{"id":1693955,"date":"2022-11-17T07:30:25","date_gmt":"2022-11-17T07:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1693955"},"modified":"2022-11-17T07:30:25","modified_gmt":"2022-11-17T07:30:25","slug":"der-irrweg-der-sanktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/11\/der-irrweg-der-sanktionen\/","title":{"rendered":"\u201eDer Irrweg der Sanktionen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Deutscher Experte \u00fcbt scharfe Kritik an den Russland-Sanktionen: Diese wirkten \u201eanders als erwartet\u201c \u2013 zum Nachteil des Westens. Indien will die Sanktionsallianz im G20-Rahmen zur Rede stellen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"lead\">\n<p>Zum ersten Mal wird im au\u00dfenpolitischen Establishment der Bundesrepublik scharfe Kritik am Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland laut. Wie es in einem Beitrag f\u00fcr die Fachzeitschrift Internationale Politik (IP) hei\u00dft, haben die Staaten Nordamerikas und Europas mit ihren Sanktionen einen \u201eIrrweg\u201c eingeschlagen, den sie rasch verlassen m\u00fcssten. Falsch eingesch\u00e4tzt habe die westliche Sanktionsallianz nicht nur die F\u00e4higkeit der russischen Bev\u00f6lkerung, die Zwangsma\u00dfnahmen durchzustehen, sondern auch die Folgen im internationalen Finanzsystem: Dort zeichne sich eine zunehmende Abkehr von westlichen Finanzinstrumenten und W\u00e4hrungen ab, um etwaige k\u00fcnftige Sanktionen der transatlantischen M\u00e4chte von vornherein auszuhebeln. Zudem habe die Sanktionsallianz den Unmut in den L\u00e4ndern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas untersch\u00e4tzt, die keinen Einfluss auf die Sanktionsentscheidungen h\u00e4tten, aber teils schwer durch sie gesch\u00e4digt w\u00fcrden. Indiens Finanzministerin Nirmala Sitharaman k\u00fcndigt an, die westlichen M\u00e4chte im Rahmen der G20 wegen ihrer Sanktionspolitik zur Rede stellen zu wollen. New Delhi \u00fcbernimmt in K\u00fcrze den Vorsitz in dem Zusammenschluss.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"news-text-wrap\">\n<h3>Sanktionserfahren<\/h3>\n<p>Im au\u00dfenpolitischen Establishment der Bundesrepublik werden mittlerweile erste Stimmen laut, die den Wirtschaftskrieg gegen Russland als \u201eIrrweg\u201c einstufen und zu einer raschen Beendigung der Sanktionen raten. So hei\u00dft es in einem Beitrag, den Heribert Dieter von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) f\u00fcr die aktuelle Ausgabe des Fachblattes Internationale Politik (IP) verfasst hat, zwar zeigten die Sanktionen durchaus Wirkung \u2013 jedoch \u201eganz anders, als von den Sanktionsbef\u00fcrwortern erwartet\u201c.[1] \u201eDie Sanktionsallianz hat mindestens drei Dimensionen ihrer Ma\u00dfnahmen entweder falsch eingesch\u00e4tzt oder nicht bedacht\u201c, schreibt Dieter. Das gelte zun\u00e4chst f\u00fcr \u201edie F\u00e4higkeit der russischen Gesellschaft, Sanktionen zu bew\u00e4ltigen\u201c; diese sei viel gr\u00f6\u00dfer als vermutet: \u201eDie Menschen in Russland kennen Sanktionen und wissen damit zu leben.\u201c Ursache sei, dass schon die Sowjetunion im Kalten Krieg \u201eimmer wieder mit Wirtschaftssanktionen konfrontiert\u201c worden sei. \u201eVor dem Hintergrund dieser Erfahrungen\u201c, konstatiert Dieter, \u201ed\u00fcrfte die russische Gesellschaft ein Ma\u00df an Improvisationskunst und Leidensf\u00e4higkeit entwickelt haben\u201c, das dasjenige \u201ewestlicher Gesellschaften deutlich \u00fcbersteigt\u201c.<\/p>\n<h3>Alternativen zum Westen<\/h3>\n<p>Falsch eingesch\u00e4tzt hat die Sanktionsallianz laut Dieter zweitens die Folgen der Sanktionen f\u00fcr den Finanzsektor. So habe etwa der Ausschluss russischer Banken vom Zahlungssystem SWIFT \u201edie Suche nach Alternativen\u201c befeuert; der chinesische Konkurrent CIPS habe bereits von Mai bis Juli \u201eeine starke Zunahme von Transaktionen\u201c verzeichnet.[2] Je l\u00e4nger die Sanktionen beibehalten w\u00fcrden, \u201edesto mehr werden nichtwestliche L\u00e4nder Wege zur Abwicklung von Zahlungen au\u00dferhalb des westlichen Finanzsystems finden\u201c; damit schade die Sanktionsallianz sich selbst. Hinzu komme, \u201edass W\u00e4hrungsreserven an Attraktivit\u00e4t verlieren\u201c, weil seit dem Einfrieren russischer W\u00e4hrungsreserven stets \u201edas latente Risiko\u201c bestehe, dass \u201eForderungen in fremder W\u00e4hrung beschlagnahmt werden\u201c. \u201eK\u00fcnftig werden Reserven verst\u00e4rkt in anderer Form gehalten werden\u201c, sagt Dieter voraus \u2013 \u201eetwa in Gold, Kryptow\u00e4hrungen oder m\u00f6glicherweise sogar in Form von Staatsanleihen von Schwellenl\u00e4ndern\u201c. Eine m\u00f6gliche \u201eUmschichtung der W\u00e4hrungsreserven nichtwestlicher L\u00e4nder\u201c werde dabei aller Wahrscheinlichkeit nach auch \u201eeinen weiteren Beitrag zum Anstieg des Zinsniveaus in OECD-L\u00e4ndern leisten\u201c.<\/p>\n<h3>Neoimperialismus<\/h3>\n<p>Nicht vorausgesehen hat die Sanktionsallianz laut Dieter dar\u00fcber hinaus die Reaktion der nichtwestlichen Welt. Die Sanktionen tr\u00e4fen \u201ealle mit Russland Handel treibenden Staaten\u201c \u2013 \u201eaber nichtwestliche L\u00e4nder wurden vor Verh\u00e4ngung der Sanktionen nicht konsultiert oder gar um Zustimmung gebeten\u201c, h\u00e4lt der SWP-Experte fest, der auch am National Institute of Advanced Studies im indischen Bengaluru lehrt und dort beobachtet hat: \u201eIn Indien etwa sorgt dies f\u00fcr anhaltende Verstimmung.\u201c[3] \u201eDie Ver\u00e4rgerung asiatischer, s\u00fcdamerikansicher und afrikanischer L\u00e4nder \u00fcber die Art und Weise der Sanktionsverh\u00e4ngung\u201c sei \u201ef\u00fcr den strategisch sehr viel wichtigeren geopolitischen Konflikt mit China &#8230; ein schlechtes Omen\u201c. Schon im M\u00e4rz habe die vormalige Chef\u00f6konomin der Weltbank Pinelopi Goldberg gewarnt, die westlichen Russland-Sanktionen schadeten allen L\u00e4ndern und seien \u201eder letzte Sargnagel f\u00fcr die regelbasierte internationale Handelsordnung\u201c. Dieter zitiert zudem den britischen Guardian, in dem es bereits im Juli kritisch \u00fcber die Sanktionen hie\u00df: \u201eSie basieren auf der neoimperialistischen Annahme, dass westliche Staaten berechtigt seien, die Welt zu ordnen, wie sie wollen.\u201c[4]<\/p>\n<h3>Im Interesse der Bev\u00f6lkerung<\/h3>\n<p>Dieter weist darauf hin, dass die Folgen der Sanktionen und der russischen Gegensanktionen \u201ein vielen L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union, aber auch in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern\u201c bereits \u201eschmerzlich zu sp\u00fcren\u201c sind: \u201eSchon im Interesse der eigenen Bev\u00f6lkerung w\u00e4re es geboten, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland aufzuheben.\u201c[5] Letzteres scheint Umfragen zufolge zumindest in Deutschland noch nicht notwendig zu sein. So waren Anfang Oktober bei einer Umfrage zwar 57 Prozent aller Befragten \u00fcberzeugt, die Sanktionen tr\u00e4fen die Bundesrepublik h\u00e4rter als Russland; gerade einmal 21 Prozent gingen vom Gegenteil aus. Dennoch sprachen sich 33 Prozent daf\u00fcr aus, die Russland-Sanktionen beizubehalten; weitere 30 Prozent wollten sie sogar noch versch\u00e4rfen. Nur 18 Prozent waren f\u00fcr eine Lockerung, 12 Prozent f\u00fcr eine Aufhebung der Zwangsma\u00dfnahmen.[6] Ob die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Sanktionen den herannahenden Winter \u00fcbersteht, ist freilich ungewiss.<\/p>\n<h3>Zur Rede stellen<\/h3>\n<p>Wachsende Unruhe zeichnet sich allerdings in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern ab, die unter den Folgen der Sanktionen leiden. In der vergangenen Woche k\u00fcndigte die indische Finanzministerin Nirmala Sitharaman an, man werde \u00fcber die Russland-Sanktionen im G20-Rahmen sprechen: Die aktuelle Nahrungsmittelkrise und weitere gravierende Probleme seien \u201eeine Folgewirkung bestimmter Entscheidungen, und diese m\u00fcssen diskutiert werden\u201c.[7] Es w\u00e4re das erste Mal, dass der Westen sich f\u00fcr seine Gewaltpolitik in einem f\u00fcr die praktische Politik wichtigen internationalen Zusammenschluss verteidigen muss. Indien \u00fcbernimmt zum 1. Dezember den G20-Vorsitz f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1], [2], [3] Heribert Dieter: Die Irrt\u00fcmer der Sanktionsbef\u00fcrworter. In: Internationale Politik 6\/2022. S. 70-73.<\/p>\n<p>[4] Simon Jenkins: The rouble is soaring and Putin is stronger than ever \u2013 our sanctions have backfired. theguardian.com 29.07.2022.<\/p>\n<p>[5] Heribert Dieter: Die Irrt\u00fcmer der Sanktionsbef\u00fcrworter. In: Internationale Politik 6\/2022. S. 70-73.<\/p>\n<p>[6] Mehrheit unterst\u00fctzt Russland-Sanktionen. n-tv.de 13.10.2022.<\/p>\n<p>[7] G20 must discuss \u2018spillover impact\u2018 of Russia sanctions: FM Nirmala Sitharaman. cnbctv18.com 01.11.2022.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutscher Experte \u00fcbt scharfe Kritik an den Russland-Sanktionen: Diese wirkten \u201eanders als erwartet\u201c \u2013 zum Nachteil des Westens. Indien will die Sanktionsallianz im G20-Rahmen zur Rede stellen. 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