{"id":1709197,"date":"2023-01-16T06:32:17","date_gmt":"2023-01-16T06:32:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1709197"},"modified":"2023-01-16T06:32:17","modified_gmt":"2023-01-16T06:32:17","slug":"die-hungermacher-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/01\/die-hungermacher-iii\/","title":{"rendered":"Die Hungermacher (III)"},"content":{"rendered":"<p><strong>EU verhindert weiterhin die Belieferung Afrikas mit russischen D\u00fcngemitteln. UNO warnt vor Hunger. Deutscher Politiker zieht die Nutzung von Hunger als Druckmittel in Konflikten in Betracht.<\/strong><\/p>\n<div class=\"lead\">\n<p>Die EU verhindert mit ihren Sanktionen trotz gegenteiliger Behauptungen immer noch die Belieferung vor allem afrikanischer L\u00e4nder mit dringend ben\u00f6tigten russischen D\u00fcngemitteln. Dies belegt etwa die Tatsache, dass russische Unternehmen klagen, trotz der Erleichterungen, die Br\u00fcssel im Dezember zugesagt habe, w\u00fcrden D\u00fcngemittellieferungen nach Afrika weiterhin ausgebremst. Hinzu kommt, dass die Vereinten Nationen Gespr\u00e4che \u00fcber die Wieder\u00f6ffnung einer blockierten Pipeline, die russisches Ammoniak durch die Ukraine leitet, ohne Termin vertagen mussten. Pipelines, die russisches Erdgas in die EU leiten, blockiert die Ukraine nicht. 2022 sanken die russischen D\u00fcngemittelexporte um rund 15 Prozent \u2013 wohl vor allem zu Lasten afrikanischer Staaten. Die Vereinten Nationen warnen, das Fehlen von D\u00fcnger verursache Ernteausf\u00e4lle, die zu Hungersn\u00f6ten f\u00fchren k\u00f6nnen. Der Gr\u00fcnen-Politiker Anton Hofreiter zieht die Drohung mit Hunger in Handelskonflikten mit China in Betracht. Sofern ein Staat Deutschland keine Seltenen Erden mehr liefere, k\u00f6nne man laut Hofreiter fragen: \u201eWas wollt ihr eigentlich essen?\u201c China muss Lebensmittel importieren \u2013 auch aus Deutschland.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"news-text-wrap\">\n<h3>Die Folgen der Sanktionen<\/h3>\n<p>Die ma\u00dfgebliche Ursache des derzeitigen D\u00fcngermangels in Afrika ist das undurchsichtige Geflecht der EU-Sanktionen gegen Russland, einen der gr\u00f6\u00dften D\u00fcngemittelproduzenten der Welt. Die Sanktionen sparen zwar der Form halber D\u00fcngemittellieferungen an afrikanische Staaten aus. Das n\u00fctzt aber nicht viel, da die Sanktionen gegen die russischen Finanz- und Transportbranchen Lieferung und Bezahlung erschweren oder gar v\u00f6llig unm\u00f6glich machen. Hinzu kommen Sanktionen gegen russische Milliard\u00e4re, die in der Branche ihren Reichtum verdienen. Die EU hat im Dezember in Reaktion auf den zunehmenden Protest aus Afrika ihren Mitgliedstaaten die Option er\u00f6ffnet, die Sanktionen gegen sechs russische Milliard\u00e4re abzuschw\u00e4chen, um die D\u00fcngemittellieferungen an afrikanische Staaten endlich wieder in Gang zu bringen (german-foreign-policy.com berichtete [1]). Zuvor hatte es darum heftigen Streit gegeben; vor allem Polen und die baltischen Staaten hatten sich grunds\u00e4tzlich gegen jegliche Erleichterung gesperrt und dem Machtkampf gegen Russland klar Vorrang vor dem Kampf gegen D\u00fcngermangel und drohende Hungersn\u00f6te in Afrika einger\u00e4umt.<\/p>\n<h3>In EU-H\u00e4fen festgesetzt<\/h3>\n<p>Nun geht jedoch aus Berichten hervor, dass die stolz verk\u00fcndeten Sanktionserleichterungen unzureichend sind und russische D\u00fcngemittel immer noch nicht in ausreichendem Ma\u00df nach Afrika gelangen. Zwar ist \u2013 nach mehrmaligerVerz\u00f6gerung \u2013 am Neujahrswochenende eine erste D\u00fcngemittellieferung von 20.000 Tonnen im Hafen von Beira in Mosambik eingetroffen, von wo aus sie weiter nach Malawi transportiert werden soll; dort d\u00fcrfte sie in einigen Wochen eintreffen. Sie deckt drei Prozent des malawischen Jahresbedarfs.[2] Sie entstammt einer deutlich gr\u00f6\u00dferen Menge russischer D\u00fcngemittel, die wegen der Sanktionen in diversen H\u00e4fen Europas festgesetzt worden waren und dort nutzlos lagerten, w\u00e4hrend in Afrika Mangel herrschte. Die EU bzw. ihre Mitgliedstaaten haben sie auch jetzt lediglich im Rahmen eines speziellen Programms freigegeben, bei dem die russischen Produzenten den D\u00fcnger ausgew\u00e4hlten afrikanischen Staaten spenden. Insgesamt handelt es sich um ungef\u00e4hr 260.000 Tonnen. Sogar ihre Lieferung verz\u00f6gert sich wegen der europ\u00e4ischen Blockaden; obwohl sie bereits im November beschlossen wurde, kommt die erste Teillieferung erst n\u00e4chsten Monat in Malawi an.<\/p>\n<h3>Immer noch blockiert<\/h3>\n<p>Dar\u00fcber hinaus werden weiterhin D\u00fcngemittellieferungen in wohl erheblichem Umfang durch die EU-Sanktionen verhindert. Wie Ende Dezember bekannt wurde, berichtet Andrej Melnitschenko, ein russischer Milliard\u00e4r, der bis vor kurzem den D\u00fcngemittelhersteller Eurochem kontrollierte, mit ihren angeblichen Erleichterungen f\u00fcr D\u00fcngerlieferungen habe die EU zwar faktisch eingestanden, dass ihre Sanktionen mitverantwortlich f\u00fcr die aktuellen Probleme in der Nahrungsmittelversorgung seien. Allerdings verbesserten ihre Ma\u00dfnahmen die Lage nicht wirklich, sie verkomplizierten sie sogar noch.[3] Demnach hat Eurochem weiterhin ernste Schwierigkeiten damit, seinen Handel mit D\u00fcngemitteln in Gang zu bekommen. Nicht geholfen hat, dass Melnitschenko, auf der Bloomberg-Milliard\u00e4rsliste zur Zeit auf Rang 134, zwei Pl\u00e4tze hinter dem s\u00fcddeutschen Schraubenmagnaten Reinhold W\u00fcrth, seine Kontrolle \u00fcber Eurochem an seine Ehefrau weitergegeben und sich selbst aller Form nach zur\u00fcckgezogen hat: Die EU hat inzwischen auch seine Ehefrau mit Sanktionen belegt.[4] Damit ist Eurochem weiterhin kaum gesch\u00e4ftsf\u00e4hig; die D\u00fcngemittelexporte kommen nicht vom Fleck.<\/p>\n<h3>Verlierer: Afrika<\/h3>\n<p>Um welche Gr\u00f6\u00dfenordnung es sich bei den ausgebliebenen russischen Lieferungen handelt, l\u00e4sst ein Blick auf die russische Exportstatistik des vergangenen Jahres erahnen. Demnach ging die Ausfuhr russischer D\u00fcngemittel sanktionsbedingt um rund 15 Prozent auf gut 31,6 Millionen Tonnen zur\u00fcck.[5] Zwischenzeitlich war in Moskau mit noch deutlich gr\u00f6\u00dferen Ausf\u00e4llen gerechnet worden; dies konnte verhindert werden. Grund daf\u00fcr war etwa eine Steigerung der D\u00fcngemittelausfuhr nach Indien, die die Einbu\u00dfen im Export in die L\u00e4nder Europas beinahe ausgleichen konnte; sie war m\u00f6glich, weil der russisch-indische Handel zunehmend ohne R\u00fcckgriff auf die westliche Finanz- und Transportbranche auskommt. Die Lieferungen in L\u00e4nder des Nahen und Mittleren Ostens \u2013 Russland z\u00e4hlt auch die T\u00fcrkei dazu \u2013 nahmen aus demselben Grund ebenfalls zu. Schlechte Karten hatten allerdings die in Sachen Finanz- und Transportinfrastruktur schlechter aufgestellten Staaten Afrikas. Hinzu kommt, dass riesige Mengen russischer D\u00fcngemittel und Rohstoffe in Frachtern in fremden H\u00e4fen festsa\u00dfen. Russische Stellen bezifferten die Menge im August auf sieben bis acht Millionen Tonnen.[6] Wieviel davon inzwischen freigestellt wurde, ist unbekannt.<\/p>\n<h3>Zweierlei Pipelines<\/h3>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu den Schiffs- sind auch russische Pipelinelieferungen von Ammoniak blockiert worden; Ammoniak ist ein wichtiger Ausgangsstoff f\u00fcr die D\u00fcngemittelproduktion. Er wird seit vielen Jahren unter anderem durch eine Pipeline aus der russischen Stadt Togliatti, wo mit Togliatti Azot einer der gr\u00f6\u00dften Ammoniakproduzenten der Welt ans\u00e4ssig ist, in die ukrainische Hafenstadt Odessa geleitet und dort verschifft. Die Ukraine stoppte die Nutzung der Pipeline unmittelbar am 24. Februar. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Kiew den Erdgastransport aus Russland in die EU nicht unterbindet und weiter Transportgeb\u00fchren aus Russland kassiert. Offenbar besteht aus ukrainischer Sicht ein Unterschied zwischen der EU und ihrem Erdgas- sowie \u00e4rmeren Staaten und ihrem Ammoniakbedarf; Letzterer gilt der ukrainischen Regierung wohl als weniger wichtig.[7] Die Vereinten Nationen bem\u00fchen sich, Kiew zur Freigabe der Pipeline zu bewegen, mussten entsprechende Verhandlungen aber Mitte Dezember ohne Angabe eines neuen Gespr\u00e4chstermins vertagen.[8] Es geht um Mengen von bis zu 2,5 Millionen Tonnen Ammoniak pro Jahr.[9]<\/p>\n<h3>Hunger als Waffe<\/h3>\n<p>Dass nicht nur die EU, sondern insbesondere auch deutsche Politiker nicht z\u00f6gern, Mittel zur Nahrungsproduktion und sogar Nahrung selbst als Druckmittel \u2013 im Sprachgebrauch Berlins: als Waffe \u2013 einzusetzen, zeigt eine \u00c4u\u00dferung von Anton Hofreiter (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen), dem Vorsitzenden des Bundestagsausschusses f\u00fcr die Angelegenheiten der EU. Hofreiter \u00e4u\u00dferte Mitte Dezember zu der Frage, wie Berlin reagieren k\u00f6nne, sollte China einmal damit drohen, keine Seltenen Erden mehr zu liefern: \u201eWenn uns ein Land Seltene Erden vorenthalten w\u00fcrde, k\u00f6nnten wir entgegnen: \u2018Was wollt ihr eigentlich essen?\u2018\u201c[10] Damit ist die Option, in ernsten Handelskonflikten mit dem Aushungern zu drohen, auf dem Tisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr zum Thema: <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9117\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Hungermacher (II)<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9117\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Hungermacher (II)<\/a>.<\/p>\n<p>[2] Christopher Nhlane: Russian fertilisers could arrive in Malawi February. mwnation.com 05.01.2023.<\/p>\n<p>[3], [4] Victoria Fetcher: Russian billionaire calls on Africa to press EU for Fertilizer Snarl. canadatoday.news 28.12.2022.<\/p>\n<p>[5], [6] Russian Fertilizer Producers Association reports 15-pct fall of exports in 2022. en.portnews.ru 29.12.2022.<\/p>\n<p>[7] Guy Faulconbridge, Michelle Nicols: UN trying to get Russian ammonia to world through Ukraine. reuters.com 14.09.2022.<\/p>\n<p>[8] UN-Generalsekret\u00e4r: Das meiste exportierte Getreide ging an Entwicklungsl\u00e4nder. russland.news 19.12.2022.<\/p>\n<p>[9] Guy Faulconbridge, Michelle Nicols: UN trying to get Russian ammonia to world through Ukraine. reuters.com 14.09.2022.<\/p>\n<p>[10] Moritz Eichhorn: Anton Hofreiter: Entweder Nato-Mitgliedschaft f\u00fcr Ukraine oder 3200 Leopard-Panzer. berliner-zeitung.de 15.12.2022.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EU verhindert weiterhin die Belieferung Afrikas mit russischen D\u00fcngemitteln. 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