{"id":1723600,"date":"2023-03-09T13:45:46","date_gmt":"2023-03-09T13:45:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1723600"},"modified":"2023-03-13T14:12:27","modified_gmt":"2023-03-13T14:12:27","slug":"die-guillotine-oder-alle-macht-der-maschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/03\/die-guillotine-oder-alle-macht-der-maschine\/","title":{"rendered":"Die Guillotine: oder alle Macht der Maschine"},"content":{"rendered":"<p><strong>Entstanden aus dem Pathos von Humanit\u00e4t und Aufkl\u00e4rung, sollte die Guillotine einst ein Zeichen f\u00fcr technische Modernit\u00e4t sein. Erdacht, um den pr\u00e4zisen Vollzug der Todesstrafe zu garantieren \u2013 ohne Qual, ohne Folter, ohne Ansehen von Rang und Stand. Was f\u00fcr ein Trugschluss. Die Guillotine wird eine einzige blutige Regierungsmaschine.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Geschichts-Report von Helmut Ortner<\/em><\/p>\n<p><em>\u00bbHeute soll die Maschine in Gebrauch genommen werden, die erfunden wurde, um den zum Tode verurteilten Verbrechern den Kopf abzuschlagen. Die Enthauptung mittels dieser Maschine wird gegen\u00fcber den bisherigen Hinrichtungsarten mehrere Vorteile aufweisen: der Anblick wird weniger schockierend sein, denn keines Menschen werden mehr mit Blut seines N\u00e4chsten befleckt; und der verurteilte wird nur noch der Marter der Todesangst ertragen m\u00fcssen, die schlimmer sein wird, als der Schlag selbst, durch den er aus dem Leben scheidet \u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Paris, 25. April 1792, gegen 15.30 Uhr. Nicolas Jacques Pelletier, ein justizbekannter Gewohnheitskrimineller, angeklagt wegen Stra\u00dfenr\u00e4uberei, wird vor den Augen einer gewaltigen Menschenmenge zum Schafott gef\u00fchrt wird. Zum ersten Mal darf Charles-Henri Sanson, der Henker von Paris, in Namen des Gesetzes das Beil der neuen Guillotine in Bewegung setzen. Pelletiers Kopf ist binnen Sekunden vom K\u00f6rper getrennt. Die Premiere gelungen.<\/p>\n<p>Die \u00bbRevolution\u00ab hat begonnen! Mit der Hinrichtung beweist die Nationalversammlung ihre Entschlossenheit, dem \u00bbAlten Regime\u00ab ein Ende zu setzen. Noch vor wenigen Jahren waren Menschen \u00f6ffentlich ger\u00e4dert und verbrannt worden, 1783 ein Homosexueller, 1785 ein Brandstifter, 1787 ein Vaterm\u00f6rder. Nein, die Zeit ist reif f\u00fcr eine neue Maschine, deren Devise lautet: <em>Gleichheit, Vern\u00fcnftigkeit, und vor allem \u2013 Menschlichkeit.<\/em> Menschlichkeit gegen\u00fcber dem Opfer, dessen Schmerz die Guillotine verringert. Menschlichkeit gegen\u00fcber den Zuschauern, denen die Maschine den grauenerregenden Anblick der alten Hinrichtungsrituale erspart, weil es aus dem unmenschlichen Schauspiel des \u00f6ffentlichen Sterbens ein kurzes Blutvergie\u00dfen macht. Und Menschlichkeit gegen\u00fcber dem Henker, der nur mehr Ausl\u00f6ser eines mechanischen T\u00f6tungsprozesses ist, weil zwischen ihm und den K\u00f6rper des Delinquenten eine neutrale Maschine steht. Kurzum: mechanische und schmerzlose Schnelligkeit als menschenfreundlicher Fortschritt \u2013 und dieser Fortschritt wird vor den Augen des Volkes, dem bevorzugten Zeugen f\u00fcr die neuen Errungenschaften, vollzogen.<\/p>\n<p>Als sichtbares Schwert steht die Guillotine f\u00fcr eine f\u00fcr alle Menschen gleichen Gerechtigkeit. In den Berichten von der Einweihung der Maschine wird die Person der Verurteilten und die des Henkers mit keinem Wort erw\u00e4hnt: der Akzent hat sich \u2013 ganz im Sinne der neuen Zeit \u2013 von den Beteiligten auf die Maschine verlagert. Der Scharfrichter ist allenfalls noch ausf\u00fchrendes Organ, ein \u00bbVertreter der Exekutivgewalt.\u00ab Es lebe der Fortschritt, es lebe die Revolution!<\/p>\n<p>Eines fasziniert von Anfang an alle Beteiligten: die Effizienz der Maschine. Sie funktioniert perfekt. Aber die Wirkung? Konnte man in dieser so sekundenschnellen Exekution, in diesem Todes-Augenblick \u00fcberhaupt f\u00fcr seine Verfehlung Bu\u00dfe tun, so dass sie als ein Flehen um g\u00f6ttliche Barmherzigkeit auch f\u00fcr die Zuschauer sichtbar wurde? Bislang war die Hinrichtung eines Delinquenten so etwas wie eine sakrale Inszenierung, eine Vers\u00f6hnung zwischen dem Sterbenden und seiner Seele und Gott. Wenn die Schnelligkeit des Hinrichtungsrituals diesen <em>\u00bbgeheiligten Moment\u00ab <\/em>geradezu aufl\u00f6st, best\u00fcnde da nicht die Gefahr, dass der Sterbende \u00fcberhaupt noch sein Heil erlangen k\u00f6nnte? Der Begriff des Sterbens verliert seinen Sinn, wenn der Lebende mit einem Mal tot ist \u2013 monierten Kritiker, die schon zuvor vor einem <em>\u00bbMangel an Sichtbarem\u00ab <\/em>gewarnt hatten.<\/p>\n<h3><strong>Ein Produkt der Franz\u00f6sischen Revolution<\/strong><\/h3>\n<p>Sicher, die Guillotine war ein Produkt der Franz\u00f6sischen Revolution, aber die Premiere der Guillotine 1792 geriet ohne Zweifel f\u00fcr viele auch zur Entt\u00e4uschung, sie hatte sogar jene irritiert, die die Zeremonie erdacht hatten. Sollte die neue Maschine nicht ein Fanal sein, ganz im Sinne der Gleichheit und Menschlichkeit? Ging das nicht alles verloren unter dem sekundenschnellen Herabfallen des Beils?<\/p>\n<p>Kaum drei Jahre zuvor, am 26. August 1789, geh\u00f6rte es zu den ersten Ma\u00dfnahmen der jungen Nationalversammlung, dass die Angeordneten eine Erkl\u00e4rung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte verabschiedeten. Hierin war auch von einem neuen Strafrecht die Rede, das die B\u00fcrger zuk\u00fcnftig vor der Willk\u00fcr der Justiz sch\u00fctzen sollte, auch um einen \u00bbhumaneren\u00ab den Vollzug der Todesstrafe.<\/p>\n<p>Und es ist Joseph-Ignace Guillotin, ein zu Ruhm, Ehren und Wohlstand gekommener Pariser Arzt, Reformer, Freimaurer und zeitweise Parlamentarier, Mitglied der besten einflussreichen Gesellschaft, der sich als Aufkl\u00e4rer sah, der Anfang Oktober 1789 einen sechs Artikel umfassenden Reformvorschlag in die Nationalversammlung einbringt, dessen Hauptforderung es ist, dass die Enthauptung die einzige Hinrichtungsart werden \u2013 und auf vorherige Folter des Verurteilten verzichtet werden sollte.<\/p>\n<p>Es sollte noch mehr als zwei Jahre dauern, bis sich die Nationalversammlung dazu entschlie\u00dfen konnte, die von Guillotin vorgeschlagene Enthauptungsmaschine trotz zahlloser Einw\u00e4nde herstellen zu lassen. Am 3. Juni 1791 stimmten die Angeordneten einem Gesetzentwurf zu, aufgrund dessen <em>\u00bbjedem zum Tode Verurteilten der Kopf abzutrennen ist\u00ab.<\/em> Aber nicht Guillotin, sondern sein Kollege der Chirurgischen Akademie, <em>Antoine Louis<\/em>, wurde mit der eigentlichen Konstruktion beauftragt, da sich herausgestellt hatte, dass Dr. Guillotin, theoretisch zwar versiert, in der praktischen Umsetzung aber doch \u00fcberfordert schien. Die eigentliche handwerkliche Ausf\u00fchrung erledigte schlie\u00dflich der deutsche Klavierbauer <em>Tobias Schmidt<\/em>. Er hatte das g\u00fcnstigste Angebot gemacht und am 10. April 1792 den Auftrag erhalten. F\u00fcr einen St\u00fcckpreis von 960 Livres sollte den Bau der ersten <em>\u00bbGuillotine\u00ab <\/em>bewerkstelligen.<\/p>\n<p>Die neue <em>\u00abK\u00f6pfmaschine\u00ab<\/em> war ein Instrument, das im Wesentlichen aus zwei Teilen bestand: einem Kippbrett, auf dem Verurteilte festgeschnallt wurde, und einem etwa f\u00fcnf Meter hohen Ger\u00fcst, von dem das scharf geschliffene Fallbeil \u2013 von zwei seitlichen Schienen gef\u00fchrt \u2013 in den Nacken des Verurteilten mit verl\u00e4sslicher Genauigkeit traf. Der Delinquent wurde in der Regel aufrecht stehend an das bewegliche Kippbrett gegurtet und anschlie\u00dfend in waagrechte Position genau unter das Fallbeil geschwenkt. Danach wurde der Kopf noch mit einer Art Halsgeige festgehalten. So jedenfalls sah des die Konstruktion vor \u2013 jetzt aber musste der praktische Vollzug erprobt werden.<\/p>\n<p>Die Generalprobe vor einem vierzigk\u00f6pfigen Publikum verlief jedenfalls zufriedenstellend. Beilh\u00f6he und Schneideform waren kurz zuvor noch einmal ver\u00e4ndert worden, nachdem bei Versuchen mit lebenden K\u00e4lbern und Schafen deren K\u00f6pfe vom herabfallenden Beil zwar glatt abgehackt worden waren, doch die H\u00e4lse dreier m\u00e4nnlicher Leichen die ersten Versuch der Schneide trotzten. Nun aber erf\u00fcllte der Prototyp der neuen Enthauptungsmaschine die Erwartungen. Antoine Louis konnte dem Generalstaatsanwalt berichten, Schmidts K\u00f6pfmachine habe so sauber enthauptet, <em>\u00bbdass man von der Gewalt und Schnelligkeit \u00fcberw\u00e4ltigt war.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Am Nachmittag des 25. April 1792, nachdem Nicolas-Jacques Pelletiers Kopf gefallen war, konnte die neue Technik des T\u00f6tens im Namen des Gesetzes ihren zweifelhaften Siegeszug antreten. Und sie sollte mit einer im wahrsten Sinne des Wortes t\u00f6dlichen Sicherheit funktionieren. <em>\u00bbEs begann die industrielle Revolution auf dem Gebiet der Todesstrafen\u00ab<\/em>, sollte der deutsche Kriminologe Hans von Hentig sp\u00e4ter feststellen.<\/p>\n<h3><strong>Altar des Vaterlandes<\/strong><\/h3>\n<p>Doch im April 1792 l\u00e4sst sich nicht vorhersehen, dass die Maschine, die aus Grunds\u00e4tzen der Menschlichkeit und der Vernunft nun endlich auch in Frankreich eingef\u00fchrt wird, innerhalb von nur wenigen Monaten zur <em>\u00bbschrecklichen Guillotine\u00ab<\/em> werden sollte. Anf\u00e4nglich ist die Guillotine bei weitem nicht ausgelastet. F\u00fcr den Henker und seine Gehilfen gibt es nicht sonderlich viel zu tun. Hin und wieder f\u00e4llt das Haupt eines Kriminellen oder Royalisten. Nach der Pelletier-Premiere wird die Maschine zur <em>Place du Carrousel<\/em> gebracht, danach steht das Schafott auf der <em>Place de la Revolution<\/em>. Und allein dort sollten \u2013 einem zynischen Wort jener Zeit zufolge \u2013 mehr als 1.100 Franzosen <em>\u00bbihren Kopf in den Korb spucken \u00ab.<\/em> Danach verfiel die Justiz der Revolution in eine barbarische T\u00f6tungs-Raserei. Allein Charles-Henri Sanson, der wohl bekannteste Scharfrichter aus der \u00fcber sechs Generationen reichenden Henkers-Dynastie Sanson, wird w\u00e4hrend der Schreckensherrschaft in f\u00fcnfhundert Tagen rund 2600 Menschen exekutieren! Im \u00fcbrigen Frankreich werden es mehr als 20.000 sein.<\/p>\n<p>In der Nationalversammlung nennt man die t\u00e4glichen Hinrichtungen <em>rote Messen<\/em> und das Schafott den <em>Altar des Vaterlandes. <\/em>Geopfert werden alle, die der neue Zeit ablehnend gegen\u00fcber stehen und diese bek\u00e4mpfen \u2013 vor allem aber jene, die Revolutionselite und ihre Protagonisten nicht zu brauchen glaubt, darunter: am 21. Januar 1793 der gest\u00fcrzte <em>K\u00f6nig Ludwig XVI<\/em>, am 16. Oktober 1793 seine Frau <em>Marie Antoinette,<\/em> am 24. M\u00e4rz 1794 <em>Jacques-Ren\u00e9 H\u00e9bert<\/em>, ein F\u00fchrer der linken Jakobiner. Am 5. April des gleichen Jahres <em>Georges-Jacques Danton <\/em>und mit ihm 14 Gleichgesinnte, am 28. Juli <em>Maximilien de Robespierre,<\/em> F\u00fchrer der Jakobiner, vormals entschiedener Bef\u00fcrworter f\u00fcr die Abschaffung der Todesstrafe, sp\u00e4ter einer der gro\u00dfen Impresarios der Schreckensherrschaft und mit ihm <em>Louis-Antoine de Saint-Just,<\/em> sein engster Mitarbeiter, der einst verf\u00fcgt hatte: <em>\u00bbDie Friedh\u00f6fe haben \u00fcberf\u00fcllt zu sein, nicht die Gef\u00e4ngnisse.\u00ab<\/em> Nun war er selbst Opfer des rauschhaften Terrors geworden.<\/p>\n<h3><strong>Zeit des Schreckens und des Wahns<\/strong><\/h3>\n<p>Zwei Jahre lang macht die Revolution einen im Sinne des Wortes <em>rasenden <\/em>Gebrauch der Guillotine und n\u00fctzt sie f\u00fcr politische Zwecke. Sie wird zum allt\u00e4glichen Instrument eines Revolutions-Tribunals, das sich als alleinige Vertreterin einer <em>\u00bbwahren\u00ab revolution\u00e4ren Rechtsprechung\u00ab <\/em>stilisiert. Die Guillotine wird eine einzige blutige Regierungsmaschine. Akribisch notiert der Scharfrichter Charles-Henri Sanson, die Namen der Hingerichteten in seinem Tagebuch und schildert seine Eindr\u00fccke und Beobachtungen. Ein Dokuments des Wahnsinns in einer Zeit des Schreckens, in der er als <em>Henker von Paris<\/em> selbst eine der zentralen Schreckensgestalten ist. Am 17. Juni 1794 notiert Sanson:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201cEin schrecklicher Tag! Die Guillotine hat vierundf\u00fcnfzig vernichtet. Ich bin mit meinen Kr\u00e4ften am Ende und w\u00e4re beinahe ohnm\u00e4chtig geworden\u2026\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Nachzulesen in den Memoiren der Henkersfamilie Sanson, die als sechsb\u00e4ndiges Werk 1862 erschienen und vom letzten Mitglied der Familie, Henri-Clement-Sanson, herausgegeben wurden, der als letzter das schaurige Amt des Pariser Scharrichters ausf\u00fchrte. Erschreckende, erhellende, aber auch irritierende \u00bbMemoiren\u00ab. Zum einen, die schicksalhafte Verstrickung dieser Schreckensm\u00e4nner, die nicht unbedingt dem Klischee von blutr\u00fcnstigen, stumpfsinnigen Folterknechten entsprachen, sondern eine gewisse Sensibilit\u00e4t besa\u00dfen und \u00fcber ihr Amt Reflexionen anstellten, ja unter ihrer T\u00e4tigkeit wahrscheinlich sogar litten; zum andern, sich aber trotzdem in der Pflicht gegen\u00fcber dem Gesetz und Staates sahen, und \u00fcber Generationen das Henkersamt aus\u00fcbten. Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Familiengeschichte der Sanson aufs engste verkn\u00fcpft und verfochten ist mit der einer der gewaltigsten und gewaltt\u00e4tigsten Epochen der neueren Geschichte \u2013 der Franz\u00f6sischen Revolution \u2013 machen diese Memoiren zu einem einmaligen Dokument.<\/p>\n<p>Henri-Clement-Sansons Gro\u00dfvater Henri, der <em>\u00bbgro\u00dfe Sanson\u00ab,<\/em> k\u00e4mpfte ein Leben lang um b\u00fcrgerliche Anerkennung. Der K\u00f6nig gew\u00e4hrte ihm schlie\u00dflich die Mitgliedschaft in der Nationalgarde. Doch noch sein Sohn Henri, genannt <em>\u00bbder Sch\u00f6ne\u00ab<\/em>, der die K\u00f6nigin Marie Antoinette hingerichtet hatte, litt unter dem Makel seines Henkeramtes so sehr, dass er seinen Sohn auf dem Land erziehen und bis zum dreizehnten Lebensjahr in Unkenntnis \u00fcber den Beruf seines Vaters leben lie\u00df. Nichtsdestotrotz ergriff auch seine Sohn Henri-Clement, der sp\u00e4tere Herausgeber der Memoiren, den Henkersberuf. Nie aber konnte er \u2013 der sp\u00e4ter vom K\u00f6nig sogar aus dem Amt entlassen wurde, weil er um Spielschulden zu begleichen, seine Guillotine verpf\u00e4ndetet hatte \u2013 nie konnte er die zweifelhafte Popularit\u00e4t seines Gro\u00dfvaters erreichen. Sein Name steht f\u00fcr eine Schreckenszeit, die ihre eigene Parole <em>\u00bbFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u00ab<\/em> auf dem Schafott in Blut ertr\u00e4nkte.<\/p>\n<h3><strong>Die Guillotine hatte ausgedient<\/strong><\/h3>\n<p>Trotz ihrer Diskreditierung w\u00e4hrend der Schreckensherrschaft blieb die Guillotine doch das gesetzliche Hinrichtungsger\u00e4t aller nachfolgenden Staatsformen, die Frankreich erlebte. Erstaunlicherweise machte Napoleon recht selten davon Gebrauch. Seine Heere jedoch exportierten die Guillotine nach fast ganz Europa und sorgten f\u00fcr deren Verbreitung. Die letzte \u00f6ffentliche Hinrichtung in Frankreich, dem \u00bbMutterland\u00ab der Guillotine, fand 1939 vor dem Gef\u00e4ngnis von Versailles statt und geriet, wie so h\u00e4ufig, zu einem Volksfest. W\u00e4hrend der Nacht vor der Hinrichtung hatte sich eine gewaltige Menschenmenge versammelt, es gab Weinausschank und Musik, und die Menge war in bester Stimmung. Die Szenerie erinnerte beinahe an d\u00fcstersten Zeiten der blutigen Revolution. Als Folge dieses unw\u00fcrdigen Spektakels wurden die Hinrichtungen nun endg\u00fcltig auf die H\u00f6fe der jeweiligen Gef\u00e4ngnisse verlegt. Nur mehr Amtspersonen und offizielle Zeugen durften der Exekution beiwohnen. 1943 wurden eine Frau und ein Mann hingerichtet, weil sie an Frauen Abtreibungen vorgenommen hatten. Ebenfalls in den Jahren des Zweiten Weltkrieges verh\u00e4ngten franz\u00f6sische Gerichte, die mit den deutschen Besatzern und dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vichy-Regime\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vichy-Regime<\/a> kollaborierten, Todesurteile gegen politische Gegner, vor allem Kommunisten und Mitglieder der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%A9sistance\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">R\u00e9sistance<\/a>. Die Urteile lie\u00df man ohne wirkliche M\u00f6glichkeit von Rechtsmitteln bereits am folgenden Tag vollstrecken. Nachdem der Henker Jules-Henri Desfourneaux 1943 f\u00fcnf R\u00e9sistance-Mitglieder hingerichtet hatte, schieden seine Assistenten Obrecht und die Br\u00fcder Martin aus Gewissensgr\u00fcnden und Protest vor\u00fcbergehend aus dem Team aus. Desfourneaux warfen sie allzu gro\u00dfe Willf\u00e4hrigkeit den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kollaboration\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kollaborateuren<\/a> gegen\u00fcber vor. Am Morgen des 30. April 1944 enthauptete Desfourneaux in Paris nacheinander neun M\u00e4nner, deren einziges \u201eVerbrechen\u201c es war, Kommunisten zu sein.<\/p>\n<p>Der Henker Jules-Henri Desfourneaux starb 73-j\u00e4hrig im Oktober 1951 in Paris. In den 42 Jahren seiner Zeit als Scharfrichterassistent und Scharfrichter wirkte er an 200 bis 250 Enthauptungen mit. Die letzte Hinrichtung durch die Guillotine fand in Frankreich am 10. September 1977 statt. Am 19. Februar 2007 wurde das Verbot der Todesstrafe in die franz\u00f6sische Verfassung aufgenommen. Die Guillotine hatte ausgedient.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland war die bis zur Abschaffung der Todesstrafe 1949 als offizielles Hinrichtungsinstrument im Einsatz gewesen. Besonders w\u00e4hrend der Nazi-Diktatur, vor allem nach Kriegsbeginn, stieg die Zahl der Todesurteile steil an. Beinahe alle gr\u00f6\u00dferen deutschen Gef\u00e4ngnisse waren mit Fallbeilen ausgestattet, allein in Berlin-Pl\u00f6tzensee wurden etwa dreitausend Verurteilte hingerichtet. In der ehemaligen DDR wurden bis 1967 wahrscheinlich bis zu einhundert Exekutionen mit der Guillotine vorgenommen. Erst mit dem Strafgesetzbuch vom 12. Februar 1968 trat dort anstelle der Enthauptung das Erschie\u00dfen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Vom Autor erschienen:<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Helmut Ortner, <a href=\"https:\/\/www.nomen-verlag.de\/produkt\/ohne-gnade\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ohne Gnade \u2013 Eine Geschichte der Todesstrafe<\/a>, Nomen Verlag, 230 Seiten, 22 Euro<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1625622\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web-658x1024.jpg\" alt=\"Ohne Gnade - Helmut Ortner\" width=\"410\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web-658x1024.jpg 658w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web-193x300.jpg 193w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entstanden aus dem Pathos von Humanit\u00e4t und Aufkl\u00e4rung, sollte die Guillotine einst ein Zeichen f\u00fcr technische Modernit\u00e4t sein. 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