{"id":1717468,"date":"2023-02-16T07:36:31","date_gmt":"2023-02-16T07:36:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1717468"},"modified":"2023-02-16T07:36:31","modified_gmt":"2023-02-16T07:36:31","slug":"cancel-culture-ein-instrument-zweckrationaler-machtpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/02\/cancel-culture-ein-instrument-zweckrationaler-machtpolitik\/","title":{"rendered":"Cancel Culture: Ein Instrument zweckrationaler Machtpolitik"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201cDie Cancel Culture toleriert keine abweichenden Meinungen und m\u00f6chte sie aus der \u00d6ffentlichkeit und der Wissenschaft verbannen. Insofern stellt sie einen R\u00fcckfall hinter die Errungenschaften der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung dar.\u201d \u2013 Alexander Ulfig (Philosoph)<\/strong><\/p>\n<p>Legitimer Protest, Mittel zur Drangsalierung kritischer Denker oder lediglich politischer Kampfbegriff? An\u00a0<em>Cancel Culture<\/em>\u00a0scheiden sich die Geister. Der Philosoph Alexander Ulfig, Mitherausgeber des Sammelbandes \u201cAngriff auf die Wissenschaftsfreiheit\u201d, in dem sich Autoren wie die Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann, der Wissenschaftsphilosoph\u00a0<a href=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2020\/12\/25\/wissenschaft-und-aufklarung-in-der-corona-krise\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2020\/12\/25\/wissenschaft-und-aufklarung-in-der-corona-krise\/\">Michael Esfeld<\/a>\u00a0oder der \u00f6sterreichische Sprachwissenschaftler Heinz-Dieter Pohl mit dem Ph\u00e4nomen auseinandersetzen, erkennt in\u00a0<em>Cancel Culture<\/em>\u00a0ein Instrument zweckrationaler Machtpolitik. Reinhard Jellen sprach mit Ulfig \u00fcber den Ursprung des Begriffs, seine Bedeutung f\u00fcr den kritischen Diskurs auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und wie\u00a0<em>Cancel Culture<\/em>\u00a0den Debattenraum und die Wissenschaft zu verformen droht.<\/p>\n<p><strong>Reinhard Jellen: Herr Ulfig, sehen Sie einen rationalen Kern in der Cancel Culture oder ist diese f\u00fcr Sie schlicht und einfach Humbug?<\/strong><\/p>\n<p>Alexander Ulfig: Cancel Culture ist Teil einer Politik, einer Machtpolitik. Mit ihrer Hilfe soll eine politische Agenda ohne Widerrede durchgef\u00fchrt werden. Sie ist insofern rational, als sie sich an einem Machtkalk\u00fcl orientiert.<\/p>\n<p>Man kann sie als Teil einer zweckrationalen Politik, als Mittel zur Machtgewinnung und Machterhaltung bezeichnen. Dabei werden universelle Ideale, wie sich im Gefolge der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung herausgebildet haben, wie Meinungsfreiheit, Meinungsvielfalt, offenes sowie freies Forschen und Debattieren, Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden aufgehoben.<\/p>\n<p>Die Cancel Culture toleriert keine abweichenden Meinungen und m\u00f6chte sie aus der \u00d6ffentlichkeit und der Wissenschaft verbannen. Insofern stellt sie einen R\u00fcckfall hinter die Errungenschaften der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung dar.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie die Cancel Culture auch beim Ukraine-Diskurs am Werke?<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema wurde in unserem Sammelband noch nicht behandelt. Ich stelle aber fest, dass der Ukraine-Diskurs in den Leitmedien sehr einseitig gef\u00fchrt wird. Auf die Rolle der NATO, insbesondere der USA, bei der\u00a0<a href=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2022\/03\/01\/die-ukrainische-vorgeschichte\/\" data-type=\"post\" data-id=\"122228\">Entstehung des Konflikts<\/a>\u00a0zwischen Russland und der Ukraine wird darin kaum eingegangen, historische, geopolitische und \u00f6konomische Aspekte dieses Konflikts kaum in Betracht gezogen. Vor 30 Jahren getroffene Vereinbarungen \u00fcber die Nicht-Erweiterung der NATO wurden nicht eingehalten. Das Minsker Abkommen diente nicht dem Zweck, Frieden zu schaffen, sondern war ein\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/absolut-unerwartet-putin-zeigt-sich-enttauscht-von-merkel-wegen-ausserungen-zur-ukraine-9006844.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/absolut-unerwartet-putin-zeigt-sich-enttauscht-von-merkel-wegen-ausserungen-zur-ukraine-9006844.html\">\u201cVersuch, der Ukraine Zeit zu geben\u201d<\/a>, um sie st\u00e4rker zu machen, was wir mittlerweile von der Ex-Kanzlerin Angela Merkel erfahren haben.<\/p>\n<p>Was im Ukraine-Diskurs v\u00f6llig tabuisiert wird, sind deutsche Interessen \u2013 vorwiegend Wirtschaftsinteressen \u2013 in Osteuropa. Es war fr\u00fcher die deutsche Linke, die auf den expansionistischen Charakter der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg hingewiesen hat, so zum Beispiel Erich Fromm in seinem 1962 erschienenen Buch \u201cJenseits der Illusionen\u201d. Darin bezeichnet er das \u201cNeue Europa\u201d, also die sich damals konstituierende Europ\u00e4ische Union, als ein Instrument des deutschen Wirtschaftsexpansionismus.<\/p>\n<p>Nach 1989 hat haupts\u00e4chlich die deutsche Wirtschaft die osteurop\u00e4ischen M\u00e4rkte erobert. Jeder kann sich davon bei einem Besuch in Polen, Ungarn oder Tschechien selbst \u00fcberzeugen. Die EU-Osterweiterung diente auch dem Zweck, billige Arbeitskr\u00e4fte aus Osteuropa nach Deutschland zu holen. Und nat\u00fcrlich m\u00f6chte die deutsche Wirtschaft ungehindert weiter in Richtung Osten expandieren.<\/p>\n<p><strong>Sie bringen die Cancel Culture mit den 68ern in Verbindung. Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Schon im Umfeld und in der Folge der\u00a0<a href=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2020\/03\/27\/die-grosse-verweigerung-1968-und-heute\/\" data-type=\"post\" data-id=\"100384\">Studentenbewegung von 1968<\/a>\u00a0war es an den Universit\u00e4ten zu Ph\u00e4nomenen wie St\u00f6rungen, Einsch\u00fcchterungsversuchen und Diffamierungen von Wissenschaftlern gekommen, mit denen radikale Gruppierungen aus dem vorwiegend kommunistischen Umfeld versuchten, in ihrem Sinne ideologisch und politisch Einfluss auf Lehre und Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu nehmen.<\/p>\n<p>Diesen radikalen Gruppierungen ist es seit den 1970er-Jahren gelungen, den AStA, den Allgemeinen Studentenausschuss (oder, wie man heute sagt, Studierendenausschuss) zu dominieren. Sie wurden zum Haupttreiber f\u00fcr Aktionen gegen missliebige Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Seit den 90er-Jahren kommen solche Gruppen allerdings meist nicht aus dem kommunistischen Umfeld, vielmehr stehen sie im Dienste einer Politik, die mit Begriffen wie \u201cPolitische Korrektheit\u201d, \u201cIdentit\u00e4tspolitik\u201d, \u201cWokeness\u201d, \u201cGender\u201d, \u201cQueer\u201d, \u201cAntirassismus\u201d und \u201cPostkolonialismus\u201d charakterisiert wird. Sie beanspruchen das exklusive Recht, \u00fcber Minderheiten zu sprechen und entsprechende wissenschaftliche Themenfelder untersuchen zu d\u00fcrfen. Es gelang ihnen, in einigen Bereichen des Wissenschaftsbetriebs wie den\u00a0<a href=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2019\/08\/09\/gender-studies-aus-klassenkampf-wurde-der-neue-geschlechtskampf\/\" data-type=\"post\" data-id=\"92369\">Gender Studies<\/a>\u00a0oder den Postcolonial Studies die Deutungshoheit zu erlangen und abweichende Meinungen zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Mittlerweile haben die Vertreter dieser Politik auch andere Themenfelder wie Klimawandel und Migration besetzt. Und auch hier werden Wissenschaftler, die abweichende Meinungen vertreten, diffamiert und angefeindet \u2013 mit dem Ziel, sie aus der Wissenschaft auszuschlie\u00dfen. Feminismus, Gender, Migration, Multikulti und Klima sind Felder, die in der Folge der 68er-Bewegung stark thematisiert und auch zu politischen Agenden wurden. Deshalb haben wir in einer historischen Skizze diese Bewegung und ihre Folgen erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p><strong>Was sind die ma\u00dfgeblichen Strukturen im wissenschaftlichen Betrieb, die die Cancel Culture f\u00f6rdern?<\/strong><\/p>\n<p>Es sind im Wissenschaftsbetrieb institutionell verankerte Organisationen, die die Cancel Culture f\u00f6rdern. Neben den oben genannten studentischen Gruppen und Organisationen, die sich um den AStA versammeln, sind es zum Beispiel die Frauen-, Gleichstellungs- und Diversity-B\u00fcros und auch andere Organisationen, die die oben genannten politischen Agenden vertreten. Sie setzen die Hochschulleitung unter Druck, falls Wissenschaftler, die missliebige Thesen vertreten, einen Vortrag, eine Vorlesung halten oder eine Konferenz organisieren m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Die Cancel Culture nimmt an den Universit\u00e4ten unterschiedliche Formen an. In vielen F\u00e4llen passiert Folgendes: Ein Wissenschaftler wird von einem Fachbereich zu einem Vortrag eingeladen. Vertritt er nicht genehme Thesen, \u00fcben bestimmte Organisationen Druck auf die Universit\u00e4tsleitung aus; sie fordern sie dazu auf, den Wissenschaftler auszuladen. Die Biologin Marie-Luise Vollbrecht sollte an der Humboldt-Universit\u00e4t einen Vortrag \u00fcber die Zweigeschlechtlichkeit in der Biologie halten. Auf Druck vom \u201cArbeitskreis kritischer Jurist*innen an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin\u201d hat die Universit\u00e4t den Vortrag abgesagt. Solche F\u00e4lle mehren sich an den deutschen Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Oft sind es aber die Universit\u00e4tsleitungen selbst, die Druck auf Wissenschaftler aus\u00fcben beziehungsweise ihnen bestimmte Auflagen machen: die Durchf\u00fchrung bestimmter Veranstaltungen wird untersagt, Kriterien f\u00fcr Einladungen externer Referenten werden angelegt und das Betreten bestimmter Liegenschaften sogar verboten. Solche F\u00e4lle werden in unserem Sammelband hinreichend dokumentiert. Generell l\u00e4sst sich sagen, dass von Universit\u00e4ten und auch von Wissenschaftsorganisationen wie der DFG (Anm.: der Deutschen Forschungsgemeinschaft) immer h\u00e4ufiger Auflagen gemacht werden, zum Beispiel bez\u00fcglich der Gleichstellungsma\u00dfnahmen oder des Genderns. Werden solche Auflagen nicht erf\u00fcllt, wird die Finanzierung eines Projekts nicht genehmigt.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern hat die Cancel Culture Einfluss auf den wissenschaftlichen Betrieb?<\/strong><\/p>\n<p>Wissenschaft lebt von Meinungsvielfalt, Kritik und kontroversen Debatten. Die Cancel Culture ist eine Strategie, Wissenschaftler, die den herrschenden Vorstellungen zu Gender, Migration, Klimawandel oder Corona-Politik widersprechen, aus der Wissenschaft auszuschlie\u00dfen. Das verhindert Meinungsvielfalt, Kritik und kontroverse Debatten. Wissenschaftler, die bereits \u201caufgefallen\u201d sind, haben an den Universit\u00e4ten kein einfaches Leben. Sie werden nicht mehr zu Vortr\u00e4gen eingeladen oder dazu, Beitr\u00e4ge in Sammelb\u00e4nden zu schreiben, ihre Veranstaltungen werden gest\u00f6rt oder verhindert und ihre Forschungsvorhaben werden nicht genehmigt beziehungsweise nicht finanziert.<\/p>\n<p>Als Folge der Cancel Culture hat sich an den Universit\u00e4ten ein Klima der Angst und des Misstrauens, der Einsch\u00fcchterung und Denunziation breitgemacht. Wissenschaftler trauen sich nicht mehr, sich zu bestimmten Themen kritisch zu \u00e4u\u00dfern. Sie sehen ja, was mit Wissenschaftlern passiert, die bereits \u201caufgefallen\u201d sind. Um nicht aufzufallen und ge\u00e4chtet zu werden, halten sie ihre Meinung zur\u00fcck. Das bedeutet, dass sie sich selbst in Lehre und Forschung einschr\u00e4nken. Sie passen sich an die herrschenden Meinungen und Verh\u00e4ltnisse an. Daraus entsteht die Haltung des vorauseilenden Gehorsams, die f\u00fcr die Wissenschaft sicherlich nicht f\u00f6rderlich ist.<\/p>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen ist besonders im akademischen Mittelbau zu beobachten, denn dort haben die Wissenschaftler befristete Vertr\u00e4ge. J\u00fcngere Wissenschaftler vermeiden es, kontroverse Themen anzusprechen, um die Verl\u00e4ngerung ihrer Vertr\u00e4ge nicht zu gef\u00e4hrden. Dieses Verhalten setzt sich aber auch auf h\u00f6heren akademischen Karrierestufen, vor allem bei der Bewerbung um Professuren fort.<\/p>\n<p><strong>Ich mache bei der Cancel Culture eine ad-hominem-Struktur aus, nach der nicht mehr wichtig ist, was, sondern von wem etwas vertreten wird. Stimmen Sie dem bei?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das ist ein zentrales strukturelles Merkmal der Cancel Culture. Man setzt sich mit dem entsprechenden Wissenschaftler nicht argumentativ auseinander, das hei\u00dft, man widerlegt nicht seine Argumente mit Gegenargumenten, sondern setzt den Fokus auf seine Person und andere argumentationsfremde Faktoren. Man fragt nicht danach, was er schreibt, sondern danach, wo er schreibt, von wem er zitiert wird, was er vor 20 Jahren zu einem anderen Thema gesagt hat, mit wem er sich getroffen hat, welcher Partei er angeh\u00f6rt und so weiter.<\/p>\n<p>Die beliebteste ad-hominem-Strategie besteht darin, Wissenschaftler in die rechte Ecke zu stellen, und zwar auch dann, wenn sie sich selbst als Linke verstehen. Sie werden zu diesem Zweck als \u201cfrauenfeindlich\u201d, \u201chomophob\u201d, \u201cislamophob\u201d, \u201crassistisch\u201d und so weiter bezeichnet \u2013 alles Attribute, die sie zu \u201cRechten\u201d machen sollen. Diese Strategie ist in Deutschland besonders erfolgreich, denn die Zuschreibung \u201cX ist rechts\u201d soll die Assoziationskette \u201crechts\u201d \u2013 \u201crechtsextrem\u201d \u2013 \u201cNazi\u201d in Gang setzen.<\/p>\n<p>In der Politik ist\u00a0<a href=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2016\/10\/07\/sahra-wagenknecht-und-der-mut-zum-widerstand\/\" data-type=\"post\" data-id=\"14578\">Sahra Wagenknecht<\/a>\u00a0ein bekanntes Beispiel f\u00fcr eine Linke, die auch von manchen Mitgliedern ihrer eigenen Partei in die rechte Ecke gestellt wird, weil sie sich kritisch zu Themen wie Wokeness, Migration, Klima- und Energiepolitik sowie Russland-Ukraine-Konflikt ge\u00e4u\u00dfert hat. In unserem Sammelband publizieren auch Wissenschaftler, die sich ausdr\u00fccklich als Linke bezeichnen und Opfer der Cancel Culture geworden sind.<\/p>\n<p>Ad-hominem-Angriffe haben die Funktion, Wissenschaftler zu diskreditieren, um sie aus der Wissenschaft auszuschlie\u00dfen, denn sind sie erst diskreditiert, k\u00f6nnen sie als Wissenschaftler nicht mehr ernst genommen werden. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen sie nicht als seri\u00f6se Ansprechpartner bei bildungs- und hochschulpolitischen Anliegen infrage kommen. Sie werden als Entscheidungstr\u00e4ger in der Wissenschaft nicht mehr akzeptiert.<\/p>\n<p><strong>Was haben Cancel Culture und die Diskursanalyse von Michel Foucault gemeinsam?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die sogenannte \u201ckritische Diskursanalyse\u201d, die auf \u00dcberlegungen von Michel Foucault zur\u00fcckgeht, sind Diskurse keine rein sprachlichen Gebilde, vielmehr konstruieren sie die gesellschaftlich-politische Realit\u00e4t. Und da diese Realit\u00e4t nach Foucault durch Machtk\u00e4mpfe bestimmt ist, sind Diskurse Instrumente, mit denen Machtk\u00e4mpfe durchgef\u00fchrt und Machtverh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Die kritische Diskursanalyse soll nicht bei einer Beschreibung von gesellschaftlich-politischen Sachverhalten stehen bleiben, sondern Machtk\u00e4mpfe austragen. Auch die Wissenschaft wird von ihr als Ort von sozialen und politischen K\u00e4mpfen angesehen. Sie betrachtet die wissenschaftliche Arbeit nicht als einen offenen Forschungsprozess, in dem Annahmen sich als falsch erweisen k\u00f6nnen, sondern als ein Instrument zur Durchsetzung von politischen Interessen.<\/p>\n<p>Wenn Wissenschaft zum Instrument der Durchsetzung von politischen Interessen gemacht wird, also letztlich zum Instrument der reinen Machtpolitik degradiert wird, dann ist es \u201cberechtigt\u201d, unliebsame Wissenschaftler mit unlauteren Mitteln anzugreifen und zu canceln. Dann gelten keine Prinzipien oder ethische Normen mehr. Die kritische Diskursanalyse verletzt somit zentrale, in der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung verwurzelte Prinzipien der Wissenschaft wie Ergebnisoffenheit, rationales Argumentieren, Pluralit\u00e4t von Meinungen, Toleranz gegen\u00fcber anderen Meinungen, Ber\u00fccksichtigung von Meinungen, die dem wissenschaftlichen Mainstream widersprechen und so weiter.<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben, \u201cdass die Ver\u00e4nderung des Sprachgebrauchs bez\u00fcglich bestimmter Gruppen\u201d, Sie nennen hier beispielsweise die Afroamerikaner in den USA, \u201cdie soziale Wirklichkeit dieser Gruppen nicht verbessert hat.\u201d K\u00f6nnen Sie das weiter ausf\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p>Der Sprachwissenschaftler Heinz-Dieter Pohl untersucht in unserem Sammelband die Sprache der Politischen Korrektheit. Er betont, dass die fortw\u00e4hrende Neusch\u00f6pfung Negro \u2013 black people \u2013 coloured people \u2013 Afro-Americans zu keiner durchgreifenden Ver\u00e4nderung der sozialen Lage dieser Gruppe gef\u00fchrt hat, was zum Beispiel die Ereignisse und die Debatten nach dem Tod von\u00a0<a href=\"https:\/\/neuedebatte.wpcomstaging.com\/2020\/06\/09\/gebrochener-widerstand-george-floyd-und-das-feuilletonistische-getoese\/\" data-type=\"post\" data-id=\"102058\">Georg Floyd<\/a>\u00a0zum Ausdruck gebracht haben.<\/p>\n<p>Pohl bezieht sich dabei auf den Philosophen Slavoj \u017di\u017eek, der darauf hinweist, dass sich politisch korrekte Begriffe abn\u00fctzen, wenn sie nicht mit einer Ver\u00e4nderung der sozialen Wirklichkeit einhergehen. Nach \u017di\u017eek \u00fcbernehmen die Ersatzbegriffe mit der Zeit die Bedeutung des Wortes, das sie eigentlich ersetzen sollten. Die rein sprachliche Konstruktion immer neuer Begriffe bringt sogar die Unf\u00e4higkeit zum Ausdruck, die tats\u00e4chlichen Ursachen von Rassismus alleine durch den Sprachgebrauch zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Pohl f\u00fchrt in diesem Zusammenhang auch den Germanisten Armin Burkhardt an, dem zufolge Politische Korrektheit nicht erfolgreich sein kann, solange alte Vorurteile gegen\u00fcber bestimmten Gruppen bestehen. Es kommt also darauf an, Vorurteile gegen\u00fcber bestimmten Gruppen zu \u00fcberwinden. Die Ver\u00e4nderung des Sprachgebrauchs kann hingegen keine zielf\u00fchrende Aufgabe sein.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cDie Cancel Culture toleriert keine abweichenden Meinungen und m\u00f6chte sie aus der \u00d6ffentlichkeit und der Wissenschaft verbannen. 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