{"id":1727905,"date":"2023-03-27T16:19:18","date_gmt":"2023-03-27T15:19:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1727905"},"modified":"2023-03-27T16:19:18","modified_gmt":"2023-03-27T15:19:18","slug":"gemeinwohl-ohne-gemeinsinn-der-mythos-der-liberalen-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/03\/gemeinwohl-ohne-gemeinsinn-der-mythos-der-liberalen-moderne\/","title":{"rendered":"Gemeinwohl ohne Gemeinsinn: Der Mythos der liberalen Moderne"},"content":{"rendered":"<p><b>Wann will sich die weit fortgeschrittene Moderne endlich von dem Mythos, das Gemeinwohl ergebe sich <\/b><i><b>ohne<\/b><\/i><b> Gemeinsinn ganz von selbst, befreien?<\/b><\/p>\n<p><em>Von Fritz Reheis<\/em><\/p>\n<p>Seit 50 Jahren warnen Wissenschaftler vor der Klimakrise. Seit 30 Jahren veranstaltet die Politik Klimakonferenzen. Seit 20 Jahren kennt der Deutsche Bundestag den Ernst der Lage (Enquete-Kommission \u201eSchutz des Menschen und der Umwelt\u201c). Seit 15 Jahren liegt ihm ein detaillierter Haushaltsplan f\u00fcr die Klimawende vor (eingereicht von der damals j\u00fcngsten Abgeordneten Anna L\u00fchrmann).<\/p>\n<p>Und jetzt auf einmal muss alles ganz schnell gehen. Jetzt auf einmal wird klar, dass Klimaschutz auch Kosten mit sich bringt, die viele \u00fcberfordern. Und seit dem Krieg in der Ukraine m\u00fcsste jeder begriffen haben, was eigentlich sp\u00e4testens seit dem Golfkrieg von 1991 nicht mehr verdr\u00e4ngt werden kann: Die existenzielle Abh\u00e4ngigkeit vom Import fossiler Energie ist auch f\u00fcr den Weltfrieden brandgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Warum nur tut sich die Politik mit dem Gemeinwohl so schwer, und viele B\u00fcrger ebenso? Und das nicht nur beim Klima! Leidet der Mensch an einem biologisch begr\u00fcndeten Gendefekt oder einer unheilbaren Demenz? Oder aber an einer Bewusstseinstr\u00fcbung mit einhergehender Verhaltensst\u00f6rung, die im Prinzip heilbar ist?<\/p>\n<p>F\u00fcr weit \u00fcber 95 Prozent der Generationen, die unseren Planeten bisher bewohnt haben, schien die Sache mit dem Gemeinwohl ziemlich klar: Bei den J\u00e4gern und Sammlern waren es die Alten, denen am ehesten zugetraut wurde zu wissen, was f\u00fcr alle gut war: wo Tiere und Fr\u00fcchte zu finden und wie sie zu verarbeiten waren, was bei Unf\u00e4llen, Krankheiten, Streitigkeiten zu tun war, und wie man am besten die Regeng\u00f6tter beschwor. So lange sich die Verh\u00e4ltnisse von Generation zu Generation nur wenig \u00e4nderten, war es einfach ein Gebot der Klugheit, den Erfahrensten das Gemeinwohl anzuvertrauen. An diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit kn\u00fcpften im Grunde auch die fr\u00fchen Ackerbauern und Viehz\u00fcchter an, die bald dazu \u00fcbergingen, mit dem Eigentum auch den Herrschaftsanspruch als blutsm\u00e4\u00dfiges Erbe zu beanspruchen. So wurde aus der Herrschaft der Alten die Herrschaft der Familiendynastien.<\/p>\n<p>Die Moderne schlie\u00dflich, die eine historisch beispiellose Innovationsdynamik in die Welt brachte, entzog dem Herrschaftsanspruch des Alters von Personen und Familien vollends die Grundlage. \u201eAlles Stehende und St\u00e4ndische verdampft\u201c, so brachten Marx und Engels den Turbomodus des modernen B\u00fcrgertums auf den Punkt. In dieser Hochgeschwindigkeits-Welt musste die Idee vom Gemeinwohl voll und ganz in der Gegenwart verankert und f\u00fcr die Zukunft ge\u00f6ffnet werden. Rekonstruieren wir also, wie sich diese Idee in der aufkl\u00e4rerischen Moderne herausgebildet hat und worin die oben diagnostizierte Gemeinwohlschw\u00e4che begr\u00fcndet ist.<\/p>\n<p><strong>Vernunft und Demokratie: die fr\u00fchliberale Suche nach dem Gemeinwohl<\/strong><\/p>\n<p>Die Moderne mit ihrer revolution\u00e4ren Idee von der jedem Menschen angeborenen gleichen Freiheit schuf die Grundlage jenes Gemeinwohlverst\u00e4ndnisses, das im Liberalismus bis heute tief verankert ist. Das Gemeinwohl, so die zun\u00e4chst nur auf die Ordnung des Wirtschaftens beschr\u00e4nkte Vorstellung, k\u00f6nne sich aus dem Einzelwohl ganz von selbst, also auf rein <i>indirektem<\/i> Weg ergeben<i>.<\/i> Zwei Mittel schienen daf\u00fcr wie geschaffen, beide ein Gebot der puren Vernunft.<\/p>\n<p>Das erste Mittel sei der Markt. Er befreie die <i>innere<\/i> Natur des Menschen und lenke seine Kr\u00e4fte in jene Richtung, die f\u00fcr alle gut sei. Es war Adam Smiths ber\u00fchmte Metapher von der \u201eunsichtbaren Hand\u201c, die diese wundersame Verwandlung der vielen Einzelwohle in das eine Gemeinwohl bewirken sollte. Diese Hand k\u00f6nne allein durch das Aussenden von Preissignalen (als Folge des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage) die Informationen bereitstellen, die die konkurrierenden Marktteilnehmer f\u00fcr bestm\u00f6gliche Entscheidungen ben\u00f6tigten. Das gelte national (Gewerbefreiheit) wie international (Freihandel) gleicherma\u00dfen. Wenn <i>alle<\/i>, geleitet durch die Sprache der Preise, f\u00fcr sich selbst bestm\u00f6glich sorgen w\u00fcrden, dann sei <i>f\u00fcr <\/i>alle bestm\u00f6glich gesorgt. Die unsichtbare Hand sei kl\u00fcger als jede sichtbare Hand eines leibhaftigen Menschen (etwa eines merkantilistischen Wirtschaftsplaners).<\/p>\n<p>Das zweite Mittel, um das Gemeinwohl auf indirektem Weg zu bef\u00f6rdern, sei die Maschine. Auch sie galt als Inkarnation der Vernunft. Sie brauche nur die Gesetze der <i>\u00e4u\u00dferen<\/i> Natur zu enth\u00fcllen, um die Kr\u00e4fte des Menschen zu vervielfachen. Wo die Gesetze der inneren und der \u00e4u\u00dferen Natur des Menschen zusammenwirkten, so glaubte man in der fr\u00fchliberalen Moderne, n\u00fctze das im Prinzip allen Menschen in gleicher Weise. Die technischen Wunderwerke der Industrialisierung schienen lange Zeit eindrucksvoll zu belegten, wie gut das Leben f\u00fcr alle tats\u00e4chlich werden k\u00f6nne. M\u00e4rkte und Maschinen br\u00e4uchten nur ausreichend Zeit, um ihre sch\u00f6pferischen Kr\u00e4fte zu entfalten.<\/p>\n<p>Die Politik k\u00f6nne in einer solchen durch und durch vern\u00fcnftigen Ordnung des Wirtschaftens auf das stille und heilsamen Wirken der inneren und \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4fte der Natur, die die Vernunft enth\u00fcllt habe, vertrauen und d\u00fcrfe dem Streben der Wirtschaft nach Wohlstand und der Wissenschaft nach Erkenntnis vor allem nicht in die Quere kommen. Aufgabe des Staates sei es, sich wie ein Nachw\u00e4chter auf das Kontrollieren (ob Stadttore und Haust\u00fcren geschlossen sind) und Alarmieren (wenn es brennt) zu beschr\u00e4nken. (Wobei \u00fcbrigens nicht uninteressant ist, dass Adam Smith noch an die Stimme des Gewissens glaubte, das die selbsts\u00fcchtigen Marktakteure ermahne, auch das Wohl ihrer Mitmenschen zu bedenken, und den Staat, f\u00fcr Bildung und Gesundheit seiner B\u00fcrger zu sorgen.) Insgesamt schien in dieser Vision das Paradies auf Erden zum Greifen nah. Die wundersame Verwandlung von Einzelwohl in Gemein<i>wohl <\/i>ohne die Vermittlung durch einen Gemein<i>sinn<\/i> wurde zum ideologischen Kern des Liberalismus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Nutzen der technischen Vernunft f\u00fcr das Gemeinwohl zun\u00e4chst relativ unproblematisch schien, war der des Marktes von Anfang an umstritten. Ebenfalls als Kind der Naturrechtsphilosophie wurde n\u00e4mlich zu Beginn der Moderne auch die Idee der Demokratie geboren. Damit ergab sich ein eigenartiges Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Markt und Demokratie.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Utopie der Liberalen in Bezug auf die Wirtschaft auf den Willen des isolierten und selbsts\u00fcchtigen Individuums aufbaute, setzte die Utopie der Demokraten in Bezug auf die Politik auf die Vernunft der gesellschaftlich verbundenen und zur Solidarit\u00e4t durchaus f\u00e4higen Kollektive. Die kollektive Vernunft, davon waren Demokraten \u00fcberzeugt, basiere auf der grundlegenden F\u00e4higkeit des Menschen, zu relativ verl\u00e4sslichem Wissen zu gelangen und sich vern\u00fcnftig dar\u00fcber zu verst\u00e4ndigen, was gut nicht nur f\u00fcr den Einzelnen, sondern eben auch f\u00fcr alle sei. Die griechische Polis als demokratisches Reallabor inmitten von autokratischen Hochkulturen schien das bewiesen zu haben. Das Zusammenfallen von \u201eWille\u201c (voluntas) und \u201eVernunft\u201c (ratio), so J\u00fcrgen Habermas, sei die normative Basis der Demokratie. Soweit jedenfalls die Vision (an die sich die liberalen Vordenker in ihrem Privatleben allerdings wenig gebunden f\u00fchlten, wenn es etwa um ihre Haussklaven ging.)<\/p>\n<p>Die Brisanz des Spannungsverh\u00e4ltnisses zwischen dem Gemeinwohlkonzept des Marktes und dem der Demokratie zeigt sich vor allem in der Frage, wie der Mensch Einfluss auf die inhaltliche Definition des Gemeinwohls nehmen k\u00f6nne. Die Zuteilung der Einflusschancen unterscheidet sich gem\u00e4\u00df der inneren Logik von Markt und Demokratie n\u00e4mlich diametral. Auf dem Markt gilt \u201eWer zahlt schafft an\u201c, in der Demokratie \u201eone man, one vote\u201c. Mehr noch: M\u00e4rkte verst\u00e4rken einmal entstandene Ungleichheiten meist mit jeder Runde weiter und vererben sie sogar. Demokratien jedoch mischen nach jeder Wahl oder Abstimmung die Karten neu (und eine Vererbung von W\u00e4hlerstimmen und Abstimmungsvoten w\u00e4re ihr v\u00f6llig fremd). Sprachliche Formeln wie \u201eliberale Demokratie\u201c oder \u201edemokratischer Liberalismus\u201c sind hilflose Versuche, diese Spannung zwischen den zwei Wegen zum Gemeinwohl \u2013 die Konkurrenz isolierter Menschen auf M\u00e4rkten und die Kooperation verbundener Menschen im politischen Gemeinwesen \u2013 zum Verschwinden zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Pluralismus und Parallelogramm der Kr\u00e4fte: die sp\u00e4tliberale Wiedergeburt der \u201eunsichtbaren Hand\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dass sich die Spannung zwischen Markt und Demokratie systematisch versch\u00e4rfen musste und auch die Maschinen dabei mitwirkten, zeigte sich, so die Fortsetzung der Rekonstruktion der Gemeinwohlschw\u00e4che, sp\u00e4testens seit der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Im Zusammenhang mit der gigantischen Beschleunigung der materiellen Produktion wurde n\u00e4mlich dreierlei erkennbar:<\/p>\n<p>Die Marktgleichgewichte wollten sich <i>erstens<\/i> immer \u00f6fter nicht einstellen, M\u00e4rkte erwiesen sich \u00fcberhaupt als blind gegen\u00fcber den Voraussetzungen des Lebens und Zusammenlebens der Menschen. Es gab einfach <i>zu <\/i>viele \u201emarktexterne Effekte\u201c (wie die Markttheorie diesen Umstand nennt).<\/p>\n<p>Die Maschinen schufen <i>zweitens<\/i> Probleme, die es ohne sie nicht gegeben h\u00e4tte, indem sie der menschlichen Arbeit Konkurrenz machten und auch der Natur einiges zumuteten.<\/p>\n<p>Und beides zusammen lie\u00df <i>drittens<\/i> entgegen der liberalen Lehre vom weitgehend zur\u00fcckhaltenden Staat den Ruf nach einem aktiv eingreifenden Staat immer lauter werden: nach Schutzz\u00f6llen (Getreide, Stahl) und sozialer Absicherung (bei Krankheit, Unfall, Invalidit\u00e4t, im Alter, sp\u00e4ter bei Arbeitslosigkeit und im Pflegefall) sowie nach Fabrik- und Kommunalordnungen (Kinderarbeit, Verschmutzung von Wasser und Luft) bis hin zur globalen Klimapolitik der Gegenwart.<\/p>\n<p>Als es gegen Ende des 19. Jahrhunderts schlie\u00dflich um die Aneignung der letzten wei\u00dfen Flecken der Welt ging, wurde vollends klar: Der Nachtw\u00e4chterstaat musste zum Interventionsstaat mutieren und gegebenenfalls imperiale Ambitionen entwickeln. So erhielt das Gemeinwohl einen starken und \u00fcberaus sichtbaren Anwalt. Der wundersame <i>indirekte<\/i> Weg hatte<i> nicht<\/i> zu dem von den Liberalen herbeigesehnten paradiesischen Zustand gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Aber die Suche nach den Ursachen der Gemeinwohlschw\u00e4che ist damit noch nicht zu Ende. Trotz (oder wegen?) zweier Jahrhundertkatastrophen (die es ohne starke \u201eInterventionsstaaten\u201c nicht gegeben h\u00e4tte) keimte im 20. Jahrhundert bei den Liberalen eine neue Gemeinwohlhoffnung auf. Jetzt waren es die organisierten Kr\u00e4fte, die Verb\u00e4nde und ihre Lobbyisten, die den Staat f\u00fcr ihre Einzelinteressen einspannten. Sie sollten am Ende auf wundersame Weise das Gemeinwohl hervorbringen k\u00f6nnen, allein gesteuert durch die Vielfalt und die Konkurrenz der Kr\u00e4fte: das Gemeinwohl als \u201eResultante\u201c in einem \u201eKr\u00e4fteparallelogramm\u201c (Ernst Fraenkel).<\/p>\n<p>Damit wurde die einst von Jean Jaques Rousseau vertretene Vorstellung, es k\u00f6nne in der Demokratie einen \u201eallgemeinen Willen\u201c (volont\u00e9 g\u00e9n\u00e9rale) geben, den die kollektive Vernunft nur herauszufinden br\u00e4uchte, um ihm Geltung zu verschaffen, als Illusion zur\u00fcckgewiesen. So erlebte die Klugheit der unsichtbaren Hand ab der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts eine Wiedergeburt, jetzt in dem Gewand des Parallelogramms der kollektiven Kr\u00e4fte, des demokratischen \u201ePluralismus\u201c. Der <i>indirekte<\/i> Weg zum Gemeinwohl wurde also von den Liberalen erneut als allein zielf\u00fchrend und allein normativ akzeptabel behauptet.<\/p>\n<p>Auch das erwies sich freilich weitgehend als Illusion, was eigentlich nicht \u00fcberraschen konnte. Denn wer beim Wettrennen weiter vorne oder fr\u00fcher startet, der kommt meist auch eher ans Ziel (und darf nicht selten zudem in der n\u00e4chsten Runde noch weiter vorne starten). Warum sollte das f\u00fcr Wandelhallen vor Parlamenten und G\u00e4nge vor Ministerb\u00fcros weniger gelten als f\u00fcr M\u00e4rkte? Warum sollte das Konkurrenzprinzip aus der Vielfalt der M\u00f6glichkeiten genau jene ausw\u00e4hlen, die f\u00fcr alle gut w\u00e4ren? Gibt es da nicht auch das bekannte Matth\u00e4us-Prinzip (Wer hat, dem wird gegeben werden\u2026)?<\/p>\n<p>Und was bedeutet es f\u00fcr den demokratischen Pluralismus, wenn die im Konkurrenzkampf Zu-kurz-Gekommenen dessen Resultate einfach nicht mehr hinzunehmen bereit sein w\u00fcrden? Es war unter anderen der konservative Staatsrechtler Ernst Forsthoff, der Anfang der 1970er Jahre auf den merkw\u00fcrdigen Widerspruch des demokratischen Pluralismus aufmerksam machte, der dem gesunden Menschenverstand l\u00e4ngst bekannt war: Gerade das Gemeinwohl kommt im Interessenskampf systematisch zu kurz, weil die besser organisierten und konfliktf\u00e4higeren Einzelinteressen am l\u00e4ngeren Hebel sitzen. (Forsthoff konkretisierte \u00fcbrigens schon sehr weitsichtig, welche Interessen im Konkurrenzkampf um die Instrumentalisierung des Staates zum Opfer fallen: die Interessen am Schutz von Natur und Mensch, der Verschmutzung der Atmosph\u00e4re und der Meere, der gentechnischen Ver\u00e4nderung des Menschen selbst.) Zur B\u00e4ndigung der Einzelinteressen brauche es, so Forsthoffs Folgerung, einen \u00fcber ihnen stehenden starken Staat. Und diesen konnte er sich nat\u00fcrlich nur als Nationalstaat vorstellen.<\/p>\n<p><strong>Blind, aber ultraschnell: die Finanzm\u00e4rkte und das globale Dorf am Rande des Abgrunds<\/strong><\/p>\n<p>Genau den, so der letzte Akt der Rekonstruktion der Gemeinwohlschw\u00e4che, hat die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Hyperbeschleunigung im ausgehenden 20. und versch\u00e4rft im 21. Jahrhundert weitestgehend hinweggesp\u00fclt. Nicht nur, dass einige wenige Konzerne und Staaten das Weltgeschehen dominieren und so von Chancengleichheit in der Konkurrenz keine Rede sein kann.<\/p>\n<p>Diese \u00f6konomischen und politischen Akteure erweisen sich zudem als Getriebene einer Weltwirtschaft, in der die schnellsten M\u00e4rkte, die Finanzm\u00e4rkte, den Takt schlagen. Sie entscheiden, wo Produktivkr\u00e4fte t\u00e4tig werden und wo nicht. Das Einzelwohl der Investoren im<i> Hier und Jetzt<\/i> bestimmt im globalen Dorf das Wohl einer rasch zunehmenden Zahl von Menschen in der<i> r\u00e4umlichen und zeitlichen Ferne<\/i>, ohne dass sich letztere zur Wehr setzen k\u00f6nnten. Sie haben einfach zu wenig finanzielle Mittel, weil sie zu weit weg von den Quellen des Reichtums leben oder noch gar nicht geboren sind. Und allein diese Mittel sind es, die auf Kapitalm\u00e4rkten z\u00e4hlen (wie auf G\u00fcterm\u00e4rkten Kaufkraft).<\/p>\n<p>Die prinzipielle soziale und \u00f6kologische Blindheit von M\u00e4rkten schlie\u00dft nicht aus, dass Entscheidungen von Investoren auch das Gemeinwohl f\u00f6rdern k\u00f6nnen \u2013 aber wenn, dann nur als Kollateralnutzen. Im Grunde ist es also immer noch die vermutete Klugheit der M\u00e4rkte, jetzt eben der globalen Finanzm\u00e4rkte, der das Gemeinwohl im globalen Dorf anvertraut ist.<\/p>\n<p>Wo marktexternen Effekte die Welt in rasender Geschwindigkeit \u00fcberfluten, verdichtet sich zwangsl\u00e4ufig der Eindruck, dass die international herausgeforderten Interventionsstaaten im 21. Jahrhundert genauso \u00fcberfordert sind wie die nationalen Nachtw\u00e4chterstaaten im 19. Jahrhundert. Denn die Macht von Staaten ist auch im globalen Dorf im Prinzip immer doppelt begrenzt: r\u00e4umlich, weil ihre Reichweite an den Landesgrenzen endet, und zeitlich, weil ihre Macht, wenn sie demokratisch legitimiert sein wollen, immer erst die B\u00fcrger beteiligen muss, ehe sie wirksam werden kann.<\/p>\n<p>Das globale Kapital kennt solche Grenzen nicht. Es agiert grenzenlos im Raum und blitzschnell in der Zeit. Hier dr\u00e4ngt sich die Metapher vom Schwert des Damokles auf: die allgegenw\u00e4rtige Angst der Akteure, umso h\u00e4rter von der Konkurrenz abgestraft zu werden, je konsequenter sie in ihren Kalk\u00fclen auf die r\u00e4umliche und zeitliche Ferne R\u00fccksicht nehmen. Diese Angst ist auch der N\u00e4hrboden f\u00fcr jenen nationalen Egozentrismus, der den Globus als rechter Populismus immer st\u00e4rker heimsucht: <i>Neben<\/i> uns und <i>nach<\/i> uns die Sintflut!<\/p>\n<p>Daran vermag auch die UNO, die potenzielle H\u00fcterin des globalen Gemeinwohls, bisher wenig zu \u00e4ndern. Das Vertrauen darauf, dass ein indirekter Weg das Wohl der Einzelnen in das allgemeine Wohl verwandeln k\u00f6nne, ist vielleicht der wirkm\u00e4chtigste Mythos der gesamten Moderne. Es fragt sich, wie lange die r\u00e4umliche und zeitliche Verschiebung der wahren Kosten der \u201eimperialen Lebensweise\u201c (Ulrich Brand\/Markus Wissen) noch funktioniert. Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir uns den \u201ePreis der Externalisierungsgesellschaft\u201c (Stephan Lessenich) nicht mehr leisten wollen oder k\u00f6nnen? Wann will sich die weit fortgeschrittene Moderne endlich von dem Mythos, das Gemeinwohl ergebe sich <i>ohne<\/i> Gemeinsinn ganz von selbst, befreien? Die finale Ausdehnung der Modernisierung rund um den Globus in Verbindung mit dem historisch einzigartigen Ver\u00e4nderungstempo droht dem Menschen als Spezies immer mehr zum Verh\u00e4ngnis zu werden.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Das Gute ist: Bewusstseinstr\u00fcbungen und Verhaltensst\u00f6rungen k\u00f6nnen prinzipiell therapiert werden. Das Verh\u00e4ltnis von Gemeinsinn und Gemeinwohl darf in einer globalisierten Moderne allerdings nicht hinter die Errungenschaften der aufkl\u00e4rerischen Moderne zur\u00fcckfallen: Gemeinsinn und Gemeinwohl m\u00fcssen, von der <i>Vernunft<\/i> geleitet werden und auf einem qualitativ anspruchsvollen <i>Willen<\/i> und einem ebenso qualitativ anspruchsvollen <i>Wissen<\/i> aufbauen.<\/p>\n<p>Die Kunst besteht darin, das Gemeinwohl so zu fassen, dass es das Einzelwohl respektiert und dennoch das Denken und Handeln im Interesse aller leitet. Das betrifft das individuelle Verhalten genauso wie die strukturellen Verh\u00e4ltnisse. Beide m\u00fcssen sich synergetisch so erg\u00e4nzen, dass ein zugleich personeller und institutioneller Prozess der Solidarisierung ohne Ausschluss m\u00f6glich wird. Nur ein solcher kultureller Lernprozess kann den Menschen dazu bef\u00e4higen, die Transformation des Primats der Konkurrenz zum Primat der Kooperation zu vollziehen. Es geht darum, nicht nur frei <i>von<\/i> Konkurrenz\u00e4ngsten, sondern auch frei <i>f\u00fcr<\/i> die Kooperationsverantwortung zu werden, nicht nur kooperieren zu <i>sollen<\/i>, sondern dies auch zu <i>k\u00f6nnen<\/i>.<\/p>\n<p>Ein solcher direkter Weg, der die fundamentale Bedeutung des Gemeinsinns f\u00fcr das Gemeinwohl anerkennt, erfordert dreierlei: <i>Erstens<\/i> die Abwesenheit von existenzieller materieller Not, die den Blick f\u00fcr die r\u00e4umliche und zeitliche Ferne systematisch verstellt. <i>Zweitens<\/i> die Ausweitung des kulturellen Horizonts auf die r\u00e4umliche und zeitliche Ferne, die Kopf, Herz und Hand umfasst und gelernt und ge\u00fcbt werden muss. Und <i>drittens<\/i> \u2013 aufgrund der beispiellosen Globalit\u00e4t und Ver\u00e4nderungsdynamik \u2013 ein Wissen, das \u00fcber das allt\u00e4gliche Erfahrungswissen hinausgeht, ein systematisches, ein wissenschaftliches Wissen \u00fcber die Welt als Ganzes.<\/p>\n<p>Vor allem f\u00fcr die Wirtschaftswissenschaft ist das mit einer schmerzlichen Lektion verbunden. Sie muss sich im Angesicht von Klima- und Energiekrise, Artenschwund und Kriegen endlich aus ihrem mythischen Untergrund l\u00f6sen und realistisch werden. Sie k\u00f6nnte etwa an die Arbeiten der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom anschlie\u00dfen, die an einer Vielzahl von konkreten Beispielen aus aller Welt gezeigt hat, dass nat\u00fcrliche Ressourcen unter bestimmten Bedingungen auch ohne Privateigentum, Markt und Konkurrenzzw\u00e4nge dauerhaft verwaltet und genutzt werden k\u00f6nnen (wof\u00fcr sie 2009 sogar den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaft erhalten hat).<\/p>\n<p>Die Wirtschaftswissenschaft m\u00fcsste endlich begreifen, dass \u00d6konomie im Kern ein Teilbereich der \u00d6kologie ist, n\u00e4mlich die Fortf\u00fchrung der \u201eWirtschaft der Natur\u201c (Vandana Shiva) durch den Menschen. Das impliziert die triviale Erkenntnis, dass sich die Natur nach menschlichen Eingriffen immer erst wieder erholen muss, um weiterhin als sicherer und fruchtbarer Lebensraum zur Verf\u00fcgung stehen zu k\u00f6nnen. Nur Kreisl\u00e4ufe sind nachhaltig, Durchl\u00e4ufe nicht.(1) Respekt vor den Zyklen der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen ist ein erster unumgehbarer Schritt in Richtung auf ein Gemeinwohl, das wirklich alle Menschen einzuschlie\u00dfen vermag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(1) \u201eNur Kreisl\u00e4ufe sind nachhaltig, Durchl\u00e4ufe nicht\u201c lautet der Untertitel des Buches \u201eErhalten und Erneuern\u201c von Fritz Reheis (Hamburg 2022).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00dcber den Autor:<\/b><\/p>\n<p>Fritz Reheis ist au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor, promovierter Soziologe und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er war 20 Jahre lang Gymnasiallehrer f\u00fcr Sozialkunde, Deutsch, Geschichte und Philosophie und 10 Jahre lang Hochschullehrer f\u00fcr Politische Bildung am Lehrstuhl Politische Theorie der Otto-Friedrich-Universit\u00e4t Bamberg. Seit seiner Pensionierung ist er an der Uni Bamberg Lehrbeauftragter am Lehrstuhl Allgemeine P\u00e4dagogik.<\/p>\n<p>Reheis ist Mitglied des Arbeitskreises Politische \u00d6konomie, der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie (Sektion Kultursoziologie) und Gr\u00fcndungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Zeitpolitik. Ver\u00f6ffentlichungen zur Ideologiekritik, Sozial\u00f6konomik, Politischen \u00d6konomie, Bildung und \u00d6kologie der Zeit, darunter &#8222;Konkurrenz und Gleichgewicht als Fundamente von Gesellschaft&#8220; (Berlin-M\u00fcnchen 1986), &#8222;Die Kreativit\u00e4t der Langsamkeit&#8220; (Darmstadt 1996\/1998\/2008), \u201eEntschleunigung\u201c (M\u00fcnchen 2003), \u201eWo Marx Recht hat\u201c (Darmstadt 2011), &#8222;Die Resonanzstrategie&#8220; (M\u00fcnchen 2019) und \u201eErhalten und Erneuern\u201c (Hamburg 2022).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Der Artikel erschien erstmals auf <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MAKROSKOP &#8211; Das Magazin f\u00fcr Wirtschaftspolitik<\/a>.<br \/>\n<\/em><\/strong><strong><em>Wir bedanken uns f\u00fcr die freundliche Genehmigung zur Publikation.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann will sich die weit fortgeschrittene Moderne endlich von dem Mythos, das Gemeinwohl ergebe sich ohne Gemeinsinn ganz von selbst, befreien? 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