{"id":1763053,"date":"2023-09-04T06:35:13","date_gmt":"2023-09-04T05:35:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1763053"},"modified":"2023-09-04T06:35:13","modified_gmt":"2023-09-04T05:35:13","slug":"strategien-gegen-die-brics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/09\/strategien-gegen-die-brics\/","title":{"rendered":"Strategien gegen die BRICS"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlin diskutiert Umgang mit den erstarkenden BRICS. Diese nehmen sechs neue Mitglieder auf, verankern sich intensiv in Nah- und Mittelost und schw\u00e4chen die Stellung des US-Dollar.<\/strong><\/p>\n<p>Berlin diskutiert \u00fcber Reaktionen auf den Einflussgewinn des BRICS-B\u00fcndnisses nach dessen erfolgreichem Gipfel vergangene Woche in Johannesburg. Der Versuch des Westens \u2013 auch der Bundesregierung \u2013, einen Keil in das B\u00fcndnis zu treiben, ist gescheitert: Der Gipfel brachte trotz der Auseinandersetzungen um die Teilnahme des russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin zwei wichtige Fortschritte. Zum einen nehmen die BRICS zum 1. Januar 2024 sechs neue Mitgliedstaaten auf, darunter die vier st\u00e4rksten M\u00e4chte im Nahen und Mittleren Osten, wo sich der Einfluss des Westens sp\u00fcrbar reduzieren wird. Der Anteil des B\u00fcndnisses an der globalen Wirtschaftsleistung wird sich von etwa 25 auf rund 37 Prozent erh\u00f6hen. Zudem werden die BRICS-Staaten ihren Handel noch st\u00e4rker als bisher vom US-Dollar auf nationale W\u00e4hrungen umstellen, vermutlich auch den saudischen, emiratischen und iranischen \u00d6lhandel; dies wird die globale Bedeutung der US-W\u00e4hrung schrittweise reduzieren. Berliner Regierungsberater dringen darauf, gegen\u00fcber den BRICS von der Spaltungs- zu einer Einbindungsstrategie \u00fcberzugehen, um einen weiteren Einflussverlust des Westens zu verhindern.<\/p>\n<h3>Der BRICS-Gipfel in Johannesburg<\/h3>\n<p>Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, S\u00fcdafrika) stufen ihr Gipfeltreffen, das in der vergangenen Woche in Johannesburg abgehalten wurde, als echten Erfolg ein. Den westlichen M\u00e4chten ist es nicht gelungen, einen Keil in das B\u00fcndnis selbst oder auch zwischen die BRICS-Mitglieder und die zahlreichen beitrittswilligen L\u00e4nder zu treiben. Dem Ziel, b\u00fcndnisinterne Spannungen zu sch\u00fcren, hatte unter anderem die Drohung gedient, Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin bei einer Anreise nach S\u00fcdafrika festnehmen zu lassen. Zudem hatten vor allem die USA ihren Druck auf Pretoria zuletzt deutlich erh\u00f6ht, zu Moskau auf Distanz zu gehen. Ganz der Spaltungsstrategie folgend, hatte Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock noch unmittelbar vor Beginn des BRICS-Gipfels erkl\u00e4rt, jedes Land m\u00fcsse sich selbst fragen, \u201ewelche Partnerschaft &#8230; am besten zu den eigenen Werten und Interessen\u201c passe \u2013 denn es helfe nicht, sich intern mit Moskau abzustimmen, wenn Russland \u201ezugleich das Getreideabkommen im wahrsten Sinne des Wortes bombardiert, wo dann L\u00e4nder wie Brasilien oder auch S\u00fcdafrika mit darunter leiden\u201c.[1] Die Strategie ging nicht auf: Putin nahm, wenngleich nur per Videoschaltung, an dem Gipfel teil; jegliche Absetzbewegung von Russland blieb aus. Den BRICS-Staaten gelang es sogar, zwei bedeutende Vorhaben weiter voranzutreiben.<\/p>\n<h3>Die BRICS-Erweiterung<\/h3>\n<p>Zum einen einigten sie sich auf eine gro\u00dfe Erweiterungsrunde. Dass dies gelang, war nicht selbstverst\u00e4ndlich. China hatte sich bereits seit Jahren f\u00fcr die Aufnahme neuer Mitglieder eingesetzt, war damit aber vor allem bei Brasilien und Indien auf Widerstand gesto\u00dfen: Weil die meisten potenziellen Beitrittskandidaten engere Beziehungen zu Beijing als zu Bras\u00edlia oder zu New Delhi unterhielten, schien klar zu sein, dass eine Erweiterung den chinesischen Einfluss innerhalb der BRICS zu Lasten der anderen Mitglieder st\u00e4rken w\u00fcrde. Hinzu kam die Bef\u00fcrchtung, jede Erweiterung werde die Entscheidungsf\u00e4higkeit des B\u00fcndnisses schw\u00e4chen; als warnendes Beispiel wurde zuweilen die EU genannt. Die Bem\u00fchungen des Westens, seine globale Dominanz durch die Ausschaltung Russlands als Machtfaktors zu festigen, haben nun jedoch den Widerstand gegen die transatlantischen M\u00e4chte anschwellen lassen und auch in Brasilien und Indien die Bereitschaft zur Aufnahme neuer Mitglieder gest\u00e4rkt. Als f\u00fcr Brasilien vorteilhaft gilt, dass Argentinien dem B\u00fcndnis beitreten soll, was das Gewicht S\u00fcdamerikas innerhalb der BRICS erh\u00f6ht. F\u00fcr S\u00fcdafrika g\u00fcnstig ist die Aufnahme \u00c4thiopiens, die die Stellung des afrikanischen Kontinents aufwertet. In Addis Abeba hat die Afrikanische Union (AU) ihren Sitz; \u00c4thiopien gilt zudem als potenziell st\u00e4rkste Macht Ostafrikas.<\/p>\n<h3>Dominanzverlust in Mittelost<\/h3>\n<p>Weitreichende Folgen hat vor allem, dass vier L\u00e4nder des Nahen und Mittleren Ostens den BRICS beitreten sollen (\u00c4gypten, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Iran). Noch vor kurzem galt die Vormacht des Westens und insbesondere der USA in der Region als unbestritten \u2013 ausgenommen Iran, das allerdings mit Sanktionen weitgehend in Isolation und einer Position der Schw\u00e4che gehalten wurde. Die Integration Irans gleichzeitig mit seinem Erzfeind Saudi-Arabien in das BRICS-B\u00fcndnis, erm\u00f6glicht durch chinesische Vermittlung bei der j\u00fcngsten Wiederann\u00e4herung zwischen Riad und Teheran (german-foreign-policy.com berichtete [2]), hat das Potenzial, das Land aus der Isolation zu l\u00f6sen. Russland kooperiert eng mit Iran und in gewissem Ma\u00df mit \u00c4gypten; China unterh\u00e4lt enge Beziehungen zu allen vier k\u00fcnftigen BRICS-Neumitgliedern aus Nah- und Mittelost. Indien intensiviert seine Kooperation mit Iran; Anfang Mai wurde sein Nationaler Sicherheitsberater Ajit Doval von Irans Pr\u00e4sident Ebrahim Raisi empfangen.[3] Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind bem\u00fcht, den riesigen, relativ nahe gelegenen indischen Markt zu erschlie\u00dfen. Der indisch-emiratische Handel \u00fcbertrifft den deutsch-emiratischen schon um rund das Dreifache. Indien entwickle sich \u201ezu einem bedeutenden Player in Mittelost\u201c, hielt k\u00fcrzlich das US-Fachblatt Foreign Policy fest.[4] Mit der festen Integration der Region in die BRICS schwindet der Einfluss des Westens dort weiter.<\/p>\n<h3>Weg vom US-Dollar<\/h3>\n<p>Zugleich intensivieren die BRICS ihre Bem\u00fchungen, die globale Bedeutung des US-Dollar zu reduzieren. Dazu soll, dies haben die Mitgliedstaaten auf ihrem Gipfel in Johannesburg beschlossen, der grenz\u00fcberschreitende Handel st\u00e4rker in nationalen W\u00e4hrungen get\u00e4tigt werden. Schon im Fr\u00fchjahr wurde berichtet, der Handel der BRICS-Staaten untereinander werde nur noch zu 84,3 Prozent in US-Dollar abgewickelt, der Rest in anderen W\u00e4hrungen. Russland und China etwa zahlen schon jetzt regelm\u00e4\u00dfig in Rubel oder Yuan; Brasilien und China haben Zahlungen in Reais oder in Yuan vereinbart.[5] Das Vorgehen st\u00f6\u00dft noch auf Hindernisse: Russland etwa l\u00e4sst sich seine Erd\u00f6lexporte nach Indien nicht mehr in Rupien bezahlen, weil es bislang nur wenig aus Indien importiert und die Rupien deshalb nur teilweise verwenden kann. Dennoch bietet die Umstellung auf nationale W\u00e4hrungen gro\u00dfe Vorteile: Sie dient dem Ziel, erl\u00e4utert die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), \u201edie F\u00e4higkeit der USA einzuschr\u00e4nken\u201c, ihre Globalinteressen \u201emithilfe von Finanzsanktionen durchzusetzen\u201c.[6] Mit gr\u00f6\u00dferen Folgen sei zu rechnen, sollte es gelingen, den globalen Erd\u00f6lhandel verst\u00e4rkt nicht mehr in US-Dollar zu t\u00e4tigen, erl\u00e4utert das Institut for Security Studies (ISS) aus Pretoria; dies sei einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr gewesen, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate in die BRICS aufzunehmen.[7] Dennoch werde eine Entthronung des US-Dollar nur langsam vonstatten gehen.<\/p>\n<h3>Kredite in nationalen W\u00e4hrungen<\/h3>\n<p>Weg von der Nutzung des US-Dollar bewegt sich auch die New Development Bank (NDB), die die BRICS im Jahr 2014 als Alternative zur Weltbank gr\u00fcndeten und die 2015 ihre Arbeit aufnahm. Die NDB hat in den vergangenen Jahren \u00c4gypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bangladesch aufgenommen; Uruguay befindet sich im Beitrittsprozess. Weitere Neumitglieder sollen folgen. Die Bank hat seit ihrer Gr\u00fcndung 98 Vorhaben mit Krediten in H\u00f6he von rund 33 Milliarden US-Dollar unterst\u00fctzt und wird 2023 und 2024 76 weitere Projekte mit Mitteln im Wert von 18,2 Milliarden US-Dollar f\u00f6rdern.[8] Auch die NDB stellt ihre Aktivit\u00e4ten von US-Dollar auf nationale W\u00e4hrungen um \u2013 nicht zuletzt, weil damit die Gefahr entf\u00e4llt, bei einer Erh\u00f6hung der US-Leitzinsen ohne jegliches eigene Zutun vor einer fatalen Zunahme eigener Zinszahlungspflichten zu stehen.[9] Bereits jetzt bel\u00e4uft sich der Anteil der NDB-Aktivit\u00e4ten, die nicht in US-Dollar abgewickelt werden, auf 22 Prozent; der Gro\u00dfteil davon sind Kredite, die in Yuan vergeben wurden. Laut NDB-Pr\u00e4sidentin Dilma Rousseff soll der Anteil im Zeitraum von 2022 bis 2026 auf 30 Prozent erh\u00f6ht werden.[10] Dabei gehe es um Kredite in brasilianischen Reais, s\u00fcdafrikanischen Rand und indischen Rupien. Da die NDB noch auf US-Dollar angewiesen ist, musste sie ihre Aktivit\u00e4ten in Russland einfrieren. Derlei soll langfristig nicht mehr n\u00f6tig sein.<\/p>\n<h3>Von der Spaltungs- zur Einbindungsstrategie<\/h3>\n<p>Mit ihrer Erweiterung und der zunehmenden Abkehr vom US-Dollar entwickeln sich die BRICS langfristig zu einem wirkungsvollen Gegengewicht zum Westen, dessen Dominanz damit schwindet. In Berlin hei\u00dft es, mit einer Fortsetzung des Versuchs, die BRICS zu spalten, werde man kaum Erfolg haben. Besser sei es, riet schon vor dem BRICS-Gipfel die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), auf eine Art Einbindungsstrategie zu setzen; dies k\u00f6nne etwa darin bestehen, Gro\u00dfveranstaltungen wie die M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz \u201est\u00e4rker f\u00fcr Thematiken des Globalen S\u00fcdens [zu] \u00f6ffnen\u201c.[11] Damit k\u00f6nne man erreichen, dass die k\u00fcnftige Weltordnung nicht \u201eals \u2018vom Westen verordnet\u2018 wahrgenommen\u201c werde. Elemente einer Einbindungsstrategie fanden sich schon in ersten Stellungnahmen von Au\u00dfenministerin Baerbock nach dem BRICS-Gipfel in Johannesburg. Man werde weiterhin nicht nur mit den BRICS-L\u00e4ndern \u2013 au\u00dfer Russland, eingeschr\u00e4nkt mit China \u2013, sondern auch mit den Neumitgliedern zusammenarbeiten, teilte Baerbock mit: \u201eWir wollen gemeinsam mit den L\u00e4ndern auf der Welt kooperieren, nat\u00fcrlich auch mit denen, die andere Ansichten haben\u201c.[12] Dass sich die BRICS-Mitglieder durch derlei Integrationsangebote vom Streben nach echter Eigenst\u00e4ndigkeit abbringen lassen, ist freilich wenig wahrscheinlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Baerbock sieht keine Schw\u00e4chung der G-20. tagesspiegel.de 22.08.2023.<\/p>\n<p>[2] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9204\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Ende der US-Dominanz am Persischen Golf (III)<\/a>.<\/p>\n<p>[3] SD Pradhan: Doval visits Iran: India-Iran ties moving to a new level. timesofindia.indiatimes.com 04.05.2023.<\/p>\n<p>[4] Steven A. Cook: India Has Become a Middle Eastern Power. foreignpolicy.com 30.06.2023.<\/p>\n<p>[5], [6] G\u00fcnther Maihold, Melanie M\u00fcller: Eine neue Entwicklungsphase der BRICS. SWP-Aktuell 2023\/A 52. Berlin, 17.08.2023.<\/p>\n<p>[7] Jakkie Cilliers: BRICS+ and the future of the US dollar. issafrica.org 25.08.2023.<\/p>\n<p>[8] NDB President Dilma Rousseff Reported to BRICS Leaders at the 15<sup>th<\/sup> BRICS Summit. ndb.int 24.08.2023.<\/p>\n<p>[9] Jakkie Cilliers: BRICS+ and the future of the US dollar. issafrica.org 25.08.2023.<\/p>\n<p>[10] Michael Stott: Brics bank strives to reduce reliance on the dollar. ft.com 22.08.2023.<\/p>\n<p>[11] G\u00fcnther Maihold, Melanie M\u00fcller: Eine neue Entwicklungsphase der BRICS. SWP-Aktuell 2023\/A 52. Berlin, 17.08.2023.<\/p>\n<p>[12] Baerbock: Gespr\u00e4che auch mit Brics-Beitrittsl\u00e4ndern. handelsblatt.com 24.08.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin diskutiert Umgang mit den erstarkenden BRICS. 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