{"id":1726531,"date":"2023-03-21T06:09:23","date_gmt":"2023-03-21T06:09:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1726531"},"modified":"2023-03-21T06:09:23","modified_gmt":"2023-03-21T06:09:23","slug":"ukraine-man-sollte-die-patt-situation-fuer-verhandlungen-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/03\/ukraine-man-sollte-die-patt-situation-fuer-verhandlungen-nutzen\/","title":{"rendered":"Ukraine: Man sollte die Patt-Situation f\u00fcr Verhandlungen nutzen"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p class=\"author-meta\"><strong>Die Ukraine k\u00e4mpft um Freiheit und ihr Territorium \u2013 aber auch f\u00fcr geopolitische US-Interessen: Die USA wollen Russland schw\u00e4chen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p class=\"author-meta\"><em>Harald Kujat f\u00fcr die Online-Zeitung <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/welt\/ukraine-man-sollte-die-patt-situation-fuer-verhandlungen-nutzen\/\">INFOsperber<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p><em>upg. Medien verbreiten zunehmend Stimmen, die Verhandlungen erst dann bef\u00fcrworten, wenn sich Russland aus dem Donbas und der Krim zur\u00fcckzieht. Wer jetzt Verhandlungen fordere, sei nicht nur ein \u00abPutin-Versteher\u00bb, sondern ein \u00abPutin-Verehrer\u00bb und \u00abnaiver Pazifist\u00bb (FDP-Pr\u00e4sident Thierry Burkart). F\u00fcr sein Imperium kenne Putin keine Grenzen und wolle wieder die Kontrolle \u00fcber die fr\u00fcheren Ostblockl\u00e4nder (Soziologe\u00a0Grigorij Judin<\/em><em>im <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/welt\/russland-endet-nirgendwo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Interview heute <\/a>ausf\u00fchrlich auf Infosperber).<br \/>\nDeshalb dokumentiert Infosperber vor allem erg\u00e4nzende Stimmen, welche die Fortsetzung des Krieges f\u00fcr riskant halten. Heute General a.D. Harald Kujat. Er war Generalinspekteur der Bundeswehr und als Vorsitzender des Nato-Milit\u00e4rausschusses h\u00f6chster deutscher Milit\u00e4r der Nato. Weil sie immer noch aktuell sind, dokumentieren wir nochmals seine Aussagen aus einem Interview mit <a href=\"https:\/\/zeitgeschehen-im-fokus.ch\/de\/newspaper-ausgabe\/nr-1-vom-18-januar-2023.html#article_1460\">\u00abZeitgeschehen im Fokus\u00bb<\/a> (Zwischentitel von Infosperber).<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Russland sieht das nuklearstrategische Gleichgewicht gef\u00e4hrdet<\/strong><\/p>\n<p>Die Ukraine k\u00e4mpft um ihre Freiheit, um ihre Souver\u00e4nit\u00e4t und um die territoriale Integrit\u00e4t des Landes. Aber die beiden Hauptakteure in diesem Krieg sind Russland und die USA.<\/p>\n<p>Die Ukraine k\u00e4mpft auch f\u00fcr die geopolitischen Interessen der USA. Denn erkl\u00e4rtes Ziel der <em>USA<\/em> ist es, Russland politisch, wirtschaftlich und milit\u00e4risch so weit zu schw\u00e4chen, dass sie sich dem geopolitischen Rivalen zuwenden k\u00f6nnen, der als einziger in der Lage ist, ihre Vormachtstellung als Weltmacht zu gef\u00e4hrden: <em>China<\/em>.<\/p>\n<p><em>Russland<\/em> will verhindern, dass der geopolitische Rivale USA eine strategische \u00dcberlegenheit gewinnt, die Russlands Sicherheit gef\u00e4hrdet. Sei es durch Mitgliedschaft der Ukraine in der von den USA gef\u00fchrten Nato, sei es durch die Stationierung amerikanischer Truppen, die Verlagerung milit\u00e4rischer Infrastruktur oder gemeinsamer Nato-Man\u00f6ver. Auch die Dislozierung amerikanischer Systeme des ballistischen Raketenabwehrsystems der Nato in Polen und\u00a0Rum\u00e4nien ist Russland ein Dorn im Auge, denn Russland ist \u00fcberzeugt, dass die USA von diesen Abschussanlagen auch russische interkontinentalstrategische Systeme ausschalten und damit das nuklearstrategische Gleichgewicht gef\u00e4hrden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die strategischen Ziele der <em>ukrainischen Kriegsf\u00fchrung<\/em> hat Selensky immer wieder ge\u00e4ndert. Gegenw\u00e4rtig verfolgt die Ukraine das erkl\u00e4rte Ziel, alle von Russland besetzten Gebiete einschliesslich der Krim zur\u00fcckzuerobern.<\/p>\n<p><strong>Geplante Waffenlieferungen reichen nicht<\/strong><\/p>\n<p>Es gilt somit die Frage zu beantworten, ob das Mittel westlicher Waffenlieferungen geeignet ist, den von der Ukraine beabsichtigten Zweck zu erf\u00fcllen. Der ukrainische Generalstabschef <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/welt\/ukraine-die-kampfpanzer-reichen-fuer-eine-kriegswende-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">General Saluschnij<\/a> sagte k\u00fcrzlich: \u00abIch brauche 300 Kampfpanzer, 600 bis 700 Sch\u00fctzenpanzer und 500 Haubitzen, um die russischen Truppen wenigstens auf die Positionen von vor dem Angriff vom 24. Februar zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Jedoch mit dem, was er erhalte, seien \u00abgr\u00f6ssere Operationen nicht m\u00f6glich\u00bb.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt die Aussage des ukrainischen Generals Saluschnij, wonach die westlichen Waffenlieferungen den Krieg lediglich verl\u00e4ngern. Hinzu kommt, dass Russland die westliche Eskalation jederzeit durch eine eigene \u00fcbertreffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nach Ansicht des US-Generalstabschefs General Mark Milley hat die Ukraine das, was sie milit\u00e4risch erreichen konnte, erreicht. Mehr sei nicht m\u00f6glich. Deshalb sollten jetzt diplomatische Bem\u00fchungen aufgenommen werden, um einen Verhandlungsfrieden zu erreichen. Ich teile diese Auffassung.<\/p>\n<p><strong>Zeitpunkt f\u00fcr Verhandlungen<\/strong><\/p>\n<p>Beide Kriegsparteien befinden sich gegenw\u00e4rtig wieder in einer Pattsituation, die durch die Einschr\u00e4nkungen aufgrund der Jahreszeit verst\u00e4rkt wird. Jetzt w\u00e4re also der richtige Zeitpunkt, die abgebrochenen Verhandlungen wieder aufzunehmen. Die Waffenlieferungen bedeuten das Gegenteil, n\u00e4mlich dass der Krieg sinnlos verl\u00e4ngert wird, mit noch mehr Toten auf beiden Seiten und der Fortsetzung der Zerst\u00f6rung des Landes. Selbst der Nato-Generalsekret\u00e4r hat k\u00fcrzlich vor einer Ausweitung der K\u00e4mpfe zu einem Krieg zwischen der Nato und Russland gewarnt.<\/p>\n<p><strong>Verpasste Chance im letzten M\u00e4rz und September<\/strong><\/p>\n<p>Eine positive Ausgangslage f\u00fcr eine Verhandlungsl\u00f6sung hatte sich Ende M\u00e4rz vergangenen Jahres ergeben, als die Russen entschieden, vor Kiew abzudrehen und sich auf den Osten und den Donbas zu konzentrieren. Das hat die Verhandlungen in Istanbul erm\u00f6glicht. Eine \u00e4hnliche Lage entstand im September, bevor Russland die Teilmobilisierung durchf\u00fchrte. Die damals entstandenen M\u00f6glichkeiten sind nicht genutzt worden.<\/p>\n<p>Jetzt w\u00e4re es wieder Zeit zu verhandeln, und wir nutzen auch diese Gelegenheit nicht, sondern tun das Gegenteil: Wir schicken Waffen und eskalieren. Dies ist ein Aspekt, der den Mangel an sicherheitspolitischem Weitblick und strategischem Urteilsverm\u00f6gen offenlegt.<\/p>\n<p>Putin hatte am 30. September, als er zwei weitere Regionen zu russischem Territorium erkl\u00e4rte, ausdr\u00fccklich wieder Verhandlungen angeboten. Er hat das zwischenzeitlich mehrfach getan, jedoch die Latte h\u00f6her gelegt, indem er sagte, er sei zu Verhandlungen bereit, aber unter der Bedingung, dass die andere Seite die Gebiete anerkennt, die Russland annektiert hat.<\/p>\n<p>Daran sieht man, dass sich die Positionen beider Seiten immer mehr verh\u00e4rten, je l\u00e4nger der Krieg dauert. Denn Selensky sagte jetzt seinerseits, er verhandle erst, wenn sich die Russen vollst\u00e4ndig aus der Ukraine zur\u00fcckgezogen haben.<\/p>\n<p>Damit wird eine L\u00f6sung immer schwieriger, aber sie ist noch nicht ausgeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Angela Merkel hatte Russland bewusst get\u00e4uscht<\/strong><\/p>\n<p>Was Merkel sagte, ist eindeutig. Sie habe das Minsk II-Abkommen nur ausgehandelt, um der Ukraine Zeit zu verschaffen. Und die Ukraine habe diese auch genutzt, um milit\u00e4risch aufzur\u00fcsten. Der ehemalige franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Hollande best\u00e4tigte dies.<\/p>\n<p>Russland bezeichnet das verst\u00e4ndlicherweise als Betrug. Merkel best\u00e4tigte, dass Russland bewusst get\u00e4uscht wurde. Das kann man bewerten, wie man will, aber es ist ein eklatanter Vertrauensbruch und eine Frage der politischen Berechenbarkeit.<\/p>\n<p>Man kann auch nicht wegdiskutieren, dass die Weigerung der ukrainischen Regierung noch wenige Tage vor Kriegsbeginn, das Abkommen umzusetzen \u2013 in Kenntnis dieser beabsichtigten T\u00e4uschung \u2013 einer der Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Krieg war.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung hatte sich in der Uno-Resolution dazu verpflichtet, das \u00abgesamte Paket\u00bb der vereinbarten Massnahmen umzusetzen. Dar\u00fcber hinaus hat die Bundeskanzlerin mit den anderen Teilnehmern des Normandie-Formats eine Erkl\u00e4rung zur Resolution unterschrieben, in der sie sich noch einmal ausdr\u00fccklich zur Implementierung der Minsk-Vereinbarungen verpflichtete.<\/p>\n<p>Das\u00a0ist ein eindeutiger V\u00f6lkerrechtsbruch. Der Schaden ist immens. Man muss sich die heutige Situation einmal vorstellen. Die Leute, die von Anfang an Krieg f\u00fchren wollten und immer noch wollen, sagten immer, mit Putin kann man nicht verhandeln. Er h\u00e4lt die Vereinbarungen so oder so nicht ein. Jetzt stellt sich heraus, wir geh\u00f6ren ebenfalls zu diejenigen, die internationale Vereinbarungen nicht einhalten.<\/p>\n<p>Ich war immer der Ansicht, dass man diesen Krieg verhindern muss und dass man ihn auch h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen. Dazu habe ich mich im Dezember 2021 \u00f6ffentlich ge\u00e4ussert. Und Anfang Januar 2022 habe ich Vorschl\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht, wie in Verhandlungen ein f\u00fcr alle Seiten akzeptables Ergebnis erzielt werden k\u00f6nnte, mit dem ein Krieg doch noch vermieden wird. Leider ist es anders gekommen. Vielleicht wird einmal die Frage gestellt, wer diesen Krieg wollte, wer ihn nicht verhindern wollte und wer ihn nicht verhindern konnte.<\/p>\n<p><strong>Je l\u00e4nger der Krieg dauert, desto schwieriger wird ein Verhandlungsfriede<\/strong><\/p>\n<p>Je l\u00e4nger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es, einen Verhandlungsfrieden zu erzielen. Die russische Annexion von vier ukrainischen Gebieten am 30. September 2022 ist ein Beispiel f\u00fcr eine Entwicklung, die nur schwer r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden kann.<\/p>\n<p>Deshalb fand ich es so bedauerlich, dass die Verhandlungen, die im M\u00e4rz 2022 in Istanbul gef\u00fchrt wurden, nach grossen Fortschritten und einem durchaus positiven Ergebnis f\u00fcr die Ukraine abgebrochen wurden. Russland hatte sich in den Istanbul-Verhandlungen offensichtlich dazu bereit erkl\u00e4rt, seine Streitkr\u00e4fte auf den Stand vom 23. Februar zur\u00fcckzuziehen, also vor Beginn des Angriffs auf die Ukraine. Jetzt wird immer wieder der vollst\u00e4ndige Abzug als Voraussetzung f\u00fcr Verhandlungen gefordert.<br \/>\nDie Ukraine hatte sich verpflichtet, auf eine Nato-Mitgliedschaft zu verzichten und keine Stationierung ausl\u00e4ndischer Truppen oder milit\u00e4rischer Einrichtungen zuzulassen. Daf\u00fcr sollte sie Sicherheitsgarantien von Staaten ihrer Wahl erhalten. Die Zukunft der besetzten Gebiete sollte innerhalb von 15 Jahren diplomatisch, unter ausdr\u00fccklichem Verzicht auf milit\u00e4rische Gewalt gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Doch nach zuverl\u00e4ssigen Informationen hat der damalige britische Premierminister Boris Johnson am 9. April in Kiew interveniert und eine Unterzeichnung verhindert. Seine Begr\u00fcndung war, der Westen sei f\u00fcr ein Kriegsende nicht bereit.<br \/>\nDie Verhandlungen in Istanbul waren bekannt, auch dass man kurz vor einer Einigung stand, aber von einem Tag auf den anderen hat man nichts mehr geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><em>Foreign Affairs<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Responsible Statecraft<\/em>, zwei renommierte Zeitschriften, ver\u00f6ffentlichten dazu sehr informative Berichte. Der Artikel in\u00a0<em>Foreign Affairs<\/em>\u00a0war von Fiona Hill, einer ehemals hochrangigen Mitarbeiterin im nationalen Sicherheitsrat des Weissen Hauses. Sehr detaillierte Informationen wurden bereits am 2. Mai auch in der regierungsnahen\u00a0<em>Ukrainska Pravda<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Als Putin am 21. September die Teilmobilmachung verk\u00fcndete, erw\u00e4hnte er zum ersten Mal \u00f6ffentlich, dass die Ukraine in den Istanbul-Verhandlungen im M\u00e4rz 2022 auf russische Vorschl\u00e4ge positiv reagiert habe. \u00abAber\u00bb, meinte er w\u00f6rtlich, \u00abeine friedliche L\u00f6sung passte dem Westen nicht, deshalb hat er Kiew befohlen, alle Vereinbarungen zunichte zu machen\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Meine Erfahrungen mit Verhandlungen mit Russland<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe viele Verhandlungen mit Russland gef\u00fchrt, beispielsweise \u00fcber den russischen Beitrag zum Kosovo-Einsatz der Nato. Die USA hatten uns darum gebeten, weil sie mit Russland zu keinem Ergebnis kamen. Russland war schliesslich bereit, seine Truppen einem deutschen Nato-Befehlshaber zu unterstellen.<\/p>\n<p>In den 90er Jahren entstand eine enge politische Abstimmung und milit\u00e4rische Zusammenarbeit zwischen der Nato und Russland, seit 1997 durch den Nato-Russland-Grundlagenvertrag geregelt.<\/p>\n<p>Die Russen sind harte Verhandlungspartner, aber wenn man zu einem gemeinsamen Ergebnis kommt, dann steht das und gilt auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ukraine k\u00e4mpft um Freiheit und ihr Territorium \u2013 aber auch f\u00fcr geopolitische US-Interessen: Die USA wollen Russland schw\u00e4chen. Harald Kujat f\u00fcr die Online-Zeitung INFOsperber upg. 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