{"id":1702459,"date":"2022-12-27T17:51:24","date_gmt":"2022-12-27T17:51:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1702459"},"modified":"2022-12-27T17:54:10","modified_gmt":"2022-12-27T17:54:10","slug":"grossbritannien-the-first-to-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/12\/grossbritannien-the-first-to-fall\/","title":{"rendered":"Grossbritannien: The first to fall?"},"content":{"rendered":"<h2>Das Vereinigte K\u00f6nigreich scheint das schw\u00e4chste Glied der Kette der westlichen Industriel\u00e4nder zu bilden.<\/h2>\n<article>Ohne Brexit w\u00e4re das nicht passiert. Die H\u00e4me, mit der Deutschlands Presse den wirtschaftlichen Niedergang Grossbritanniens begleitet, wird kaum noch \u00fcbert\u00fcncht. Kaum ein Bericht \u00fcber die zunehmenden finanziellen und konjunkturellen Turbulenzen auf den Britischen Inseln, der nicht \u00d6konomen1 oder Zentralbanker2 zitieren w\u00fcrde, die dies auf den Austritt des Vereinigten K\u00f6nigreichs aus der EU zur\u00fcckf\u00fchrten. N\u00f6rdlich des \u00c4rmelkanals drohe eine lang anhaltende Rezession,3 in deren Folge die britische Wirtschaft von ihren europ\u00e4ischen Konkurrenten abgeh\u00e4ngt werde,4 w\u00e4hrend Grossbritannien zunehmend ins Abseits gerate,5 so der pessimistische Tenor der deutschsprachigen Wirtschaftspresse.Und da ist vieles schlicht wahr dran. Vielen Lohnabh\u00e4ngigen auf den Britischen Inseln droht tats\u00e4chlich der soziale Absturz. Mitte November ver\u00f6ffentlichte das Office of Budget Responsibility (OBR \u2013 B\u00fcro f\u00fcr Haushaltsverantwortung beim britischen Finanzministerium) eine langfristige Wirtschaftsprognose f\u00fcr die kommenden Jahre,6 die es in sich hatte: Demnach stehe der Bev\u00f6lkerung Grossbritanniens bis Ende 2024 ein R\u00fcckgang des Lebensstandards um sieben Prozent bevor, was den gr\u00f6ssten Einbruch seit dem Beginn der Erfassung des entsprechenden statistischen Materials in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts bilden w\u00fcrde.7 Die frei verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen sollen schon im Fiskaljahr 2022\/23 laut dem OBR um 4,3 Prozent zur\u00fcckgehen \u2013 dies ist ebenfalls ein historischer Negativrekord.8 Die Wohlstandsgewinne der letzten acht Jahre sollen hierbei revidiert werden.Mehrere Faktoren tragen zu dieser sich anbahnenden sozialen Krisis bei: Die von steigenden Energie- und Nahrungspreisen angetriebene Inflation im Vereinigten K\u00f6nigreich ist mit 11,4 Prozent (Oktober 2022) besonders hoch,9 w\u00e4hrend das Land sich auf eine besonders lange Rezession einstellen muss, in deren Verlauf laut Prognosen des OBR rund 500 000 Lohnabh\u00e4ngige arbeitslos werden d\u00fcrften und die Arbeitslosenquote von 3,5 auf 4,9 Prozent ansteigen soll. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Grossbritanniens soll bis 2024 um zwei Prozent schrumpfen, wobei das Vorkrisenniveau des BIP, das am Vorabend der Pandemie Anfang 2020 erfasst wurde, selbst Ende 2024 nicht erreicht werden soll.Die Bank of England spricht inzwischen von der \u201el\u00e4ngsten Rezession seit den 30er\u201c Jahren des 20. Jahrhunderts.10 Die konjunkturelle Vollbremsung setzte auf den Britischen Inseln eigentlich schon im vergangenen August ein, als das BIP leicht um 0,3 Prozent zur\u00fcckging.11 Im gesamten dritten Quartal 2022 erfuhr Grossbritannien eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent.12 Zudem soll die Inflation trotz der Zinswende der Notenbank mittelfristig hoch bleiben: auf 7,4 Prozent wird die Teuerungsrate f\u00fcr das kommende Jahr gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Zu dem inflations- und rezessionsbedingten R\u00fcckgang der realen Einkommen kommen die Folgen der Krise im Finanzsektor und auf dem Immobilienmarkt, sowie der Fallout der geldpolitischen Wende der Notenbank. Viele Hausk\u00e4ufer und Hypothekennehmer sehen sich mit zus\u00e4tzlichen finanziellen Belastungen aufgrund der rasch steigenden Zinsen konfrontiert, w\u00e4hrend der reale Wert ihrer H\u00e4user aufgrund fallender Preise und hoher Inflation rasch zur\u00fcckgeht. Der prognostizierte durchschnittliche Preisverfall von zehn Prozent bei Immobilien d\u00fcrfte aufgrund der Inflationsdynamik von mehr als elf Prozent zu einem reellen Wertverlust von rund 25 Prozent binnen der kommenden zwei Krisenjahre f\u00fchren.13<\/p>\n<p>Als zus\u00e4tzlicher Inflationstreiber fungiert die schwache britische W\u00e4hrung, die in den vergangenen Monaten gegen\u00fcber dem US-Dollar als der Weltleitw\u00e4hrung, in der ein Grossteil des Rohstoff- und Energiehandels abgewickelt wird, abwertete, da die US-Notenbank ihre Zinswende rasch vorantreibt.14 Anfang 2022 stand das Pfund noch bei 1,36 Dollar, w\u00e4hrend es Ende September nur noch 1,08 Dollar waren. Erst nach der Verk\u00fcndung eines haushaltspolitischen Sparkurses durch London im Oktober stabilisierte sich die britische W\u00e4hrung bei derzeit 1,22 Dollar. Der aufwertende US-Dollar f\u00fchrt somit zum Inflationsimport in Grossbritannien, das kaum \u00fcber eine nennenswerte Exportindustrie verf\u00fcgt, die von einer schwachen W\u00e4hrung profitieren k\u00f6nnte, was Londons W\u00e4hrungsh\u00fcter ebenfalls zur \u201eStraffung\u201c der Geldpolitik n\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Die Erh\u00f6hung des Leitzinses auf drei Prozent durch die Bank of England Anfang November,15 der noch weitere restriktive Zinsschritte zur Eind\u00e4mmung der zweistelligen Inflation folgen sollen,16 l\u00e4sst wiederum die Zinsen f\u00fcr Kredite und Hypotheken in die H\u00f6he schiessen, w\u00e4hrend viele Kredit- und Hypothekennehmer mit schwindenden Einnahmen konfrontiert sind. Rund zwei Millionen Hausk\u00e4ufer werden in den kommenden zwei Krisenjahren sich mit h\u00f6heren Hypothekenkosten konfrontiert sehen, was zu Notverk\u00e4ufen von Eigentumsh\u00e4usern und weiterem Preisdruck auf dem Immobilienmarkt f\u00fchren wird. Zudem laufen viele kreditfinanzierte Unterst\u00fctzungsmassnahmen und Konjunkturprogramme der Regierung aus, w\u00e4hrend die neue Administration von Premier Rishi Sunak Sparmassnahmen und Steuererh\u00f6hungen implementiert, um das britische Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Auf 55 Milliarden Pfund summieren sich die Steuererh\u00f6hungen und Ausgabenk\u00fcrzungen der britischen Regierung, die sogar eine Ausweitung des Spitzensteuersatzes durch die konservative Administration vorsehen: Die Schwelle des Spitzensteuersatzes wird von 150.000 auf 125.140 Pfund Jahreseinkommen sinken.17 Die Summe des Sparpakets entspricht \u00fcbrigens dem bisherigen j\u00e4hrlichen Haushaltsdefizit Londons, wobei 30 Milliarden Pfund durch Ausgabenk\u00fcrzungen eingespart und 25 Milliarden durch h\u00f6here Steuern eingenommen werden sollen.18 Mit dem Austerit\u00e4tskurs soll \u00fcberdies eine Haushaltskrise verhindert werden, die laut Prognosen des OBR in den kommenden Jahren drohen w\u00fcrde, sollte der bisherige Kurs der schuldenfinanzierten, aktiven Konjunkturpolitik fortgesetzt werden. Ab 2026 w\u00e4re demnach das britische Haushaltsdefizit auf mehr als 100 Milliarden Pfund angeschwollen.<\/p>\n<p>Die meisten Austerit\u00e4tsmassnahmen sollen ohnehin erst nach den \u201eallgemeinen Wahlen 2024\u201c wirksam werden, was von Politikern der oppositionellen Sozialdemokraten (Labour) als eine \u201eFalle\u201c interpretiert worden sei, bemerkte die Financial Times (FT).19 Zudem gibt es eine Ausnahme vom Austerit\u00e4tskurs: die Subventionierung der Energiepreise, die Verbrauchern einen Preisdeckel garantieren soll, wurde beibehalten, was die \u00f6ffentliche Verschuldung im November auf 13,5 Milliarden Pfund, 4,4 Milliarden Pfund mehr als Vorjahresmonat, erh\u00f6hte.20<\/p>\n<p>Dennoch stellt dieses Sparpaket mitsamt seinen Steuererh\u00f6hungen einen fundamentalen Politikwechsel dar, da die vorherige, kurzlebige Regierung unter der gl\u00fccklosen Premierministerin Liz Truss noch ein umfassendes Steuersenkungsprogramm umsetzen wollte.21 Die Steuersenkungen, insbesondere f\u00fcr Reiche und Konzerne, sollten zu Mindereinnahmen von 45 Milliarden Pfund f\u00fchren. Truss wollte noch im vergangenen September gar den Spitzensteuersatz g\u00e4nzlich abschaffen. Nun, rund drei Monate sp\u00e4ter, werden Steuererh\u00f6hungen von 55 Milliarden Pfund von London beschlossen. Der gr\u00f6sste Steuersenkungsplan sei 50 Jahren, so die FT \u00fcber die haushaltspolitischen Pl\u00e4ne von Liz Tuss, werde nun abgel\u00f6st von der \u201egr\u00f6ssten Steuererh\u00f6hung seit 30 Jahren\u201c unter Premier Sunak.<\/p>\n<p>Das Heimatland des Neoliberalismus verabschiedet sich somit von der Politik der Steuersenkungen und der ber\u00fcchtigten Doktrin der Trickle-Down-Economics, wonach Mehreinnahmen f\u00fcr Konzerne und Reiche letztendlich auch zur Mittel- und Unterschicht \u201edurchsickern\u201c w\u00fcrden. Stattdessen steigt die Steuerrate laut OBR auf 37,1 Prozent des britischen BIP, was einen Nachkriegsrekord darstellen werde. Und es waren eben auch letztendlich die \u201eM\u00e4rkte\u201c, die das Ende dieser in den Zentren des Weltsystems \u00fcblichen Krisenpolitik signalisierten, bei der bislang Regierungen einen jeden Krisenschub mit schuldenfinanzierten Krisenmassnahmen und expansiver Geldpolitik abfangen konnten.<\/p>\n<p>Innerhalb von \u201esieben Tagen, die Grossbritannien ersch\u00fctterten\u201c, wie es die FT formulierte,22 ist London Ende September zu der drastischen haushaltspolitischen Kehrtwende f\u00f6rmlich gen\u00f6tigt worden. Der britische Markt f\u00fcr Staatsanleihen geriet in Reaktion auf die Steuersenkungen der Regierung Truss in schwere Turbulenzen, die erste Anzeichen einer \u201efinanziellen Kernschmelze\u201c (FT), also eines Zusammenbruchs des Finanzsystems, aufwiesen. Die Zinsen f\u00fcr britische Staatsanleihen explodierten f\u00f6rmlich binnen weniger Tage, von 3,5 auf f\u00fcnf Prozent bei 30-j\u00e4hrigen Bonds, was Ausdruck der fallenden Anleihekurse ist. Und die Kurse brachen nur deswegen ein, weil kaum noch Nachfrage nach britischen Bonds bestand, da es vielen Marktteilnehmern nicht klar war, wie London die Steuersenkungen angesichts der rasch anschwellenden \u00f6ffentlichen Schuldenlast finanzieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In seiner 21-j\u00e4hrigen Karriere habe er keine solch dramatische Situation erlebt, klagte ein Fondsmanager gegen\u00fcber der FT, da es zeitweise schlicht unm\u00f6glich gewesen sei, K\u00e4ufer f\u00fcr britische Staatsanleihen, f\u00fcr die sogenannten Gilts, zu finden. Selbst w\u00e4hrend der Finanzkrise von 2008 habe es \u201eimmer einen Markt f\u00fcr Gilts\u201c gegeben. Um die aufkommende \u201eMarktpanik\u201c (FT) zu ersticken, musste die Bank of England einschreiten und \u2013 mitten in einer Phase zweistelliger Inflation \u2013 f\u00fcr 65 Milliarden Pfund britische Staatsanleihen aufkaufen, also letztendlich Geld drucken. Dieses \u201eLiquidit\u00e4tsprogramm\u201c der britischen Notenbank wurde erst Mitte Oktober, nach der haushaltspolitischen Wende Londons, beendet.23 Der neue Sparhaushalt dient somit auch dem Zweck, den Markt f\u00fcr Gilts zu stabilisieren, da hier eine \u201eG7-\u00d6konomie\u201c von einer Marktpanik erfasst worden sei, so die FT. So etwas war bisher eher aus dem globalen S\u00fcden oder aus der s\u00fcdlichen Peripherie der EU bekannt, etwa aus Hellas, Spanien oder Portugal am Beginn der Eurokrise. Nun kriecht die Krise in die Zentren des Weltsystems.<\/p>\n<p>Die M\u00e4rkte f\u00fcr Staatsanleihen sind f\u00fcr gew\u00f6hnlich sterbenslangweilig,24 da sie als \u201esichere Bank\u201c angesehen werden, wo institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds langfristig Geld sicher anlegen wollen. Und es waren gerade viele britische Pensionsfonds, die aufgrund des Finanzbebens auf dem Anleihemarkt zunehmend unter Druck gerieten.25 Bei einem Crash des Anleihemarktes sind es nicht einfach ein paar Spekulanten, die ihr Geld verlieren \u2013 es stehen dann Millionen von Altersbez\u00fcgen einer ganzen Generation Lohnabh\u00e4ngiger im Feuer. Die Schockwellen einer ausgewachsenen Krise auf dem Anleihemarkt w\u00fcrden somit nicht nur die Finanzsph\u00e4re, sondern \u2013 vermittels Nachfrageeinbruch und Kreditklemme \u2013 die gesamte \u00d6konomie ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p>Und deswegen ist die abrupte haushaltspolitische Kehrtwende Londons, bei der Mitte Oktober fast alle Steuersenkungen revidiert worden sind, wohl tats\u00e4chlich als ein Versuch zu interpretieren, die aufgew\u00fchlten \u201eM\u00e4rkte zu beruhigen\u201c, die kaum noch britische Schuldtitel erwerben wollten, wie es US-Medien in aller Offenheit formulierten.26 Dabei scheinen diese \u201eBeruhigungspillen\u201c auch bitter n\u00f6tig zu sein, angesichts des rasant wachsenden britischen Schuldenbergs.27 Die Schuldenlast des britischen Staates entspricht derzeit knapp 101,9 Prozent der j\u00e4hrlichen Wirtschaftsleistung Grossbritanniens, w\u00e4hrend es vor Ausbruch der Pandemie nur 84,4 Prozent waren. Das Vereinigte K\u00f6nigreich weist eine h\u00f6here Staatsschuldenlast auf als der EU-Durchschnitt, der bei 86 Prozent des BIP liegt. Selbst Frankreich und Spanien haben mit 113 und 116 Prozent nur eine geringf\u00fcgig h\u00f6here Schuldenlast zu schultern.<\/p>\n<p>Die kostspieligen Krisenmassnahmen Londons nach Ausbruch der Pandemie und des Kriegs in der Ukraine gehen nun mit einer Rezession einher, die den Schuldenberg in Relation zur schrumpfenden Wirtschaftskraft anwachsen l\u00e4sst. Deswegen ist es fraglich, ob die \u201eSparpakete\u201c Londons tats\u00e4chlich dazu beitragen k\u00f6nnen, die \u00f6ffentliche Verschuldung abzubauen. Volkswirtschaften sind n\u00e4mlich keine \u201eschw\u00e4bischen Hausfrauen\u201c. Sparprogramme f\u00fchren zu Nachfrageeinbr\u00fcchen, die in Rezessionen m\u00fcnden k\u00f6nnen, was die Schuldenlast gegen\u00fcber dem sinkenden BIP schwerer wiegen l\u00e4sst. Zudem f\u00fchrt Austerit\u00e4t zu sinkenden Steuereinnahmen und steigenden Sozialausgaben \u2013 etwa Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld. Aus der Eurokrise ist das Ph\u00e4nomen des regelrechten \u201ein den Bankrott Sparens\u201c hinl\u00e4nglich bekannt, das der damalige deutsche Finanzminister Sch\u00e4uble in seinem Sparsadismus an Griechenland vorexerzierte.<\/p>\n<p>Was sich nun im Vereinigten K\u00f6nigreich voll manifestiert, ist schlicht die grundlegende Krisenfalle28 b\u00fcrgerlicher Politik, der kein systemimmanenter Ausweg der Krisenverz\u00f6gerung mehr offen zu stehen scheint. Grossbritannien kann zwischen zwei Wegen in die weitere Krisenentfaltung lavieren: London kann Sch\u00e4uble nacheifern und den deflation\u00e4ren Weg von Sparprogrammen beschreiben, die letztendlich mit zum skizzierten \u201ein die Pleite Sparen\u201c f\u00fchren k\u00f6nnen, oder die britische Regierung n\u00f6tigt die Notenbank, weiter frisches Geld zu drucken durch den Aufkauf britische Staatsanleihen, was die derzeitige Inflation in eine Hyperinflation umschlagen liesse.<\/p>\n<p>Die neoliberale \u00c4ra des schuldenfinanzierten Zombie-Kapitalismus29 geht nun auch an der Themse zu Ende. Der grosse Unterschied zu der Trag\u00f6die in S\u00fcdeuropa \u2013 das w\u00e4hrend der Eurokrise von Berlin nahezu in den sozialen Kollaps getrieben30 wurde \u2013 besteht darin, dass mit Grossbritannien nun ein Zentrumsland, ein G7-Staat, sich mit dem vollen Durchbruch der Krisendynamik konfrontiert sieht. Die Weltkrise des Kapitals,31 die in den vergangenen Dekaden schon weite Teile der Peripherie des Weltsystems verw\u00fcstete,32 scheint somit endg\u00fcltig in den Zentren angekommen zu sein. Und sie wird sich zuvorderst ganz konkret in dem eingangs erw\u00e4hnten \u201eSinken des Lebensstandards\u201c der Lohnabh\u00e4ngigen manifestieren, dem gegen\u00fcber auch die aktuelle Streikbewegung auf den Britischen Inseln33 machtlos sein wird, solange sie keine antikapitalistische, transformatorische Perspektive34 entwickelt.<\/p>\n<p>Grossbritannien ist tats\u00e4chlich durch den Brexit zum gewissermassen schw\u00e4chsten Glied der Zentrumsstaaten im erodierenden sp\u00e4tkapitalistischen Weltsystem geworden. Italien, das f\u00fcr gew\u00f6hnlich als der grosse Krisenkandidat Europas gehandelt wird, weist zwar einen gr\u00f6sseren Schuldenberg in H\u00f6he von 150 Prozent des BIP als das Vereinigte K\u00f6nigreich auf. Doch kann Rom bei seinen Stabilisierungsbem\u00fchungen auf die Ressourcen der EZB und der Eurozone bauen, solange Berlin ein fundamentales Interesse an der Beibehaltung der europ\u00e4ischen Gemeinschaftsw\u00e4hrung hat. Allein die Gr\u00f6sse des europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsraums sorgt daf\u00fcr, dass dieser l\u00e4ngere Zeit stabil bleiben und Krisenersch\u00fctterungen eher absorbieren kann als isolierte Volkswirtschaften.<\/p>\n<p>London hat nach dem Brexit nur noch die Bank of England und ein BIP, das nur rund 19 Prozent desjenigen der EU umfasst \u2013 und das reicht nicht, um mittelfristig nicht zu einer zweiten T\u00fcrkei zu verkommen, wo die Inflation schon bald dreistellig werden k\u00f6nnte.35 Und dennoch d\u00fcrfte auch die eingangs erw\u00e4hnte, deutsche Schadenfreude bald verhallen. Grossbritannien geht nur voran, es mag als erstes westliches Zentrumsland fallen, doch die Krise wird sich unweigerlich auch in den restlichen Zentren voll manifestieren.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Tomasz Konicz<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"fussnoten\"><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p>1 https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/britischer-ex-zentralbanker-ohne-brexit-muessten-wir-keinen-sparhaushalt-diskutieren-a-7794b387-306e-4da9-8fde-96847cc63deb<\/p>\n<p>2 https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article242184557\/Grossbritannien-Zentralbank-macht-Brexit-fuer-schlechte-Wirtschaftslage-verantwortlich.html<\/p>\n<p>3 https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/weltwirtschaft\/grossbritannien-industrieverband-rezession-101.html<\/p>\n<p>4 https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/sehr-reale-sorge-dass-grossbritannien-von-wettbewerbern-abgehaengt-wird-a-32d38199-a9c0-44db-81e7-cdff11e3d67a<\/p>\n<p>5 https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000141668233\/brexit-rezession-streiks-britische-wirtschaft-geraet-ins-abseits<\/p>\n<p>6 https:\/\/obr.uk\/overview-of-the-november-2022-economic-and-fiscal-outlook\/<\/p>\n<p>7 https:\/\/www.theguardian.com\/business\/2022\/nov\/17\/obr-confirms-uk-enters-year-long-recession-with-half-a-million-job-losses-likely<\/p>\n<p>8 https:\/\/www.ft.com\/content\/5f081f77-ed30-4a06-864e-7e4cc3204017<\/p>\n<p>9 https:\/\/www.ft.com\/content\/1fcc250c-c1c5-4820-a5f4-4e48662a73aa<\/p>\n<p>10 https:\/\/www.theguardian.com\/business\/2022\/nov\/03\/bank-of-england-raises-interest-rates-to-3-percent<\/p>\n<p>11 https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/weltwirtschaft\/grossbritannien-rezession-bip-bank-of-england-101.html<\/p>\n<p>12 https:\/\/edition.cnn.com\/2022\/11\/11\/economy\/uk-economy-recession-europe\/index.html<\/p>\n<p>13 https:\/\/www.ft.com\/content\/528500c8-7cfa-4aaf-9fca-7692aafeb9ce<\/p>\n<p>14 https:\/\/www.konicz.info\/2022\/12\/09\/geldpolitik-vor-dem-bankrott\/<\/p>\n<p>15 https:\/\/www.theguardian.com\/business\/2022\/nov\/03\/bank-of-england-raises-interest-rates-to-3-percent<\/p>\n<p>16 https:\/\/www.theguardian.com\/business\/2022\/dec\/11\/bank-of-england-set-to-spoil-the-festive-mood-with-another-interest-rate-rise<\/p>\n<p>17 https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wie-rishi-sunak-den-britischen-schuldenberg-abbauen-will-18467860.html<\/p>\n<p>18 https:\/\/www.ft.com\/content\/df59e66a-1659-428e-b96a-b0419ed584b1<\/p>\n<p>19 https:\/\/www.ft.com\/content\/5daeca83-dc55-4371-bfe3-b20140cf1fe1<\/p>\n<p>20 https:\/\/www.ft.com\/content\/da60d21b-7fe0-4b1f-85c7-bbf3f4a0b2f6<\/p>\n<p>21 https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/09\/23\/world\/europe\/uk-tax-cuts-economy.html<\/p>\n<p>22 https:\/\/www.ft.com\/content\/1ace8d42-f3ee-4fdd-a103-5cd4234e8c42<\/p>\n<p>23 https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/10\/12\/business\/dealbook\/britain-markets-turmoil-gilts-pound-andrew-bailey.html<\/p>\n<p>24 https:\/\/www.konicz.info\/2022\/07\/22\/schuldenberge-in-bewegung\/<\/p>\n<p>25 https:\/\/edition.cnn.com\/2022\/10\/08\/investing\/uk-pension-funds-market-chaos\/index.html<\/p>\n<p>26 https:\/\/www.cnbc.com\/2022\/10\/17\/uks-new-finance-minister-sets-out-.html<\/p>\n<p>27 https:\/\/www.ons.gov.uk\/economy\/governmentpublicsectorandtaxes\/publicspending\/bulletins\/ukgovernmentdebtanddeficitforeurostatmaast\/june2022<\/p>\n<p>28 https:\/\/www.konicz.info\/2022\/12\/09\/geldpolitik-vor-dem-bankrott\/<\/p>\n<p>29 https:\/\/www.streifzuege.org\/2017\/wir-sind-zombie\/<\/p>\n<p>30 https:\/\/www.konicz.info\/2015\/07\/27\/willkommen-in-der-postdemokratie\/<\/p>\n<p>31 https:\/\/www.konicz.info\/2011\/11\/29\/kurze-geschichte-der-weltwirtschaftskrise\/<\/p>\n<p>32 https:\/\/www.konicz.info\/2013\/05\/27\/mad-max-im-zweistromland\/<\/p>\n<p>33 https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/12\/14\/world\/europe\/uk-strikes-winter-discontent.html<\/p>\n<p>34 https:\/\/www.konicz.info\/2022\/10\/12\/emanzipation-in-der-krise\/<\/p>\n<p>35 https:\/\/www.statista.com\/statistics\/895080\/turkey-inflation-rate\/<\/p>\n<div class=\"ressort_icon_div\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Vereinigte K\u00f6nigreich scheint das schw\u00e4chste Glied der Kette der westlichen Industriel\u00e4nder zu bilden. 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