{"id":1754703,"date":"2023-07-31T03:08:14","date_gmt":"2023-07-31T02:08:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1754703"},"modified":"2023-07-31T15:31:31","modified_gmt":"2023-07-31T14:31:31","slug":"clara-zetkin-fuer-die-befreiung-der-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/07\/clara-zetkin-fuer-die-befreiung-der-frau\/","title":{"rendered":"Clara Zetkin: F\u00fcr die Befreiung der Frau"},"content":{"rendered":"<p><em>Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris 1889<\/em><\/p>\n<p><strong>Clara Zetkin wurde am 5.Juli 1857 geboren. Sie war und bezeichnete sich auch selbst so Sozialistin und Frauenrechtlerin.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eClara Zetkin wurde am 5.Juli 1857 geboren. Sie war und bezeichnete sich auch selbst so Sozialistin und Frauenrechtlerin. Dabei hat sie der sozialen Revolution und der \u00f6konomischen Emanzipation den Vorrang vor der Gleichberechtigung der Geschlechter einger\u00e4umt. Oder anders: Sie hat darin die Grundlage gesehen, um der Frage der Gleichberechtigung in allen Bereichen \u00fcberhaupt nachgehen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>&#8222;Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem m\u00e4nnlichen gleichen Unterricht \u2013 obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur nat\u00fcrlich und gerecht ist \u2013 noch von der Gew\u00e4hrung politischer Rechte. Die L\u00e4nder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert desselben ist.<\/p>\n<p>Das Stimmrecht ohne \u00f6konomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, w\u00fcrde in den L\u00e4ndern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschliesslich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.\u201c (siehe u.a. Rede)<\/p>\n<p>Die moderne Frauenbewegung &#8211; deutlich anders orientiert &#8211; versucht, so weit es geht, Clara Zetkin, auch Rosa Luxemburg und andere sozialistische Mitstreiterinnen gezielt auszugrenzen.<\/p>\n<p>Die Damen sind ihnen ein Dorn im Auge, weil ihr Befreiungskampf herrschaftskritisch, und nicht konkurrenzorientiert wie der Ihrige angelegt ist. Immer w\u00e4hrender Hauptfeind ist der Mann und nicht die Ausbeutungsgesellschaft namens Kapitalismus. Im Gegenteil: Z.B. wird beklagt, dass noch lange nicht alle Vorstandsposten in Unternehmen gleichermassen besetzt sind.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner kann man den Kapitalismus kaum bejubeln: Was die Unternehmen machen, nach innen wie nach aussen &#8211; ist ausser des Betrachtungsfeldes- Hauptsache genug Frauen sind dabei, so die Modernen. Das h\u00e4tte sich eine Clara Zetkin nicht gefallen lassen.<\/p>\n<p>&#8222;Aber mit einer anderen \u00f6konomischen Grundlage wird doch nicht automatisch alles anders&#8220;, argumentiert die moderne Frauenbewegung. So einen Unsinnssatz muss man erst einmal zusammenbringen. Alles, immer und automatisch. Wer w\u00fcrde oder hat so etwas jemals behauptet. Niemand. Automatisch und dann noch alles. Der Satz hat umgekehrt seine Bedeutung. Unautomatisch sind wir in dem ausbeuterischen Kapitalismus doch ganz gut aufgehoben, weshalb wir ja auch nicht an dessen Grundlagen kratzen wollen, sonden mehr beteiligt sein wollen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr zeigen daher die Schwierigkeiten und Bem\u00fchungen um den Aufbau einer neuen Gesellschaft und eines neuen Geschlechter Verh\u00e4ltnisses, dass eine solche Alternative grunds\u00e4tzlich unm\u00f6glich ist. sonst w\u00fcrde diese sich ja sofort und automatisch einstellen.<\/p>\n<p>Mal weniger theoretisch: Bei meinem Streifz\u00fcgen durch 23 alternative Buchhandlungen in S\u00fcddeutschland. Schweiz und \u00d6sterreich konnte ich jeweils reich eingedeckt Frauenbewegungsliteratur auffinden. Rosa Luxemburg und Clara Zetkin gerade zweimal.<\/p>\n<p>So geht Ausgrenzung und Manipulation bis die schlichtesten Ebenen von zentralen S\u00e4ulen der Frauenbewegung. Die Universit\u00e4ten leisten ein \u00dcbriges. Viele gerade in im Bereich der P\u00e4dagogik besetzten Professorenstellenwerden mit Frauen best\u00fcckt, die die b\u00fcrgerlich-konkurrenzorientierteVariante lehren.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig wird das gef\u00f6rdert, tr\u00e4gt doch diese Variante zur Atomisierung der Gesellschaft bei. Es sind nicht die gemeinsamen Interessen der Geschlechter gegen einen 100MRd R\u00fcstungskredit im Zentrum, sondern der prinzipiell unvers\u00f6hnliche Gegensatz von Mann und Frau. Die Herrschaft freut das und deshalb bef\u00f6rdert sie das ja auch. \u00dcbrigens: Wenn hier Konkurrenz als zentral verortet wird, heisst das auch, dass das Frausein sich im Resultat rausk\u00fcrzt. Es wird eben konkurriert mit dem Zusatzargument ich bin aber Frau. Ich habe aber einen so weiten Anfahrtsweg, ich komme aber aus dem 2. Bildungsweg&#8230; w\u00e4re auch vorstellbar und kommt auch vor.<\/p>\n<p>So: aber gegen wen wird so etwas ins Feld gef\u00fchrt, gegen M\u00e4nner? Ja, aber nicht nur! Nat\u00fcrlich auch gegen die anderen um den Vorstandsposten mitkonkurrierenden Frauen.<\/p>\n<p>Das heisst, es geht letztlich nicht um die Geschlechterfrage, sondern um die Durchsetzung der absoluten Konkurrenz und die richtet sich naturgem\u00e4ss eben auch gegen die Geschlechtsgenossinnen. Statt Herrschaftskritik also Atomisierung in Konkurrenzsubjekte.<\/p>\n<p>Am Rande bemerkt: Auch die feministische Aussenpolitik hat &#8211; wie ich an anderer Stelle schon ausgef\u00fchrt habe &#8211; mit Frausein nichts zu tun, sondern ist eine Methode, undemokratischen totalit\u00e4ren Auftretens, sich prinzipiell ins Recht setzens Wenn Frau Baerbock in diesem Namen auftritt, sind aller anderen Sichtweisen von vornherein falsch und haben sich der Sichtweise von Frau Baerbock argumentlos zu unterwerfen, sonst sind sie antifeministisch- z.B. vermehrte und dauerhafte -Waffenlieferungen an die Ukraine.<\/p>\n<p>Wenn das Clara Zetkin h\u00f6ren w\u00fcrde, was hier im Namen &#8211; und ich sage extra im Namen &#8211; von Frauen herrschaftsaffirmativ angerichtet wird!<\/p>\n<p>Ihr war klar, dass die Emanzipation der Frau auch in einer sozialistischen Gesellschaft noch eines langen Weges und vieler Fragen bedarf. Noch mehr war ihr allerdingsklar, dass die wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit unter kapitalistischen Bedingungen keine Befreiung der Frau darstellt.<\/p>\n<p>&#8222;Die von ihrer \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit dem Manne gegen\u00fcber befreite Frau ward der \u00f6konomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den Herrn gewechselt.&#8220; (siehe u.a. Rede)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Befreiung der Frau!<br \/>\nRede auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris (19. Juli 1889)<\/p>\n<p>B\u00fcrgerin Zetkin, Abgeordnete der Arbeiterinnen von Berlin, ergreift unter lebhaftem Beifall das Wort \u00fcber die Frage der Frauenarbeit. Sie erkl\u00e4rt, sie wolle keinen Bericht erstatten \u00fcber die Lage der Arbeiterinnen, da diese die gleiche ist wie die der m\u00e4nnlichen Arbeiter. Aber im Einverst\u00e4ndnis mit ihren Auftraggeberinnen werde sie die Frage der Frauenarbeit vom prinzipiellen Standpunkt beleuchten. Da \u00fcber diese Frage keine Klarheit herrsche, sei es durchaus notwendig, dass ein internationaler Arbeiterkongress sich klipp und klar \u00fcber diesen Gegenstand ausspreche, indem er die Prinzipienfrage behandelt.<\/p>\n<p>Es ist \u2013 f\u00fchrt die Rednerin aus \u2013 nicht zu verwundern, dass die reaktion\u00e4ren Elemente eine reaktion\u00e4re Auffassung haben \u00fcber die Frauenarbeit. Im h\u00f6chsten Grade \u00fcberraschend aber ist es, dass man auch im sozialistischen Lager einer irrt\u00fcmlichen Auffassung begegnet, indem man die Abschaffung der Frauenarbeit verlangt. Die Frage der Frauenemanzipation, das heisst in letzter Instanz die Frage der Frauenarbeit, ist eine wirtschaftliche, und mit Recht erwartet man bei den Sozialisten ein h\u00f6heres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr wirtschaftliche Fragen als das, welches sich in der eben angef\u00fchrten Forderung kundgibt.<\/p>\n<p>Die Sozialisten m\u00fcssen wissen, dass bei der gegenw\u00e4rtigen wirtschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit ist; dass die nat\u00fcrliche Tendenz der Frauenarbeit entweder darauf hinausgeht, dass die Arbeitszeit, welche jedes Individuum der Gesellschaft widmen muss, vermindert wird oder dass die Reicht\u00fcmer der Gesellschaft wachsen; dass es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Konkurrenz mit den m\u00e4nnlichen Arbeitskr\u00e4ften die L\u00f6hne herabdr\u00fcckt, sondern die Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe aneignet. Die Sozialisten m\u00fcssen vor allem wissen, dass auf der \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit oder Unabh\u00e4ngigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht.<\/p>\n<p>Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz tr\u00e4gt, geschrieben haben, d\u00fcrfen nicht eine ganze H\u00e4lfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, so- lange sie nicht wirtschaftlich unabh\u00e4ngig dasteht. Die Unerl\u00e4ssliche Bedingung f\u00fcr diese ihre wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen wie die M\u00e4nner, nun, so braucht man die Frauenarbeit weder abzuschaffen noch zu beschr\u00e4nken, ausser in gewissen, ganz vereinzelten Ausnahmef\u00e4llen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterinnen, welche nach sozialer Gleichheit streben, erwarten f\u00fcr ihre Emanzipation nichts von der Frauenbewegung der Bourgeoisie, welche angeblich f\u00fcr die Frauenrechte k\u00e4mpft. Dieses Geb\u00e4ude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind durchaus davon \u00fcberzeugt, dass die Frage der Frauenemanzipation keine isoliert f\u00fcr sich bestehende ist, sondern ein Teil der grossen sozialen Frage. Sie gehen sich vollkommen klare Rechenschaft dar\u00fcber, dass diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelost werden wird, sondern erst nach einer gr\u00fcndlichen Umgestaltung der Gesellschaft. Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren.<\/p>\n<p>Emanzipation der Frau heisst die vollst\u00e4ndige Ver\u00e4nderung ihrer sozialen Stellung von Grund aus, eine Revolution ihrer Rolle im Wirtschaftsleben. Die alte Form der Produktion mit ihren unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie und beschr\u00e4nkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schoss der Familie stellte die Frau eine ausserordentlich produktive Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchsgegenst\u00e4nde der Familie. Beim Stande der Produktion und des Handels von ehedem w\u00e4re es sehr schwer, wenn nicht unm\u00f6glich gewesen, diese Artikel ausserhalb der Familie zu produzieren. Solange diese \u00e4lteren Produktionsverh\u00e4ltnisse in Kraft waren, solange war die Frau wirtschaftlich produktiv &#8230;<\/p>\n<p>Die maschinelle Produktion hat die wirtschaftliche T\u00e4tigkeit der Frau in der Familie get\u00f6tet. Die Grossindustrie erzeugt alle Artikel billiger, schneller und massenhafter, als dies bei der Einzelindustrie m\u00f6glich war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduktion arbeitete. Die Frau musste oft den Rohstoff, den sie im deinen einkaufte, teurer bezahlen als das fertige Produkt der maschinellen Grossindustrie. Sie musste ausser dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch ihre Zeit und ihre Arbeit dreingeben. Infolgedessen wurde die produktive T\u00e4tigkeit innerhalb der Familie ein \u00f6konomischer Unsinn, eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individuen die im Schoss der Familie produzierende Frau von Nutzen sein mag, bedeutet diese Art der T\u00e4tigkeit nichtsdestoweniger f\u00fcr die Gesellschaft einen Verlust.<\/p>\n<p>Das ist der Grund, warum die gute Wirtschafterin aus der guten alten Zeit fast g\u00e4nzlich verschwunden ist. Die Grossindustrie hat die Warenerzeugung im Hause und f\u00fcr die Familie unn\u00fctz gemacht, sie hat der h\u00e4uslichen T\u00e4tigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie eben auch den Boden f\u00fcr die T\u00e4tigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die mechanische Produktion, welche der Muskelkraft und qualifizierten Arbeit entraten kann, machte es m\u00f6glich, auf einem grossen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die Industrie ein mit dem Wunsche, die Eink\u00fcnfte in der Familie zu vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde mit der Entwicklung der modernen Industrie eine Notwendigkeit. Und mit jeder Verbesserung der Neuzeit ward M\u00e4nnerarbeit auf diese Weise \u00fcberfl\u00fcssig, Tausende von Arbeitern wurden aufs Pflaster geworfen, eine Reservearmee der Armen wurde geschaffen, und die L\u00f6hne sanken fortw\u00e4hrend immer tiefer.<\/p>\n<p>Ehemals hatte der Verdienst des Mannes unter gleichzeitiger produktiver T\u00e4tigkeit der Frau im Hause ausgereicht, um die Existenz der Familie zu sichern; jetzt reicht er kaum hin, um den unverheirateten Arbeiter durchzubringen. Der verheiratete Arbeiter muss notwendigerweise mit auf die bezahlte Arbeit der Frau rechnen.<\/p>\n<p>Durch diese Tatsache wurde die Frau von der \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit vorn Manne befreit. Die in der Industrie t\u00e4tige Frau, die unm\u00f6glicherweise ausschliesslich in der Familie sein kann als ein blosses wirtschaftliches Anh\u00e4ngsel des Mannes \u2013 sie lernte als \u00f6konomische Kraft, die vom Manne unabh\u00e4ngig ist, sich selbst gen\u00fcgen. Wenn aber die Frau wirtschaftlich nicht mehr vom Manne abh\u00e4ngt, so gibt es keinen vern\u00fcnftigen Grund f\u00fcr ihre soziale Abh\u00e4ngigkeit von ihm. Gleichwohl kommt diese wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit allerdings im Augenblick nicht der Frau selbst zugute, sondern dem Kapitalisten.<\/p>\n<p>Kraft seines Monopols der Produktionsmittel bem\u00e4chtigte sich der Kapitalist des neuen \u00f6konomischen Faktors und liess ihn zu seinem ausschliesslichen Vorteil in T\u00e4tigkeit treten. mehr dem Mann gegen\u00fcber wirtschaftlich minderwertig und ihm untergeordnet, sondern seinesgleichen. Der Kapitalist aber begn\u00fcgt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe ausserdem noch dadurch nutzbar, dass er die m\u00e4nnlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gr\u00fcndlicher ausbeutet.<\/p>\n<p>Die Frauenarbeit war von vornherein billiger als die m\u00e4nnliche Arbeit. Der Lohn des Mannes war urspr\u00fcnglich darauf berechnet, den Unterhalt einer ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur die Kosten f\u00fcr den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst diese nur zum Teil, weil man darauf rechnete, dass die Frau auch zu Hause weiterarbeitet ausser ihrer Arbeit in der Fabrik. Ferner entsprachen die von der Frau im Hause mit primitiven Arbeitsinstrumenten hergestellten Produkte, verglichen mit den Produkten der Grossindustrie, nur einem kleinen Quantum mittlerer gesellschaftlicher Arbeit. Man ward also darauf gef\u00fchrt, eine geringere Arbeitsf\u00e4higkeit bei der Frau zu folgern, und diese Erw\u00e4gung liess der Frau eine geringere Bezahlung zuteil werden f\u00fcr ihre Arbeitskraft. Zu diesen Gr\u00fcnden f\u00fcr billige Bezahlung kam noch der Umstand, dass im ganzen die Frau weniger Bed\u00fcrfnisse hat als der Mann.<\/p>\n<p>Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders wertvoll machte, das war nicht nur der geringe Preis, sondern auch die gr\u00f6ssere Unterw\u00fcrfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulierte auf diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht wie m\u00f6glich zu entlohnen und den Lohn der M\u00e4nner durch diese Konkurrenz so stark wie m\u00f6glich herabzudr\u00fccken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zunutze, um die L\u00f6hne der Frauen herabzudr\u00fccken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft \u00fcberhaupt herabzudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Das kapitalistische System allein ist die Ursache, dass die Frauenarbeit die ihrer nat\u00fcrlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; dass sie zu einer l\u00e4ngeren Dauer des Arbeitstages f\u00fchrt, anstatt eine wesentliche Verk\u00fcrzung zu bewirken; dass sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reicht\u00fcmer der Gesellschaft, das heisst mit einem gr\u00f6sseren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erh\u00f6hung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer gr\u00f6sseren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Produktionssystem verschwinden.<\/p>\n<p>Der Kapitalist muss, um der Konkurrenz nicht zu unterliegen, sich bem\u00fchen, die Differenz zwischen Einkaufs-(Herstellungs-)preis und Verkaufspreis seiner Waren so gross wie m\u00f6glich zu machen; et sucht also so billig wie m\u00f6glich zu produzieren und so teuer wie m\u00f6glich zu verkaufen. Der Kapitalist hat folglich alles Interesse daran, den Arbeitstag ins Endlose zu verl\u00e4ngern und die Arbeiter mit so l\u00e4cherlich geringf\u00fcgigem Lohn abzuspeisen wie nur irgend m\u00f6glich. Dieses Bestreben steht in geradem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen, ebenso wie zu denen der m\u00e4nnlichen Arbeiter.<\/p>\n<p>Es gibt also einen wirklichen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeitet und der Arbeiterinnen nicht; sehr wohl aber existiert ein unvers\u00f6hnlicher Gegensatz zwischen den Interessen des Kapitals und denen der Arbeit. Wirtschaftliche Gr\u00fcnde sprechen dagegen, das Verbot der Frauenarbeit zu fordern. Die gegenw\u00e4rtige wirtschaftliche Lage ist so, dass weder der Kapitalist noch der Mann auf die Frauenarbeit verzichten k\u00f6nnen. Der Kapitalist muss sie aufrechterhalten, um konkurrenzf\u00e4hig zu bleiben, und der Mann muss auf sie rechnen, wenn er eine Familie gr\u00fcnden will. Wollten wir selbst den Fall setzen, dass die Frauenarbeit auf gesetzgeberischem Wege beseitigt werde, so w\u00fcrden dadurch die L\u00f6hne der M\u00e4nner nicht verbessert werden. Der Kapitalist w\u00fcrde den Ausfall an billigen weiblichen Arbeitskr\u00e4ften sehr bald durch Verwendung vervollkommneter Maschinen in umfangreicherem Masse decken \u2013 und in kurzer Zeit w\u00fcrde alles wieder sein wie vorher.<\/p>\n<p>Nach grossen Arbeitseinstellungen, deren Ausgang f\u00fcr die Arbeitet g\u00fcnstig war, hat man gesehen, dass die Kapitalisten mit Hilfe vervollkommneter Maschinen die errungenen Erfolge der Arbeiter zunichte gemacht haben.<\/p>\n<p>Wenn man Verbot oder Beschr\u00e4nkung der Frauenarbeit auf Grund der aus ihr erwachsenden Konkurrenz fordert, dann ist es ebenso logisch begr\u00fcndet, Abschaffung der Maschinen und Wiederherstellung des mittelalterlichen Zunftrechts zu fordern, welches die Zahl der in jedem Gewerbebetriebe zu besch\u00e4ftigenden Arbeiter festsetzte.<\/p>\n<p>Allein, abgesehen von den \u00f6konomischen Gr\u00fcnden sind es vor allem prinzipielle Gr\u00fcnde, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage m\u00fcssen die Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestieren gegen jeden derartigen Versuch; sie m\u00fcssen ihm den lebhaftesten und zugleich berechtigtsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, dass ihre soziale und politische Gleichstellung mit den M\u00e4nnern einzig und allein von ihrer \u00f6konomischen Selbst\u00e4ndigkeit abh\u00e4ngt, welche ihnen ihre Arbeit ausserhalb der Familie in der Gesellschaft erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Vom Standpunkt des Prinzips aus protestieren wir Frauen nachdr\u00fccklichst gegen eine Beschr\u00e4nkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir also keine besonderen Forderungen formulieren; wir verlangen keinen anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das Kapital fordert.<\/p>\n<p>Nur eine einzige Ausnahme lassen wir zugunsten schwangerer Frauen zu, deren Zustand besondere Schutzmassregeln im Interesse der Frau selbst und der Nachkommenschaft erheischt. Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage an \u2013 wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an! Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem m\u00e4nnlichen gleichen Unterricht \u2013 obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur nat\u00fcrlich und gerecht ist \u2013 noch von der Gew\u00e4hrung politischer Rechte.<\/p>\n<p>Die L\u00e4nder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert desselben ist. Das Stimmrecht ohne \u00f6konomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, w\u00fcrde in den L\u00e4ndern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschliesslich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeitet in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.<\/p>\n<p>In Erw\u00e4gung dieser Tatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer Befreiung ernst ist, nichts anderes \u00fcbrig, als sich der sozialistischen Arbeiterpartei anzuschliessen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt.<\/p>\n<p>Ohne Beihilfe der M\u00e4nner, ja, oft sogar gegen den Willen der M\u00e4nner, sind die Frauen unter das sozialistische Banner getreten; man muss sogar zugestehen, dass sie in gewissen Fallen selbst gegen ihre eigene Absicht unwiderstehlich dahin getrieben worden sind, einfach durch eine klare Erfassung der \u00f6konomischen Lage.<\/p>\n<p>Aber sie stehen nun unter diesem Banner, und sie werden unter ihm bleiben! Sie werden unter ihm k\u00e4mpfen f\u00fcr ihre Emanzipation, f\u00fcr ihre Anerkennung als gleichberechtigte Menschen.<\/p>\n<article>Indem sie Hand in Hand gehen mit der sozialistischen Arbeiterpartei, sind sie bereit, an allen M\u00fchen und Opfern des Kampfes teilzunehmen, aber sie sind auch fest entschlossen, mit gutem Fug und Recht nach dem Siege alle ihnen zukommenden Rechte zu fordern. In bezug auf Opfer und Pflichten sowohl wie auf Rechte wollen sie nicht mehr und nicht weniger sein als Waffengenossen, die unter gleichen Bedingungen in die Reihen der K\u00e4mpfer aufgenommen worden sind. (Lebhafter Beifall, der sich wiederholt, nachdem B\u00fcrgerin Aveling diese Auseinandersetzung ins Englische und Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt hat.)<\/article>\n<article><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/gesellschaft\/feminismus\/clara-zetkin-fuer-die-befreiung-der-frau-7817.html\">Der Originalartikel kann hier besucht werden<\/a><\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris 1889 Clara Zetkin wurde am 5.Juli 1857 geboren. Sie war und bezeichnete sich auch selbst so Sozialistin und Frauenrechtlerin. \u201eClara Zetkin wurde am 5.Juli 1857 geboren. 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