{"id":1712713,"date":"2023-01-28T13:05:03","date_gmt":"2023-01-28T13:05:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1712713"},"modified":"2023-01-28T13:05:03","modified_gmt":"2023-01-28T13:05:03","slug":"demos-und-ihre-funktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/01\/demos-und-ihre-funktionen\/","title":{"rendered":"Demos und ihre Funktionen"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_lead_in\"><strong>In meinem Umfeld und in der linken Szene im weiteren Sinne beobachte ich seit geraumer Zeit die Tendenz, dass der Besuch von Demos und das Engagement in selbstorganisierten Gruppen immer weiter auseinander zu klaffen scheinen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"image_main_wide_box\"><\/div>\n<div>\n<article>Die neoliberale Individualisierung, der immer schwerer zu entfliehende Zwang zur Lohnarbeit, als auch ein apokalyptisches Zeitgef\u00fchl lassen es nicht attraktiv erscheinen, sich langfristiger, verbindlicher und kontinuierlicher Basisarbeit zu widmen. Allgemein spricht nichts gegen das Organisieren und die Teilnahme an Demonstrationen. Im Gegenteil, sich im \u00f6ffentlichen Raum zu versammeln, zu artikulieren und aktiv zu sein, ist \u00e4usserst wichtig f\u00fcr soziale Bewegungen.Nur neigen viele leider dazu, das Mitlaufen bei der Demo als politische Bet\u00e4tigung schlechthin anzusehen \u2013 im schlimmsten Fall sogar als eine Art Ablass daf\u00fcr zu begreifen, dass sie anderweitig keine Kapazit\u00e4ten aufbringen k\u00f6nnten, um f\u00fcr eine andere Gesellschaftsform und konkrete Ver\u00e4nderungen zu k\u00e4mpfen. Mit dieser Aussage lege ich keine Leistungsmassst\u00e4be an, wie sie uns im Kapitalismus ohnehin gepredigt werde. Aber ich kritisiere jene, welche meinen und auch erz\u00e4hlen, dass sie sich engagieren, w\u00e4hrend sie tats\u00e4chlich nur gelegentliche Demobesucher*innen sind und sich ansonsten auf twitter, facebook und Co. belesen. Kraftvolle Demos sind gut, funktionierende Basisarbeit ist besser. Erstere sollten Ausdruck von Letzterem sein. Viel wichtiger als die spektakul\u00e4ren Ereignisse sind die oft stillen Prozesse.Es kursiert die Annahme, eine Demo w\u00fcrde f\u00fcr sich genommen \u201eDruck auf die Politik erzeugen\u201c oder irgendwelche Ver\u00e4nderungen bewirken. Doch das ist leider ein Mythos. Dennoch sage ich nicht, dass Demos gar nichts bringen, im Gegenteil. Allerdings m\u00fcssen wir uns bewusst machen, wozu sie dienen k\u00f6nnen und sollen. Dar\u00fcber machen sich auch viele Leute andere Gedanken. Die folgenden \u00dcberlegungen sollen dazu nur eine weitere Anregung sein.<\/p>\n<p>Im Wesentlichen haben Demonstrationen meiner Ansicht nach f\u00fcnf Funktionen: Erstens dienen sie der Versammlung von \u00e4hnlich gesinnten und sympathisierenden Menschen, damit der Pflege unserer Gemeinschaften und eventuell auch der Erweiterung von sozialen Kontakten. Zweitens erm\u00e4chtigen und best\u00e4rken sich Menschen, wenn sie unter einem bestimmten Label und mit \u00e4hnlichen Vorstellungen zusammen kommen. Sie wollen sich verstanden und verbunden f\u00fchlen \u2013 was v\u00f6llig legitime Bed\u00fcrfnisse sind. Werden sie erf\u00fcllt, kommen die Beteiligten auch im Alltag eher ins Handeln. Demos haben drittens die Funktion der Bewusstseinsbildung und der Selbstverst\u00e4ndigung. Das geschieht in Redebeitr\u00e4gen, in Gespr\u00e4chen am Rand, durch Parolen, Transpi-Aufschriften und andere Stilmittel. Dies ist nicht allein ein rationaler Vorgang. Viertens soll mit ihnen Kommunikation nach aussen und \u00dcberzeugung geschehen. Andere Menschen sollen mitbekommen, wof\u00fcr die Demonstrierenden stehen, welche Wahrheit ihre Perspektive hat und wie sie begr\u00fcndet wird. Der f\u00fcnfte Punkt besteht in der direkten Aktion. Das kann vieles beinhalten und muss keineswegs notwendigerweise in Glasbruch m\u00fcnden. Entscheidend ist aber, die Form des legitimierten Spaziergangs zu verlassen und sich selbstbestimmt die Strasse zu nehmen.<\/p>\n<h3>Gegen die Demo-Reflexe<\/h3>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen Demos \u2013 abh\u00e4ngig von den organisierenden Gruppen, den politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen, der gesellschaftlichen Situation, dem Anlass und dem lokalen Kontext \u2013 sehr stark variieren. Schon aus diesem Grund kann es keine an sich gelingende Demo geben \u2013 allerdings durchaus welche, die ihre Ziele verfehlen. Weil wir oftmals eher dazu neigen die Aspekte zu benennen, welche uns nicht passen, nerven oder st\u00f6ren, als jene, welche wir gut finden, sollten wir aber auch wertsch\u00e4tzen, was wir hinbekommen. Eine andere Frage ist allerdings, ob es denn \u00fcberhaupt immer eine Demo sein muss, wenn es darum geht, einen Handlungswunsch auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Gerade im deutschsprachigen Raum scheint mir die Kreativit\u00e4t hinsichtlich des Repertoires an Aktionsformen oftmals ziemlich beschr\u00e4nkt zu sein. Ein Ereignis best\u00fcrzt uns, wir f\u00fchlen uns ohnm\u00e4chtig und die Antwort darauf ist sehr schnell eine Demo zu organisieren. Gleiches betrifft Jahrestage oder Gegenproteste. So verst\u00e4ndlich das ist, sollten wir ernsthaft \u00fcberdenken, ob Demonstrationen immer das ad\u00e4quate Mittel sind, um unsere Anliegen zu verwirklichen. Und wenn wir zum Ergebnis gelangen, dass eine Demo f\u00fcr uns in Bezug auf ein bestimmtes Ereignis Sinn ergibt, f\u00fchrt dies zur\u00fcck zu den oben erw\u00e4hnten Absichten, welche mit ihnen verfolgt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erst dann stellen wir uns n\u00e4mlich die Frage, WIE unsere Demo tats\u00e4chlich aussehen soll, um Gemeinschaften zu stiften, Menschen zu erm\u00e4chtigen, Bewusstsein zu bilden, zu kommunizieren, zu \u00fcberzeugen und direkte Aktionen zu erm\u00f6glichen. Und in diesem Zusammenhang gilt es die verdammte Konsummentalit\u00e4t zu \u00fcberwinden: Nein, dies ist nicht allein die Aufgabe der Demo-Orga. Sondern von allen, die sich daran beteiligen und irgendwelche Kapazit\u00e4ten haben, sich darauf vorzubereiten. Dann n\u00e4mlich gestalten wir diese Ereignisse selbst, machen sie also zu unseren eigenen Veranstaltungen. Welche Demos hast du erlebt, die du richtig gut fandest und aus welchen Gr\u00fcnden war das so? Wie stellst du dir eine Demo vor, die du sinnvoll und kraftvoll findest, an der du dich gerne beteiligen und mitwirken willst? Von welchen Demos warst du genervt und frustriert? Woran lag das und wie l\u00e4sst sich das ver\u00e4ndern? Dar\u00fcber lohnt es sich weiter nachzudenken.<\/p>\n<h3>Spontaneit\u00e4t und Lethargie der Masse<\/h3>\n<p>In der BRD wird zu viel herum gelaufen. Das ist nicht schlimm, sollte uns aber zu denken geben. Wer den Umkehrschluss daraus zieht, es m\u00fcsste einfachmehr Krawall geben, bleibt oftmals ebenfalls bei einer recht eingeschr\u00e4nkten Vorstellung des Demonstrierens stehen. Deswegen gilt es militant zu werden. Das bedeutet, eine im besten Sinne k\u00e4mpferische und lebendige Haltung zu entwickeln, sich also aktiv und dynamisch in die Ereignisse einzubringen.<\/p>\n<p>Welche Handlungen sich daraus konkret ergeben bleibt dabei offen. Gruppen k\u00f6nnen kurze Strassentheater inszenieren, Flugbl\u00e4tter an Passant*innen verteilen, den Schatz an Demoslogans erweitern, mit Farbe arbeiten, nach Nazis kundschaften, v\u00f6llig abseits der Route ein Statement setzen oder was auch immer. Es ist klar, dass dies nur durch organisierte Bezugsgruppen gelingen kann, in denen sich nach M\u00f6glichkeit nicht unmittelbar vor Beginn der Demo ein paar Einzelne zusammentun, die sich gar nicht kennen. Vielmehr sollten sich in ihnen Personen verschw\u00f6ren, die \u00dcberzeugungen und Aktionsformen teilen, miteinander und nach aussen kommunizieren und sich bei allen Vorkommnissen unterst\u00fctzen bzw. Unterst\u00fctzung suchen k\u00f6nnen. Eine Demo ist nur so stark wie unsere genossenschaftlichen Beziehungen zueinander.<\/p>\n<p>Die Teilnahme an Demos wird zwar gelegentlich vorbereitet, viel zu selten aber geschieht ihre Auswertung \u2013 egal, ob im eigenen Kreis oder einem gr\u00f6sseren halb\u00f6ffentlichen Rahmen. Abgesehen davon, dass Repressionsdrohung zu vermeiden ist und Menschen begrenzte Kapazit\u00e4ten haben, werden damit aber wichtige Lernprozesse verspielt \u2013 sei es in taktischer Hinsicht oder bei der Beziehungsarbeit. Jene Demonstration ist auch eine p\u00e4dagogische Aktion.<\/p>\n<p>Weil eine funktionierende Bezugsgruppenpraxis meiner Wahrnehmung nach bei weitem zu wenig ausgepr\u00e4gt ist, kommt es dann doch immer wieder zu den bekannten Latschdemos. Auch hier gilt: Die Demo-Orga steckt zwar einige Rahmenbedingungen ab, ist dabei aber weder in der Pflicht die Konsummentalit\u00e4t der Teilnehmenden zu bedienen, noch hat sie das Recht vollends zu bestimmen, was auf der Demo stattfinden darf oder nicht. Dennoch sollten Kommunikationsm\u00f6glichkeiten vor, w\u00e4hrend und nach der Demo ausgesch\u00f6pft werden, wenn man nicht gegeneinander, sondern gemeinsam etwas erreichen m\u00f6chte. Statt der einlullenden passiven Lethargie der Masse gelangen wir zu ihrer selbstbestimmten Spontaneit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Das Spannungsfeld zwischen Reform und Revolution \u00fcberwinden<\/h3>\n<p>In linksradikalen Kreisen wird oftmals ein Gegensatz von Reform und Revolution konstruiert. Damit wird ein Spannungsfeld zwischen der Forderung nach ganz konkreten Verbesserungen innerhalb des bestehenden politischen, rechtlichen und \u00f6konomischen Systems einerseits und der \u00dcberwindung des durch die bestehende Herrschaftsordnung gesetzten Rahmens aufgemacht. Historisch wurde dies ausgiebig im sogenannten Revisionismus-Streit diskutiert. Eduard Bernstein gab die revolution\u00e4re Perspektive vollst\u00e4ndig auf, w\u00e4hrend Karl Kautsky den Fakt, dass die Sozialdemokratie sich bereits vollkommen angepasst hatte, dadurch verschleiern wollte, dass sie sich revolution\u00e4rer Phrasen bediente, um ihre Mitglieder zu mobilisieren. Rosa Luxemburg ging einen anderen Weg, indem sie die Partei als Ausdruck der organisierten Arbeiter*innenklasse ansah und mit dieser eine \u201erevolution\u00e4re Realpolitik\u201c anstrebte. Dagegen entwarf Wladimir Iljitsch Lenin eine \u201ePartei neuen Typs\u201c, welche als straffe Avantgarde-Organisation streng auf die politische Revolution hin ausgerichtet war und die Staatsmacht \u00fcbernehmen sollte.<\/p>\n<p>Leider viel weniger bekannt als diese sozialdemokratischen und parteikommunistischen Strategien, sind die anarchistischen. Jene entstanden gerade in Kritik sowohl an politischen Reformen, welche nicht aufs Ganze zielen und die von der herrschenden Klasse gesetzten Rahmenbedingungen aufrecht erhalten, als auch an der politischen Revolution, mit welcher von der falschen Annahme ausgegangen wurde, die Staatsmacht k\u00f6nne als neutrales Instrument verwendet und die sozialistische Gesellschaft mittels einer Diktatur eingerichtet werden. Alternativ thematisiert \u00c9lis\u00e9e Reclus in einem Beitrag von 1891 sehr sch\u00f6n, dass \u201eRevolution\u201c und \u201eEvolution\u201c keine Gegens\u00e4tze, sondern vielmehr zwei verschiedene Momente des selben Prozesses seien.<\/p>\n<h3>Vielf\u00e4ltige Strategien f\u00fcr anhaltende Ver\u00e4nderungen<\/h3>\n<p>Damit wurden vier Wege entwickelt, um grundlegende Gesellschaftstransformation zu erzielen. Erstens \u2013 als Abkehr von der Reform \u2013 die mutualistische Selbstorganisation, mit welcher darauf gesetzt wurde, dass die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse sich durch Graswurzelarbeit langfristig und radikal ver\u00e4ndern lassen Pierre-Joseph Proudhon und Gustav Landauer standen z.B. f\u00fcr diesen Ansatz. Zweitens wurde in Entt\u00e4uschung von der politischen Revolution auf den Aufstand ohne konkrete Zielvorstellung gesetzt, etwa von Luigi Galleani. N\u00e4her am Politikmachen dran sind dagegen, drittens, organisierte Massenbewegungen, welche zivilen Ungehorsam praktizieren. Sie sind keineswegs nur anarchistisch, aber Anarchist*innen wie Errico Malatesta oder Emma Goldman beteiligten sich aktiv in einer eigenen Str\u00f6mung in ihnen. Schliesslich beziehen sich alle diese Strategien, viertens, auch auf das Konzept der sozialen Revolution, welches sie gewissermassen zusammenbindet und auf die Gesellschaftstransformation insgesamt hin ausrichtet. Wie insbesondere Peter Kropotkin herausarbeitet, wird damit auch eine konkrete Utopie als positive Vision f\u00fcr eine libert\u00e4r-sozialistische Gesellschaftsform verbunden. In anarch@-syndikalistischen Ans\u00e4tzen, z.B. bei \u00c9mile Pouget, wird dieser Bezugspunkt aufs Ganze wiederum mit konkreten sozialen K\u00e4mpfen im Alltag verbunden.<\/p>\n<p>Es gibt also eine ganze Menge Strategien, um umfassende, radikale und anhaltende Gesellschaftsver\u00e4nderung zu denken und soziale K\u00e4mpfe an ihnen auszurichten. Und wir sollten uns bewusst werden und entscheiden, welche Strategien wir \u2013 langfristig und auf bestimmte Situationen bezogen \u2013 eigentlich verfolgen. Denn auch dies wird sich auf die Gestaltung unserer Demos auswirken, ihren Charakter und ihre Effekte pr\u00e4gen. Es ist v\u00f6llig klar, dass es dabei nicht den einen richtigen Weg oder nur eine sinnvolle Strategie geben kann. Tats\u00e4chlich vermischen sie sich, was auch v\u00f6llig okay und bereichernd ist. Irritation und Streit kommen aber auf, wenn die Strategien, Ziele und Praktiken der unterschiedlichen Teilnehmenden sehr verschiedene sind \u2013 und wenn dies weder bewusst gemacht noch transparent und ehrlich kommuniziert und diskutiert wird. Und dies wirkt sich logischerweise auch auf die Gestaltung, den Ausdruck von Demonstrationen und die Handlungsoptionen in ihnen aus.<\/p>\n<h3>Autonomie oder Integration<\/h3>\n<p>Reform und Revolution gegeneinander zu stellen, ist konstruierter Widerspruch, den wir auch in der Ausgestaltung unserer Demos praktisch \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Viel eher lohnt es sich in einem Gegensatz von Autonomie und Integration zu denken. Denn dieses Spannungsfeld zieht sich im Grunde genommen durch alle sozialen Bewegungen und ihre verschiedenen Fl\u00fcgel. Zielen wir mit einer Demonstration vor allem darauf ab, Geh\u00f6r f\u00fcr unsere partikularen Forderungen zu finden, ein Thema in den Mainstream-Medien zu setzen oder gar eine bestimmte Gesetzesver\u00e4nderung zu bewirken? Oder wollen wir deutlich machen, dass wir uns selbst organisieren, die erstrebenswerten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse bereits praktisch einrichten und eine selbstbestimmte Agenda verfolgen, mit welcher wir auf eine m\u00f6glichst klare Distanz zum gesetzten Rahmen der politisch und \u00f6konomisch herrschenden Klassen und ihres Verwaltungs- und Zwangsapparates gehen? Hierbei geht es \u2013 ebenso wie bei den Transformationsstrategien \u2013 nicht in erster Linie darum, wie viel Macht die Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aktuell haben. Stattdessen ist entscheidend, wie und worauf hin sie ihre Botschaften, Ausdrucks-, Aktions- und Organisationsformen orientieren.<\/p>\n<p>Auch wenn es zun\u00e4chst etwas befremdlich wirkt \u2013 selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen wir unser Handeln auch in einer kleinen Bezugsgruppe sozial-revolution\u00e4r, aufst\u00e4ndisch, zivil-ungehorsam oder mutualistisch-selbstorganisierend ausrichten. Die Frage ist, WIE wir etwa tun und WO wir hin wollen. Und ob unser Handeln mit unseren Strategien, Vorstellungen und Aussagen \u00fcbereinstimmt. Die Behauptungen, wir lebten in nicht-revolution\u00e4ren Zeiten, erst m\u00fcssten wir den Faschismus zur\u00fcckschlagen oder aktuell w\u00e4ren nur Symbolpolitik oder marginale Reformen m\u00f6glich, sind Schein-Argumente, die immer zur Integration in den Rahmen der bestehenden politischen Herrschaft dienen \u2013 auch wenn sie mit noch so linksradikal klingenden Phrasen und Begr\u00fcndungen vorgetragen werden. Dagegen wird es Zeit, dass wir eine andere Herangehensweise wieder entdecken und nach Autonomie streben.<\/p>\n<p>Allerdings m\u00fcssen wir uns dabei vor Augen halten, wer in welcher Position ist. F\u00fcr Migrantinnen ist es beispielsweise entscheidend, dass sie einen Aufenthaltsstatus erhalten, damit sie in der BRD bleiben k\u00f6nnen \u2013 auch wenn das bedeutet, dass sie sich integrieren sollen. Ebenso ist es w\u00fcnschenswert, wenn Aktivistinnen, die einer Lohnarbeit als Lehrerin, Anw\u00e4ltin, Journalistin, Sanit\u00e4terin oder Kulturschaffende nachgehen, ihre Positionen nutzen, um soziale Bewegungen zu st\u00e4rken \u2013 auch wenn dies regelm\u00e4ssig zu Widerspr\u00fcchen f\u00fchrt. Dennoch k\u00f6nnen sie in ihren Aktivit\u00e4ten f\u00fcr eine libert\u00e4r-sozialistische Gesellschaftsform k\u00e4mpfen, anstatt sich m\u00fchevoll am starren Rahmen der verwelkenden, zerr\u00fctteten Herrschaftsordnung abzuarbeiten. Eine solche Herangehensweise wird sich auch auf den Charakter von Demonstrationen und alle anderen Praktiken auswirken.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\"><em>Jonathan Eibisch<\/em><\/p>\n<p class=\"fussnoten\"><em>Zuerst erschienen in Bella Ciao Nr. 3<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem Umfeld und in der linken Szene im weiteren Sinne beobachte ich seit geraumer Zeit die Tendenz, dass der Besuch von Demos und das Engagement in selbstorganisierten Gruppen immer weiter auseinander zu klaffen scheinen. 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