{"id":1750992,"date":"2023-07-10T18:26:30","date_gmt":"2023-07-10T17:26:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1750992"},"modified":"2023-07-10T18:26:30","modified_gmt":"2023-07-10T17:26:30","slug":"arbeit-fuer-die-tonne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/07\/arbeit-fuer-die-tonne\/","title":{"rendered":"Arbeit f\u00fcr die Tonne"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber die Zunahme sinnentleerter Jobs in den vergangenen Jahrzehnten und deren \u00f6konomische und mentale Auswirkungen auf die Menschen, die sie aus\u00fcben.<\/strong><\/p>\n<p>Immer vielseitiger werden unsere Jobs. Finanzdienstleistungen, Telefonwerbung, Hochschul- und Gesundheitsverwaltung, Personalwesen, Public Relations deuten an, wie gross das Berufspektrum heutzutage ist \u2013 und wie problematisch. \u201eEs ist, als w\u00fcrde sich irgendjemand sinnlose T\u00e4tigkeiten ausdenken, nur damit wir st\u00e4ndig arbeiten\u201c (S. 15), so der Anthropologe David Graeber. Denn was sich hier aufdr\u00e4ngt, ist die Frage: Wie zufrieden bin ich eigentlich mit meiner Arbeit? Finde ich meinen Job sinnvoll? Eine zunehmende Zahl von Menschen kann diese Frage leider nur verneinen und ist zutiefst unzufrieden mit dem eigenen Job. \u201eEin Drittel unserer Jobs ist sinnlos\u201c, res\u00fcmierte David Graeber noch 2018 in einem Interview mit der \u00f6sterreichischen Zeitung Der Standard.<\/p>\n<p>In die Tiefen dieses sinnlosen Arbeitsirrsinns begleitet uns Graeber 2018 in seinem Buch \u201eBullshit-Jobs\u201c, das inzwischen so etwas wie einen Klassiker der Anthropologie zeitgen\u00f6ssischer Arbeit geworden ist. In diesem Text stellt er in sieben Kapiteln Beispiele sinnentleerter Jobs und deren pers\u00f6nliche und gesellschaftliche Auswirkungen vor, beleuchtet dabei die Aussenperspektive, kategorisiert Typen von sogenannten Bullshit-Jobs, zeigt aber auch auf, wie sich Menschen f\u00fchlen, die in einem Bullshit-Job t\u00e4tig sind. Er markiert dabei schonungslos Formen der seelischen Gewalt. Doch Graeber bel\u00e4sst es nicht bei einer blossen Beschreibung, sondern geht den Gr\u00fcnden f\u00fcr die stetige Vermehrung von Bullshit-Jobs nach und der Frage, wie sie finanziert werden. Und fragt schliesslich, wie Alternativen zu bestehenden sinnentleerten Jobs aussehen k\u00f6nnten? Arbeit ohne Wert Ist meine Arbeit sinnvoll oder Bullshit und wie l\u00e4sst sich das bewerten? Graeber schreibt dazu:<\/p>\n<p>\u201eDas eigentlich heikle Problem stellt sich erst, wenn es darum geht, ob bestimmte Formen der Arbeit (beispielsweise Telefonwerbung, Marktforschung und Beratung) Bullshit sind, das heisst, ob man von ihnen behaupten kann, dass sie irgendeinen positiven gesellschaftlichen Wert produzieren.\u201c (S. 43)<\/p>\n<p>Und die Einsch\u00e4tzung dazu kommt am besten von den Menschen, die solche T\u00e4tigkeiten ausf\u00fchren. Denn ihnen ist oft bewusst, wie nutzlos ihre Arbeit f\u00fcr das Wohlergehen der Welt ist. Anders sieht es weiter oben auf der Karriereleiter aus: \u201eUnternehmenslobbyisten oder Finanzberater [sind m\u00f6glicherweise] tats\u00e4chlich Anh\u00e4nger einer Theorie der gesellschaftlichen Werte nach der ihre Arbeit f\u00fcr die Gesundheit und das Wohlergehen der Nation unentbehrlich sind.\u201c (ebd.) Wer also f\u00fchrender Teil einer Unternehmensstruktur ist, stellt diese nicht mehr infrage, da er oder sie selbst materiell und im beruflichen Ansehen immens von diesen Strukturen profitiert.<\/p>\n<p>Aber oft sitzen Menschen in Bullshit-Jobs abwartend herum. Eigentlich k\u00f6nnten sie die freie Zeit w\u00e4hrend der Arbeit f\u00fcr andere, sinnvollere Dinge nutzen. Aber, \u201e[w]arum f\u00fchrt eine sinnlose T\u00e4tigkeit so regelm\u00e4ssig dazu, dass Menschen sich elend f\u00fchlen?\u201c (S. 117) Man k\u00f6nnte doch annehmen, dass Menschen, die f\u00fcr ihr Nichtstun bezahlt werden, besonders gl\u00fccklich sind. Doch das Gegenteil ist der Fall: Viele f\u00fchlen sich wertlos, deprimiert und ungl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Graeber stellt Menschen wie Eric vor, der als Interface-Administrator in einem Designunternehmen arbeitet und die Arbeit verschiedener Filialen in Grossbritannien aufteilen soll. Seine Arbeit war \u201eFlickschusterei\u201c \u2013 wie Graeber dies nennt \u2013 f\u00fcr ein internes Kommunikationsproblem auf der F\u00fchrungsebene, bei der \u201edie Partner nicht in der Lage waren, zum Telefon zu greifen und sich untereinander abzustimmen\u201c. (S. 120) Bullshit-Jobs sorgen zwar f\u00fcr ein finanzielles Auskommen, jedoch h\u00f6hlen sie Menschen von innen aus. Und das ist kr\u00e4ftezehrend und seelisch zerm\u00fcrbend. Wo das Prinzip der Selbstwirksamkeit, also das Gef\u00fchl, etwas bewirken zu k\u00f6nnen, fehlt, da fehlt auch der Sinn. Und Fragen nach einem Sinn im Leben sind nun einmal eng an Fragen einer Sinnhaftigkeit beziehungsweise Sinnstiftung in der Arbeit gekn\u00fcpft. Indifferenz der Gesellschaft<\/p>\n<p>Einen Grund f\u00fcr den Anstieg von Bullshit-Jobs sieht Graeber in der Finanzbranche, in der sinnentleerte T\u00e4tigkeiten nach wie vor anwachsen: \u201eLakaienstellen werden geschaffen, weil die Inhaber von Machtpositionen in einem Unternehmen ihre Untergebenen f\u00fcr ein Statussymbol halten\u201c (S. 243) Je mehr Untergebene ich habe, desto h\u00f6her ist mein Status im Unternehmen selbst. Dem Autor geht es in seinen Ausf\u00fchrungen nicht nur um das Aufzeigen von irren Alltagsdetails aus dieser Branche, sondern auch um eine gewisse Haltung und Moralvorstellung seitens der Arbeitgeber*innen, also um Manager*innen, die \u201estolz darauf sind, mit welcher R\u00fccksichtslosigkeit sie andere Unternehmen \u00fcbernommen haben und sie im Namen von Gesundschrumpfung und Effizienz mit gewaltigen Schulden belasten. Die gleichen Manager sind auch stolz auf ihren aufgeblasenen Personalbestand.\u201c (S. 257f.)<\/p>\n<p>Dieser Umstand geht zu Lasten der Psyche der Besch\u00e4ftigten, wie Graeber an vielen anschaulichen Beispielen herausstellt. Doch warum haben wir als Gesellschaft eigentlich nichts gegen das Wachstum sinnloser Besch\u00e4ftigung einzuwenden? Graeber konstatiert, dass wir es bisher noch nicht erlebt haben,<\/p>\n<p>\u201edass Politiker sich absch\u00e4tzig \u00fcber Bullshit-Jobs ge\u00e4ussert h\u00e4tten, dass wissenschaftliche Tagungen der Frage nachgegangen w\u00e4ren, warum die Bullshit-Jobs sich vermehrt haben, dass Meinungsartikel die kulturellen Auswirkungen von Bullshit-Jobs er\u00f6rtert h\u00e4tten oder dass Protestbewegungen auf die Strasse gehen w\u00fcrden, um sie abzuschaffen. [&#8230;] Warum fahren wir die globale Arbeitsmaschine nicht herunter?\u201c (S. 281f.)<\/p>\n<p>Graeber ist davon \u00fcberzeugt, dass wir mit weniger Arbeitszeit, mit circa 15 bis 20 Arbeitsstunden pro Woche auskommen w\u00fcrden. Aber wir haben \u201eals Gesellschaftskollektiv entschieden, dass es besser ist, wenn Millionen Menschen viele Jahre ihres Lebens so tun, als w\u00fcrden sie etwas in Tabellenkalkulationen eintragen oder als geistige Landkarten f\u00fcr PR-Meetings vorbereiten.\u201c (S. 282) Dem m\u00fcsse mit einer Anti-Bullshit-Kampagne entgegengetreten werden. Es bedarf \u00fcberhaupt einmal eines gesellschaftlichen Bewusstseins f\u00fcr die Problemlage. Und Graeber geht hier noch weiter, in dem er \u201eein vollst\u00e4ndiges Grundeinkommen\u201c fordert, das den Zwang zum Arbeiten v\u00f6llig beseitigen\u201c (S. 401) w\u00fcrde. Ob das schon die L\u00f6sung des Problems darstellen kann, ist fraglich.<\/p>\n<p>Eine gr\u00f6ssere Empathie f\u00fcr Arbeiter*innen in Bullshit-Jobs einzufordern, ist wichtig, aber eine \u00dcberwindung des finanzialisierten Kapitalismus bleibt unerl\u00e4sslich. Den Finger in eine Wunde kapitalistischen Wirtschaftens zu legen, Arbeiter*innen eine Stimme zu geben und die Einf\u00fchrung des Kampfbegriffs Bullshit-Job, sind die Verdienste dieses wichtigen Buches.<\/p>\n<p>Cornelia Stahl<br \/>\n<a href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/arbeit-fur-die-tonne\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kritisch-lesen.de<\/a><\/p>\n<p>David Graeber: Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. \u00dcbersetzt von: Sebastian Vogel. 6. Auflage. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2023. 464 Seiten. ca. SFr. 19.00. ISBN: 978-3-608-98245-9.<\/p>\n<p>Dieser Artikel steht unter einer\u00a0<a class=\"text_lizenz_link\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0)<\/a>\u00a0Lizenz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Zunahme sinnentleerter Jobs in den vergangenen Jahrzehnten und deren \u00f6konomische und mentale Auswirkungen auf die Menschen, die sie aus\u00fcben. Immer vielseitiger werden unsere Jobs. 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