgas, das sie aus Russland importieren, als vor dem Ukraine-Krieg.<\/p>\n<h3>Besonders umweltsch\u00e4dlich<\/h3>\n<p>Das Ende des Erdgasbezugs \u00fcber die Nord Stream-Leitungen hat die Bundesregierung insbesondere veranlasst, den Bau von Fl\u00fcssiggas-Importterminals an den deutschen K\u00fcsten noch energischer als zuvor voranzutreiben. Schon im Regelbetrieb befinden sich Terminals in Wilhelmshaven, Brunsb\u00fcttel und Lubmin; geplant sind weitere in Stade und vor R\u00fcgen sowie ein zweites in Wilhelmshaven.[12] Gegen die Pl\u00e4ne, ein Terminal vor R\u00fcgen zu bauen, regt sich Protest: Umweltaktivisten bef\u00fcrchten gravierende Sch\u00e4den f\u00fcr das regionale \u00d6kosystem. Kritisiert wird zudem, dass vor allem US-Fl\u00fcssiggas eingef\u00fchrt wird; dieses gilt, da es \u00fcberwiegend per Fracking gef\u00f6rdert wird, als besonders umweltsch\u00e4dlich. Nicht zuletzt hei\u00dft es, die Tatsache, dass die Terminals bis 2043 genutzt werden d\u00fcrften, verl\u00e4ngere die Zeit, in der noch fossile Energietr\u00e4ger genutzt werden.[13] Selbst Nord Stream 2, l\u00e4ngst fertiggebaut, h\u00e4tte sich viel fr\u00fcher amortisiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9161\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tatort Ostsee (II)<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9166\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tatort Ostsee (III)<\/a>.<\/p>\n<p>[2], [3] Matthias von Hein: Nordstream-Sprengung: Viel Spekulation, wenige Fakten. dw.com 25.09.2023.<\/p>\n<p>[4] Carola Tunk: Nord-Stream-Anschl\u00e4ge: Wirtschaftliche Beziehungen zu Russland nach Kriegsende \u2013 ja oder nein? berliner-zeitung.de 19.09.2023.<\/p>\n<p>[5] Davide Ghilotti: Japanese trader Mitsui has no plans for Russian LNG exit. upstreamonline.com 21.06.2023.<\/p>\n<p>[6] Amidst Arctic investment, Japan pledges G7 cooperation on fresh sanctions on Russia. rcinet.ca 25.09.2023.<\/p>\n<p>[7] BDEW: Erdgasdaten aktuell. 31.08.2023.<\/p>\n<p>[8] Deutsche LNG-Terminals importieren kaum Gas. tagesschau.de 14.07.2023.<\/p>\n<p>[9] BDEW: Erdgasdaten aktuell. 31.08.2023.<\/p>\n<p>[10] Alice Hancock, Shotaro Tani: EU imports record volumes of liquefied natural gas from Russia. ft.com 30.08.2023.<\/p>\n<p>[11] EU imports of Russian LNG have jumped by 40% since the invasion of Ukraine. globalwitness.org 30.08.2023.<\/p>\n<p>[12], [13] LNG: Wie viel Fl\u00fcssigerdgas kommt derzeit in Deutschland an? ndr.de 25.09.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einem Jahr wurden die Nord Stream-Pipelines gesprengt. 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