{"id":1722207,"date":"2023-03-04T12:46:12","date_gmt":"2023-03-04T12:46:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1722207"},"modified":"2023-03-04T12:46:12","modified_gmt":"2023-03-04T12:46:12","slug":"antje-vollmers-vermaechtnis-einer-pazifistin-und-umweltpolitikerin-der-ersten-stunde-was-ich-noch-zu-sagen-haette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/03\/antje-vollmers-vermaechtnis-einer-pazifistin-und-umweltpolitikerin-der-ersten-stunde-was-ich-noch-zu-sagen-haette\/","title":{"rendered":"Antje Vollmers Verm\u00e4chtnis einer Pazifistin und Umweltpolitikerin der ersten Stunde: \u201eWas ich noch zu sagen h\u00e4tte\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Antje Vollmer, Ex-Vizepr\u00e4sidentin des Bundestages, ist ein Urgestein ihrer Partei die Gr\u00fcnen. Sie kritisiert die fatale Entwicklung der Gr\u00fcnen von einer pazifistischen Partei zu einer Partei, f\u00fcr die Krieg f\u00fchren und die Verbreitung westlicher Hegemonie erste Wahl geworden sind und aus deren Reihen Pazifisten nunmehr geradezu verh\u00f6hnt werden. \u201cDie Au\u00dfenministerin ist die schrillste Trompete der neuen antagonistischen Nato-Strategie.\u201d Der aktuell eingeschlagene Konfrontations- und Militarisierungskurs eskaliere nicht nur Krieg und unendliches Leid, er<\/strong><\/em> <em><strong>sei auch unvereinbar mit dem erforderlichen gemeinsamen Kampf der Menschheit gegen Klimakatastrophe und f\u00fcr soziale Gerechtigkeit. \u201cDer Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die f\u00fcr die Rettung des Planeten und gegen die Armut des globalen S\u00fcdens dringend gebraucht werden.\u201d Friedens- und Umweltbewegung geh\u00f6ren zusammen. Und \u201cFriedensbewegung\u201d ist das Gegenteil von \u201cZeitenwende\u201d.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Antje Vollmer hat als Erstunterzeichnerin das <\/em><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/02\/aufstand-fuer-frieden\/\">Friedensmanifest von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer<\/a><em> unterschrieben. \u201cMan kann ihren Text als politisches Verm\u00e4chtnis lesen \u2013 er ist eine gro\u00dfe Abrechnung mit dem Zeitgeist\u201d, schreibt die Berliner Zeitung. Antje Vollmer, sie wurde f\u00fcr viele im Laufe ihres Lebens auch eine moralische Instanz gegen Faschisierung und zersetzenden Hass in der Gesellschaft, ist schwer erkrankt. In Ihrem Antwortschreiben an unsere Redaktion FGLB bittet sie alle \u201cihr Engagement, wo immer m\u00f6glich, nicht aufzugeben. Es ist nicht umsonst!\u201d (Anna Peters und Peter Vlatten)<\/em><\/p>\n<p>\u201cIch stand auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Pl\u00f6tzlich n\u00e4herte sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern \u2013 mit Mardern, Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost.<\/p>\n<p>Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des Kontinents rollten zur gleichen Zeit Milit\u00e4rtransporte voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West. Sie w\u00fcrden sich nicht zu einer Panzerschlacht im Stile des Ersten Weltkrieges irgendwo in der Ukraine treffen.<\/p>\n<p>Nein, sie w\u00fcrden diesmal erneut den waffenstarrenden Abgrund zwischen zwei Machtbl\u00f6cken markieren, an dem die Welt sich vielleicht zum letzten Mal in einer Konfrontation mit m\u00f6glicherweise apokalyptischem Ausgang gegen\u00fcbersteht. Wir befanden uns also wieder im Kalten Krieg und in einer Spirale der gegenseitigen existenziellen Bedrohung \u2013 ohne Ausweg, ohne Perspektive. Alles, wogegen ich mein Leben lang politisch gek\u00e4mpft habe, war mir in diesem Moment pr\u00e4sent als eine einzige riesige Niederlage.<\/p>\n<h3><strong>Bei Geschichte ist es immer wichtig, von welchem Anfang man sie erz\u00e4hlt<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist \u00fcblich geworden, zu Beginn jeder Erw\u00e4hnung der ungeheuren Trag\u00f6die um den Ukraine-Krie<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/ukraine\">g<\/a> wie eine Schwurformel von der \u201eZeitenwende\u201c, vom v\u00f6lkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg Putins bei feststehender Alleinschuld der russischen Seite zu reden und dem\u00fctig zu bekennen, wie sehr man sich geirrt habe im Vertrauen auf eine Phase der Entspannung und der Vers\u00f6hnung mit Russland nach der gro\u00dfen Wende 1989\/90.<\/p>\n<p>Diese Schwurformel wird wie ein Ritual eingefordert, wie ein Kotau, um \u00fcberhaupt weiter mitreden zu d\u00fcrfen. Die Feststellung ist ja auch nicht falsch, sie verdeckt aber h\u00e4ufig genau die zentralen Fragen, die es eigentlich zu kl\u00e4ren g\u00e4be.<\/p>\n<p>Wo genau begann die Niederlage? Wo begann der Irrtum? Wann und wie entstand aus einer der gl\u00fccklichsten Phasen in der Geschichte des eurasischen Kontinents, nach dem nahezu gewaltfreien Ende des Kalten Krieges, diese erneute t\u00f6dliche Eskalation von Krieg, Gewalt und Blockkonfrontation? Wer hatte Interesse daran, dass die damals m\u00f6gliche friedliche Koexistenz zwischen Ost und West nicht zustande kam, sondern einem erneuten weltweitem Antagonismus anheimfiel?<\/p>\n<p>Und dann die Frage aller Fragen: Warum nur fand ausgerechnet Europa, dieser Kontinent mit all seinen historischen Trag\u00f6dien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft, zum Zentrum einer friedlichen Vision f\u00fcr den bedrohten Planeten zu werden?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Deutung historischer Ereignisse ist es immer entscheidend, mit welchen Aspekten man beginnt, eine Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<h3><strong>Russlands gro\u00dfe Vorleistung des Gewaltverzichts<\/strong><\/h3>\n<p>Ich widerspreche der heute \u00fcblichen These, 1989 habe es eine etablierte europ\u00e4ische Friedensordnung gegeben, die dann Schritt um Schritt einseitig von Seiten Russlands unter dem Diktat des KGB-Agenten Putin zerst\u00f6rt worden sei, bis es schlie\u00dflich zum Ausbruch des Ukrainekrieges kam.<\/p>\n<p>Das ist nicht richtig. Richtig ist: 1989 ist eine Ordnung zerbrochen, die man korrekter als \u201ePax atomica\u201c bezeichnet hat, ohne dass eine neue Friedensordnung an ihre Stelle trat. Diese zu schaffen, w\u00e4re die Aufgabe der Stunde gewesen. Aber die vision\u00e4re Phantasie Europas und des Westens in der Wendezeit reichte nicht aus, um sich das haltbare Konzept einer stabilen europ\u00e4ischen Friedensordnung auszudenken, das allen L\u00e4ndern der ehemaligen Sowjetunion einen Platz verl\u00e4sslicher Sicherheit und Zukunftshoffnungen anzubieten vermocht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Zwei Gr\u00fcnde sind daf\u00fcr entscheidend. Beide haben mit alten europ\u00e4ischen Irrt\u00fcmern zu tun: Zum einen wurde der umfassende wirtschaftliche und politisch Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 einseitig als triumphaler Sieg des Westens im Systemkonflikt zwischen Ost und West interpretiert, der damit endg\u00fcltig die historische Niederlage des Ostens besiegelte. Dieser Hang, sich zum Sieger zu erkl\u00e4ren, ist eine alte westliche Hybris und seit jeher Grund f\u00fcr viele Dem\u00fctigungen, die das ungleiche Verh\u00e4ltnis zum Osten pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit, nach so umfassenden Umbr\u00fcchen andere gleichberechtigte L\u00f6sungen zu suchen, hat in dieser fatalen \u00dcberheblichkeit ihre Hauptursache. Vor allem aber wurde so das ungeheure und einzigartige Verdienst der sowjetischen F\u00fchrung unter Michail Gorbatschow mit einer verbl\u00fcffenden Ignoranz als gerngesehenes Geschenk der Geschichte eingeordnet: Die gro\u00dfe Vorleistung des Gewaltverzichts in der Reaktion auf das Freiheitsbestreben der V\u00f6lker des Ostblocks galt als nahezu selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<h3><strong>Michail Gorbatschow hat viele seiner B\u00fcrger entt\u00e4uscht<\/strong><\/h3>\n<p>Das aber war es gerade nicht. Bis heute ist erstaunlich, ja unfassbar, wie wenig Gewicht dem beigemessen wurde, dass die Aufl\u00f6sung eines sowjetischen Weltimperiums nahezu gewaltfrei vonstatten ging. Die naive Beschreibung dieses einmaligen Vorgangs lautete dann etwa so: Wie ein Kartenhaus, hochverdient und unvermeidlich, sei da ein ganzes System in sich zusammengesackt.<\/p>\n<p>Dass gerade diese Gewaltfreiheit das gr\u00f6\u00dfte Wunder in einer Reihe wundersamer Ereignisse war, wurde kein eigenes Thema. Sie wurde vielmehr als Schw\u00e4che gedeutet. Es gibt aber kaum Vorbilder in der Geschichte f\u00fcr einen solchen Vorgang. Selbst die schw\u00e4chsten Gewaltregime neigen gerade im Stadium ihres Untergangs gesetzm\u00e4\u00dfig dazu, eine Orgie von Gewalt, Zerst\u00f6rung und Selbstzerst\u00f6rung anzurichten und alles um sie herum in ihren eigenen Untergang mitzurei\u00dfen \u2013 wie exemplarisch beim Untergang des NS-Reiches zu sehen war.<\/p>\n<p>Die Sowjetunion des Jahres 1989 unter Gorbatschow, wiewohl politisch und wirtschaftlich geschw\u00e4cht, verf\u00fcgte \u00fcber das gr\u00f6\u00dfte Atompotential, sie hatte eigene Truppen auf dem gesamten Gebiet ihrer Herrschaft stationiert. Es w\u00e4re ein Leichtes gewesen, das alles zu mobilisieren. Das wurde ja auch von vielen Vertretern des alten Regimes vehement gefordert.<\/p>\n<p>Mit dem historischen Abstand wird noch viel deutlicher, welche staatsm\u00e4nnische Leistung es war, lieber \u201eHelden des R\u00fcckzugs\u201c (Enzensberger) zu sein, als in einem letzten Aufb\u00e4umen als blutige R\u00e4cher und Schl\u00e4chter von der Geschichte abzutreten. Die Wahl, die Michail Gorbatschow fast allein getroffen hat, hat ihm nicht zuletzt die Entt\u00e4uschung vieler seiner B\u00fcrger eingebracht. Es hie\u00df, er habe nachtr\u00e4glich den Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg verloren.<\/p>\n<h3><strong>Die gro\u00dfen Reformer haben Mut bewiesen, sie werden heute gerne vergessen<\/strong><\/h3>\n<p>Wie ein stummes Mahnmal gigantischer europ\u00e4ischer Undankbarkeit steht daf\u00fcr der erschreckend private Charakter der Trauerfeier um den wohl gr\u00f6\u00dften Staatsmann unserer Zeit auf dem Moskauer Prominenten-Friedhof. Es w\u00e4re ein Gebot der Stunde gewesen, dass die Granden Europas Michail Gorbatschow, der l\u00e4ngst im eigenen Land isoliert war, ihre Hochachtung und ihren Respekt erwiesen h\u00e4tten, indem sie sich vor ihm verneigten.<\/p>\n<p>Zumindest aus Deutschland, das fast ihm allein das Gl\u00fcck der Wiedervereinigung verdankt, h\u00e4tte ein Bundespr\u00e4sident Steinmeier an diesem Grab stehen m\u00fcssen. Die Einsamkeit um diesen Toten war unertr\u00e4glich. So nutzte ausgerechnet Viktor Orb\u00e1n die Chance, diesen Boykott einer angemessenen W\u00fcrdigung zu unterlaufen. Es bleibt ein besch\u00e4mendes Zeichen, ein Menetekel historischer Ignoranz. Wenige Tage sp\u00e4ter dr\u00e4ngelten sich die Repr\u00e4sentanten des europ\u00e4ischen Zeitgeistes dann alle mediengerecht am Grab der englischen Queen und des deutschen Papstes Benedikt XVI.<\/p>\n<p>Bis heute ist mir schwer verst\u00e4ndlich, warum es nicht zumindest eine Demonstration der Dankbarkeit bei den eigentlichen Profiteuren dieses Gewaltverzichtes, bei den Bewegungen der friedlichen B\u00fcrgerproteste gegeben hat. Gerade sie hatten ja hautnah die \u00c4ngste erfahren, was alles h\u00e4tte passieren k\u00f6nnen, wenn es 1989 in Ost-Berlin eine \u00e4hnliche Reaktion wie bei den Studentenprotesten in Peking gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich ist ein Teil der heutigen Zur\u00fcckhaltung im Osten Deutschlands gegen\u00fcber der einseitigen Anprangerung Russlands wohl dieser anhaltenden Dankbarkeit zuzuschreiben. Mediale Wortf\u00fchrer und Interpreten aber wurden andere \u2013 und sie wurden immer dreister. Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit auf sowjetischer Seite, immer wirkm\u00e4chtiger wurde die Legende von der eigenen gro\u00dfartigen Widerstandsleistung.<\/p>\n<p>Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin G\u00f6ring-Eckardt durchaus ma\u00dfvoll war und den Grad \u00fcberlebenst\u00fcchtiger Anpassung nicht wesentlich \u00fcberschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen oder verkennen, was andere Kr\u00e4fte zum gro\u00dfen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz und Mut gewagt hatte.<\/p>\n<h3><strong>Billige antirussische Ressentiments<\/strong><\/h3>\n<p>Das mag menschlich, allzu menschlich sein und also nicht weiter erw\u00e4hnenswert. Fatal allerdings ist, dass dieser Teil der B\u00fcrgerrechtler heute zu den eifrigsten Kronzeugen eines billigen antirussischen Ressentiments z\u00e4hlt. Dies kn\u00fcpft dabei bruchlos an jene Ideologie des Kalten Krieges an, die vom berechtigten Antistalinismus \u00fcber den verst\u00e4ndlichen Antikommunismus bis hin zur irrationalen Slawenphobie viele Varianten von westlichen Feindbildern bis heute pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Fragen, die heute zwischen Ost und West verhandelt werden m\u00fcssten, lauten: Was bedeutet es eigentlich, eine europ\u00e4ische Nation zu sein? Was unterscheidet uns von anderen? Welche F\u00e4higkeiten muss eine Nation erwerben, um dazuzugeh\u00f6ren? Was sind die Lehren unserer Geschichte? Welche Ideale pr\u00e4gen uns? Welche Irrt\u00fcmer und Verbrechen? Diese Fragen werden in aller Deutlichkeit wachgerufen am Beispiel der Ukraine und ihres Abwehrkampfes gegen die russische Aggression.<\/p>\n<h3><strong>Europa sollte nicht immer auf der Suche nach Schurkenstaaten sein<\/strong><\/h3>\n<p>In unseren Medien verk\u00f6rpert die Ukraine das Ideal und Vorbild einer freiheitsliebenden westlichen Demokratie heroischen Zuschnitts. Die Ukraine, so hei\u00dft es, k\u00e4mpfe nicht nur f\u00fcr ihre eigene Nation, sondern zugleich f\u00fcr die universale historische Mission des Westens. Wer sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern und Waffen verteidigt, gilt als Bollwerk f\u00fcr die europ\u00e4ischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den Weg des Konsenses, der Kooperation, der Verst\u00e4ndigung und der Vers\u00f6hnung sucht, gilt als schwach und deswegen als irrelevant, ja als verachtenswert. Von daher sind Gorbatschow und Selenskyj die eigentlichen Antitypen in der Frage, was es heute hei\u00dft, Europ\u00e4er zu sein und die europ\u00e4ischen Tugenden zu verk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>Neben diesem Hang zum Heroischen und zur Selbsterh\u00f6hung liegt hier die Wurzel, die ich f\u00fcr den Grundirrtum einer europ\u00e4ischen Identit\u00e4t halte: das scheinbar unausrottbare Bed\u00fcrfnis nach nationalem Chauvinismus. Jahrhundertelang haben nationale Exzesse die Geschichte unseres Kontinents gepr\u00e4gt. Keine Nation war frei davon: nicht die Franzosen, schon gar nicht die Briten, nicht die Spanier, nicht die Polen, nicht die Ukrainer, nicht die Balten, nicht die Schweden, nicht die Russen, noch nicht einmal die Tschechen \u2013 und schon gar nicht die Deutschen.<\/p>\n<p>Es ist ein fataler Irrtum, zu meinen, durch den Widerstand gegen die anderen imperialen M\u00e4chte gewinne der eigene Nationalismus so etwas wie eine historische Unschuld. Das ist Selbstbetrug und einer der folgenschwersten europ\u00e4ischen Irrt\u00fcmer. Er verf\u00fchrt auch heute noch viele junge Demokratien dazu, sich nur als Opfer fremder M\u00e4chte zu sehen und die eigene Gewaltgeschichte, die eigenen Gewaltphantasien f\u00fcr berechtigt zu halten. Was Europa immer wieder zu lernen hatte und historisch meist verfehlte, ist die Kunst der Selbstbegrenzung, der friedlichen Nachbarschaft, der Fairness, der Wahrung gegenseitiger Interessen und des Respektes voreinander. Was Europa endlich verlernen muss, ist das st\u00e4ndige Verteilen von Ketzerh\u00fcten, das Ausmachen von Achsen des B\u00f6sen und von immer neuen Schurkenstaaten.<\/p>\n<h3><strong>Die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher<\/strong><\/h3>\n<p>Ach Europa! Jedes Mal, wenn wieder eine der gro\u00dfen Krisen und Kriege des Kontinents \u00fcberstanden war \u2013 nach dem 30-j\u00e4hrigen Krieg, nach dem Feldzug Napoleons gegen Russland, nach zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg \u2013, konnte man hoffen, der machtpolitische Irrweg sei nun durch bittere Erfahrung widerlegt und gebe einem \u00fcberlebenst\u00fcchtigeren Weltverst\u00e4ndnis endlich Raum. Und jedes Mal fielen wie durch einen Fluch die V\u00f6lker Europas wieder der Versuchung anheim, den Weg der Dominanz und der Konfrontation zu gehen. Umso wertvoller ist aber das gro\u00dfe Gegenbeispiel: Gorbatschows Hoffnung, dass auch f\u00fcr alle ehemaligen Staaten der Sowjetunion eine neue Sicherheitsordnung m\u00f6glich sei, die den unterschiedlichen Sicherheitsbed\u00fcrfnissen gerecht werden w\u00fcrde, war in der Charta von Paris durchaus angedacht als Raum gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen dem alten Westeuropa und den neuen \u00f6stlichen Staaten. Das war damals auch die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Aber es gab keinen Plan, kein Konzept, die Vision war einfach zu undeutlich.<\/p>\n<h3><strong>Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden<\/strong><\/h3>\n<p>Wie schnell sich wieder das Gef\u00fchl des leichten Triumphes einstellte, l\u00e4sst sich an einem traurigen Beispiel gut ablesen: am Umgang mit Jugoslawien. Jugoslawien geh\u00f6rte zu den blockfreien Staaten, es hatte sich rechtzeitig vom Stalinismus gel\u00f6st und die jahrhundertealten nationalen Rivalit\u00e4ten aus der Zeit der Donau-Monarchie einigerma\u00dfen befriedet. Es w\u00e4re nichts leichter gewesen, als diesem Jugoslawien als Ganzem 1989 eine \u00d6ffnung nach Europa und zur EU anzubieten.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte Zeit gebraucht, aber es w\u00e4re m\u00f6glich gewesen. Man h\u00e4tte nur darauf verzichten m\u00fcssen, dem nationalen Dr\u00e4ngen der Slowenen und Kroaten zu schnell nachzugeben und das neue Feindbild der aggressiven Serben zu pflegen. Solche Weisheit allerdings fehlte v\u00f6llig im \u00dcberbietungswettstreit um die Anerkennung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan. Der bosnische B\u00fcrgerkrieg, Srebrenica, die Zerst\u00f6rung Sarajewos, Hunderttausende Tote und traumatisierte Menschen, der v\u00f6lkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato gegen Belgrad, die v\u00f6lkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo als selbst\u00e4ndiger Staat, das vielf\u00e4ltige Aufb\u00e4umen von neuen nationalen Chauvinismen w\u00e4ren vermeidbar gewesen.<\/p>\n<p>Was bedeutet das alles f\u00fcr die unmittelbare Gegenwart und f\u00fcr die deutsche Politik im Jahre 2023?<\/p>\n<p>Die Koordinaten haben sich entscheidend verschoben. Bis zum Ende der Regierung Schr\u00f6der konnte man davon ausgehen, dass gerade Deutschland aus der Zeit der Entspannungspolitik einen privilegierten Zugang, zumindest einen gewissen Spielraum zum Konfliktausgleich zwischen den gro\u00dfen geopolitischen Spannungsherden innehatte. Diese Zeit ist endg\u00fcltig vorbei.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr im Jahre 2008 begann Putin, dem Status quo zu misstrauen und seinen Machtbereich gegen den Westen auszurichten. Deutschland begann, sich als europ\u00e4ischer Riegenf\u00fchrer im neuen Konzept der Nato zu definieren. Im Rahmen der Reaktionen auf den Ukrainekrieg r\u00fcckte es endg\u00fcltig ins Zentrum der antirussischen Gegenstrategien. Das begr\u00fc\u00dfenswerte, aber medial vielgescholtene Z\u00f6gern des Kanzlers Olaf Scholz war zu wenig von einer haltbaren politischen Alternative unterf\u00fcttert und geriet so ins Rutschen.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich und politisch zahlen wir daf\u00fcr einen hohen Preis. Der deutsche Wirtschaftsminister bem\u00fcht sich, die alten Abh\u00e4ngigkeiten von Russland und China durch neue Abh\u00e4ngigkeiten zu Staaten zu ersetzen, die keineswegs als Musterdemokratien durchgehen k\u00f6nnen. Die Au\u00dfenministerin ist die schrillste Trompete der neuen antagonistischen Nato-Strategie.<\/p>\n<p>Ihre Begr\u00fcndungen verbl\u00fcffen durch argumentative Schlichtheit. Dabei wachsen die R\u00fcstungskosten und der Einfluss der R\u00fcstungs- und Energiekonzerne ins Unermessliche. Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die f\u00fcr die Rettung des Planeten und gegen die Armut des globalen S\u00fcdens dringend gebraucht w\u00fcrden. Das aufsteigende China aber wird propagandistisch als neuer geopolitischer Gegner ausgemacht und in der Taiwan-Frage st\u00e4ndig provoziert. Das sind alles keine guten Auspizien.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1722214\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/vermaechtnis-gruene-820x390.jpg\" alt=\"\" width=\"839\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/vermaechtnis-gruene-820x390.jpg 820w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/vermaechtnis-gruene-300x143.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/vermaechtnis-gruene.jpg 1345w\" sizes=\"auto, (max-width: 839px) 100vw, 839px\" \/><\/p>\n<h3><strong>Der Frieden und das \u00dcberleben des ganzen Planeten<\/strong><\/h3>\n<p>Und dennoch: Wenn mich nicht alles t\u00e4uscht, steht Europa kurz vor der Phase einer gro\u00dfen Ern\u00fcchterung, die das eigene Selbstbild tief ersch\u00fcttern wird. F\u00fcr mich aber ist das ein Grund zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach lernen, dass die \u00fcbrige Welt unser Selbstbild nicht teilt und uns nicht beistehen wird. Die eilig ausgesandten Sendboten einer neuen antichinesischen Allianz im anstehenden Kreuzzug gegen das Reich der Mitte scheinen nicht besonders erfolgreich zu sein.<\/p>\n<p>Wie konnten wir nur annehmen, dass das gro\u00dfe China und die Hochkulturen Asiens die Zeit der willk\u00fcrlichen Freihandels- und Opiumkriege je vergessen w\u00fcrden? Wie sollte der leidgepr\u00fcfte afrikanische Kontinent die zw\u00f6lf Millionen Sklaven und die Ausbeutung all seiner Bodensch\u00e4tze je verzeihen? Warum sollten die alten Kulturen Lateinamerikas den spanischen und portugiesische Konquistadoren ihre Willk\u00fcrherrschaft vergeben? Warum sollten die indigenen V\u00f6lker weltweit das Unrecht illegaler Siedlungen und Landraubs einfach beiseiteschieben in ihrem historischen Ged\u00e4chtnis? Meine Hoffnung besteht darin, dass sich aus all dem eine neue Blockfreienbewegung ergeben wird, die nach der Zeit der vielen V\u00f6lkerrechtsbr\u00fcche wieder am alleinigen Recht der UNO arbeiten wird, dem Frieden und dem \u00dcberleben des ganzen Planeten zu dienen.<\/p>\n<h3><strong>Die Gr\u00fcnen waren mal Pazifisten<\/strong><\/h3>\n<p>Meine ganz pers\u00f6nliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die Gr\u00fcnen, meine Partei, hatte einmal alle Schl\u00fcssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde dieser Botschaft viel n\u00e4her als alle anderen Parteien.<\/p>\n<p>Wir hatten einen echten Schatz zu h\u00fcten: Wir waren nicht eingebunden in die machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren gleicherma\u00dfen gegen die Aufr\u00fcstung in Ost wie West, wir sahen die Gef\u00e4hrdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte, musste ein festes B\u00fcndnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses Zukunftsb\u00fcndnis greifbar in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Was hat die heutigen Gr\u00fcnen verf\u00fchrt, all das aufzugeben f\u00fcr das blo\u00dfe Ziel, mitzuspielen beim gro\u00dfen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke Antipazifisten ver\u00e4chtlich zu machen?<\/p>\n<h3><strong>Gegen Hass und den Krieg<\/strong><\/h3>\n<p>Ich erinnere mich an meine gro\u00dfen Vorbilder: Die h\u00e4rtesten Bew\u00e4hrungsproben hatten die gro\u00dfen Repr\u00e4sentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen. Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den R\u00fcckfall der Hindus und Moslems in die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte \u00e4u\u00dferste M\u00fche, die Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verh\u00f6hnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute f\u00fcr uns letzte Pazifisten.<\/p>\n<p>Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten gro\u00dfer Krisen und existentieller \u00c4ngste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg gr\u00fcndlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption.\u201d<\/p>\n<p><em>Wir danken der Autorin Antje Vollmer f\u00fcr die Genehmigung zur Ver\u00f6ffentlichung ihres Textes , Quelle, ursp\u00fcnglich erschienen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/ein-jahr-ukraine-krieg-kritik-an-gruenen-antje-vollmers-vermaechtnis-einer-pazifistin-was-ich-noch-zu-sagen-haette-li.320443\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Berliner Zeitung am 23.2.202<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/ein-jahr-ukraine-krieg-kritik-an-gruenen-antje-vollmers-vermaechtnis-einer-pazifistin-was-ich-noch-zu-sagen-haette-li.320443\">3<\/a>.<\/p>\n<p>Von Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung from Berlin, Deutschland &#8211; Antje Vollmer, <a title=\"Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\">CC BY-SA 2.0<\/a>, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=105858161\">Link<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antje Vollmer, Ex-Vizepr\u00e4sidentin des Bundestages, ist ein Urgestein ihrer Partei die Gr\u00fcnen. 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