{"id":1724432,"date":"2023-03-12T15:03:27","date_gmt":"2023-03-12T15:03:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1724432"},"modified":"2023-03-12T15:09:47","modified_gmt":"2023-03-12T15:09:47","slug":"tuerkei-nach-dem-erdbeben-droht-eine-soziale-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/03\/tuerkei-nach-dem-erdbeben-droht-eine-soziale-katastrophe\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei: Nach dem Erdbeben droht eine soziale Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/tuerkei-nach-dem-erdbeben-droht-eine-soziale-katastrophe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Amalia van Gent f\u00fcr die Onlinezeitung Infosperber<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Hunderttausende verlassen die zerst\u00f6rten St\u00e4dte und D\u00f6rfer im Erdbebengebiet. Der erzwungene Exodus schafft zus\u00e4tzliche Probleme.<\/strong><\/p>\n<p>Die Bilder, die sich im S\u00fcden der T\u00fcrkei und in Syriens Nordwesten seit dem 6. Februar ins Kollektivged\u00e4chtnis eingebrannt haben, sind selbst f\u00fcr Aussenstehende ersch\u00fctternd: Das Bild jenes Vaters etwa, der auf den Tr\u00fcmmern seines Hauses sitzt, die Hand seiner unter Betonbl\u00f6cken und verbogenen Armierungseisen liegenden Tochter h\u00e4lt, ihr liebevoll zufl\u00fcstert, noch ein wenig durchzuhalten, bis ihre Stimme immer leiser wird und schliesslich ganz verstummt. \u00c4hnliche Szenen haben die Einheimischen in der zweiten Februarwoche tausendfach erlebt. Bereits die Erinnerung daran ist f\u00fcr sie deshalb eine Qual, ein Albtraum ohne Ende. Doch es gab auch Bilder von Tr\u00e4nen der Freude, zum Beispiel als eine Rettungsmannschaft 296 Stunden nach der Katastrophe unverhofft ein junges Ehepaar mit ihrem Sohn lebendig aus dem Ger\u00f6ll barg. Augenzeugen erz\u00e4hlen schliesslich vom Staub, der sich wie eine undurchdringliche Wolke hartn\u00e4ckig auf die Schutt- und Ger\u00f6llberge ihrer zerst\u00f6rten und nun verlassenen St\u00e4dte und D\u00f6rfer gelegt hat.<\/p>\n<p><strong>Unfassbares Ausmass der Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p>Am 6. Februar hat ein doppeltes Erdbeben mit einer Magnitude von 7,8, respektive 7,6 den S\u00fcden der T\u00fcrkei und Nordsyrien ersch\u00fcttert. Es riss meterbreite Schluchten und Felder auf, deformierte Landstrassen und Flugpisten. Geologen sagen, das Beben habe die Erde teilweise bis zu drei Meter verschoben. Zweifelsohne war es das schwerste Erdbeben in dieser Region in den vergangenen hundert Jahren. Danach folgten mehrere Dutzend Nachbeben, von einer fast ebenso zerst\u00f6rerischen Wucht wie die ersten Beben.<\/p>\n<p>Einen Monat danach sind Regierung und Betroffene in der T\u00fcrkei bem\u00fcht, das Ausmass der Katastrophe irgendwie in Zahlen zu fassen. Die offizielle Zahl der Toten soll bei rund 50\u2019000 liegen, die Bewohner der Region sch\u00e4tzen die Opferzahl hingegen doppelt so hoch. Denn immer noch werden unz\u00e4hlige Menschen vermisst. Die Zahl der Geb\u00e4ude, die wie Kartenh\u00e4user in sich zusammensackten oder stark besch\u00e4digt und unbewohnbar sind, gab der Minister f\u00fcr Stadtplanung, Murat Kurum, vor kurzem mit \u00abmehr als 173\u2019000\u00bb an.<\/p>\n<p>Ein Bericht des internationalen Ingenieurb\u00fcros f\u00fcr Katastrophenmanagement\u00a0<a href=\"https:\/\/miyamotointernational.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Miyamoto<\/a>\u00a0gibt pr\u00e4ziseren Aufschluss \u00fcber das Ausmass der Zerst\u00f6rung. Die japanischen Experten hatten eine NASA-Satellitenkarte ausgewertet, welche die Sch\u00e4den der verheerenden Erdbeben zeigt und kamen zum Schluss, dass \u00abjedes zweite Geb\u00e4ude in der Region besch\u00e4digt\u00bb sei. Verbittert weist die t\u00fcrkische Architektenkammer TMMOB darauf hin, knapp die H\u00e4lfte aller zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude seien nach 2001 gebaut worden. Zu einer Zeit also, als bereits sehr strenge Bauvorschriften zur Erdbebensicherheit in Kraft waren und Recep Tayyip Erdo\u011fan die Regierung anf\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>Erbauer der Nation<\/strong><\/p>\n<p>Seit seiner Macht\u00fcbernahme tr\u00e4umte Erdo\u011fan davon, als der \u00abgrosse Erbauer\u00bb der modernen T\u00fcrkei \u2013 gr\u00f6sser noch als der Republikgr\u00fcnder Kemal Atat\u00fcrk \u2013 in die Geschichte seines Landes einzugehen. Um diesen Traum zu verwirklichen, st\u00fctzte er sich auf grosse Baul\u00f6wen. In den letzten zwanzig Jahren verhalf er ihnen zu einem beispiellosen Reichtum, im Gegenzug vermehrten sie sein Prestige und st\u00fctzten damit seine Macht.<\/p>\n<p>So bauten Baul\u00f6wen im Auftrag des Staates und zu Ehren Erdo\u011fans im t\u00fcrkischen Westen die sogenannten \u00abverr\u00fcckten\u00bb Projekte: in Istanbul die gr\u00f6sste Br\u00fccke \u00fcber den Bosporus und den Tunnel darunter, in Ankara die gr\u00f6sste Moschee und unz\u00e4hlige Satellitenst\u00e4dte rund um alle grossen t\u00fcrkischen Metropolen. In einem atemberaubenden Tempo schossen zudem landesweit Autobahnen, Spit\u00e4ler, Schulen und Hochh\u00e4user wie Pilze aus dem Boden. Dabei haben sich die Bauherren offenbar weniger um Bauvorschriften k\u00fcmmern m\u00fcssen, je s\u00fcd\u00f6stlicher im Land sie aktiv waren.<\/p>\n<p>Die Berge von Schutt und Ger\u00f6ll, die nun tonnenweise aus den zerst\u00f6rten St\u00e4dten entfernt werden m\u00fcssen, sind die stummen Zeugen dieser ungestillten Geld- und Machtgier. Auf 84 Milliarden Dollar hat die Wirtschaftsvereinigung\u00a0<em>T\u00fcrkonfed\u00a0<\/em>in einer ersten Sch\u00e4tzung die Kosten f\u00fcr den Wiederaufbau veranschlagt. Astronomische Summen, die z\u00fcgig zur Verf\u00fcgung gestellt werden m\u00fcssten. Und schon bereiten sich die \u00abBauprinzen\u00bb vor, einmal mehr einen Teil des Kuchens f\u00fcr sich zu beanspruchen.<\/p>\n<p><strong>Multikultureller G\u00fcrtel der T\u00fcrkei getroffen<\/strong><\/p>\n<p>Entlang der 100 Kilometer langen tektonischen Verwerfungslinie, die von Hatay am Mittelmeer bis hin zu Malatya, im s\u00fcd\u00f6stlichen Anatolien, reicht, stehen Hunderttausende nun buchst\u00e4blich vor den Tr\u00fcmmern ihrer Existenz. Noch st\u00fcnden sie unter Schock, sagt Nil Deniz, die aus Hatay stammt. \u00abUnter den Tr\u00fcmmern liegen aber noch Leichen, und f\u00fcr \u00dcberlebende gibt es oft keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu gen\u00fcgenden Nahrungsmitteln, zu einem sicheren Obdach. Es gibt auch keinerlei Anzeichen, die den Menschen das Gef\u00fchl geben, dass sie nicht allein gelassen werden. Viele drehen durch.\u00bb Nil Deniz warnt: \u00abAuf die Trauer \u00fcber den Verlust von engsten Verwandten und die Zerst\u00f6rung ihres Lebensraums droht nun ein schwerer psychischer Zusammenbruch zu folgen.\u00bb<\/p>\n<p>Wie Nil Deniz stimmen die meisten Beobachter vor Ort in einem \u00fcberein: Viele qu\u00e4lende Tage habe es keine Hilfe seitens des Gouverneurs, der Katastrophenschutzbeh\u00f6rde Afad, der Staatsverwaltung oder einer anderen staatlichen Einrichtung gegeben. Der oppositionelle Journalist Can D\u00fcndar f\u00fchrt die Schwierigkeiten bei der Hilfe-Koordination indessen auf die \u00abexzessive Zentralisierung\u00bb im \u00abStaat Erdo\u011fan\u00bb zur\u00fcck: \u00abDie Verwaltung wartete nach dem Erdbeben drei kostbare Tage lang auf einen entsprechenden Beschluss von Erdo\u011fan\u00bb, schreibt er\u00a0<a href=\"https:\/\/ozguruz.de\/newsletter-de\/post-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">auf seiner Webseite<\/a>. \u00abDas Milit\u00e4r, die am besten organisierte Kraft im Land, konnte aus Angst vor dem Vorwurf eines Staatsstreichs nicht eingreifen; die Hilfsaktionen der Gemeinden und Nichtregierungsorganisationen, die der Staat nicht kontrollierte, wurden blockiert. W\u00e4hrenddessen starben die Menschen unter den Tr\u00fcmmern und warteten vergebens auf die Hilfe des Staats.\u00bb<\/p>\n<p>Wie ein lautes Echo hallt seit dem 6. Februar entlang der Verwerfungslinie daher dieselbe Klage: \u00abSie warten darauf, dass wir alle sterben \u2013 weil wir Christen sind\u00bb, zitiert die linke Internet-Plattform\u00a0<a href=\"https:\/\/bianet.org\/english\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bianet<\/a>\u00a0eine verzweifelte Bewohnerin aus Antakya. \u00abIn unserem Dorf liegt nach dem Erdbeben kein Stein mehr auf dem anderen\u00bb, erz\u00e4hlte Yilmaz Uzatmaz aus Adiyaman der kurdischen Agentur\u00a0<em>anf.<\/em>\u00a0Sieben Tage nach dem Beben sei in der Region noch kein einziger Beamter eingetroffen. \u00abWeil wir Alewiten sind\u00bb. Der Abgeordnete der einzigen pro-kurdischen HDP-Partei, Kemal B\u00fclb\u00fcl, sprach nach einem Besuch in der Erdbebenregion von der \u00abgr\u00f6ssten Trag\u00f6die des kurdischen Volks\u00bb. Die schnellste Hilfe kam seitens der kurdischen und t\u00fcrkischen Zivilgesellschaft. Beide wurden von der Regierung gehindert. \u00abNur, weil wir Kurden sind.\u00bb<\/p>\n<p>Das Erdbeben hat eine Region der T\u00fcrkei getroffen, die als einzige im Land einen multikulturellen Charakter hat. Antakya, das einstige Antiochien, war nach Rom und Alexandria die drittgr\u00f6sste Stadt der damaligen Welt und wichtiges Zentrum des fr\u00fchen Christentums. Mit seinen rund 400\u2019000 Einwohnern bildete es bis vor kurzem die Heimat der kleinen, arabisch-sprachigen, christlichen Minderheit der T\u00fcrkei. Die um Antakya herumliegende Provinz Hatay beherbergte hingegen die Mehrheit der ebenso arabisch-sprachigen religi\u00f6sen Minderheit der Alewiten, die einer besonders liberalen Auslegung des Islams nachgehen.<\/p>\n<p>Das Gebiet von Hatay in Richtung Gaziantep und Mardin wurde von einer gemischten Bev\u00f6lkerung bewohnt: Arabisch-sprachige Christen und Alewiten sowie t\u00fcrkisch- und kurdisch-sprachige Sunniten waren hier zuhause. Um Gaziantep und Adiyaman, bei denen das Epizentrum des Bebens lag, liessen sich im letzten Jahrzehnt \u00fcber eine Million Fl\u00fcchtlinge aus Syrien nieder und trugen als Billig-Arbeitskr\u00e4fte massgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Region bei.<\/p>\n<p>Vom hochgelegenen Mardin aus mit seinen aus Sandstein gebauten Kirchen, Kl\u00f6stern und Moscheen aus vergangenen Jahrhunderten, erstreckt sich weiter \u00f6stlich S\u00fcdostanatolien, die Heimat der Kurden. S\u00fcdostanatolien war schon immer das Armenhaus der T\u00fcrkei. Hier herrscht Krieg und Repression. Die Bev\u00f6lkerung rebelliert, weil die Identit\u00e4t der kurdischen Minderheit der T\u00fcrkei, immerhin weit \u00fcber 15 Millionen Menschen, offiziell nach wie vor geleugnet wird, weil ihre Jugend in Armut lebt und seit Jahrzehnten nichts anders kennt als Krieg.<\/p>\n<p>Wie wird sich die Erdbebenkatastrophe wohl mittel- und langfristig auf diesen multikulturellen G\u00fcrtel der T\u00fcrkei auswirken?<\/p>\n<p><strong>Der grosse Exodus<\/strong><\/p>\n<p>Wenn die grosse, afrikanische Platte sich auf die kleinere anatolische reibt, dann entstehen Erdbeben wie in einer Apokalypse. \u00abW\u00e4hrend wir in einen tiefen Schlaf fielen, brach pl\u00f6tzlich ein gewaltiger L\u00e4rm aus. Die Erde bebte heftig, die Felsen zersprangen und die H\u00fcgel zerbrachen. Die Berge schallten heftig. Die klangen wie Tiere\u00bb notierte Mateos aus Edessa (dem heutigen Urfa an der t\u00fcrkisch-syrischen Grenze) in seinem Tagebuch. \u00abJeder gab die Hoffnung auf sein Leben auf und dachte, der Tag des j\u00fcngsten Gerichts sei gekommen. Viele St\u00e4dte und D\u00f6rfer wurden in dieser Nacht verw\u00fcstet\u00bb. Das war im Jahr 1114.<\/p>\n<p>Und jetzt?<\/p>\n<p>Ende Februar meldete die Presse, dass rund 50\u2019000 syrische Fl\u00fcchtlinge aus dem zerst\u00f6rten Gebiet im S\u00fcden der T\u00fcrkei ins mindestens ebenso zerst\u00f6rte Gebiet im Westen Syriens zur\u00fcckgekehrt seien. Banden t\u00fcrkischer Rechtsextremisten w\u00fcrden durch die St\u00e4dte ziehen und mit brutaler Gewalt gegen Fl\u00fcchtlinge vorgehen. Die Presse spricht aber auch vom Exodus der Einheimischen. Laut der regierungsnahen Zeitung \u00abH\u00fcrriyet\u00bb seien bis Ende Februar \u00fcber zwei Millionen Menschen in den Westen der T\u00fcrkei ausgewandert. Diese durch das Beben erzwungene Migration droht zu einer \u00absozialen Katastrophe\u00bb auszuwachsen. Die Bev\u00f6lkerung in der Provinz Mersin sei um 40 Prozent gestiegen und habe die Ressourcen der Stadt, was Infrastruktur, Unterkunft, Transport und Gesundheit betreffe, l\u00e4ngst \u00fcberschritten, stand in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung von 47 Institutionen und Nichtregierungsorganisationen der Provinz. So wird die Katastrophe aus dem Bebengebiet wie ein wanderndes Unheil \u00fcberall ins Land getragen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei ist dringend auf internationale Hilfe angewiesen. Ob die Weltgemeinschaft diese Hilfe von Erdo\u011fans extrem zentralistischem Staat verwalten l\u00e4sst oder ob sie sinnvollere Wege findet, um sie Organisationen vor Ort und somit den Betroffenen zur Verf\u00fcgung zu stellen, wird sich bald zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amalia van Gent f\u00fcr die Onlinezeitung Infosperber Hunderttausende verlassen die zerst\u00f6rten St\u00e4dte und D\u00f6rfer im Erdbebengebiet. Der erzwungene Exodus schafft zus\u00e4tzliche Probleme. Die Bilder, die sich im S\u00fcden der T\u00fcrkei und in Syriens Nordwesten seit dem 6. 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