{"id":172725,"date":"2015-03-25T20:07:26","date_gmt":"2015-03-25T20:07:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=172725"},"modified":"2015-03-26T09:45:30","modified_gmt":"2015-03-26T09:45:30","slug":"israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/","title":{"rendered":"Israel-Pal\u00e4stina durch die Augen einer Humanistin"},"content":{"rendered":"<p>In der Schule haben wir gelernt, dass wir gute Noten in einer Er\u00f6rterung nur bekommen, wenn wir unnachgiebig einen Standpunkt vertreten und alle Gegenargumente widerlegen. Meine urspr\u00fcngliche Neigung, Dinge von allen Seiten betrachten zu wollen, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr jegliche Einstellung zu entwickeln und mehrere Wahrheiten gelten zu lassen, wurde immer mit schlechten Noten geahndet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens in Israel-Pal\u00e4stina merke ich, dass sie es uns falsch gelehrt haben. Hier haben viel zu viele Menschen ihren ehernen, in Stein gemeisselten Standpunkt, der besagt, dass die anderen, wer immer sie sein m\u00f6gen &#8211; Juden, Araber, Israelis, Pal\u00e4stinenser &#8211; falsch liegen, die falsche Kultur haben, eine gewaltt\u00e4tige Religion und Tradition und daraus resultierend, unvereinbare Gegens\u00e4tze zu einem selbst, die sich nie und niemals auf einen Nenner bringen lassen. \u201eDas absolute Minimum, das sie gewillt w\u00e4ren, uns zu zugestehen, ist weit entfernt von dem Maximum, das wir gewillt w\u00e4ren zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Als Humanistin aber habe ich gelernt, dass den anderen zu verstehen versuchen die Grundlage ist, um einen menschlichen Kontakt aufzubauen und die Grundlage f\u00fcr Vers\u00f6hnung mit all den schrecklichen Dingen, die beide Seiten sich angetan haben. Pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch ist auch einfach die basalste Form einer menschlichen Ann\u00e4herung, weit weg von den Parolen der Politiker und Anf\u00fchrer, von den Schlagzeilen der Medien oder irgendwelchen hasserf\u00fcllten Predigten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150301_200156\/\" rel=\"attachment wp-att-172727\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-172727\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200156-600x260.jpg\" alt=\"IMG_20150301_200156\" width=\"600\" height=\"260\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200156-600x260.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200156-300x130.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eIch lerne keine Israelis kennen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Doch gerade die M\u00f6glichkeit der Ann\u00e4herung wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer schwieriger gemacht. \u201eIch lerne keine Israelis kennen\u201c, sagt mir Rana aus Bethlehem.\u201cSie kommen hier nicht her und ich darf nicht r\u00fcber.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_172733\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150228_100913\/\" rel=\"attachment wp-att-172733\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172733\" class=\"wp-image-172733 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_100913-600x450.jpg\" alt=\"IMG_20150228_100913\" width=\"600\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_100913-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_100913-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172733\" class=\"wp-caption-text\">Rana an der Mauer in Bethlehem<\/p><\/div>\n<p>Bethlehem liegt einen Steinwurf von Jerusalem entfernt, aber ist davon getrennt, f\u00fcr die meisten Bethlehemer un\u00fcberwindbar, durch die Mauer zwischen Westbank und Israel und einen Checkpoint, der nur diejenigen mit einer speziellen Genehmigung passieren l\u00e4sst. Doch diese bekommen nur wenige. Ranas Vater hatte sein halbes Leben in Jerusalem als Koch gearbeitet. Nach Schliessung der Grenze hatte er keine Erlaubnis bekommen, nach Jerusalem zu pendeln, und war in der Folge jahrelang ohne feste Arbeit. Israelis ihrerseits kommen nur in Gestalt von Soldaten nach Bethlehem \u201eDen Israelis wird von ihrer Regierung Angst gemacht, hierherzukommen. Dabei h\u00e4tten sie nichts zu bef\u00fcrchten.\u201c behauptet Rana.<\/p>\n<div id=\"attachment_172739\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150301_194825\/\" rel=\"attachment wp-att-172739\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172739\" class=\"wp-image-172739 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_194825-600x307.jpg\" alt=\"IMG_20150301_194825\" width=\"600\" height=\"307\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_194825-600x307.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_194825-300x153.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_194825.jpg 1944w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172739\" class=\"wp-caption-text\">Checkpoint zwischen Bethlehem und Jerusalem<\/p><\/div>\n<p>Diese Mauer, die mich als Berlinerin ganz besonders ber\u00fchrt, wurde in Bethlehem im Jahr 2005 errichtet. Ziemlich \u00fcber Nacht, denn Rana erz\u00e4hlt mir, sie habe damals kaum die Bauarbeiten mitbekommen. \u201eEs war schon lange vorher geplant und eine sehr schnelle Aktion.\u201c Die meisten und sogar links eingestellte Israelis, wie zum Beispiel der Schriftsteller Amos Oz, der Mitglied von Peace Now ist, bef\u00fcrworten diese Absperranlagen, denn sie haben Angst.<\/p>\n<p><strong>Gewaltlose internationale Freiwillige helfen, die schlimmsten Auswirkungen zu mildern<\/strong><\/p>\n<p>Das Hauptproblem ist, dass die Absperrung nicht entlang der Gr\u00fcnen Linie &#8211; vereinbarte Grenzlinie zwischen Israel und Westbank, Waffenstillstandslinie von 1949 &#8211; verl\u00e4uft, sondern teilweise tief in pal\u00e4stinensisches Gebiet einschneidet und oft einen verr\u00fcckt verschlungenen Verlauf aufweist. In Bethlehem trennt sie den Bereich um das Grab Rachels, welches als j\u00fcdisches Heiligtum gilt, von dem Rest der Stadt ab, so dass die fr\u00fchere Hauptgesch\u00e4ftsstrasse zu einer Geisterstadt wurde. Sie umzingelt H\u00e4user, deren Bewohnern verboten wird die Roll\u00e4den hochzuziehen oder auf das Dach zu steigen, denn die israelischen Wachleute bef\u00fcrchten Scharfsch\u00fctzen. Zwei Tage vor meinem Besuch wurde ein 18 J\u00e4hriger niedergeschossen, der morgens auf einem Dach nahe der Mauer stand.<\/p>\n<div class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150228_095251\/\" rel=\"attachment wp-att-172746\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-172746\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_095251-600x387.jpg\" alt=\"IMG_20150228_095251\" width=\"600\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_095251-600x387.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_095251-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Wachturm mit Spuren von Brand- und Farbbomben&nbsp;<\/p>\n<p><\/p><\/div>\n<p>Andere H\u00e4user wurden abgerissen, weil es hie\u00df, sie st\u00fcnden zu nah an der Mauer. Einige Felder k\u00f6nnen nicht mehr erreicht werden und daher nicht mehr bestellt werden. \u201eEs gibt ein Gesetz, das besagt, dass Land, welches mehrere Jahre nicht genutzt wird, in staatlichen Besitz \u00fcbergeht. Indem sie den Zugang zu Feldern verhindern, eignen sich die Israelis das Land an.\u201c sagt mir Rana.<\/p>\n<div id=\"attachment_172752\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150301_200836\/\" rel=\"attachment wp-att-172752\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172752\" class=\"wp-image-172752 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200836-600x794.jpg\" alt=\"IMG_20150301_200836\" width=\"600\" height=\"794\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200836-600x794.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200836-227x300.jpg 227w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200836.jpg 898w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172752\" class=\"wp-caption-text\">Wie bei der Berliner Mauer: bitterer Humor<\/p><\/div>\n<p>Die kleine, agile Rana engagiert sich in gewaltlosen Projekten, die Bauern und Familien, die von solchen Massnahmen betroffen sind, unterst\u00fctzen. Sie organisiert den Einsatz von internationalen Freiwilligengruppen, die bei der Olivenernte eines solchen Feldes helfen oder abgerissene H\u00e4user wieder aufbauen. \u201eDie Pr\u00e4senz der internationalen Helfer hilft uns, zu den Feldern zu gelangen oder die Rohbauten der H\u00e4user fertigzustellen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_172758\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150301_200719\/\" rel=\"attachment wp-att-172758\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172758\" class=\"wp-image-172758 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200719-600x300.jpg\" alt=\"IMG_20150301_200719\" width=\"600\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200719-600x300.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_200719-300x150.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172758\" class=\"wp-caption-text\">Haus, das von drei Seiten von der Mauer umzingelt ist, und dessen Bewohner im zweiten Stock die Roll\u00e4den nicht hoch ziehen d\u00fcrfen.<\/p><\/div>\n<p>Bethlehem bem\u00fcht sich sehr, die Auswirkungen der Mauer auf die Wirtschaft der vom Tourismus abh\u00e4ngigen Stadt gering zu halten. \u201eSo lange es friedlich ist, geht es uns gut.\u201c sagt Rana. Denn dann k\u00e4men die Touristen. Die Stadt unterst\u00fctzt Ladenbesitzer in der Altstadt, damit sie ihre L\u00e4den weiter offen halten k\u00f6nnen. Seit Bau der Mauer gibt es einen j\u00e4hrlichen Marathon \u201eRight to Movement\u201c, der auch als Protest gedacht ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_172764\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/karte-bethlehem\/\" rel=\"attachment wp-att-172764\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172764\" class=\"wp-image-172764 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Karte-Bethlehem-600x654.jpg\" alt=\"Karte Bethlehem\" width=\"600\" height=\"654\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Karte-Bethlehem-600x654.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Karte-Bethlehem-275x300.jpg 275w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Karte-Bethlehem.jpg 1308w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172764\" class=\"wp-caption-text\">Verlauf der Mauer in Bethlehem (schwarze Linie)<\/p><\/div>\n<p><strong>Quasi staatenlos<\/strong><\/p>\n<p>Der Status der Westbank ist bekanntlich weiterhin kompliziert. Es gibt drei Zonen, welche in unterschiedlicher Abstufung Autonomie durch die pal\u00e4stinensische Regierung zulassen, aber im gr\u00f6\u00dften Teil der Westbank \u00fcbt die israelische Armee immernoch die Sicherheits\u00fcberwachung aus. Die Zonen sind in einem mosaikartigen Muster verschlungen, so dass ein Ortsunkundiger oft nicht wei\u00df, in welcher er sich gerade befindet. Israelis d\u00fcrfen nicht in die Zone mit voller Autonomie reisen, nicht von Seiten der Pal\u00e4stinenser wird ihnen das verboten, sondern ihre eigene Regierung verbietet das, zu ihrem eigenen Schutz. Wenn Rana reisen m\u00f6chte, muss sie nach Amman zum Flughafen und bekommt von der pal\u00e4stinensischen Beh\u00f6rde ein Reisedokument ausgestellt, das aber nicht als Pass gilt. Sie ist quasi staatenlos.<\/p>\n<p>Rana hofft darauf, dass Pal\u00e4stina bald unabh\u00e4ngig wird. \u201eDas wird vieles zum besseren ver\u00e4ndern.\u201c Ob sie nicht Angst habe, dass fundamentalistische Muslime an die Macht k\u00e4men und sie, eine Christin, unterdr\u00fccken k\u00f6nnten? \u201eNein, wir leben friedlich mit den Muslimen hier.\u201c Es ziehen zwar viele Christen weg, aber nicht aus Angst vor ihren Nachbarn, sondern wegen der Bewegungseinschr\u00e4nkungen. Sorge \u00e4u\u00dfert sie allerdings in Bezug auf den IS. Das von ihnen besetzte Gebiet ist nicht weit entfernt und was mit Christen bei ihnen passiert ist bekannt.<\/p>\n<p><strong>Gefangene ihrer Angst und eingesperrt in ihrem Land<\/strong><\/p>\n<p>Das zweite gro\u00dfe Problem, neben dem schwierigen Verlauf der Mauer, sind die Siedlungen israelischer B\u00fcrger auf dem Gebiet der Westbank, welche nur m\u00f6glich sind durch massive Unterst\u00fctzung der israelischen Regierung und Schutz der Armee. Von Ranas Haus aus sieht man Har Homa, eine wie eine Trutzburg gebaute Siedlung auf dem gegen\u00fcber liegenden Berg. Im UNO Sicherheitsrat war \u00fcber diese Siedlung verhandelt worden, alle Mitgliedsl\u00e4nder waren gegen den Bau, aber die USA hatten damals ein Veto eingelegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_172770\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150301_201637\/\" rel=\"attachment wp-att-172770\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172770\" class=\"wp-image-172770 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_201637-600x343.jpg\" alt=\"IMG_20150301_201637\" width=\"600\" height=\"343\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_201637-600x343.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_201637-300x171.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172770\" class=\"wp-caption-text\">Die umstrittene Siedlung Har Homa von Ranas Haus aus gesehen.<\/p><\/div>\n<p>Ich frage Rana, ob wir vielleicht einmal ein bi\u00dfchen n\u00e4her rangehen k\u00f6nnten, aber sie sch\u00fcttelt vehement den Kopf: \u201eDas w\u00fcrden sie nicht zulassen.\u201c Was w\u00fcrde denn passieren? Ich sehe doch, dass da ein Weg lang geht, ohne Zaun oder Schild. \u201eSie w\u00fcrden kommen und uns zur\u00fcckschicken.\u201c Aber wem geh\u00f6rt denn das Land da? Warum k\u00f6nnen sie uns einfach davon vertreiben? \u201eDas ist egal, sie w\u00fcrden trotzdem kommen. Wenn es um ihre Sicherheit geht, machen sie alles.\u201c Ich frage mich, was jemanden dazu bewegt, in eine dermassen abgeschirmte Siedlung zu ziehen inmitten von Territorium, das man als feindlich und gef\u00e4hrlich sieht. \u201eEigentlich sind es die Israelis, die sich selbst einschliessen. Sie tun mir eigentlich leid, denn sie sind Gefangene ihrer Angst und eingesperrt in ihrem Land.\u201c sagt Rana.<\/p>\n<p><strong>Allgegenw\u00e4rtige Geschichte der Vertreibung, Enteignung und Massaker<\/strong><\/p>\n<p>Rana zeigt mir auch die Fl\u00fcchtlingslager in Bethlehem, welche inzwischen \u2013 nach siebzig Jahren der Vertreibung \u2013 zu Stadtteilen geworden sind, die sch\u00e4biger und enger aussehen als die regul\u00e4ren Bezirke. An allen Ecken ist der Zorn \u00fcber die israelische Besatzung und die vergangenen Enteignungen zu sp\u00fcren. Es gibt Aufz\u00e4hlungen an den Hausmauern der letztes Jahr in Gaza gestorbenen Kinder, \u00fcber dem Tor prangt der gro\u00dfe Schl\u00fcssel \u2013 das Symbol der Enteignungen.<\/p>\n<div id=\"attachment_172776\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150228_105616\/\" rel=\"attachment wp-att-172776\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172776\" class=\"wp-image-172776 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105616-600x463.jpg\" alt=\"IMG_20150228_105616\" width=\"600\" height=\"463\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105616-600x463.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105616-300x231.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105616.jpg 1944w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172776\" class=\"wp-caption-text\">Eingang zum Aida Camp: Der Schl\u00fcssel als Symbol der Enteignung<\/p><\/div>\n<p>Die \u00e4ltesten Lager existieren seit dem Krieg 1948, der am Tag nach Ausrufung des israelischen Staates durch Ben Gurion zwischen Arabern und Juden ausbrach. Damals wollten die Araber die Zweistaatenl\u00f6sung der UNO nicht akzeptieren und riefen dazu auf, \u201edie Juden ins Meer zu werfen\u201c oder sie \u201ein ihrem Blut zu ertr\u00e4nken\u201c. Die Juden ihrerseits, gerade dem Holocaust entkommen, waren nicht gewillt, sich erneut wehrlos niedermetzeln zu lassen und k\u00e4mpften um das Land, das sie als das ihre, endlich ihr eigenes Land, ihre letzte Zuflucht begriffen.<\/p>\n<div id=\"attachment_172782\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150228_105742\/\" rel=\"attachment wp-att-172782\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172782\" class=\"wp-image-172782 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105742-600x500.jpg\" alt=\"IMG_20150228_105742\" width=\"600\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105742-600x500.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105742-300x250.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150228_105742.jpg 1942w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172782\" class=\"wp-caption-text\">Liste verstorbener Kinder in Gaza im letzten Sommer<\/p><\/div>\n<p>Auf beiden Seiten gab es schlimme Massaker, Juden wurden aus vielen Siedlungen vertrieben oder get\u00f6tet und genauso Araber, die auf dem jetzigen israelischem Gebiet lebten. Viele gaben ihre Besitzt\u00fcmer auf und flohen. Viele haben die Hoffnung immernoch nicht aufgegeben, eines Tages wieder in ihre alten H\u00e4user auf israelischer Seite zur\u00fcckzukehren und die Schl\u00fcssel werden von Generation zu Generation weitergegeben, so wie der Zorn und der Wunsch auf Rache. Um das Gemetzel des Krieges von 1948 zu verstehen, ist die Lekt\u00fcre von Amos Oz hilfreich. Er schreibt in seinem Buch \u201eEine Geschichte von Liebe und Finsternis\u201c:<\/p>\n<p><em>Im Leben des Einzelnen wie im Leben ganzer V\u00f6lker brechen die schlimmsten Konflikte oft zwischen zwei Verfolgten auf. Es ist ein sentimentales Wunschdenken, dass sich die Verfolgten und Unterdr\u00fcckten solidarisieren, um gemeinsam gegen ihren grausamen Unterdr\u00fccker zu k\u00e4mpfen.[\u2026] Nicht selten sieht der eine in dem anderen nicht einen Schicksalsgenossen, sondern die grauenerregende Fratze ihres gemeinsamen Verfolgers.<\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht ist dies auch der Fall bei dem rund hundertj\u00e4hrigen Konflikt zwischen Arabern und Juden: Europa, das die Araber durch Imperialismus, Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung erniedrigte, ist dasselbe Europa, das auch die Juden verfolgte und unterdr\u00fcckte und schlie\u00dflich die Deutschen gew\u00e4hren lie\u00df oder sogar unterst\u00fctzte, als sie darangingen, die Juden aus allen Teilen des Kontinents zu verschleppen und fast vollst\u00e4ndig zu ermorden. Doch die Araber sehen in uns nicht das halb hysterische H\u00e4uflein \u00dcberlebender, sondern einen neuen \u00fcberheblichen Ableger des technologisch \u00fcberlegenen, ausbeuterischen kolonialistischen Europa, das listigerweise \u2013 diesmal im zionistischen Gewand \u2013 in den Orient zur\u00fcckgekehrt ist, um erneut auszubeuten, zu enteignen und zu unterdr\u00fccken. Und wir wiederum sehen in ihnen nicht die Opfer gleich uns, nicht Br\u00fcder in der Not, sondern pogroml\u00fcsterne Kosaken, blutd\u00fcrstige Antisemiten, maskierte Nazis, als w\u00e4ren unsere europ\u00e4ischen Verfolger hier im Land Israel erneut aufgetaucht, h\u00e4tten sich Kefijes um den Kopf geschlungen und Schnurrb\u00e4rte wachsen lassen, w\u00e4ren aber immer noch jene, die seit eh und je nach j\u00fcdischem Blut d\u00fcrsten und uns aus purem Vergn\u00fcgen die Kehle durchschneiden.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_172788\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150301_202441\/\" rel=\"attachment wp-att-172788\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172788\" class=\"wp-image-172788 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_202441-600x577.jpg\" alt=\"IMG_20150301_202441\" width=\"600\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_202441-600x577.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_202441-300x289.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150301_202441.jpg 1540w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172788\" class=\"wp-caption-text\">Plakette in der Jerusalemer Innenstadt, die von der terroristischen Vergangenheit der Vorl\u00e4ufer der israelischen Armee zeugt.<\/p><\/div>\n<p><strong>Mischung aus orientalischer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und freiheitlichem Denken<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcckgekehrt in den israelischen Teil des Landes, habe ich intensive Gespr\u00e4che. Israelis, so wie ich sie kennengelernt habe, sind aufgeschlossen, diskutierfreudig, direkt und nicht zur\u00fcckhaltend mit ihrer Meinung. Dabei meist sehr belesen und gut informiert. Ich stelle fest, dass es eine sehr lebendige, offene und freie Gesellschaft ist mit einem angenehm ungezwungenen Umgang miteinander. Eigentlich eine gute Mischung aus orientalischer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und freiheitlichem Denken. Orthodoxe Juden habe ich allerdings nicht gesprochen.<\/p>\n<div id=\"attachment_172794\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150314_114850\/\" rel=\"attachment wp-att-172794\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172794\" class=\"wp-image-172794 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150314_114850-600x423.jpg\" alt=\"IMG_20150314_114850\" width=\"600\" height=\"423\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150314_114850-600x423.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150314_114850-300x211.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172794\" class=\"wp-caption-text\">Junge Strassen-K\u00fcnstler in Zikhron<\/p><\/div>\n<p>Es ist eine Gesellschaft, die durchaus gro\u00dfe Integrationsanstrengungen geleistet hat, denn die Juden kamen aus allen Kontinenten hierher, neben den arabischen Juden, die schon hier waren. Die meisten mussten erst hebr\u00e4isch lernen und viele waren schwerst traumatisiert.<\/p>\n<p>Erst hier verstehe ich, wie schwer die Schuldgef\u00fchle derer gewesen sein m\u00fcssen, die den Holocaust \u00fcberlebt haben, aber ihre Angeh\u00f6rigen nicht sch\u00fctzen konnten, die nicht gek\u00e4mpft haben, sondern geflohen sind. Und es muss einen Bruch zwischen dieser Opfer-Generation und ihren in Israel aufgewachsenen Kindern gegeben haben, welche den Entschluss fassten, nie wieder kampflos zu fliehen. Kishon schreibt in seinen Kurzgeschichten h\u00e4ufig \u00fcber die vitale entschlossene junge israelische Generation, die ihre Eltern nicht verstehen und diese ihre Kinder nicht. Der j\u00fcdische Philosoph Leibovitz warf seinen Landsgenossen vor, nichts aus dem Holocaust gelernt zu haben. Ich denke, sie haben gelernt. Aber ist es das richtige?<\/p>\n<p>Eine Integrationsmassnahme ist der obligatorische Wehrdienst, den jeder Junge und jedes M\u00e4dchen nach Abschluss der Schule zu leisten hat. Die Armee ist sicherlich die sichtbarste Institution im Land. So sieht man vor allem an den Wochenenden die Wehrdienstler in Uniform und nicht selten mit Maschinengewehren in gro\u00dfen Gruppen an den Bahnh\u00f6fen und in den Z\u00fcgen. Ein Anblick, der einen Ausl\u00e4nder mehr verunsichert als sicher f\u00fchlen l\u00e4sst. Doch laut Auskunft meines Gastgebers sei es noch nie zu einem Zwischenfall \u00e0 la amoklaufendem Jugendlichen gekommen.<\/p>\n<div id=\"attachment_172800\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/soldaten-bahnhof-israel\/\" rel=\"attachment wp-att-172800\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172800\" class=\"wp-image-172800 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Soldaten-Bahnhof-Israel-600x264.jpg\" alt=\"Soldaten Bahnhof Israel\" width=\"600\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Soldaten-Bahnhof-Israel-600x264.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Soldaten-Bahnhof-Israel-300x132.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Soldaten-Bahnhof-Israel.jpg 1944w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172800\" class=\"wp-caption-text\">Bewaffnete Soldaten am Bahnhof in Binyamina<\/p><\/div>\n<p><strong>Israel ein Staat f\u00fcr Juden und nicht f\u00fcr alle<\/strong><\/p>\n<p>Leider erstreckt sich die Integrationsleistung nicht auf alle Bev\u00f6lkerungsanteile. Die arabische und j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung lebt getrennt in eigenen D\u00f6rfern, Stadtteilen, mit eigenen Schulen, Kinderg\u00e4rten etc. Wer will diese Trennung? \u201eDie Araber akzeptieren keine Juden in ihren St\u00e4dten.\u201c sagt mir Malcolm, ein \u00e4lterer Herr, der fr\u00fcher im Institut f\u00fcr strategische Studien gearbeitet hat, welches die Armee beraten hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr Christen und Muslime ist die israelische Armee nicht obligatorisch. Mein Gastgeber sagt: \u201eNach dem Gesetz sind Juden und Muslime gleich gestellt, aber de facto ist das nicht so. Eigentlich sind die arabischen Israelis die eigentlichen Leidtragenden des jetzigen Zustandes, denn sie haben ihre Identit\u00e4t verloren, sie sind isoliert. Sie leben hier in Israel ganz gut, weil sie gute Infrastruktur, gute Ausbildungsm\u00f6glichkeiten haben und alle Freiheiten geniessen k\u00f6nnen, die sie in den arabischen L\u00e4ndern nie h\u00e4tten, gleichzeitig werden sie hier nie v\u00f6llig akzeptiert werden. In die arabischen L\u00e4nder wollen sie nicht umziehen, aber gegen ihre Br\u00fcder k\u00f6nnen sie auch nicht k\u00e4mpfen. Das Problem ist, dass Israel ein Staat f\u00fcr Juden ist und nicht f\u00fcr alle.\u201c<\/p>\n<p>Der andauernde Konflikt steht der Integration im Weg. So lange sich Israel in einem fortdauernden Kriegszustand befindet, steht die arabische Bev\u00f6lkerung unter Generalverdacht und kann nicht wirklich dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ein israelischer Freund erz\u00e4hlt mir von seinem Sohn. Sie haben muslimische Freunde, deren Kinder mit ihren Kindern spielen. W\u00e4hrend der Monate Gazakrieg im letzten Jahr erschallten auch s\u00fcdlich von Haifa die Sirenen, denn Raketen aus Gaza zielten mehrmals auf ein Kraftwerk in der N\u00e4he. Man h\u00f6rte die Absch\u00fcsse der Raketen durch das Abwehrsystem der Israelis, den \u201eiron dome\u201c, und die Kinder hatten Angst. Die Eltern erkl\u00e4rten ihnen, was es mit dem Krieg auf sich habe. Danach wollte der 10 j\u00e4hrige Sohn nicht mehr mit seinen muslimischen Freunden spielen und selbst lange Gespr\u00e4che konnten ihn nicht \u00fcberzeugen. \u201eNichts zeigt so deutlich den Zustand unserer Gesellschaft, wie wenn schon ein Kind, sogar eines mit toleranten Eltern, solche Vorurteile entwickelt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wieder eine normalere Perspektive auf die Welt bekommen<\/strong><\/p>\n<p>So schlimm der Dienst in der Armee f\u00fcr den Einzelnen auch sein mag, mir berichten eigentlich alle, die ich danach frage, eher strahlend \u00fcber diese Zeit, in der sie starke Freundschaften f\u00fcrs Leben gekn\u00fcpft h\u00e4tten und zu Erwachsenen geworden seien.<\/p>\n<p>Die st\u00e4ndige Pr\u00e4senz von Soldaten und Sicherheitskontrollen empfinden sie als normal. Aber Krieg, wie letzten Sommer in Gaza, ist eine Ausnahmesituation, die jeden mitnimmt, \u201edenn jeder hat irgendeinen Jungen oder ein M\u00e4dchen in der Verwandtschaft, die dorthin m\u00fcssen, und um die man sich Sorgen macht.\u201c \u201eSchlimm waren die drei Wochen, in denen sie nach Gaza reingegangen sind. Ich wei\u00df nicht, wie ich diese Zeit \u00fcberstanden habe.\u201c Erz\u00e4hlt mir die Mutter eines Sohnes, der momentan seinen Wehrdienst leistet. Er selbst erz\u00e4hlt: \u201eBald werde ich entlassen, dann werde ich mit ein paar Freunden erstmal ein Jahr in der Welt herumreisen. Das machen die meisten von uns und man braucht das auch, um wieder eine andere, vielleicht eine normalere Perspektive auf die Welt zu bekommen nach dem Kriegsdienst.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_172806\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150313_140624\/\" rel=\"attachment wp-att-172806\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172806\" class=\"wp-image-172806 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_140624-600x382.jpg\" alt=\"IMG_20150313_140624\" width=\"600\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_140624-600x382.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_140624-300x191.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_140624.jpg 1944w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172806\" class=\"wp-caption-text\">Bewaffnete Wehrdienstleistende im Zug<\/p><\/div>\n<p>Aber keiner, den ich treffe, stellt die Armee oder den Dienst an der Waffe per se infrage. Alle scheinen davon \u00fcberzeugt zu sein, dass es die einzige M\u00f6glichkeit ist, Israel davor zu bewahren, von den arabischen L\u00e4ndern ausgel\u00f6scht zu werden.<\/p>\n<p>Wenn ich von der Mauer erz\u00e4hle, die ich besucht habe, zucken alle bedauernd mit den Schultern. Sie finden diese Massnahme nicht sch\u00f6n, aber sie halten sie wohl eher f\u00fcr notwendig, jedenfalls so weit sie dem vereinbarten Grenzverlauf folgt. Sie erinnern mich an die Serien von Selbstmordattentaten. Die Bushaltestelle, an der ich t\u00e4glich stehe, sei auch ein Ort gewesen, der in die Luft gesprengt wurde, vier M\u00e4dchen seien damals umgekommen. Sp\u00e4ter habe es eine Phase gegeben, in der die Attent\u00e4ter mit Autos in Menschenmassen gefahren w\u00e4ren. Das momentane Ausbleiben solcher Gewaltakte f\u00fchren sie auf die dichten Grenzen und Kontrollen und die Anwesenheit der bewaffneten Soldaten zur\u00fcck. Rana sagt, dass sie nicht glaubt, dass das der Grund sei, sondern dass die Pal\u00e4stinenser eine vern\u00fcnftige Entscheidung getroffen h\u00e4tten, ihre Ziele nicht mehr auf diese Art zu verfolgen, die sie in der Welt\u00f6ffentlichkeit verunglimpfe.<\/p>\n<p><strong>Sie h\u00e4tten aus Gaza ein Paradies machen k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSie sollten den Pal\u00e4stinensern endlich geben, was sie wollen\u201c, sagt mein Gastgeber, \u201eihren eigenen Staat.\u201c Und geh\u00f6rt damit zu denjenigen, die sich gegen j\u00fcdische Siedlungen und Besetzung der Westbank ausspricht. Nicht alle denken so. Und auch er glaubt nicht daran, dass die Unabh\u00e4ngigkeit den Pal\u00e4stinensern den Segen bringt, den sie sich erhoffen.<\/p>\n<p>Er erinnert an Gaza. \u201eSie h\u00e4tten daraus ein Paradies machen k\u00f6nnen. So viele Gelder sind in das kleine Land geflossen. Sie haben die sch\u00f6nsten Str\u00e4nde. Sie h\u00e4tten Hotelanlagen bauen k\u00f6nnen, die Urlauber w\u00e4ren dorthin gestr\u00f6mt, sie h\u00e4tten ihr Land in k\u00fcrzester Zeit zum Florieren bringen k\u00f6nnen, mit Arbeit f\u00fcr jeden, toller Infrastruktur etc. Aber sie haben sich dazu entschieden, weiter zu k\u00e4mpfen. Jetzt haben sie Scharia Gesetze eingef\u00fchrt, die politischen Gegner stossen sich gegenseitig von den H\u00e4usern und es finden \u00f6ffentliche Exekutionen in Anwesenheit von Kindern statt.\u201c Und w\u00fctend f\u00fcgt er hinzu: \u201eUnd dann kommen diese Europ\u00e4er und wollen uns daf\u00fcr kritisieren, wie wir mit den Pal\u00e4stinensern umgehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Angst und die Sicherheitsmassnahmen<\/strong><\/p>\n<p>Die Angst vor Verfolgung und Vernichtung ist nicht in den Kriegen gegen die Araber entstanden und nicht durch die Attentate, sondern wurde da nur best\u00e4tigt und verst\u00e4rkt. \u201eEuropa wollte uns nicht. Dort waren wir Pogromen ausgesetzt, lange bevor die Deutschen mit ihrer totalen Vernichtung angefangen haben, bei der viele in den anderen L\u00e4ndern fleissig geholfen haben. Etwas scheint an uns Juden zu sein, dass wir nirgendwo geduldet sind, \u00fcberall verfolgt und gejagt.\u201c sagt mir Malcolm mit einem schmerzhaften, resignierten Gesichtsausdruck. Dann sagt er, mir fest in die Augen blickend: \u201eIch habe geh\u00f6rt, dass die jungen Menschen in Deutschland die Nase voll davon haben, schuldig zu sein und Verantwortung zu \u00fcbernehmen.\u201c Und ich f\u00fchle die ganze Jahrhunderte alte Last, die auf meine Schultern geladen wird, und sp\u00fcre, dass zumindest f\u00fcr ihn nichts, aber auch garnichts vorbei und vergeben ist.<\/p>\n<p>Er und die meisten, die ich spreche, sehen schwarz f\u00fcr die Zukunft. Selbst wenn Netanjahu abgew\u00e4hlt w\u00fcrde, selbst wenn endlich Pal\u00e4stina anerkannt w\u00fcrde, die j\u00fcdischen Siedlungen aufgegeben werden, haben sie wenig Hoffnung auf Frieden mit ihren Nachbarn. Sie glauben nicht an die F\u00e4higkeit der Araber einen gerechten, demokratischen Staat aufzubauen, der der Gewalt abschw\u00f6rt, die Anspr\u00fcche auf Gebiete innerhalb Israels und seine Wut und Rachebed\u00fcrfnisse aufgibt. Sie haben einen starken Glauben an die Unver\u00e4nderlichkeit ihres Schicksals, des Stigmas der Juden und des Charakters der Araber.<\/p>\n<p>Der Aufwand f\u00fcr die Sicherheit ist enorm. Jeder Bahnhofeingang, jeder Supermarkteingang, \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude, Caf\u00e9s, etc. haben Eingangskontrollen und Durchleuchtger\u00e4te. Bereits in Berlin vor Einsteigen in den Flieger fangen die Kontrollen an. Ausf\u00fchrliche Befragungen, die psychologisch geschickt einen aus der Fassung bringen sollen, damit ein potentieller Terrorist sich verhaspelt. Ich kam in den Genuss des vollen Umfangs der Befragungen, da ich f\u00fcr meine Forschungen am Technion Institute biologische Proben dabei hatte. F\u00fcr all das leisten sich die Israelis einen riesigen personellen Aufwand.<\/p>\n<p>Die st\u00e4ndige M\u00f6glichkeit eines Kriegsausbruches wird \u00fcberall bedacht. Krankenh\u00e4user haben Untergeschosse, die zu voll funktionsf\u00e4higen Stationen ausgebaut werden k\u00f6nnen, um Patienten w\u00e4hrend eines Krieges in sicherere Bereiche zu verlegen. Der Zugverkehr l\u00e4uft nur per Dieselloks, da ein elektrisches System zu anf\u00e4llig f\u00fcr Sabotage w\u00e4re. Die Kontrollzentrale der Eisenbahn ist unterirdisch gebaut.<\/p>\n<p>Unterdessen lebt man sein Leben, macht Sport, feiert Familienfeste und geht seiner pers\u00f6nlichen Laufbahn nach. Aber was die Zukunft des Landes und die M\u00f6glichkeit auf Frieden angeht, ist man ratlos und pessimistisch. Nicht wenige denken dar\u00fcber nach, in die USA oder anderswo hinzuziehen.<\/p>\n<p><strong>Europa erkenne die Zeichen der Zeit nicht<\/strong><\/p>\n<p>Aber die Sorge erstreckt sich auch auf andere L\u00e4nder. Ich werde durch mehrere Aussagen \u00fcberrascht, wie: \u201eEuropa wird sich noch wundern. Bald wird es massiv mit arabischem Terrorismus zu tun bekommen. Es hat schon angefangen. In Frankreich, in Schweden, sogar in Australien. Die Juden, die noch in Europa leben sind naiv. Sie sollten wegziehen so schnell sie k\u00f6nnen.\u201c oder \u201eDie muslimische Religion ist gewaltt\u00e4tig, sie m\u00f6chte der ganzen Welt ihre Regeln aufzwingen. Frauen unterdr\u00fccken, Freiheiten abschaffen, Schariagesetze mit Exekutionen auf der Strasse,\u2026\u201c Dies sagt man mir, auch im Hinblick auf die naiven Europ\u00e4er, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen.<\/p>\n<p>Man nimmt sehr wach Ereignisse in Deutschland, wie die Pegida Demonstrationen und Neonazi Proteste gegen Asylantenheime, wahr und ordnet sie nach der israelischen Sichtweise ein. Dass \u00fcberall auf der Welt der Antisemitismus und der islamistische Fundamentalismus grassieren, ist eine nicht anzuzweifelnde Wahrheit. Wenn ich anzumerken wage, dass extremistische Str\u00f6mungen aller Art als Wurzel meist soziale Ungerechtigkeit und Unterdr\u00fcckung haben, die Demagogen Zulauf bieten, wird abgewunken: \u201eAntisemitismus gab es schon immer und in allen gesellschaftlichen Schichten. Wie sonst h\u00e4tte Hitler sein Programm durchziehen k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p><strong>Keine staatlichen Bem\u00fchungen f\u00fcr Vers\u00f6hnung<\/strong><\/p>\n<p>Bedr\u00fcckend ist f\u00fcr mich das Fehlen einer \u00f6ffentlichen Wahrnehmung anderer Optionen als der \u201eharten Hand\u201c. Es gibt zahlreiche kleine Projekte, die versuchen, eine Ann\u00e4herung zwischen Juden und Arabern zu erreichen. In Haifa bringt ein Theater St\u00fccke mit Jugendlichen beider Bev\u00f6lkerungsgruppen auf die B\u00fchne. Fr\u00fcher, sagt mir eine \u00e4ltere Dame, habe es gemeinsame Sommercamps gegeben und Austauschprogramme. Aber aus Angst vor Terrorattacken seien diese eingestellt worden. Meinen Gastgeber, der Schulkinder hat, frage ich, ob es institutionelle Bem\u00fchungen gebe, die Kinder zusammenzubringen in irgendwelchen Programmen. Er verneint. Von staatlicher Seite passiert nichts, um eine Vers\u00f6hnung der Bev\u00f6lkerungsgruppen wenigstens innerhalb von Israel anzustreben. Es wird lediglich auf Milit\u00e4r und Sicherheitssysteme gesetzt, aber die Zweifel der Menschen sind gro\u00df, ob ihnen das auf Dauer wirklich Sicherheit bringt.<\/p>\n<div id=\"attachment_172812\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/israel-palaestina-durch-die-augen-einer-humanistin\/img_20150313_130712\/\" rel=\"attachment wp-att-172812\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-172812\" class=\"wp-image-172812 size-large\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_130712-600x391.jpg\" alt=\"IMG_20150313_130712\" width=\"600\" height=\"391\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_130712-600x391.jpg 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_20150313_130712-300x196.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-172812\" class=\"wp-caption-text\">Theaterprojekt zur Verst\u00e4ndigung zwischen den Religionen in Haifa<\/p><\/div>\n<p>Rana erz\u00e4hlt mir, wie sie die einzigen Israelis getroffen hat, die sie kennt. Der Internationale Vers\u00f6hnungsbund hatte einen Workshop in Berlin organisiert, an dem sie mit einem anderen Pal\u00e4stinenser teilnahm. Neben Teilnehmern aus allen Kontinenten waren auch zwei Israelis dabei. An einem Tag sollte jede Gruppe ihr Land vorstellen. \u201eEs war, als ob die Israelis und wir von zwei verschiedenen L\u00e4ndern erz\u00e4hlen. Wir hatten v\u00f6llig unterschiedliche Sichtweisen.\u201c Danach habe erstmal Schweigen zwischen ihnen geherrscht. \u201eBis dahin hatten wir uns eigentlich gut verstanden, aber nach diesen Pr\u00e4sentationen gingen die Israelis auf Abstand. Aber als es einige Tage sp\u00e4ter darum ging, welche Leute ein Zimmer miteinander teilen wollen, fragten uns die Israelis. Offensichtlich hatte in ihnen etwas gearbeitet. Es war nicht leicht f\u00fcr sie gewesen, unsere Perspektive anzuschauen, aber sie konnten sie nach einiger Zeit akzeptieren. Seitdem sind wir sehr gut befreundet.\u201c<\/p>\n<p>Diese Art von Geschichten sind es, die Hoffnung machen. Trotz all des Pessimismus, was den Friedensprozess angeht, gibt es auch Lichtblicke. Wie zum Beispiel mit Malcolm, dem Forscher f\u00fcr strategische Studien, der S\u00e4tze sagte wie \u201eHoffnung ist keine Strategie\u201c und \u201edie Menschheit wird sich ohnehin bald ausrotten.\u201c Nach stundenlangem Gespr\u00e4ch sagte er zum Abschied: \u201eWei\u00dft Du, ich hoffe, da\u00df Deine Realit\u00e4t gewinnen wird. Sie ist sehr viel sch\u00f6ner als meine. Ich habe zwar meine Zweifel, aber ich w\u00fcnsche Dir von ganzem Herzen viel Erfolg\u201c und an seinem Blick sehe ich seinen traurigen Ernst, aber auch ein kleines bi\u00dfchen Hoffnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schule haben wir gelernt, dass wir gute Noten in einer Er\u00f6rterung nur bekommen, wenn wir unnachgiebig einen Standpunkt vertreten und alle Gegenargumente widerlegen. 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