{"id":1727856,"date":"2023-03-26T07:24:14","date_gmt":"2023-03-26T06:24:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1727856"},"modified":"2023-03-26T07:24:14","modified_gmt":"2023-03-26T06:24:14","slug":"argumente-fuer-einen-konstituierenden-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/03\/argumente-fuer-einen-konstituierenden-frieden\/","title":{"rendered":"Argumente f\u00fcr einen konstituierenden Frieden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der spanische Philosoph und Aktivist Ra\u00fal S\u00e1nchez Cedillo schrieb eine Verteidigung des Pazifismus als kommunistisches Projekt gegen den Kapitalismus und seine Kriegsgestalt.<\/strong><\/p>\n<article>Es ist gleichzeitig ein Aufruf f\u00fcr die \u00f6kologische Bewegung als transnationaler Klassenkampf und alternatives Projekt gegen die Logik des Kapitals. Das Buch ist gerade erschienen.Ich halte es f\u00fcr einen wichtigen und klaren Beitrag f\u00fcr die notwendige gesellschaftliche, emanzipative Entwicklung gegen diesen\/jeden Krieg. Unter der Voraussetzung, dass der Kapitalismus nur noch im Modus von Krieg und Krise \u00fcberleben kann und uns in rasantem Tempo immer mehr Rechte und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein \u201egutes Leben\u201c abschneidet, sei es durch direkten Krieg oder die im Rahmen eines Kriegsregimes zu erbringenden Opfer, reflektiert der Autor den eigenen Weg \u201eder Subalternen\u201c und die Konstruktion einer Gegenmacht von unten.Die Voraussetzung f\u00fcr diesen Aufbau ist ein tiefgreifender Friedensprozess (der nicht auf die Ukraine beschr\u00e4nkt ist) und die Klarheit \u00fcber die eigenen W\u00fcnsche und Ziele. Ein konstitutiver Frieden bedeutet Waffenstillstand mit einem gleichzeitigen Prozess der globalen Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, mit Vorstellungen f\u00fcr eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Herrschaft, f\u00fcr eine Produktionsweise ohne Kommando, die auf Teilhabe und Kooperation beruht, f\u00fcr eine umweltbezogene soziale und mentale \u00d6kologie.<\/p>\n<h3>Internationalismus oder Barbarei<\/h3>\n<p>In Abwandlung der Parole \u201eSozialismus oder Barbarei\u201c von Rosa Luxemburg oder des Namens der anti-stalinistischen Gruppierung der fr\u00fchen Nachkriegszeit Socialisme ou Barbarie (1949 bis 1967) formuliert Ra\u00fal S\u00e1nchez Cedillo eine ausf\u00fchrliche und fundierte anti-nationale Kritik des aktuellen Kriegsregimes, wie es durch den Krieg in der Ukraine durchgesetzt wurde und weiter wird. Er sieht dieses Regime in der Folge des Endes des Kalten Krieges, des nach dem 11.September 2001 erkl\u00e4rten \u201eKriegs gegen den Terror\u201c und den versch\u00e4ften Krisen nach 2008: ein Herrschaftsmodell von Krieg und Polizei, Militarisierung der Auseinandersetzungen innerhalb und ausserhalb von Staatsgebilden, medialem Lagerdenken sowie einer Versch\u00e4rfung der gesellschaftlichen Kontrolle mithilfe der Digitalisierung.<\/p>\n<p>Der Krieg, die Barbarei, wird flankiert von st\u00e4ndig beschleunigter Kriegspropaganda und Disziplinierungsmassnahmen. Das Freund-Feind-Schema wird nicht nur auf dem Kriegsschauplatz angewandt, sondern in allen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Das ist die erpresserische Macht der finanziellen, korporativen und politischen Oligarchien, und zwar \u00fcberall, wo sie herrschen, in Russland wie in der Ukraine, in Europa wie in den USA, in China wie in anderen Staaten.<\/p>\n<p>Durch die fortgesetzte Enteignung der \u201eSubalternen\u201c, durch ihre immer weitergehende Zurichtung auf die Bed\u00fcrfnisse der herrschenden Regimes entstehen neue Formen des Faschismus. Die oligarchische Hyperkonzentration von Kapital und Macht nutzt \u00fcber die Arbeitskraft hinaus die Subjektivit\u00e4t der Menschen, ihre Sprachen, Gef\u00fchle, Affekte als Produktionsmittel. Sehr hilfreich f\u00fcr die aktuelle Einsch\u00e4tzung und den missbr\u00e4uchlichen Propagandadiskurs \u00fcber die faschistischen Kr\u00e4fte hier wie dort ist S\u00e1nchez Cedillos Charakterisierung des Faschismus anhand von \u201egenerativen Matrizen\u201c: Erlebnis des Krieges, Pathos der Nation, Legende des Verrats, Antagonismus gegen\u00fcber dem Klassen- und Geschlechterkampf, Einsatz der Kriegsmaschine als Form von Zerst\u00f6rung, Tod und schwarzem Loch. Durch die in Gang gesetzten Kriegsmaschinen ist ein neuer Faschismus, der nie aus den Gesellschaften verschwunden war, erstarkt. Er n\u00e4hrt erneut das Pathos: das des Krieges, der Nation, des Opfers, der Kathastrophe, des Kampfes &#8230;<\/p>\n<p>Den aktuellen Krieg in der Ukraine analysiert S\u00e1nchez Cedillo als bewaffnet ausgetragenen Konflikt zwischen imperialistischen Formationen und antagonistischen Hegemonien im Weltsystem. Durch deren Rhetorik und Logik werden die subjektiven und politischen Prozesse erzeugt, die faschistische Regierungsformen und Befehlsmacht wieder vorstellbar machen.<\/p>\n<p>In wichtigen Exkursen untersucht S\u00e1nchez Cedillo die historischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Ukraine und Russlands im 20. Jahrhundert und wie es zu den aktuellen Akkumulationsformen der russischen und ukrainischen oligarchischen Eliten kam. Wie die autonomen Subjekte der russischen Revolutionen durch Pathologisierung der politischen Dissidenz, katastrophalen Extraktivismus, Auspl\u00fcnderung der Arbeitskraft und des Planeten, Aufspaltung der Nomenklatura in oligarchische Clans, strategischen Nationalismus etc. entmachtet wurden und das nationalistische, patriarchale, homophobe Regime Putin mit seinem stalinistischen Pathos entstehen konnte. Die Ukraine wird deutlich als ein Gebiet, das durch Krieg, Faschismus, Antisemitismus, Stalinismus, Kapitalismus und Atomenergie verw\u00fcstet wurde. Der Krieg in der Ukraine wird als multidimensionaler Krieg sichtbar, der eine Periode entfesselter Gewalt in den sozialen, politischen Beziehungen auf der ganzen Welt er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Das Narrativ des Westens, das Demokratie gleichsetzt mit neoliberaler Konterrevolution, definiert eine eurozentristische \u201eWertegemeinschaft\u201c, die sich f\u00fcr \u201edie Zivilisation\u201c schlechthin h\u00e4lt. Es verschweigt selbstredend, dass der Kapitalismus aus Sklaverei, Proletarisierung der b\u00e4uerlichen Lebensgrundlagen, Zerst\u00f6rung der \u00d6kosysteme, Kolonialismus, Rassismus, Segregation, Faschismen, Stalinismen etc. besteht und dass im Regime der Akkumulation von Kapital und Macht Politik und Krieg ununterscheidbar sind.<\/p>\n<h3>Konstruktion einer Gegenmacht<\/h3>\n<p>Wir m\u00fcssen dem mit dem Aufbau von transnationalen Gegenm\u00e4chten entgegentreten, einen Friedenprozess mit konstituierenden emanzipativen Praxen verbinden, um das Kriegsregime direkt am Ort des Kriegsschauplatzes, aber auch in den diesen Krieg unterst\u00fctzenden Gesellschaften auszuhebeln. Daf\u00fcr braucht es eine Praxis, die Subjekte und K\u00e4mpfe nicht trennt, sondern verbindet, so dass sie an die \u201eProduktion des Gemeinsamen\u201c gehen k\u00f6nnen: ein Leben in W\u00fcrde und Sicherheit auf dem Planeten Erde f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Der Klassenkampf der Vielen ist transformatorisch und dekonstruierend, betrifft die Form der Produktion wie das Soziale und das Mentale. Es geht um ein Netzwerk von internationalen politischen und sozialen Bewegungen, um Klassenautonomie, und nicht um einen Kampf in einer nationalen und patriotischen Armee. Der nationale Diskurs ist Teil der Kriegsmaschine.<\/p>\n<p>S\u00e1nchez Cedillos Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Pazifismus (konstituierend, revolution\u00e4r, intelligent, die Angst \u00fcberwindend) richtet sich gegen die paranoiden Pole der globalen kapitalistischen Macht in Ost wie West, Nord wie S\u00fcd. Als historisches Beispiel f\u00fchrt er die IWW (Industrial Workers of the World) an, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts keine nationale, sondern eine unmittelbar globale Gewerkschaft war: trans- und multinational, r\u00e4teorientiert, antirassistisch, kriegsgegnerisch, revolution\u00e4r. Eine solche Ausrichtung auf die Klassenautonomie, d.h. die F\u00e4higkeit zum Streik, zum Kampf um Arbeits- und soziale Rechte, f\u00fcr die Strukturen einer Gegenmacht gegen die neoliberalen Eigentumsdemokratien: das ist heute in der Ukraine wie in Russland unm\u00f6glich, und selbstverst\u00e4ndlich in allen kapitalistischen Staaten der Welt ebenso, in gradueller Abstufung der Repression.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen emanzipatorischen, transnationalen Internationalismus von Bewegungen, Gruppen und Individuen anstelle von Regierungen, Regimen, Machteliten ist der zapatistische Aufstand von 1994 ein wichtiger Bezugspunkt. Hier entstand wieder eine globale revolution\u00e4re Politik, die den Bruch mit den staatszentrierten Projekten vollzog und die Praktiken und Diskurse der sozialen Bewegungen erneuerte.<\/p>\n<p>Das digitale Zeitalter erm\u00f6glicht die vollst\u00e4ndige Ausbeutung der menschlichen Subjektivit\u00e4t in der kapitalistischen Wertsch\u00f6pfungskette. K\u00f6rpermaschinen, die wie Prozessoren immer weiter in eine Netzwerkarchitektur integriert werden, eine maschinische Knechtschaft, in der die faschistische Auspr\u00e4gung Bestandteil der zeitgen\u00f6ssischen Subjektivit\u00e4t geworden ist. Die Unterdr\u00fcckung und Einbindung der Subjektivit\u00e4t erfolgt durch die Erzeugung existenzieller Unsicherheit, Prekarit\u00e4t, nukleare Bedrohung und die Erpressung durch Angst. Durch die lange Periode der Niederschlagung und Verdr\u00e4ngung von Klassenk\u00e4mpfen erscheint der Staat als zentraler Retter, dabei ist er nur die zentrale Aufsicht \u00fcber den Verteilungsmechanismus von Geldern an Unternehmen und Konzerne.<\/p>\n<p>Kommunismus versteht S\u00e1nchez Cedillo als Projekt, das Gemeinsame zu konstruieren, wobei die Zwecke und Formen der Kooperation im kollektiven Handeln entstehen. Es ist also ein Kommunismus als Werden, der Schaffungsprozess einer kooperativen und kollektiven Macht, einschliesslich der gemeinsamen Erfindung von Lebensformen.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus endet, wenn die ausgebeuteten Klassen ihn begraben: durch ihre K\u00e4mpfe, Erfindungen, Strukturen der Kooperation ohne Kommando, durch Imagination und Erfahrungen. Im Prozess der R\u00fcckeroberung der K\u00e4mpfe wird es eine Explosion der W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse, der Selbstorganisation und der Strukturen von Gegenm\u00e4chten geben. Die emanzipativen K\u00e4mpfe richten sich auf eine Produktionsweise des Gemeinsamen gegen die kapitalistische Arbeitsteilung. Sie werden eine Heterogenisierung und Vervielf\u00e4ltigung hervorbringen, wie die demokratische Produktion und Bewirtschaftung der Gemeing\u00fcter gegen den Tauschwert organisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Kriegsregime ist ein Beschleuniger faschistischer Subjektivierungs-, Organisations- und Handlungsprozesse. Der Krieg ist die direkte Negation des Klassenkampfes von unten durch die Implantierung von identit\u00e4ren, nationalen, patriarchalen, rassistischen Narrativen. Und Klasse ist hier verstanden als ein Begriff des gesellschaftlichen Interesses und der Handlungsf\u00e4higkeit, des Antagonismus, nicht als soziologische oder kulturwissenschaftliche Kategorie.<\/p>\n<p>Frieden ist Voraussetzung f\u00fcr jede emanzipative Politik. Frieden muss in massenhaften Akten der Kriegssabotage errungen werden. Er muss mit einem regionalen und globalen Entwurf f\u00fcr eine Gesellschaft ohne Krieg und Ausbeutung verbunden sein. Das ist konstituierender Frieden. Wirklichen Frieden k\u00f6nnen wir nicht durch Intervention von Staaten erwarten, denn der Staat ist eine strategische Organisation von Apparaten und Institutionen der Befehlsmacht, des Zwangs und der Hegemonie.<\/p>\n<p>Der Autor schliesst mit einem Zitat von Gilles Deleuze:<br \/>\n\u201eDer Glaube an die Welt ist das, was uns am meisten fehlt; wir haben die Welt v\u00f6llig verloren, wir sind ihrer beraubt worden. An die Welt glauben, das heisst zum Beispiel, Ereignisse hervorzurufen, die der Kontrolle entgehen, auch wenn sie klein sind, oder neue Zeit-R\u00e4ume in die Welt zu bringen, selbst mit kleiner Oberfl\u00e4che oder reduziertem Volumen &#8230;\u201c<\/p>\n<p>In diesem Sinne verbreitet das Buch den Optimismus einer gemeinsamen Vernunft, ein aktives Vertrauen in unser Tun und Denkens als teilnehmende Akteurinnen und Akteure in gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen. Und darum sei dieses Buch, trotz seines etwas steifen Begriffsapparats, allen ans Herz gelegt, die sich in den herrschenden Kriegs- oder auch Antikriegsdiskursen zutiefst unwohl f\u00fchlen. Dieses Buch bricht die ewig selben, propagandistischen Narrative auf, es ermutigt zu neuen Perspektiven und zum Beharren auf der grunds\u00e4tzlichen Feindschaft mit der globalen und totalen Welt des Kapitalismus.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Hanna Mittelst\u00e4dt<\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Ra\u00fal S\u00e1nchez Cedillo: Dieser Krieg endet nicht in der Ukraine. transversal texts 2023. 397 Seiten. ca. 20.00 SFr. ISBN: 9783903046368.<\/p>\n<div id=\"artikel_footer\">\n<div id=\"social_share\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der spanische Philosoph und Aktivist Ra\u00fal S\u00e1nchez Cedillo schrieb eine Verteidigung des Pazifismus als kommunistisches Projekt gegen den Kapitalismus und seine Kriegsgestalt. 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