{"id":1710855,"date":"2023-01-20T17:01:56","date_gmt":"2023-01-20T17:01:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1710855"},"modified":"2023-01-20T17:01:56","modified_gmt":"2023-01-20T17:01:56","slug":"hat-die-menschheit-noch-eine-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/01\/hat-die-menschheit-noch-eine-chance\/","title":{"rendered":"Hat die Menschheit noch eine Chance?"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<h3><strong>Zur Bew\u00e4ltigung der Vielfachkrisen sind neue Wege not-wendig!<\/strong><\/h3>\n<\/blockquote>\n<p>Wenn RWE L\u00fctzerath abbaggern darf, dann hat sich die Bundesregierung \u2013 allen voran die zust\u00e4ndigen Olivgr\u00fcnen \u2013 endg\u00fcltig von einer ernsthaften Klimapolitik und vom ohnehin unzureichenden 1,5 Grad-Ziel verabschiedet.<\/p>\n<p>Der 2022 erschienene Bericht \u201e<a href=\"https:\/\/www.grueneliga-berlin.de\/publikationen\/der-rabe-ralf\/aktuelle-ausgabe\/rezensionen-16\/#survival\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Earth for All<\/a>\u201c des Club of Rome scheint ungeh\u00f6rt zu bleiben, so dass wohl das darin beschriebene Szenario \u201eZu wenig, zu sp\u00e4t\u201c eintreffen wird, mit noch mehr Ungleichheit, sozialen Spannungen und einem globalen Temperaturanstieg um weit mehr als zwei Grad, mit verheerenden Auswirkungen. Das andere Szenario, das die Menschheit vor dem Aussterben retten k\u00f6nnte, w\u00fcrde einen sofortigen \u201eRiesensprung\u201c erfordern: Abschaffung von Armut und Ungleichheit, Erm\u00e4chtigung von Frauen, Aufbau eines gesunden Nahrungsmittelsystems und Nutzung sauberer Energien. All dies ist nicht \u2013 und schon gar nicht in dem erforderlichen Umfang und der notwendigen Geschwindigkeit \u2013 in Sicht.<\/p>\n<p>Die Klimakatastrophe ist nur eine von vielen Krisen, die eine weitere Existenz der Menschheit ernsthaft infrage stellen. Auf dem Weltnaturgipfel COP15 im Dezember 2022 verhandelten Vertreter*innen aus fast 200 L\u00e4ndern \u00fcber den Erhalt der Biodiversit\u00e4t. Diese Konferenzen finden regelm\u00e4\u00dfig statt, formulieren sch\u00f6ne Ziele, die jedoch nie erreicht werden. Durch die Ausbeutung und Verschmutzung der Natur schreitet das Artensterben immer schneller voran.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/service\/newsletter-und-abos\/newsletter-verbraucherschutz\/weltnaturkonferenz-montreal-2154600\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Bundesregierung bezeichnet<\/a> die Ergebnisse des COP15 vollmundig als \u201eSignal der Entschlossenheit\u201c: \u201eBis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresfl\u00e4chen unter Schutz gestellt und der Pestizideinsatz halbiert werden. Au\u00dferdem soll es mehr Geld f\u00fcr den Schutz der Artenvielfalt geben.\u201c <a href=\"https:\/\/www.nabu.de\/natur-und-landschaft\/naturschutz\/weltweit\/globale-biodiversitaetspolitik\/25413.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Nabu kritisiert,<\/a> es fehlten \u201ekonkrete Vereinbarungen zur Umsetzung und messbare Ziele\u201c. NABU-Pr\u00e4sident J\u00f6rg-Andreas Kr\u00fcger betont: \u201eDie Welt rast in der Natur- und Klimakrise auf einen Abgrund zu. Doch statt entschieden zu bremsen, geht sie lediglich etwas vom Gas.\u201c<\/p>\n<h3><strong>Westlich dominierter Naturschutz vertreibt Indigene<\/strong><\/h3>\n<p>Je nach Umsetzung und Interessenlage k\u00f6nnen die wohlklingenden Vors\u00e4tze auch das Gegenteil bewirken, wenn beispielsweise die Gelder in Greenwashing-Projekte flie\u00dfen, oder wenn Indigene mit dem Argument des Naturschutzes vertrieben werden. Schon vor dem Gipfeltreffen hatten Amnesty International und andere NGOs <a href=\"https:\/\/assets.survivalinternational.org\/documents\/2413\/Statement_30__DE.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">an die Regierungen appelliert<\/a>: \u201eOhne eine drastische \u00dcberarbeitung wird das sogenannte 30\u00d730-Ziel das Leben indigener V\u00f6lker zerst\u00f6ren, die Lebensgrundlagen anderer Subsistenz-Landnutzer*innen massiv beeintr\u00e4chtigen, und gleichzeitig von den wahren Ursachen f\u00fcr den Zusammenbruch von Artenvielfalt und Klima ablenken.\u201c Solche Naturschutzgebiete stellten \u201eden Eckpfeiler typischer, westlich dominierter Naturschutzbem\u00fchungen\u201c dar und h\u00e4tten schon bisher \u201ein vielen Teilen Afrikas und Asiens zu Vertreibungen, Hunger, Krankheiten und Menschenrechtsverletzungen, einschlie\u00dflich T\u00f6tungen, Vergewaltigungen und Folter gef\u00fchrt.\u201c Um die \u00d6kosysteme zu sch\u00fctzen, m\u00fcssten die Rechte derjenigen gesch\u00fctzt werden, \u201edie in ihnen leben und auf sie angewiesen sind\u201c, denn 80 Prozent der gesamten biologischen Vielfalt der Erde komme \u201eauf dem angestammten Land indigener V\u00f6lker vor\u201c. Deren Rechte auf Land und Selbstbestimmung seien zu sch\u00fctzen, so wie es \u201ein internationalen Menschenrechts\u00fcbereinkommen festgeschrieben\u201c sei.<\/p>\n<p>In einer <a href=\"https:\/\/www.de-ipbes.de\/de\/Globales-IPBES-Assessment-zu-Biodiversitat-und-Okosystemleistungen-1934.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pr\u00e4sentation f\u00fcr den Deutschen Bundestag<\/a> hatte der Weltbiodiversit\u00e4tsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) 2019 auf die \u201eBeitr\u00e4ge indigener V\u00f6lker und lokaler Gemeinschaften zur Verbesserung und zum Erhalt wilder und domestizierter Biodiversit\u00e4t und Landschaften\u201c hingewiesen und betont, dies sei auch ein \u201eAngebot alternativer Konzepte der Mensch-Natur-Beziehungen\u201c.<\/p>\n<p>Diesem Aspekt fehlt bisher die notwendige Aufmerksamkeit, und er sollte meines Erachtens in den Klimak\u00e4mpfen eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen. Die Einsicht, dass der Kapitalismus strukturellen Wachstumszw\u00e4ngen unterliegt, ist weit verbreitet. Aber allein daraus erkl\u00e4rt sich noch nicht die Gewaltt\u00e4tigkeit gegen\u00fcber Mensch und Natur, die der kapitalistischen Wirtschaftsweise kulturell eingeschrieben ist. Aus feministischer Perspektive ist eine andere Wirtschaft zwar notwendig, aber nicht hinreichend f\u00fcr eine Postwachstumsgesellschaft, denn patriarchale und koloniale Macht, Herrschaft und Gewalt sind \u00e4lter als der Kapitalismus (<a href=\"https:\/\/www.postwachstum.de\/postwachstum-und-kapitalismus-ein-widerspruch-3-20220905\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">siehe dazu den Beitrag der Autorin unter #PoWaKap<\/a>).<\/p>\n<h3><strong>Abschied nehmen von gewohnten Vorstellungen<\/strong><\/h3>\n<p>Angesichts der vielf\u00e4ltigen Krisen und Katastrophen halte ich ein grundlegendes Umdenken und die Auseinandersetzung mit anderen Welt- und Menschenbildern f\u00fcr dringend not-wendig und gehe davon aus, dass indigene Weltsichten daf\u00fcr sehr hilfreich sein k\u00f6nnen. Nicht um sie unkritisch zu \u00fcbernehmen, aber um die eigenen eingefahrenen Denk- und Empfindungsmuster, ja auch die eigenen Vorurteile gegen ganz andere Perspektiven auf Mensch und Natur, und auf das Leben selbst, kritisch zu hinterfragen. Statt technologischer <a href=\"https:\/\/www.klimascheinloesungen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Scheinl\u00f6sungen<\/a> und patriarchalem Machbarkeitswahn braucht eine Transformation zu einem guten Leben f\u00fcr alle nach meiner \u00dcberzeugung vor allem Gewaltfreiheit und Respekt, ja Demut gegen\u00fcber den Geheimnissen des Lebens, und zuzugeben, dass \u201ewir\u201c eben nicht alles wissen und machen k\u00f6nnen \u2013 was keineswegs bedeutet, nichts zu tun!<\/p>\n<p>Allerdings ist es h\u00f6chste Zeit, sich von der westlich dominierten Vorstellung von \u201eEntwicklung\u201c zu verabschieden. Die Begrenztheiten im Weltverst\u00e4ndnis vermeintlich aufgekl\u00e4rter Naturwissenschaften \u2013 insbesondere der Physik und Biologie \u2013 hat der Philosoph und K\u00fcnstler <a href=\"https:\/\/fabian-scheidler.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fabian Scheidler<\/a> in seinem Buch \u201eDer Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken m\u00fcssen\u201c f\u00fcr mich sehr \u00fcberzeugend dargelegt (Rezension der Autorin in der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/der-notwendige-abschied-von-kalter-rationalitaet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Graswurzelrevolution Oktober 2021<\/a>).<\/p>\n<p>Nach Wolfgang Sachs, der seit Jahrzehnten zu Fragen der Nachhaltigkeit forscht, ist Entwicklung \u201eein Plastikwort, ein leerer Begriff mit positiver Bedeutung\u201c. Es gehe dabei um einen Fortschritt, mit dem die Armut weltweit bek\u00e4mpft werden sollte \u2013 was zwar teilweise gelang, jedoch \u201emit noch gr\u00f6\u00dferer Ungleichheit und mit inzwischen irreparablen Umweltsch\u00e4den erkauft\u201c wurde. In einleitenden Worten zu dem Buch <a href=\"https:\/\/globaltapestryofalternatives.org\/publications:index#pluriversea_post-development_dictionary\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pluriverse \u2013 A Post-Development Dictionary<\/a>\u201c (Pluriversum \u2013 Ein Post-Development Lexikon) f\u00fchrt er weiter aus, dass der Mythos der Entwicklung \u2013 ein Gedanke, der \u201evon der Diktatur des quantitativen Vergleichs\u201c lebe \u2013 2015 mit der Einf\u00fchrung der <a href=\"https:\/\/sdgs.un.org\/goals\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs)<\/a> \u201eformlos und noch dazu ger\u00e4uschlos beerdigt\u201c wurde. Nun sei nicht mehr vom Aufholen die Rede, sondern es wurden universelle Ziele f\u00fcr die ganze Welt formuliert.<\/p>\n<h3><strong>Ein Pluriversum<\/strong><\/h3>\n<p>Die Ideen von Entwicklung sind noch lange nicht g\u00e4nzlich verschwunden, vor allem stellt sich nun jedoch die Frage, was an ihre Stelle treten k\u00f6nnte. Ich misstraue grunds\u00e4tzlich allen, die meinen, DIE eine L\u00f6sung und einzig m\u00f6gliche Alternative zur kapitalistischen Wachstumswirtschaft gefunden zu haben. Postwachstum und Postdevelopment, das hei\u00dft die Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft ohne das auf Wachstum ausgerichtete Fortschritts- und Entwicklungsparadigma, kann ich mir nur als vielf\u00e4ltige Wege vorstellen, die nicht geradlinig und selbstgewiss, quasi-milit\u00e4risch orchestriert verlaufen, sondern eher in spiralf\u00f6rmigen Suchbewegungen, fragend voran.<\/p>\n<p>Darum hat mich das Pluriversum-Buch begeistert. Darin stellen mehr als 100 Autor*innen vielf\u00e4ltige wirtschaftliche, sozialpolitische, kulturelle und \u00f6kologische Konzepte, Weltanschauungen und Praktiken aus aller Welt vor. Post-Development zeigt Alternativen auf, die das Leben auf der Erde sch\u00fctzen und respektieren: Ein Pluriversum vieler m\u00f6glicher Welten, das eine Vielzahl von Systemkritiken und Lebensweisen umfasst. Dieses Lexikon m\u00f6chte die laufende Debatte \u00fcber die sozial-\u00f6kologische Transformation repolitisieren, indem es ihre Vielschichtigkeit herausarbeitet. Das Buch ist all jenen gewidmet, \u201edie sich f\u00fcr das Pluriversum einsetzen, die sich gegen Ungerechtigkeit wehren und Wege f\u00fcr ein Leben in Harmonie mit der Natur suchen\u201c.<\/p>\n<p>Die Idee f\u00fcr das Buch wurde auf der gro\u00dfen Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig erstmals von dem Wirtschaftswissenschaftler und ehemaligen ecuadorianischen Bergbauminister Alberto Acosta, dem Sozial- und Umweltwissenschaftler Federico Demaria und dem Gr\u00fcnder der indischen Umweltgruppe <a href=\"https:\/\/kalpavriksh.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kalpavriksh<\/a>, Ashish Kothari, diskutiert. Sp\u00e4ter schlossen sich die \u00f6kofeministische Wissenschaftlerin und Aktivistin Ariel Salleh, und der emeritierte Professor f\u00fcr Anthropologie Arturo Escobar, dem Projekt an. Als Herausgeber*innen verstehen sie das Buch \u201eals Einladung zur Erforschung dessen, was wir als beziehungsorientierte \u201aArten des Seins\u2018 betrachten\u201c. Sie m\u00f6chten die marxistische Analyse \u201edurch Perspektiven wie Feminismus und \u00d6kologie sowie durch Vorstellungen aus dem globalen S\u00fcden, einschlie\u00dflich Gandhianischer Ideale\u201c erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Die englische Erstausgabe erschien 2019 in Indien und wurde bereits auf Franz\u00f6sisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch \u00fcbersetzt, weitere Sprachen sollen folgen. Der <a href=\"https:\/\/www.agspak-buecher.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AG SPAK-Verlag<\/a> wird das Pluriversum-Buch noch in diesem Jahr auch f\u00fcr deutschsprachige Leser*innen zug\u00e4nglich machen, online und als gedrucktes Buch. Die darin aufgeworfenen Fragen m\u00f6chten wir gerne breit diskutieren, sicher auch hier im Postwachstumsblog.<\/p>\n<p><em>Hinweis zur Transparenz: Die Autorin ist mit daran beteiligt, das Pluriversum-Buch auf Deutsch herauszubringen.<\/em><\/p>\n<p><em>Damit das ca. 400-seitige Buch m\u00f6glichst preiswert abgegeben werden kann, werden bis Ende Februar 2023 Spenden f\u00fcr die Druckkosten gesammelt, mehr dazu: <\/em><a href=\"http:\/\/www.netz-bb.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>www.netz-bb.de<\/em><\/a><\/p>\n<p><em><b>Der Artikel von Elisabeth Vo\u00df wurde im <a href=\"http:\/\/Der Artikel von Elisabeth Vo\u00df wurde im Blog Postwachstum erstver\u00f6ffentlicht. Dieser Artikel ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung \u2013 Nicht kommerziell \u2013 Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen darf er verbreiten und vervielf\u00e4ltigen werden.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blog Postwachstum<\/a> erstver\u00f6ffentlicht.<\/b><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Dieser Artikel ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung \u2013 Nicht kommerziell \u2013 Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen darf er verbreiten und vervielf\u00e4ltigen werden.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Bew\u00e4ltigung der Vielfachkrisen sind neue Wege not-wendig! Wenn RWE L\u00fctzerath abbaggern darf, dann hat sich die Bundesregierung \u2013 allen voran die zust\u00e4ndigen Olivgr\u00fcnen \u2013 endg\u00fcltig von einer ernsthaften Klimapolitik und vom ohnehin unzureichenden 1,5 Grad-Ziel verabschiedet. 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