{"id":1765041,"date":"2023-09-14T07:19:06","date_gmt":"2023-09-14T06:19:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1765041"},"modified":"2023-09-14T07:23:48","modified_gmt":"2023-09-14T06:23:48","slug":"kinderunglueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/09\/kinderunglueck\/","title":{"rendered":"Kinder(un)gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Mutter kritisiert die erdr\u00fcckenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, unter denen man heute Kinder bekommen und grossziehen muss.<\/strong><\/p>\n<article>Es gibt sie; jene B\u00fccher, die bereits vor ihrer Ank\u00fcndigung sehnlichst erwartet werden. \u201eKinderhaben\u201c, der Bericht der 1972 geborenen Heide Lutosch, ist ohne Frage Anw\u00e4rter auf diesen Titel. Und das, obwohl es in weiten Teilen ein ern\u00fcchterndes Buch ist. Nicht, weil es mehr verspricht als es halten kann. Es ist vielmehr sein Gegenstand, der Grund zur Ern\u00fcchterung gibt.<\/p>\n<p>Lutosch gibt in 32 Episoden ungesch\u00f6nt Auskunft \u00fcber ihr Leben als Mutter in einer heterosexuellen Beziehung. Beim Kindh\u00fcten f\u00fchlt sie sich in den eigenen vier W\u00e4nden zunehmend isoliert, einsam und entfremdet. Der Berg an Sorgeaufgaben bei zeitgleichem Anspruch, dem Kind Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, zerreisst sie innerlich. Zudem ist sie von M\u00fcttern und Eltern umgeben, die sich immer mehr einem b\u00fcrgerlichen Familienidyll und dem Konsumismus hinzugeben scheinen, statt sich an ihren eigenen Bed\u00fcrfnissen und Ideen zu orientieren. Auch Lutoschs Beziehung zu ihrem Partner leidet unter der Asymmetrie der Arbeitsverteilung, die sich f\u00fcr Lutosch zunehmend auch in einer emotionalen Schieflage \u00e4ussert. Von m\u00fctterlicher Zufriedenheit und Optimismus macht sich die Autorin frei. Man geht aus dieser Lekt\u00fcre also nicht ohne eine geh\u00f6rige Portion Zweifel am Konzept des (partnerschaftlichen) Kinderkriegens heraus.<\/p>\n<h3>Kinder ihrer Eltern<\/h3>\n<p>Obwohl es ein pers\u00f6nlicher Essay ist, schildert Lutosch auf zugleich bestechend analytische Weise die Erfahrungswelt vieler M\u00fctter. Es geht um eine ganze Generation von M\u00fcttern, die sich aus ihrer eigenen (westdeutschen) Familiengeschichte heraus von ihren M\u00fcttern abgrenzen wollen. Man wollte vermeiden, in der Eint\u00f6nigkeit des Hausfrauendaseins abzustumpfen und ungl\u00fccklich zu werden. Es ging darum, sich selbst zu verwirklichen und trotzdem Kinder zu haben \u2014 auch, indem man die Sorgearbeit gerecht verteilt. Vieles davon ist Lutosch und ihrem Partner nicht gelungen und vieles wurde, damit es gelingt, von ihr mit Abgabe eigener Autonomie und Zeit bezahlt. Sie habe sich in ihrem Muttersein zusehends von sich und von der Mutterschaft selbst entfremdet, schreibt Lutosch.<\/p>\n<p>Auch heute stecken (heterosexuelle) M\u00fctter noch deutlich h\u00e4ufiger als ihre Partner f\u00fcr das Kind zur\u00fcck und plagen sich mit der ungleichen Verteilung der Sorgearbeit. Immer noch ist die Frau verst\u00e4rkt f\u00fcr den Haushalt verantwortlich und der Mann bleibt der Hauptverdiener. Es hat sich trotz steigendem Anteil von erwerbst\u00e4tigen Frauen und von V\u00e4tern in Elternzeit scheinbar nicht viel an den Verh\u00e4ltnissen ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Lutosch benennt aber auch die Siege der Zweiten Frauenbewegung. Zweifelsohne sind das zum Beispiel neue Familien- und Erziehungsmodelle. Dass M\u00e4nner freiwillig von patriarchalen Privilegien Abstand nehmen und sich als V\u00e4ter verstehen wollen, stellt Lutosch fast schon verwundert fest. Denn in den schwierigen Situationen der Care-Arbeit w\u00fcrde sie sich oft nur zu gerne in die Rolle des Patriarchen retten. Der k\u00f6nne schliesslich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck zur sinnstiftenden Arbeit aufbrechen, die Haushaltsarbeit meiden und zum Feierabend nach getaner Erwerbsarbeit noch in den Genuss des Familienlebens kommen.<\/p>\n<h3>Balsam der Kritik<\/h3>\n<p>Nur selten wird laut zur Sprache gebracht, dass der Weg der Sorge und Erziehung ein steiniger ist. Und vermutlich h\u00f6rt man noch seltener, dass dabei auch viele der eigenen Anspr\u00fcche und wom\u00f6glich sogar ein Teil von einer*m selbst auf der Strecke bleibt. Lutosch hingegen ist nicht zimperlich: Sie ordnet nicht nur \u00e4usserst kritisch die eigene Elternschaft ein, sondern scheut auch nicht vor Kritik an anderen M\u00fcttern und Eltern. \u201eKinderhaben\u201c \u00e4ussert somit auch eine Ablehnung des vorherrschenden und laut der Autorin ideologischen Verst\u00e4ndnisses, wie man Kinder kriegt und hat, aber auch wie man sie umsorgt und grosszieht.<\/p>\n<p>Vielleicht zeigt sich gerade hieran der rasche Erfolg dieses kleinen Buches, dessen bisweilen schonungslose Kritik einen Nerv zu treffen scheint. Bereits kurze Zeit nach Erscheinen zieht es seine Bahn durch verschiedenste Milieus und wird angeregt diskutiert. Es ist Lutoschs Kritik des scheinbar Unkritisierbaren, die viele Menschen \u2014 ob mit oder (noch) ohne Kind \u2014 anspricht. Denn auch heute noch kommt es einem Tabubruch gleich, das eigene Kinderkriegen (und das der Anderen) kritisch zu betrachten. Ein Kind zu kriegen, ist Gl\u00fcck \u2013 und immer noch eine gesellschaftliche Norm. \u00dcber bestehende Probleme und H\u00fcrden des Kinderhabens zu sprechen, ist unangemessen. Gerade in der individualisierten Leistungsgesellschaft ist es f\u00fcr M\u00fctter nur schwer m\u00f6glich, das eigene Leid an der Familie zu artikulieren oder \u00fcberhaupt zu ergr\u00fcnden. So hat \u201eKinderhaben\u201c gerade wegen seiner Ernsthaftigkeit und Rigorosit\u00e4t etwas Wohltuendes. Lutosch bedient sich zwar der marxistischen, feministischen und psychoanalytischen Theorie, doch seine \u00dcberzeugungskraft erh\u00e4lt der Text erst durch die Klarheit, mit der Lutosch ihre eigene Rolle als Mutter und als Frau in einer heterosexuellen Beziehung reflektiert.<\/p>\n<h3>Es sein lassen?<\/h3>\n<p>Was den M\u00fcttern bleibt, um nicht zu vereinzeln, demonstriert Lutosch ebenfalls: Es geht darum, den Frust, die Scham, die Wut und die Sorge um das Kind wie um sich selbst nicht herunterzuschlucken. Doch wie kann man seine Selbst\u00e4ndigkeit in Anbetracht eines anhaltenden Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisses behaupten oder st\u00fcckweise wiedererlangen? Lutosch hat irgendwann angefangen, ihre \u201ekostbare, kinderfreie Zeit\u201c (S. 95) zu verteidigen, um im Wortsinn bei Bewusstsein zu bleiben.<\/p>\n<p>Der Kampf um die eigene Zeit stellt sich nach wie vor prim\u00e4r als ein Kampf um die gerechte Verteilung der Sorgearbeit dar. Doch ein Widerspruch des Kinderhabens bestehe laut Lutosch auf einer noch grundlegenderen Weise: Unter den aktuellen gesellschaftlichen Umst\u00e4nden wird all denen, die Kinderkriegen und Emanzipation zusammen denken, Widerstand entgegenschlagen. Ohne Entt\u00e4uschung und Ersch\u00f6pfung geht es nicht. Selbst alternative Familienmodelle und Hausprojekte sind laut Lutosch nur teilweise und nie langfristig erfolgreich. Inseln der freien Erziehung fernab des Kapitalismus gibt es nicht.<\/p>\n<p>Obwohl Lutosch in ihrem Buch aus der Erfahrung als Mutter schreibt, dreht sich die Perspektive manchmal um. Hier zeichnet der Essay ein nicht weniger erschreckendes Bild: Auch den Kindern bleibt ein Verh\u00e4ltnis zu den Eltern, das sich in Langfristigkeit, Geduld, Vertrauen und Zugewandtheit \u00fcbt, allzu h\u00e4ufig versagt. Denn \u201eKinder sind langsam, irrational, nonverbal, sprunghaft, spontan, laut, uneinsichtig, vertr\u00e4umt und stur, und wer ihnen das nicht viel zu fr\u00fch und viel zu hart austreiben will, braucht viel Geduld, Zeit, Geld, Ruhe und Schlaf\u201c (S. 98). All das steht Eltern oft nur bedingt zur Verf\u00fcgung. Das Leben und Arbeiten im Kapitalismus sticht die Erziehung und das Kinderlieben aus.<\/p>\n<p>Grund genug, anzunehmen, \u201eKinderhaben\u201c sei ein Pl\u00e4doyer gegen das Kinderkriegen, wenn doch so vielen M\u00fcttern angesichts ihrer Doppel- beziehungsweise Mehrfachbelastung die Luft zum Atmen fehlt; und Erziehung in emanzipatorischer Absicht immer an denselben Spielregeln scheitert. So sind es vielmehr die Bedingungen des Kinderhabens als der Kinderwunsch, die Lutosch problematisiert. Sie bezeichnet sich explizit nicht als \u201eregretting mother\u201c (Donath 2015), das heisst sie bereut ihren Kinderwunsch und ihre Mutterschaft nicht. Sie w\u00fcrde sich sogar wieder f\u00fcr ein Kind entscheiden, aber definitiv nicht f\u00fcr das Kinderhaben unter den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen und Geschlechterverh\u00e4ltnissen. Zweifelsohne muss sich also etwas Grundlegendes \u00e4ndern. Und daf\u00fcr braucht aber auch: die M\u00fctter als politische Subjekte.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Thore Freitag<br \/>\n<a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/kinder-un-gluck\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">kritisch-lesen.de<\/a><\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Heide Lutosch: Kinderhaben. 2. Auflage. Matthes und Seitz, Berlin 2023. 103 Seiten. ca. SFr. 14.00. ISBN: 978-3-7518-0569-8.<\/p>\n<p class=\"text_lizenz\"><em>Dieser Artikel steht unter einer\u00a0<a class=\"text_lizenz_link\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0)<\/a>\u00a0Lizenz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Mutter kritisiert die erdr\u00fcckenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, unter denen man heute Kinder bekommen und grossziehen muss. 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