{"id":1701782,"date":"2022-12-22T07:18:22","date_gmt":"2022-12-22T07:18:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1701782"},"modified":"2022-12-22T07:22:05","modified_gmt":"2022-12-22T07:22:05","slug":"klassenkampf-von-oben-heisst-niedrige-loehne-laenger-arbeiten-und-verfestigte-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/12\/klassenkampf-von-oben-heisst-niedrige-loehne-laenger-arbeiten-und-verfestigte-armut\/","title":{"rendered":"\u201eKlassenkampf von oben\u201c hei\u00dft niedrige L\u00f6hne, l\u00e4nger arbeiten und verfestigte Armut"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt einen Klassenkampf \u2013 aber einen, \u00fcber den wir zu wenig reden: Den Klassenkampf, den die Elite f\u00fchrt, indem sie ihre Kapitalinteressen durchsetzen. Zum Leidwesen der vielen. Anders als bei Streiks, Petitionen und Co. finden diese K\u00e4mpfe allerdings nicht laut in der \u00d6ffentlichkeit statt, sondern man agiert im Verborgenen. Wie der \u201eKlassenkampf von oben\u201c funktioniert und wie er dazu beitr\u00e4gt, Armut zu verfestigen, Arbeitszeiten auszuweiten und die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung im Hamsterrad laufen zu lassen, erz\u00e4hlen Natascha Strobl und Michael Mazohl in ihrem gleichnamigen Buch. Wir haben sie zum Gespr\u00e4ch getroffen.<\/strong><\/p>\n<p><em><span class=\"post-info-text\">Von <\/span><span class=\"author-name vcard fn author\"><a title=\"Beitr\u00e4ge von Kathrin Gl\u00f6sel\" href=\"https:\/\/kontrast.at\/author\/kathrin\/\" rel=\"author\">Kathrin Gl\u00f6sel<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<h4>Kontrast: Euer Buch tr\u00e4gt den Titel \u201eKlassenkampf von oben\u201c. Wenn man \u201eKlassenkampf\u201c h\u00f6rt, denkt man zuerst an Demos, vielleicht auch Streiks oder z\u00e4he KV-Verhandlungen. Also K\u00e4mpfe \u201evon unten\u201c. Wer f\u00fchrt nun den Klassenkampf von oben?<\/h4>\n<p><strong>Michael Mazohl<\/strong>: Den Klassenkampf von oben f\u00fchren in erster Linie die wirtschaftlich M\u00e4chtigen. Industrielle, Banker \u2013 und Verm\u00f6gende, die Kraft ihres Reichtums in der Lage sind, ihre Interessen durchzusetzen und gesetzliche \u00c4nderungen zu ihren Gunsten herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<h4>Kontrast: Klassenkampf klingt recht rabiat. Als ob da mit harten Bandagen gek\u00e4mpft wird. Wie k\u00e4mpf diese Elite, von der ihr sprecht?<\/h4>\n<p><strong>Natascha Strobl<\/strong>: Das ist im Grunde das Paradoxe. Der Klassenkampf von oben ist kein lautes Eintreten einer Masse an Menschen f\u00fcr ein Ziel. Der Klassenkampf von oben funktioniert leise, verdeckt. Er ist wird diskret gef\u00fchrt \u2013 aber die Folgen sp\u00fcren wir am Ende alle. Die Elite f\u00fchrt ihn \u00fcber Think Tanks und argumentative Vorarbeit. In dieser Gruppe h\u00e4ngen Leistung und Verm\u00f6gen nicht zusammen. Das Verm\u00f6gen ist da und soll abgesichert werden \u2013 und daf\u00fcr arbeitet man.<\/p>\n<div id=\"attachment_1701783\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1701783\" class=\"wp-image-1701783 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-14-1024x577-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-14-1024x577-1.jpg 1024w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-14-1024x577-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-14-1024x577-1-820x462.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-1701783\" class=\"wp-caption-text\">Natascha Strobl kontert dem Lamentieren nach Fachkr\u00e4ftemangel in Gastro und Tourismus: Wenn das Gesch\u00e4ftsmodell darauf beruht, Leute schlecht zu bezahlen, dann ist funktioniert dieses Gesch\u00e4ftsmodell eben nicht. (Foto: Kontrast\/Jakob Zerbes)<\/p><\/div>\n<h4>Kontrast: Wer sind die Akteur:innen, die diesen Kampf f\u00fchren \u2013 in \u00d6sterreich?<\/h4>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Nun ja, \u201edas Kapital\u201c besteht aus vielen Organisationen, auch Interessensvertretungen \u2013 WK\u00d6, IV \u2013 oder auch informellen Netzwerken. Bei Letzteren verwischen auch die Grenzen zwischen privat und beruflich. Es gibt Treffen \u2013 oder auch sch\u00f6ne Networking-Veranstaltungen oder Partys \u2013 zu denen man als normaler Mensch nie hingehen k\u00f6nnte. Und bei solchen Treffen werden wirtschaftliche Deals eingeh\u00e4ngt, werden politische Vorhaben besprochen, Kontakte ausgetauscht. Das sind offiziell dann irgendwelche \u201eAdventzauber\u201c-Partys in Balls\u00e4len, wo es aber nicht ums Punschtrinken und Lebkuchen-Essen geht, sondern ums Netzwerken, um Politik, um B\u00f6rsen-Wissen oder \u00c4hnliches. Und dann gibt es nat\u00fcrlich auch noch au\u00dferparlamentarische Institute, also die nicht sozialpartnerschaftlich eingebunden sind. Think Tanks wie die Agenda Austria zum Beispiel. Die verbreiten Argumente f\u00fcr das Kapitalinteresse in der breiten Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Ganz plakativ k\u00f6nnte man auch sagen: Man kann oder sollte sich anschauen, wer hinter diversen Denkfabriken steht. Die haben ja auch eigene F\u00f6rderkreise. Und aus denen kann man ablesen, wer diejenigen sind, die im Land die Interessen des Kapitals vertreten. Man kann sich anschauen, wer welcher Partei gro\u00dfz\u00fcgig Spenden \u00fcberwiesen hat \u2013 und welche Gesetze dann gekommen sind. 12-Stunden-Tag, Senkung der Gewinnsteuer, all das.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg f\u00fchrt \u2013 und wir gewinnen.\u201c (Warren Buffet, US-amerikanischer Unternehmer und Milliard\u00e4r)<\/p><\/blockquote>\n<h4>Kontrast: Ihr problematisiert in eurem Buch den \u201eMittelstandsbegriff\u201c. Warum? Der ist ja auch alltagssprachlich verbreitet?<\/h4>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Wenn wir uns ansehen, wie Wohlstand \u2013 konkret \u00fcber Verm\u00f6gen \u2013 in der Gesellschaft verteilt ist, dann m\u00fcssen wir feststellen, dass es in \u00d6sterreich praktisch keinen Mittelstand gibt. Wir haben stattdessen die Situation, dass das reichste Prozent der Bev\u00f6lkerung die H\u00e4lfte des Verm\u00f6gens besitzt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1701784\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1701784\" class=\"wp-image-1701784 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-11-1024x577-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-11-1024x577-1.jpg 1024w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-11-1024x577-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-11-1024x577-1-820x462.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-1701784\" class=\"wp-caption-text\">Wenn man sich die Verm\u00f6gensverteilung in \u00d6sterreich ansieht, kommt man zum Schluss: Einen Mittelstand gibt es nicht \u2013 sagt Autor Michael Mazohl. (Foto: Kontrast\/Jakob Zerbes)<\/p><\/div>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Spannend ist jedoch, dass sich dennoch so viele Menschen dem vermeintlichen Mittelstand zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Wir kennen das aus Erhebungen der Nationalbank. Dort wird erhoben, wie viel Verm\u00f6gen die Haushalte haben und wie sie sich \u00f6konomisch selbst einordnen. Und dort kommt heraus, dass sich sowohl jene, die wenig haben, der Mittelschicht zuordnen \u2013 aber auch jene, die zu den sehr Verm\u00f6genden geh\u00f6ren. Man merkt, der Mittelstands-Begriff ist Projektionsfl\u00e4che und wird daher auch instrumentalisiert.<\/p>\n<blockquote><p>Wer nur \u00fcber den Mittelstand redet, sorgt daf\u00fcr, dass man nicht auf die schaut, die ganz oben stehen \u2013 und danach fragt, was die so tun.<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"width: 1050px;\" class=\"wp-video\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('video');<\/script><![endif]-->\n<video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-1701782-1\" width=\"1050\" height=\"524\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/vermoegen_selbsteinschaetzung.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/vermoegen_selbsteinschaetzung.mp4\">https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/vermoegen_selbsteinschaetzung.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<h4>Kontrast: Was macht man mit dieser Erkenntnis? Mit welchen Begriffen sollte man stattdessen arbeiten, wenn jetzt z.B. \u201eMittelstand\u201c realit\u00e4tsverzerrend ist?<\/h4>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Vielleicht w\u00e4re es sinnvoller, wieder das Augenmerk darauf zu richten, wie Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Also: Ob sie arbeiten m\u00fcssen \u2013 ob mit Kopf und\/oder H\u00e4nden \u2013 oder eben nicht. Ob sie selbst arbeiten m\u00fcssen oder ob sie nur andere Menschen f\u00fcr sich arbeiten lassen. Denn das macht den Unterschied. Und dann merkt man: Es gibt die Vielen, die \u2013 auch wenn sie angestellt sind und gut verdienen \u2013 zur arbeitenden Klasse geh\u00f6ren. Und es gibt die, die diese Klasse f\u00fcr sich arbeiten lassen bzw. die von ihrem Besitz leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Kontrast: Ihr sprecht in eurem Buch viele verschiedene Verteilungsfragen an. Verm\u00f6gensverteilung, Lohnverteilung \u2013 aber eben auch Arbeitszeitverteilung. Von Gegner:innen einer allgemeinen Arbeitszeitverk\u00fcrzung h\u00f6rt man, dass das nicht ginge, weil es in Branchen wie\u00a0 Gesundheitsdiensten, in Sozial- und Bildungsberufen keine Produktivit\u00e4tsspr\u00fcnge gibt, die das ausgleichen.<\/h4>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Es ist interessant, dass es gerade der Sozialbereich ist, wo im Kollektivvertrag als erstes eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung durchgesetzt wurde. Die ist aber auch noch st\u00e4rker notwendig. Denn die Anforderungen in diesem und den anderen Bereichen sind gestiegen. Der Arbeitsdruck auf die Besch\u00e4ftigten ist enorm. Und die Fehleranf\u00e4lligkeit steigt, je l\u00e4nger man arbeitet. In der Pflege ist das gef\u00e4hrlich. Die Besch\u00e4ftigten brauchen dringend k\u00fcrzere Arbeitszeiten.<\/p>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Es kommt wohl nicht von ungef\u00e4hr, dass ausgerechnet die Branchen angef\u00fchrt werden, in denen vor allem Frauen arbeiten. Und zwar mit Teilzeitstellen \u2013 und nicht Vollzeit, wohlgemerkt. Die schultern diese Branchen und diese gelingen mit k\u00fcrzeren Arbeitszeiten schon jetzt. Allerdings ohne Lohnausgleich. Und denen vermittelt man, dass man von ihnen nun mal pers\u00f6nlichen Einsatz fordert. Diese Besch\u00e4ftigten sollen sich aufopfern \u2013 denn es sind ja \u201esoziale\u201c Berufe, die man aus \u00dcberzeugung machen soll. Egal, wie schwierig die Bedingungen sind. Von einem Industriearbeiter verlangt niemand, dass er sich pers\u00f6nlich aufopfern soll. Zurecht, nat\u00fcrlich. Und da muss man sich fragen: Wie soll das in Zukunft funktionieren? Es kracht ja schon jetzt an allen Ecken und Enden.<\/p>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Der \u201ePflexit\u201c ist ja bittere Realit\u00e4t. Es steigen mehr Personen aus dem Beruf aus als ein. Ziel m\u00fcsste sein, diesen und andere Berufe attraktiver zu machen \u2013 das hei\u00dft: schaffbarer zu machen. Denn er geht mit k\u00f6rperlichen und psychischen Belastungen einher.<\/p>\n<h4>Kontrast: Statt den Weg frei zu machen f\u00fcr k\u00fcrzere Arbeitstage, hat man 2018 das Gegenteil gemacht und l\u00e4ngere Arbeitstage erlaubt. Der<a href=\"https:\/\/kontrast.at\/faktencheck-12-stunden-tag\/\">\u00a012-Stunden-Tag<\/a>\u00a0wurde damals verkauft als Mittel hin zu mehr Flexibilit\u00e4t und darum mehr Freiheit. Hat sich dieses Versprechen erf\u00fcllt?<\/h4>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Das Versprechen war nat\u00fcrlich immer eine Chim\u00e4re. Wie soll es mehr Freiheit oder Freizeit geben, wenn ich l\u00e4nger arbeiten muss? Kinderg\u00e4rten, Banken, Schulen und dergleichen aber trotzdem fixe Zeiten haben nat\u00fcrlich. Im Gegenteil: Der 12-Stunden-Tag bedeutet real mehr Stress. Man muss noch mehr und l\u00e4nger verf\u00fcgbar sein.<\/p>\n<blockquote><p>Man verlangt es der arbeitenden Klasse schlicht ab, st\u00e4ndig verf\u00fcgbar zu sein. Dabei w\u00e4re es heutzutage attraktiver, wenn man sagt: \u201eWenn du rausgehst aus der Arbeit, kannst du das Handy abdrehen und bevor du wiederkommst am n\u00e4chsten Tag, brauchst du auch nicht erreichbar zu sein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: F\u00fcr die Besch\u00e4ftigten hat sich das, was versprochen wurde, nicht erf\u00fcllt. Die wenigsten k\u00f6nnen sich frei aussuchen, wie lange sie arbeiten. Die Sprechstundenhilfe entscheidet nicht die \u00d6ffnungszeiten der Praxis, der Arbeiter am Bau entscheidet nicht, wie viel am Tag geschafft werden muss, die Kassiererin entscheidet keine Gesch\u00e4ftszeiten. Flexibilit\u00e4t dient\u00a0 den Arbeitgebern. Jetzt werden, das wissen wir aus Befragungen, Pausen- und Ruhezeiten nicht eingehalten \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/kontrast.at\/kumulationsprinzip-oesterreich\/\">Strafen<\/a>\u00a0gibt es aber keine. Auch nicht bei anderen \u00dcbertretungen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1701785\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1701785\" class=\"wp-image-1701785 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-7-1024x768-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-7-1024x768-1.jpg 1024w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-7-1024x768-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-7-1024x768-1-820x615.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-1701785\" class=\"wp-caption-text\">Den Klassenkampf von oben f\u00fchren die Eliten diskret, beschreiben es die AutorInnen Strobl und Mazohl. Es geht vor allem um Hegemoniearbeit und Netzwerkpflege. (Foto: Kontrast\/Jakob Zerbes)<\/p><\/div>\n<h4>Kontrast: Eine ganz andere Baustelle, wo eurer Ansicht nach der Klassenkampf ausgetragen wird, ist der Arbeitsmarkt als Ganzes. Seit 40 Jahren halten Regierungen an derselben Strategie fest: Einschnitte in der Sozialversicherung, mehr Druck auf Jobsuchende \u2013 und trotzdem bessert sich die Gesamtsituation nicht. Warum h\u00e4lt man an der Strategie also fest?<\/h4>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Es w\u00e4re nat\u00fcrlich im Sinn einer gesunden Volkswirtschaft, wenn die Arbeitslosenquote niedrig ist. Aber f\u00fcr Kapitalinteressen ist Arbeitslosigkeit ein gew\u00fcnschtes Mittel. Denn das bedeutet mehr Lohndruck, aber auch weniger Spielraum f\u00fcr Gewerkschaften in Verhandlungen. Und wir sehen ja, die Strategie besteht weiter. Ein degressives Arbeitslosengeld bedeutet mehr Angst und weniger Sicherheit f\u00fcr Jobsuchende.<\/p>\n<h4>Kontrast: Auf der anderen Seite stehen dann die Unternehmen, die \u2013 wie sie sagen \u2013 um Fachkr\u00e4fte ringen. Geklagt wird vor allem in der Gastronomie und im Tourismus. Warum ist dort ein Mangel an Arbeitskr\u00e4ften so gro\u00df \u2013 in anderen Branchen, etwa der Industrie, aber nicht?<\/h4>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Nunja, es liegt vor allem am Geld. Gastro und Tourismus sind harte Arbeitsfelder \u2013 und die Jobs dort werden unattraktiv gestaltet. Die Arbeitsorte sind dezentral, die Arbeitszeiten sind lang, es wird viel Aufopferung f\u00fcr den Betrieb abverlangt, man sieht die Familie wenig. Wenn ich will, dass Menschen f\u00fcr mich arbeiten und meine Gewinne erwirtschaften, muss ich sie gut behandeln und gut bezahlen. Warum sollte jemand eine intrinsische Motivation haben, in irgendeinem Skigebiet monatelang zu leben und zu arbeiten, ohne Familie? Oft noch ohne Sicherheit?<\/p>\n<blockquote><p>Wenn dein Betrieb nur funktioniert, weil du Leute schlecht bezahlst und du dir h\u00f6here L\u00f6hne nicht leisten kannst, dann funktioniert dein Gesch\u00e4ftsmodell nicht. Auch das ist Kapitalismus. Marktregeln gelten auch f\u00fcr Unternehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Zur Industrie: Dort macht man ja einiges, um sich die eigenen Fachkr\u00e4fte auszubilden. In der Branche gibt es zudem die meisten Betriebsr\u00e4te, dort werden gute Arbeitsbedingungen ausverhandelt. Es gibt gute Lehrwerkst\u00e4tten, man f\u00f6rdert Fortbildungen. Da besteht das Interesse, dass die eigenen Leute etwas k\u00f6nnen, \u00fcbernommen und gehalten werden. Man schafft sich also seine k\u00fcnftigen Fachkr\u00e4fte.<\/p>\n<blockquote><p>In Hotellerie und Gastro gibt es keinen Mangel an Fachkr\u00e4ften. Es gibt einen Mangel an guten Arbeitsbedingungen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Dass Besch\u00e4ftigte Menschen mit einem Leben sind, darauf nehmen zu viele Betriebe keine R\u00fccksicht. Du sollst tiptop ausgebildet sein \u2013 am besten woanders, denn selbst Lehrlinge ausbilden will man ja auch oft nicht. Man soll unter drei\u00dfig sein, keine Kinder haben und keine Kinder wollen, f\u00fcr immer in \u00d6sterreich leben, immer gesund sein, f\u00fcr den Rest des Lebens im Betrieb bleiben \u2013 und nur ja keine Angeh\u00f6rigen haben, um die man k\u00fcmmern muss. Denn dann k\u00f6nnte man ja ausfallen. Was ist das f\u00fcr ein Menschenbild? Fakt ist aber: Menschen haben als Priorit\u00e4t in ihrem Leben nicht ihre Arbeit, sondern die ist ein Mittel zum Zweck \u2013 der Zweck hei\u00dft: Leben, mit allem, was dazugeh\u00f6rt. Wenn Unternehmer das einsehen und sich darauf einstellen w\u00fcrden, dann w\u00fcrden sie auch Arbeitskr\u00e4fte bekommen.<\/p>\n<h4>Kontrast: Ein Thema, das euch auch besch\u00e4ftigt, ist Kinderarmut. In \u00d6sterreich ist jedes 5. Kind arm oder armutsgef\u00e4hrdet. Parteien, die von sich behaupten \u201cFamilienparteien\u201d zu sein, unternehmen allerdings nichts dagegen, dass Kinder hierzulande\u00a0<a href=\"https:\/\/kontrast.at\/kinder-in-armut\/\">in kalten Wohnungen schlafen<\/a>, kein Fahrrad haben oder sich nicht mal das Eis im Sommer kaufen k\u00f6nnen. Wieso kommen die mit ihrer Erz\u00e4hlung durch?<\/h4>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Es gibt schlicht\u00a0<a href=\"https:\/\/kontrast.at\/kinderarmut-abschaffen\/\">keinen politischen Willen, Kinderarmut abzuschaffen<\/a>. Denn anstatt zweieinhalb Milliarden Euro in die Hand zu nehmen, die es br\u00e4uchte, um Kinderarmut zu beenden, nimmt das Geld lieber und schenkt es Unternehmen \u2013 weil man die Steuer auf\u00a0<a href=\"https:\/\/kontrast.at\/koest-steuerreform-2022\/\">Konzerngewinne<\/a>\u00a0senkt. Nur einmal geht es um das Leben von 320.000 Kindern, das andere Mal um Kapitalinteressen. Letztere setzen sich in \u00d6sterreich offenkundig leichter durch.<\/p>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: \u00dcber Kinderarmut zu schreiben ist eines der schwierigsten Kapitel des Buches gewesen. Weil es so \u00e4rgerlich ist, dass es das noch immer gibt. Zum Familienbegriff, den die selbst ernannten \u201eFamilienparteien\u201c vor sich hertragen, muss man sagen: Diese Parteien und diese Leute sind ja nicht f\u00fcr alle Familien. Sie sind nur f\u00fcr bestimmte Familien. Offensichtlich helfen sie nicht armen Familien \u2013 der\u00a0<a href=\"https:\/\/kontrast.at\/familienbonus-corona\/\">Familienbonus<\/a>\u00a0richtet sich ja an gut verdienende Eltern. Sie sind f\u00fcr heterosexuelle, nicht-muslimische Familien, am besten ohne Migrationshintergrund. Man muss halt immer genau hinh\u00f6ren, wenn jemand behauptet \u201ef\u00fcr Familien\u201c einzutreten. Es ist ein Marketing-Gag. Denn da werden viele, viele Familien bewusst ausgeschlossen.<\/p>\n<h4>Kontrast: Wie begegnet man all dem nun am besten? Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, in der sich nicht jeder und jede nur einem der beiden Klassen zugeh\u00f6rig f\u00fchlt und sonst keine Identit\u00e4ten hat. Realit\u00e4t sind ist stattdessen eine Vielzahl von Identit\u00e4ten und K\u00e4mpfen, die in der Gesellschaft gef\u00fchrt werden.<\/h4>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Man muss die Realit\u00e4t nehmen wie sie ist. Ich kann mir nicht aussuchen, was Menschen politisiert. Es gibt zum einen eine Kulturkampf-Ebene, in er es darum geht, Identit\u00e4ten abzusichern. Und es gibt die Klassenkampf-Ebene, in der es um materielle Interessen geht. Diese beiden Ebenen sind aber miteinander verwoben. Wenn Politiker:innen sagen, sie wollen die Mindestsicherung k\u00fcrzen, geht es um mehrere Dinge gleichzeitig: Es richtet sich gegen jene, die von den Eliten als \u201efaul\u201c gebrandmarkt werden \u2013 und gegen jene, die man als \u201efremd\u201c tituliert. Was uns jedenfalls in der Abwehr nicht weiter bringt, ist, sich st\u00e4ndig dar\u00fcber zu streiten, welcher Kampf wichtiger ist als ein anderer.<\/p>\n<blockquote><p>Es ist in Ordnung, dass Menschen mehrere K\u00e4mpfe f\u00fchren und f\u00fcr mehrere Ziele eintreten. Auch f\u00fcr Ziele, die f\u00fcr einen selbst vielleicht nicht oberste Priorit\u00e4t haben \u2013 aber die auch wichtig sind, weil sie dazu beitragen sollen, die Welt f\u00fcr alle lebbar und besser zu machen. Wir wollen ja alle eine Zukunft. Das ist ein revolution\u00e4res Statement im Jahr 2022.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Mazohl<\/strong>: Ein guter Zugang ist vielleicht, dass wir uns im Versuch, die Welt besser zu machen, nicht gegenseitig unn\u00f6tig blockieren. Es versuchen schon genug Leute von oben, uns alle, die Vielen zu spalten. Alt gegen Jung, arbeitend gegen jobsuchend, Einheimische gegen \u201edie Ausl\u00e4nder\u201c. Diese Spaltung ist eine Waffe des Klassenkampfes von oben. Da sollten wir nicht mitmachen. Sondern sollten uns solidarisieren, wo wir k\u00f6nnen. Beim Streik der \u00d6BB haben wir von der Agenda Austria das Argument geh\u00f6rt, dass die \u00d6BB ja ein staatsnahe, privilegierter Betrieb ist. Und warum trauen sich die \u00fcberhaupt mehr zu fordern als die Handelsangestellten? Und da wird ja auch nichts anderes gemacht als einen Konflikt zu sch\u00fcren, der eigentlich nicht besteht. Denn wenn eine Branche gute KV-Abschl\u00fcsse hat, ist es auch Druckmittel f\u00fcr andere Branchen.<\/p>\n<p><strong>Strobl<\/strong>: Das Gute ist: Die, die den Klassenkampf von oben f\u00fchren und immer gef\u00fchrt haben, hatten zwar Land, Titel und Verm\u00f6gen \u2013 aber sei waren immer in der Minderheit. Und es waren die Massen, die die Umbr\u00fcche herbeigef\u00fchrt haben. Und das ist auch heute noch so. Unsere St\u00e4rke ist, dass wir in der Mehrheit sind.<\/p>\n<div id=\"attachment_1701786\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1701786\" class=\"wp-image-1701786 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-2-1024x577-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-2-1024x577-1.jpg 1024w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-2-1024x577-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/strobl-mazohl-klassenkampf-von-oben-czerbes-2-1024x577-1-820x462.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-1701786\" class=\"wp-caption-text\">Das Buch \u201eKlassenkampf von oben. 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