{"id":1766520,"date":"2023-09-22T10:55:13","date_gmt":"2023-09-22T09:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1766520"},"modified":"2023-09-22T10:55:13","modified_gmt":"2023-09-22T09:55:13","slug":"rojava-eine-oase-in-der-kriegswueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/09\/rojava-eine-oase-in-der-kriegswueste\/","title":{"rendered":"Rojava: eine Oase in der Kriegsw\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcnf Millionen Menschen, die in einem selbstverwalteten Autonomiegebiet leben, in einer multikulturellen Gesellschaft mit einer demokratisch gew\u00e4hlten Verwaltung und einem eigenen Gesellschaftsvertrag \u2013 und das mitten in einem kriegsersch\u00fctterten Land: Das klingt wie eine Utopie. Doch im kurdischen Rojava ist es Realit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<div class=\"field field--name-field-autor field--type-entity-reference field--label-hidden field--item\"><em><a href=\"https:\/\/zeitpunkt.ch\/taxonomy\/term\/2586\" hreflang=\"de\">Nicole Maron<\/a><\/em><\/div>\n<p>Im Juli hat sich die Unterzeichnung des Lausanner Friedensvertrages zum 100. Mal gej\u00e4hrt. F\u00fcr die T\u00fcrkei ein Grund zu jubeln, f\u00fcr die kurdische Bev\u00f6lkerung weltweit ein Tag der Trauer und der Wut. Denn in Lausanne haben die \u00abSiegerm\u00e4chte\u00bb des Ersten Weltkrieges beschlossen, Kurdistan in vier Teile aufzuteilen. Dies hat bis heute schwerwiegende menschenrechtliche Folgen. Doch die Kurden sind Meister des Widerstandes und der Selbstorganisation. In Nordsyrien haben sie mitten im Krieg ein Autonomiegebiet aufgebaut, dass nicht nur politisch, sondern auch sozial und \u00f6kologisch eine echte Alternative bietet: die \u00abDemokratischen F\u00f6deration Nordsyrien\u00bb \u2013 besser bekannt unter dem Namen \u00abRojava\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Dort leben Kurdinnen, Assyrer, Araber, Christen und Turkmeninnen zusammen unter den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte.<\/strong>\u00a0Die Wirtschaft baut auf einem Netzwerk von Genossenschaften auf. Schon wenige Jahre nach der Gr\u00fcndung standen drei Viertel des wirtschaftlich genutzten Gebietes unter der Verwaltung von kleinen Kollektiven. Der Schulunterricht findet mehrsprachig statt. Seit 2014 wurden mehrere Hochschulen gegr\u00fcndet, die teilweise mit internationalen Universit\u00e4ten zusammenarbeiten. Und vor Gericht steht es jedem und jeder frei, wahlweise auf die Bibel oder auf den Koran zu schw\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Dass es die Autonomieverwaltung in Nordsyrien geschafft hat, Frieden und Stabilit\u00e4t zu gew\u00e4hren<\/strong>\u00a0und die rasch wachsende Bev\u00f6lkerung zu versorgen, ist eine ausserordentliche Leistung. Zu Beginn wurde das Selbstverwaltungs-Projekt von internationalen Unterst\u00fctzern als \u00abdemokratisches Experiment\u00bb bezeichnet \u2013 doch dieses ist inzwischen \u00fcber sich hinausgewachsen.<\/p>\n<p><strong>Bedroht wird Rojava durch die \u2013 teilweise erfolgreichen \u2013 R\u00fcckeroberungsabsichten der syrischen Truppen und durch die T\u00fcrkei<\/strong>, die das Erstarken von demokratischen kurdischen Kr\u00e4ften an seiner Grenze von Anfang an hart bek\u00e4mpfte. Allein 2022 flog die T\u00fcrkei laut \u00abMedico International\u00bb 130 Drohnenangriffe auf Rojava, bei denen 87 Menschen starben und 150 verletzt wurden. Es wurden Getreidesilos, Elektrizit\u00e4tswerke, \u00d6lf\u00f6rderanlagen, Krankenh\u00e4user, Schulen und Strassen zerst\u00f6rt, was die Versorgungslage erheblich erschwert und die Lebensbedingungen verschlechtert hat.<\/p>\n<p><strong>Doch warum greift die T\u00fcrkei ein Gebiet an, von dem keinerlei Bedrohung ausgeht?\u00a0<\/strong>Um diese Frage zu beantworten, muss man sich den historischen Kontext der letzten hundert Jahre in Erinnerung rufen \u2013 hundert Jahre erbitterten Kampfes gegen die Kurden im ganzen Nahen Osten.<\/p>\n<p><strong>Im Osmanischen Reich umfasste Kurdistan ein Gebiet von fast 500&#8217;000 Quadratkilometer mit einer Bev\u00f6lkerung von heute rund 40 Millionen Menschen.\u00a0<\/strong>Wenn die Kurden heute als Minderheit bezeichnet werden, hat dies nur einen einzigen Grund: Ihr Land wurde nach dem Ersten Weltkrieg brutal auseinandergerissen. Damit wurde die kurdische Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei, Syrien, dem Iran und dem Irak zur Minderheit. In der T\u00fcrkei wird der Gebrauch der kurdischen Sprache, Musik oder Namensgebung als Bedrohung angesehen. Jahrzehntelang musste man mit einer Gef\u00e4ngnisstrafe rechnen, wenn man das Wort \u00abKurde\u00bb oder \u00abKurdistan\u00bb\u00a0aussprach. Erst seit 1991 ist der private Gebrauch des Kurdischen kein Delikt mehr.<\/p>\n<p><strong>In den letzten hundert Jahren wurden Millionen von Kurden inhaftiert und gefoltert, hunderttausende get\u00f6tet.\u00a0<\/strong>Tausende von D\u00f6rfern wurden zerst\u00f6rt, Millionen von Menschen zwangsumgesiedelt und riesige Fl\u00e4chen Wald und Nutzland abgebrannt. Hunderttausende von Menschen fl\u00fcchteten in die Nachbarl\u00e4nder oder nach Europa, viele leben bis heute im Exil und m\u00fcssten bei einer R\u00fcckkehr in ihre Heimat mit einer sofortigen Festnahme rechnen. Dennoch haben die Kurden den Kampf um Selbstbestimmung und Autonomierechte nie aufgegeben. Das beste Beispiel daf\u00fcr ist Rojava.<\/p>\n<p><strong>Das \u00abdemokratische Experiment\u00bb bietet Raum f\u00fcr soziale und \u00f6kologische Initiativen, von denen sich auch manch westliches Land inspirieren lassen k\u00f6nnte.<\/strong>\u00a0Zum Beispiel das Frauendorf \u00abJinwar\u00bb, das verschiedene Frauenorganisationen mit Unterst\u00fctzung der Autonomieverwaltung vor f\u00fcnf Jahren aufgebaut haben. Es ist nicht nur ein Zufluchtsort f\u00fcr Frauen und Kinder, sondern auch ein \u00d6kodorf: Gebaut wird mit Lehm und Holz, der Strom wird mit Sonnenenergie erzeugt; im Genossenschaftsbetrieb werden Lebensmittel angebaut und weiterverarbeitet.<\/p>\n<p><strong>Jinwar verf\u00fcgt \u00fcber eine Schule, die auch von Kindern aus Nachbard\u00f6rfern besucht wird<\/strong>, und \u00fcber eine Klinik f\u00fcr Naturmedizin. Und \u00fcber allem prangt der inzwischen weltbekannte Slogan \u00abJin, Jiyan, Azad\u00ee\u00bb (Frau, Leben, Freiheit).<\/p>\n<p><strong>Genau wie das restliche Rojava wird auch Jinwar basisdemokratisch und multikulturell verwaltet.<\/strong>\u00a0Das Kollektiv umfasst inzwischen 70 Frauen und Kinder, darunter Kurdinnen, Jesidinnen und Araberinnen, die hier zusammenleben und von- und miteinander lernen: Witwen, die ihre M\u00e4nner im Krieg verloren haben, \u00dcberlebende der IS-Gewalt, alleinstehende M\u00fctter und nicht zuletzt Frauen, die vor einer Zwangsheirat oder h\u00e4uslicher Gewalt geflohen sind. Denn das Patriarchat ist in den Gesellschaften des Nahen Ostens nach wie vor ein grosses Problem, mit dem die Frauen zus\u00e4tzlich zur politischen Unterdr\u00fcckung zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p><strong>Initiativen wie Jinwar zeigen, dass der Aufbau einer neuen Ordnung tats\u00e4chlich m\u00f6glich ist.\u00a0<\/strong>Wenn inmitten eines Kriegsgebiets ein von Frauen geleitetes \u00d6kodorf entstehen kann, dann sollte \u00c4hnliches wohl auch an jedem anderen Ort der Welt funktionieren. Voraussetzung ist der soziale Zusammenhalt und ein echtes kollektives Denken, das den westlichen Gesellschaften eher fremd ist.<\/p>\n<p><strong>Die Angriffe auf Rojava werden wohl nicht aufh\u00f6ren \u2013 und breite Unterst\u00fctzung ist von der internationalen Welt nicht zu erwarten.\u00a0<\/strong>Dennoch ist dort etwas entstanden, das nicht wieder ungeschehen gemacht werden kann: Menschen haben gezeigt, dass selbstverwaltete Demokratien als Lebensform m\u00f6glich sind. In diesem Sinne: Experiment gelungen.<\/p>\n<p><em>Die Langversion des Textes finden Sie in der Print-Ausgabe:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/edition.zeitpunkt.ch\/buch\/machbar\/\">http:\/\/edition.zeitpunkt.ch\/buch\/machbar\/<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Millionen Menschen, die in einem selbstverwalteten Autonomiegebiet leben, in einer multikulturellen Gesellschaft mit einer demokratisch gew\u00e4hlten Verwaltung und einem eigenen Gesellschaftsvertrag \u2013 und das mitten in einem kriegsersch\u00fctterten Land: Das klingt wie eine Utopie. 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