{"id":1708538,"date":"2023-01-11T06:58:02","date_gmt":"2023-01-11T06:58:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1708538"},"modified":"2023-01-11T06:58:02","modified_gmt":"2023-01-11T06:58:02","slug":"kunst-als-medium-fuer-die-suche-und-das-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2023\/01\/kunst-als-medium-fuer-die-suche-und-das-erinnern\/","title":{"rendered":"Kunst als Medium f\u00fcr die Suche und das Erinnern"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberall sp\u00fcrbar in Mexiko ist die Dringlichkeit, ja die zwingende Notwendigkeit sich mit der schwerwiegendsten sozialen Krise der letzten hundert Jahre auseinanderzusetzen. Diese Dringlichkeit und Notwendigkeit sind nicht Ergebnis eines blinden Aktionismus. Im Gegenteil, sie sind Reaktion auf das Versagen des Staates, das Verschwinden von Personen aufzukl\u00e4ren, es aufzuhalten und Gerechtigkeit herzustellen. Doch es ist nicht nur der fehlende Wille: Es ist die aktive Rolle des Staates in kriminellen Strukturen, die dazu f\u00fchrt, dass er das Leben seiner B\u00fcrger*innen nicht sch\u00fctzen kann.<br \/>\nAuf dieses Problem reagieren einige K\u00fcnstler*innen in der Ausstellung\u00a0<i>Performatividades de la b\u00fasqueda\u00a0<\/i>(Performativit\u00e4ten der Suche) in der\u00a0<em>Galer\u00eda Metropolitana UAM<\/em>\u00a0in Mexiko-Stadt. Nicht etwa, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern um die Familien auf der Suche nach ihren geliebten Menschen zu begleiten. So sollen aus der Kunst heraus eine Sprache, Narrative und Ans\u00e4tze entstehen, mittels derer die Gesamtbev\u00f6lkerung f\u00fcr das Thema sensibilisiert werden kann. \u201eWie gelingt k\u00fcnstlerischer Aktivismus, ohne den Schmerz der Hinterbliebenen auszunutzen? Indem man einen Dialog auf Augenh\u00f6he kreiert und nicht den K\u00fcnstler in den Mittelpunkt stellt\u201c, sagt Fabiola Rayas (eine der ausstellenden K\u00fcnstlerinnen und Mitbegr\u00fcnderin des Projekts\u00a0<em>Familiares Caminando por Justicia<\/em>, Anm. d. Redaktion). Seit ihrer Ausbildung befasst sie sich in ihrer Arbeit mit dem Verschwinden von Personen und der Suche nach ihnen.<\/p>\n<p>Die in der Ausstellung\u00a0<em>Performatividades de la B\u00fasqueda<\/em>\u00a0(Performativit\u00e4ten der Suche) gezeigten Werke sind wie ein Zusammentreffen der verschiedenen Formen der Suche. Hier geht es nicht um das n\u00fcchterne Ausstellen von Kunst in einem Museum, sondern um die tiefe Liebe, die die Hinterbliebenen f\u00fcr die Vermissten empfinden und die verschiedene sichtbare Formen annimmt. Die Arbeiten von K\u00fcnstler*innen wie Fabiola Rayas, Laura Valencia, Lukas Avenda\u00f1o, Tania Andrea Olea, Sabina Aldana, Laura Uribe, Luz Mar\u00eda S\u00e1nchez, Rafael del R\u00edo, Daniela Guill\u00e9n, Juliana Spinola, Laura Loredo und dem Projekt\u00a0<em>Huellas de la Memoria<\/em>\u00a0(Spuren der Erinnerung) erm\u00f6glichen eine Ann\u00e4herung an das, was die Suche f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen bedeutet. Dieses kollektive Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen macht aus der Ausstellung einen Spiegel, der mit der gleichen Intensit\u00e4t, mit der der Staat sich so h\u00e4ufig seiner Verantwortung zu entziehen versucht, den Verschwundenen ein Gesicht gibt, Erinnerung erm\u00f6glicht, gegen das Vergessen wirkt und die Suche aufrecht erh\u00e4lt. \u201eDie Kunst\u201c, sagt Rayas weiter, \u201eist als Medium zu verstehen und nicht als ein Selbstzweck. Mir ist bewusst geworden, dass es wenig bringt, Kunst zu diesem Thema zu machen, ohne die Familien einzubinden. Man kann nicht losgel\u00f6st vom Kontext k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig sein, das ergibt keinen Sinn.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_1708541\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1708541\" class=\"wp-image-1708541 size-medium\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko-300x300.jpeg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko-150x150.jpeg 150w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko.jpeg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-1708541\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Heriberto Paredes<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>\u201eWir werden nie gehen, wir sind nie gegangen\u201c<\/strong><\/h5>\n<p>Entfernung wird manchmal auf relative Art und Weise gemessen, genauso wie die N\u00e4he, die Anwesenheit und die Abwesenheit. So konnte ich auch \u00fcber die Entfernung hinweg mit einer der Personen in Kontakt treten, die durch ihre Sensibilit\u00e4t und k\u00fcnstlerische Erfahrung die Ausstellung als Raum der k\u00fcnstlerischen Reflexion mitgepr\u00e4gt hat. Lukas Avenda\u00f1o teilte \u00fcber WhatsApp so viele treffende Antworten, so viele pers\u00f6nliche Erfahrungen, dass ich davon nur einige wiedergeben kann. N\u00e4mlich die, von denen ich glaube, dass sie dem Kern dieser h\u00f6chst \u00e4sthetischen und politischen Ausstellung am n\u00e4chsten kommen. Mit seiner bed\u00e4chtigen Stimme gibt er einen Rhythmus vor, in dem aus Worten Bilder entstehen, die ich gerne im Ganzen teilen m\u00f6chte:<\/p>\n<p>\u201eIch engagiere mich seit dem Verschwinden meines Bruders im Jahr 2018. Es war keine bewusste Entscheidung, ebenso wenig wie das Verschwinden freiwillig ist. Es gibt eine Menge Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob man sich entscheidet, mit dem Geschehenen in Stille zu leben oder aber hinaus auf die Stra\u00dfe zu gehen und f\u00fcr die Rechte des Verschwundenen einzustehen. Meine Beteiligung an dem Projekt ist das Ergebnis vieler Aktionen, die wir in den vier Jahren seit dem Verschwinden meines Bruders organisiert haben, z.B. Flashmobs oder die Kreation von QR-Codes, die zu einem kurzen Doku-Video verlinken. Auch animierte Bilder, die wir bei einer Aktion vor dem mexikanischen Konsulat in Barcelona am 21. Juni 2018 verwendet haben.<\/p>\n<p>Ich habe Kunst nie als Selbstzweck betrachtet. Es ist einfach das Einzige, was ich kann. Wenn ich Anwalt oder Arzt w\u00e4re, w\u00fcrde ich mich anders engagieren. Aber was ich mache, hat mit Inszenierung zu tun und es ist mein Weg, dem Versagen des Staates entgegenzutreten. Ich m\u00f6chte, dass der Beruf des K\u00fcnstlers, der per se erstmal unpolitisch ist, sich politisiert und gegen die staatliche Gewalt vorgeht, der wir als hinterbliebene Familien ausgesetzt sind. Etwa vonseiten verschiedener staatlicher Institutionen, der Menschenrechtsbeh\u00f6rden oder des Marineministeriums.<br \/>\nWir als Familien wollen der Generalstaatsanwaltschaft klarmachen, dass wir nicht aufh\u00f6ren werden, Aufkl\u00e4rung zu fordern. Und solange sie uns das Recht nehmen auf Wahrheit, auf Gerechtigkeit und darauf, dass sich die Dinge nicht st\u00e4ndig wiederholen, m\u00fcssen wir uns weigern zu vergessen, das Verschwinden als etwas Nat\u00fcrliches hinzunehmen, das Verschwinden von Personen zu normalisieren. Wir m\u00fcssen die Beh\u00f6rden daran erinnern, dass sie immer wieder l\u00fcgen, dass sie ineffizient sind und ihre blo\u00dfe Existenz eigentlich sinnlos ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_1708542\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1708542\" class=\"wp-image-1708542 size-medium\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko1-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko1-300x300.jpeg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko1-150x150.jpeg 150w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/mexiko1.jpeg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-1708542\" class=\"wp-caption-text\">n der Ausstellung sind auch Videoaufnahmen von den Performances von Lukas Avenda\u00f1o zu sehen. Foto: Heriberto Paredes<\/p><\/div>\n<p>Menschen, die wie ich auf dem Land aufgewachsen sind, wissen, dass unsere Existenz voller \u00e4sthetischer Erfahrungen ist, voller sinnlicher Eindr\u00fccke, Geruchseindr\u00fccke, Geschmackseindr\u00fccke und voller Erinnerungen. Ich habe f\u00fcr mich entschieden, dass auch die Fallakten der Verschwundenen dazugeh\u00f6ren und Teil meiner \u00e4sthetischen und k\u00fcnstlerischen Erfahrung sind. Es w\u00e4re ein grundlegender Fehler, anzunehmen, dass die Erfahrung des Verschwindenlassens nicht auch eine \u00e4sthetische Erfahrung ist und wir nicht auch das Recht h\u00e4tten, diese Erfahrung zu nutzen.<br \/>\nWir beginnen, uns an einen bewaffneten Frieden zu gew\u00f6hnen, an einen umz\u00e4unten Frieden, einen Zustand des Eingepferchtseins. Aber Menschen wie wir, die sich dieses Zustandes bewusst sind, erkennen sehr genau, wenn die Umz\u00e4unung enger wird. Und wir erkennen den Moment, in dem dieser bewaffnete Friede noch bewaffneter wird, bis auf den letzten Millimeter bewaffnet ist, und wenn er sich in unserem Bewusstsein einnistet wie ein ausgefeiltes System der Selbst\u00fcberwachung. Und wenn dies geschieht, ignorieren wir die \u00e4sthetischen und k\u00fcnstlerischen Erfahrungen, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht da w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Und wir gehen nicht, wir sind niemals gegangen. Obwohl sie uns verschwinden lassen wollen, wird es immer jemanden geben, der diese Leere f\u00fcllen wird, und zwar mit den Mitteln, die wir haben als Menschen, die weniger als weniger als niemand sind*. Wir haben den Einspruch des Gewissens gegen jede unmenschliche Ordnung, eine Abwesenheit die Anwesenheit beschw\u00f6rt. K\u00f6rper, die nicht da sind, und andere K\u00f6rper, die nach diesen verlangen. Wir werden die\u00a0<a class=\"glossaryLink\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/straflosigkeit\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\" Werden schwere Straftaten juristisch nicht aufgekl\u00e4rt oder bestraft, so wird das als Straflosigkeit bezeichnet. Diese wirkt sich nachhaltig aus auf das individuelle Empfinden der Anerkennung der Opfer, das gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeitsempfinden und den Schutz vor Wiederholung. \" data-gt-translate-attributes=\"[{&quot;attribute&quot;:&quot;data-cmtooltip&quot;, &quot;format&quot;:&quot;html&quot;}]\">Straflosigkeit<\/a>\u00a0und die Schande, die sich als Werte in unserer Republik und Demokratie verfestigt haben, vertreiben. Nicht aus Rache, sondern um Gerechtigkeit zu erlangen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Rolle der Kunst<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausstellung\u00a0<em>Performatividades de la b\u00fasqueda<\/em>\u00a0ist noch bis M\u00e4rz 2023 zu sehen. Sie ist eine Zusammenstellung verschiedener k\u00fcnstlerischer Vorgehensweisen, die sich \u00fcber einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren entwickelt haben. Ein Gro\u00dfteil der Forschungsarbeit, auf der die Ausstellung aufbaut, hat die Wissenschaftlerin Ileana Di\u00e9guez geleistet. Mit ihrer Arbeit will sie den Kampf der Familien sichtbar machen und ihnen nicht nur helfen, ihre Familienmitglieder wiederzufinden, sondern auch Gerechtigkeit zu erlangen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1708543\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1708543\" class=\"wp-image-1708543 size-medium\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Mexiko2-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Mexiko2-300x300.jpeg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Mexiko2-150x150.jpeg 150w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Mexiko2.jpeg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-1708543\" class=\"wp-caption-text\">Das Kunstprojekt Huellas de la Memoria zeigt Schuhe von Opfern gewaltsamen Verschwindenlassens. Foto: Heriberto Paredes<\/p><\/div>\n<p>\u201eDie Wissenschaftlerin Ileana Di\u00e9guez begleitet uns bereits seit mehr als sieben Jahren. Sie hat uns Hintergrundinformationen geliefert, sich intensiv mit unserer Suche auseinandergesetzt und uns dabei geholfen, unser Anliegen bekannter zu machen. All das tat sie mit dem Ziel, die Realit\u00e4t zu zeigen, die f\u00fcr uns so unertr\u00e4glich ist. Wir k\u00f6nnten ohne die Unterst\u00fctzung von Menschen wie Ileana die Suche nach unseren Vermissten nicht durchf\u00fchren\u201c, betont Lety Hidalgo in einer Sprachnachricht. Sie ist die Mutter von Roy Rivera Hidalgo, der am 11. Januar 2011 im Ballungsgebiet von Monterrey verschwunden ist. F\u00fcr Lety spielt die Kunst bei der Suche eine zentrale und ganz klare Rolle: \u201eDie Kunst sollte die Macht in Frage stellen, sollte die Realit\u00e4t, die wir leben, in Frage stellen. Wenn die Kunst Fragen stellt und die Lebensrealit\u00e4t von Menschen sichtbar macht, dann erst wird sie ihrer Aufgabe gerecht und st\u00e4rkt dar\u00fcber hinaus die Gemeinschaft.\u201c Auf Grundlage dieser Pr\u00e4missen ist jedes einzelne Werk entstanden, dass in der Galer\u00eda Metropolitana\u00a0 derzeit zu sehen ist.<br \/>\nF\u00fcr Fabiola Rayas bringt dieser k\u00fcnstlerische Prozess auch eine Dokumentation des Erinnerns hervor, die gleichzeitig auch eine Dokumentation der Geschehnisse ist, die zum Vorgang des Verschwindens geh\u00f6ren. \u201eWir werden dieses Erinnerungsdokument in der Gemeinschaft hinterlassen, in der es entstanden ist\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"p1\">*\u201cMenos que menos que nadie\u201c ist ein von Lukas Avenda\u00f1o formuliertes Konzept, um eine versch\u00e4rfte Form der Marginalisierung zu beschreiben: Ein niemand zu sein bedeutet, am Rand der Gesellschaft zu existieren. Wer weniger als niemand ist, existiert an der Peripherie der Peripherie. Avenda\u00f1o meint damit seine eigene Erfahrung der mehrfachen Diskriminierung als Person aus armen Verh\u00e4ltnissen, als Indigener und als Homosexueller. (Anm. d. Redaktion)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberall sp\u00fcrbar in Mexiko ist die Dringlichkeit, ja die zwingende Notwendigkeit sich mit der schwerwiegendsten sozialen Krise der letzten hundert Jahre auseinanderzusetzen. Diese Dringlichkeit und Notwendigkeit sind nicht Ergebnis eines blinden Aktionismus. 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