{"id":1732500,"date":"2023-04-12T15:00:39","date_gmt":"2023-04-12T14:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1732500"},"modified":"2023-04-12T15:00:39","modified_gmt":"2023-04-12T14:00:39","slug":"einmal-wirklich-leben-was-ist-wahrhaftig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/04\/einmal-wirklich-leben-was-ist-wahrhaftig\/","title":{"rendered":"Einmal wirklich leben &#8211; Was ist wahrhaftig?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Akira Kurosawa zeigt in seinem Film \u00abEinmal wirklich leben\u00bb eine B\u00fcrokratie, die nicht f\u00fcr die N\u00f6te der Bev\u00f6lkerung existiert, sondern f\u00fcr deren Abwehr.<\/strong><\/p>\n<article>Da sitzt er \u2013 seit 20 Jahren. Jeder Tag ist wie der andere. Jede Handbewegung ist wie die andere. Es kommen Beschwerden herein, und er schaut sie kurz an, dr\u00fcckt einen Stempel auf die Papiere und legt sie auf einen der Haufen auf seinem Schreibtisch. Auch die anderen in seiner Abteilung tun nichts anderes. Akira Kurosawa (1910-1998) drehte 1952 zwischen \u201eRashomon\u201d (1950) und \u201eDie sieben Samurai\u201d (1954) unter anderem diesen Film \u00fcber einen st\u00e4dtischen Beamten, der eine Beschwerdestelle leitet und eines Tages erfahren muss, dass er unheilbar an Magenkrebs erkrankt ist und nur noch maximal ein halbes Jahr zu leben hat. Kanji Watanabe, exzellent gespielt von Takashi Shimura (1950-1982), einem der ber\u00fchmtesten japanischen Schauspieler, hat es schon lange aufgegeben, Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Neuerungen in der B\u00fcrokratie zu machen. Es herrscht t\u00f6dliche Langeweile in den R\u00e4umen der Beschwerdestelle, und das einzige, was Watanabe und die meisten anderen am Leben h\u00e4lt, ist ihr Ehrgeiz, ihren Platz dort zu behaupten. Die Beschwerden der Bev\u00f6lkerung aber werden b\u00fcrokratisch verhackst\u00fcckt, portionsgerecht f\u00fcr die Ablage vorbereitet \u2013 und sind dann verschwunden.Kurosawa zeigt eine B\u00fcrokratie, schon zu Anfang des Films, die nicht f\u00fcr die N\u00f6te der Bev\u00f6lkerung existiert, sondern f\u00fcr deren Abwehr. Er zeigt auch eine B\u00fcrokratie, in der Hierarchien ausschliesslich dazu dienen, die Macht des jeweiligen B\u00fcrgermeisters und seiner Nomenklatura zu erhalten \u2013 bis zur n\u00e4chsten Wahl. Und er zeigt eine B\u00fcrokratie, auf die die japanische Mafia, die Yakuza, mehr Einfluss haben als jeder andere.Auch wenn dies zun\u00e4chst nicht das eigentliche Thema des Films ist, greift Kurosawa diese politische Struktur in \u201eIkiru\u201d immer wieder auf \u2013 entlang der Geschichte des todkranken Watanabe. Als der im Krankenhaus sitzt und auf die Diagnose seiner Magenbeschwerden wartet, erz\u00e4hlt ihm ein anderer Patient, dass er schon oft Menschen hier gesehen habe, denen er am Gesicht habe ablesen k\u00f6nnen, das sie an Magenkrebs leiden. Diese Szene geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten und schrecklichsten des Films, in der Watanabe anhand der Schilderung der Symptome der Krankheit bewusst wird, dass er ebenfalls an Magenkrebs leidet \u2013 obwohl die \u00c4rzte ihm diese Diagnose verschweigen, angeblich um ihn zu sch\u00fctzen.Kurosawa schildert nun, wie Watanabe mit dieser Todesnachricht umgeht und wie seine Umwelt auf seinen pl\u00f6tzliche Verhaltens\u00e4nderungen reagiert. Er zeigt Watanabes Sohn Mitsuo und dessen Frau Tatsu, die beide auf das Geld spekulieren, das Watanabe im Laufe seiner Arbeit gespart hat. Beide wissen nichts von der t\u00f6dlichen Krankheit, und Watanabe verschweigt dies auch seinen Kollegen und Bekannten. Pl\u00f6tzlich steht er allein \u2013 ganz allein in einer Welt, die er nicht mehr begreifen kann. Er steht sozusagen unvorhergesehen \u201eausser sich\u201c, so als ob er sich und seine Umgebung \u201evon aussen\u201c beobachten k\u00f6nnte. Es ist dieses \u201eAusser-Sich-Sein\u201c, das es ihm erm\u00f6glicht, den Schleier von seinem bisherigen Leben zu nehmen.<\/p>\n<p>Er merkt wohl, wie berechnend und kalt sein Sohn und seine Schwiegertochter sind, er geht nicht mehr zur Arbeit und besucht statt dessen eine Kneipe, in der er einen Schriftsteller trifft, dem er von der Krankheit erz\u00e4hlt. Watanabe will sein Erspartes ausgeben, um in den letzten ihm verbliebenen Monaten das Leben zu geniessen. Der Schriftsteller zeigt ihm die Orte, an denen man \u201edas Leben geniessen\u201d kann: schummrige Kneipen, Tanzlokale, Prostituierte, Spielh\u00f6llen, Stripteaset\u00e4nzerinnen usw.<\/p>\n<p>Doch immer wieder erinnert sich Watanabe w\u00e4hrend dieser Ausfl\u00fcge in die Vergn\u00fcgungsviertel an seine verstorbene Frau, an seinen Sohn, als er noch j\u00fcnger war, an die Hoffnungen und Sehns\u00fcchte, die im Laufe der Zeit v\u00f6llig erstorben sind. Und es wird ihm klar, wie er sein Leben durch die T\u00e4tigkeit, die er 20 Jahre lang ausge\u00fcbt hat, vergeudet, ja geradezu weggeschmissen hat \u2013 in gutem Glauben, aber auch in der Beengtheit von Hierarchien.<\/p>\n<p>Und er merkt, dass die Vergn\u00fcgungsviertel ihm nicht \u00fcber den Schmerz seines Lebens und den Schmerz seines nahen Todes hinweghelfen k\u00f6nnen. Auch die junge Kollegin Toyo, die ihn aufsucht, damit er deren K\u00fcndigung gegenzeichnet, ist ihm letztlich kein Trost. Watanabe merkt bald, dass der Kontakt mit der jungen Frau ihm nur teilweise Trost schafft, weil sie ihn an die Jugend, an das Lebendige, das Ungest\u00fcme erinnert. Doch Watanabe ist nicht mehr jung.<\/p>\n<p>Und dann, dann endlich kommt ihm die rettende Idee. Er erinnert sich an eine Beschwerde von M\u00fcttern, die f\u00fcr ihre Kinder endlich einen Spielplatz haben wollten. Auf dem Gel\u00e4nde, wo der Spielplatz entstehen soll, allerdings wimmelt es von Moskitos. Jetzt weiss Watanabe, was er zu tun hat.<\/p>\n<p>Kurosawa zeigt uns also in eindr\u00fccklichen Bildern und durch einen \u00fcberzeugenden Hauptdarsteller den Weg eines Mannes in einen sinnvollen Tod nach einem sinnentleerten Leben. Er zeigt einen Watanabe, der in den letzten Monaten seines Lebens nicht mehr locker l\u00e4sst, von Pontius zu Pilatus rennt, nur um eines zu erreichen: dass der Kinderspielplatz gebaut wird. Er nervt seine Vorgesetzten, einschliesslich des B\u00fcrgermeisters, er weicht auch nicht vor den Yakuza zur\u00fcck. Watanabe \u201eholt nach\u201c, was er bislang vers\u00e4umt hat, handelt, wie er h\u00e4tte immer handeln sollen.<\/p>\n<p>Und in diesem Moment wechselt Kurosawa die Szenerie. Anstatt in der zeitlichen Abfolge weiterzugehen und den Kampf Watanabes mit der B\u00fcrokratie zu zeigen, wechselt er zu der zentralen Szene des Films nach dem Tod des Beamten: die Totenfeier, bei der selbst der B\u00fcrgermeister anwesend ist, nat\u00fcrlich Watanabes Kollegen, sein Sohn, seine Schwiegertochter, sein Bruder und dessen Frau. Der tote Watanabe ist ein Held in den Augen der Bev\u00f6lkerung und eine Gefahr f\u00fcr den reibungslosen Ablauf der B\u00fcrokratie. Alle Anwesenden, bis auf Watanabes Kollegen Saito, bestreiten die Verdienste des Toten, reden sie klein, reden ihn klein. Sie sitzen sich in zwei Reihen gegen\u00fcber, das Bild Watanabes an der Frontseite des Raumes \u2013 und heucheln, l\u00fcgen, bestreiten, lachen. Vor allem aber haben sie Angst \u2013 Angst davor, dass die machthungrige B\u00fcrokratie mit dem B\u00fcrgermeister an der Spitze, an der alle ihren (wenn auch noch so kleinen) Anteil haben, wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Sie trinken, trinken viel. Und je mehr sie trinken, desto mehr bekommt das L\u00fcgengeb\u00e4ude, das sie sich selbst gezimmert haben, Risse \u2013 bis sie am Schluss alle zugeben m\u00fcssen, dass der Tote eine Art Held war.<\/p>\n<p>Kurosawa zeigt tats\u00e4chlich einen Helden. Nicht so sehr einen Helden des Alltags, sondern einen des Lebens und des Todes. Ein bisschen ist dieser Watanabe wie wir alle, ein \u201enormaler\u201d B\u00fcrger, einer, der sich angepasst hat, der es l\u00e4ngst aufgegeben hat, f\u00fcr Neuerungen und Verbesserungen einzutreten, geschweige denn zu rebellieren. Im Angesicht des eigenen Todes aber rebelliert er, nicht auf eine ungest\u00fcme oder gar destruktive Art. Nein, er rebelliert, indem er die B\u00fcrokratie, die eigene B\u00fcrokratie eine Zeitlang von innen aush\u00f6hlt: durch ein geh\u00f6riges Mass an Standhaftigkeit, an Unbeugsamkeit, an Eigensinn \u2013 ohne R\u00fccksicht auf irgendwelche pers\u00f6nlichen Konsequenzen. Der nahende Tod \u2013 das zeigt Kurosawa in R\u00fcckblenden w\u00e4hrend der Totenfeier \u2013 verschafft Watanabe die letzte Chance auf etwas Sinnvolles, etwas Bedeutendes in seinem nur noch kurzen Leben. Ruhig, gelassen, ohne Aufregung geht er seinen Weg, bis der Spielplatz endlich gebaut ist.<\/p>\n<p>Kurosawa verkn\u00fcpft damit ein Einzelschicksal mit dem Schicksal einer Gemeinschaft, die von einem scheinbar \u00fcberm\u00e4chtigen und korrupten politischen Apparat beherrscht wird. So ein bisschen schimmern in diesen Szenen die Gestalten der Samurai in der Person des Kanji Watanabe durch, die in vielen anderen Filmen des Regisseurs eine grosse Rolle spielen \u2013 nicht jener Samurai, die sich zu bestialischen Horden entwickeln, sondern jenen Einzelk\u00e4mpfern, die aus der Verzweiflung ihres eigenen Lebens, aber auch aus einer tiefen Erkenntnis \u00fcber das Leben selbst heraus sich dazu entschliessen, \u201edie gute Tat\u201d zu vollbringen, jenen zu helfen, die es n\u00f6tig haben.<\/p>\n<p>Dabei stilisiert Kurosawa Watanabe jedoch nicht zu einem jener Helden etwa des Hollywood-Kinos, in dessen Pr\u00e4sentation das Heldentum gepflegt wird, also jenes leere, hohle Bild eines Bilder-Helden, der mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein hat. Watanabe bleibt bis zum Schluss ein einfacher Mann, einer aber, der erkannt hat, dass das Leben, sein Leben einen sozialen Sinn haben muss, und zwar so, dass auch f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich ein Sinn in sein Leben kommt und dieses wahrhaftig wird. Zugleich l\u00e4sst Kurosawa jedoch auch Zweifel daran aufkommen, ob das Leben in der Moderne \u00fcberhaupt einen Sinn hat, wenn dieser sich f\u00fcr den Durchschnittsmenschen nur im Angesicht des Todes realisieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zudem bleibt die Geschichte auch insofern realistisch, als sich in der B\u00fcrokratie aufgrund der Feigheit und des Duckm\u00e4usertums der anderen B\u00fcrokraten nichts \u00e4ndert. Nur im Suff gestehen sie sich ein, dass nicht der B\u00fcrgermeister, sondern Watanabe ihr Vorbild sein m\u00fcsste. Was bleibt, ist das Schlussbild, in dem man Saito sieht, der immer mal wieder zu dem Spielplatz geht, f\u00fcr den Watanabe gesorgt hat. Eine geringe Hoffnung, aber immerhin ein Schimmer von Hoffnung. Eine, die da lautet: Vielleicht folgt Saito irgendwann einmal den Spuren Watanabes.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Ulrich Behrens<\/p>\n<div class=\"info_box\">\n<p>Einmal wirklich leben<\/p>\n<p class=\"country_origin\">Japan 1952 &#8211; 143 min.<\/p>\n<p class=\"director\"><strong>Regie:<\/strong> Akira Kurosawa<\/p>\n<p class=\"writer\"><strong>Drehbuch:<\/strong> Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto<\/p>\n<p class=\"actor\"><strong>Darsteller:<\/strong> Takashi Shimura, Shinichi Himori, Haruo Tanaka<\/p>\n<p class=\"producer\"><strong>Produktion:<\/strong> Sajiro Motoki<\/p>\n<p class=\"music\"><strong>Musik:<\/strong> Fumio Hayasaka<\/p>\n<p class=\"camera\"><strong>Kamera:<\/strong> Asakazu Nakai<\/p>\n<p class=\"cutter\"><strong>Schnitt:<\/strong> Akira Kurosawa<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Akira Kurosawa zeigt in seinem Film \u00abEinmal wirklich leben\u00bb eine B\u00fcrokratie, die nicht f\u00fcr die N\u00f6te der Bev\u00f6lkerung existiert, sondern f\u00fcr deren Abwehr. 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