{"id":1693328,"date":"2022-11-14T11:23:38","date_gmt":"2022-11-14T11:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1693328"},"modified":"2022-11-14T11:23:38","modified_gmt":"2022-11-14T11:23:38","slug":"s-ist-leider-krieg-und-ich-begehre-nicht-schuld-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/11\/s-ist-leider-krieg-und-ich-begehre-nicht-schuld-zu-sein\/","title":{"rendered":"\u00abS\u2019 ist leider Krieg, und ich begehre, nicht schuld zu sein\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p class=\"author-meta\"><strong>Um zu verstehen, was der Krieg mit den Menschen macht, ist fiktionale Literatur oft wichtiger als Breaking News und Tagesschau.<\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"mailto:hel.scheben@bluewin.ch\">Helmut Scheben<\/a><\/em>\u00a0<em>f\u00fcr die Online-Zeitung <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/gesellschaft\/kultur\/s-ist-leider-krieg-und-ich-begehre-nicht-schuld-zu-sein\/\">INFOsperber<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p>\u00abIm Fr\u00fchling w\u00fcrde alles anders, die Natur w\u00fcrde erwachen, die V\u00f6gel w\u00fcrden lauter singen als die Gesch\u00fctze feuerten, weil die V\u00f6gel in der N\u00e4he sangen, die Gesch\u00fctze aber dort in der Ferne blieben. Nur manchmal w\u00fcrden die Artilleristen aus unbegreiflichem Grund, vielleicht weil sie betrunken oder m\u00fcde waren, ein Geschoss zuf\u00e4llig auf das Dorf, auf Malaja Starogradowka, abfeuern. Einmal im Monat, nicht \u00f6fter. Das Geschoss w\u00fcrde dorthin fallen, wo es schon kein Leben mehr gab: auf den Friedhof oder den Kirchenvorhof oder das seit langem leerstehende Geb\u00e4ude des alten Kolchoseb\u00fcros.\u00bb<\/p>\n<p>So denkt der Bienenz\u00fcchter Sergej Sergejitsch im Donbass. Er sieht keinen Sinn in diesem Krieg. Er versteht auch nicht, warum man auf sein Dorf schiesst, ein Niemandsland, aus dem fast alle Leute geflohen sind, die einen nach Osten, die andern nach Westen. Sergej f\u00fcrchtet, dass seine Bienenst\u00f6cke Schaden nehmen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der Roman \u00abGraue Bienen\u00bb des ukrainischen Schriftstellers Andrej Kurkow erschien 2018, also zu einem Zeitpunkt, da die Angriffe der ukrainischen Armee auf den Donbass keine Schlagzeilen im Westen machten. Westeuropa war besch\u00e4ftigt mit Greta Thunberg, mit Donald Trump, mit der Fussballweltmeisterschaft oder der Traumhochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle.<\/p>\n<p>Andrej Kurkow ist Vorsitzender des PEN-Clubs Ukraine und ein scharfer Kritiker des russischen Angriffs auf die Ukraine. Von einem solchen Autor wird man keine russische Propaganda erwarten, sondern eher schroffe Ablehnung der Politik des Kremls. Die kann man aus dem Buch klar herausfiltern.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch keine Sympathie f\u00fcr die Regierung in Kiew. Vielmehr merkt man bei der Lekt\u00fcre von der ersten Seite an, dass dem Autor nichts ferner liegt als ein Propagandast\u00fcck. Aber selbst wenn es eines w\u00e4re: B\u00fccher k\u00f6nnen kl\u00fcger sein als ihre Autoren. Denn da ist eine Erz\u00e4hlerstimme, die mit Genauigkeit und Bed\u00e4chtigkeit \u2013 fast m\u00f6chte man sagen mit teilnahmsloser Resignation \u2013 die Erlebnisse der Hauptfigur Sergej wiedergibt.<\/p>\n<p>Es ist der Versuch zu schildern, welchen Einfluss das grosse historische Geschehen auf das kleine, private Leben eines Menschen hat. Kurkow ist russischsprachiger Ukrainer und ein Zeitzeuge, dem wir abnehmen k\u00f6nnen, dass er die Welt kennt, die er beschreibt.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlende Literatur erfindet Ereignisse und Gestalten in einer \u00abfictional world\u00bb. So hat Kurkow wahrscheinlich die Protagonisten und das Dorf erfunden. Oder vielleicht nur die Namen eines realen Dorfes und realer Menschen ge\u00e4ndert. Das kontextuelle Panorama ist jedenfalls unbestreitbar Realit\u00e4t. Dass in den Konfliktgebieten von Donezk und Luhansk ab 2014 \u00fcber Jahre hinweg K\u00e4mpfe stattfanden, ist in den Rapporten der OSZE-Beobachter nachzulesen. Bis zum Einmarsch der Russen im Februar 2022 soll es fast 15\u2019000 Tote gegeben haben.<\/p>\n<p>Der ungarische Literaturtheoretiker Georg Luk\u00e1cs hat \u00fcber die Romane Alexander Solschenizyns, die von der stalinistischen Verfolgung handeln, einmal gesagt, sie zeigten, dass fiktionale Literatur \u00abein deutlicheres Bild des gesellschaftlichen Seins geben k\u00f6nnte als dieses selbst.\u00bb\u00a0Kunst kann demnach die Funktion haben, die Wirklichkeit poetisch zu \u00fcberbieten, um sie zu durchschauen.<\/p>\n<p>Roman Bucheli von der NZZ-Feuilleton-Redaktion bringt den Sachverhalt in wenigen S\u00e4tzen auf den Punkt: \u00abSo besteht das Paradox aller Kunst darin, dass sie \u00fcber die Vorstellungskraft zur\u00fcck in die Wirklichkeit f\u00fchrt. Die Imagination entwertet nicht das Faktische, sondern sch\u00e4rft die Sinne f\u00fcr dessen Verst\u00e4ndnis. Darum haben wir in der Kunst wie im Sandkasten die Welt noch einmal neu zu erfinden gelernt, allerdings nicht, um in der Simulation das bessere Leben zu finden. Doch um die Wirklichkeit genauer zu lesen.\u00bb (NZZ 12.2.22)<\/p>\n<p>Es ist somit ein fundamentaler Unterschied, ob wir Mitteilungen \u00fcber den Krieg mittels Zeitungen, News-Ticker und Breaking News bekommen oder mittels \u00abKunst als Fiktion\u00bb.\u00a0G\u00fcnther Anders hat in seinem Essay \u00abDie Antiquiertheit des Menschen\u00bb bereits in den f\u00fcnfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine realit\u00e4tsvernichtende Wirkung der News-Medien beobachtet, welche uns \u00abdie Welt\u00bb ins Haus zustellen, vergleichbar mit der Lieferung von Gas oder Elektrizit\u00e4t:<\/p>\n<p>\u00abWer \u2039im Bild\u2019 sein will, wer wissen will, was es draussen gibt, der hat sich nachhause zu begeben, wo die Ereignisse \u2018zum Schauen bestellt\u2019 schon darauf warten, Leitungswasser gleich f\u00fcr ihn aus dem Rohr zu schiessen. Wie sollte er auch draussen, im Chaos des Wirklichen, in der Lage sein, irgendein Wirkliches von mehr als lokaler Bedeutung herauszupicken?\u00bb<\/p>\n<p>Wenn ein Ereignis erst als TV-Bild gesellschaftlich wirksam werde, dann seien die Bilder wichtiger als das Ereignis, dann sei der Unterschied zwischen Sein und Schein, zwischen Wirklichkeit und Bild, aufgehoben, argumentiert Anders. Mehr noch: Wenn erst die milliardenfache bildliche Reproduktion das Ereignis zum Ereignis macht, dann hat sich das Original nach den Anforderungen der Reproduktion zu richten. Die durchschnittliche L\u00e4nge einer TV-Nachricht d\u00fcrfte sich zwischen 120 und 180 Sekunden bewegen. Die Welt kommt zu uns als bezahlte Ware. Der Konsument, die Konsumentin kann \u00fcber die so gelieferte Welt zuhause auf seinem Sofa bestimmen: Er kann sie anschalten oder ausschalten.<\/p>\n<p>Wenn an dieser Kritik einiges zutrifft, dann ist die Sache mit der Verbreitung des tragbaren Spielzeugs namens Smartphone nicht besser geworden. Aber es besteht, wie oben angedeutet, Grund zur Hoffnung. Unsere \u00abBenachrichtigung\u00bb ist nicht so fatal von Verk\u00fcrzung, Verf\u00e4lschung und Verfremdung gepr\u00e4gt, wie Anders andeutet.<\/p>\n<p>Denn es gab zu allen Zeiten auch andere Darstellungen. Sie kamen und kommen von Menschen, die uns in selbstgew\u00e4hlten Formen mitteilen, was sie in der Welt gesehen haben. Leute, die Geschichten erz\u00e4hlen. Oder literaturtheoretisch genauer: Autorinnen und Autoren, die Erz\u00e4hlern das Wort geben. Nicht auf Twitter oder Instagram, sondern in Romanen, Kurzgeschichten, Essays, Filmen oder sogar in Liedern oder Gedichten.<\/p>\n<p>Matthias Claudius hatte die ethische Grundhaltung eines Pazifisten, lange bevor es dieses Wort und die Bewegung gab. Er schrieb 1779 sein ergreifendes Gedicht \u00abKriegslied\u00bb, dessen letzte Strophe lautet:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default\"><p>Was h\u00fclf mir Kron und Land und Gold und Ehre?<br \/>\nDie k\u00f6nnten mich nicht freun!<br \/>\nS\u2019 ist leider Krieg \u2013 und ich begehre,<br \/>\nNicht schuld daran zu sein!<\/p><\/blockquote>\n<p>In der ersten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts waren es vor allem Romane, die die katastrophalen Kriege reflektierten. Henri Barbusse, der als \u00abpoilu\u00bb, als einfacher Infanterie-Soldat, das industrielle Schlachthaus des Stellungskrieges \u00fcberlebte, publizierte 1916 seinen Roman \u00abLe Feu\u00bb. Es war eine Lektion \u00fcber den Ersten Weltkrieg, wie viele Zeitungsberichte sie nicht liefern konnten. Das Gleiche gilt f\u00fcr \u00abIm Westen nichts Neues\u00bb (1929) von Erich Maria Remarque. Im Vorwort schrieb Remarque, sein Buch solle \u00abden Versuch machen, \u00fcber eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerst\u00f6rt wurde \u2013 auch wenn sie seinen Granaten entkam.\u00bb<\/p>\n<p>Der R\u00fcckzug in die radikale Subjektivit\u00e4t eines fiktionalen Erz\u00e4hlers kann der gesellschaftlichen Realit\u00e4t n\u00e4her kommen, als die vorgebliche Objektivit\u00e4t eines Journalismus, der sich den Machtstrukturen nicht entziehen kann, in denen er eingebettet ist. Das geschundene und zwischen den Fronten zerriebene Individuum in einem Roman wie \u00abGraue Bienen\u00bb erscheint in seiner kleinen Welt als letzte Bastion von Glaubw\u00fcrdigkeit und Menschlichkeit.<\/p>\n<p>Was nicht bedeutet, dass fiktionales Schaffen stets der Wahrheit verpflichtet ist. Die Fiktion kann zur Propaganda verkommen. Hollywood hat in dieser Hinsicht eine unr\u00fchmliche Tradition. Ein Film wie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.journal21.ch\/artikel\/american-sniper-krieg-der-ego-shooter\">\u00abAmerican Sniper\u00bb<\/a>\u00a0zum Beispiel zeigt den Irak-Krieg als patriotisches Heldenepos eines US-Scharfsch\u00fctzen und blendet aus, dass dieser Angriffskrieg des Westens mit L\u00fcgen gerechtfertigt wurde.<\/p>\n<p>Autorinnen und Autoren sind Kinder ihrer Zeit. Sie k\u00f6nnen sich aus den Fesseln ihrer kulturellen und politischen Sozialisation kaum befreien. Dieses Framing erkl\u00e4rt, warum es f\u00fcr verschiedene Menschen so viele verschiedene \u00abWahrheiten\u00bb gibt, zumal die Gehirnforschung zeigt, dass wir lebenslange Erfinder und Dramaturgen unserer Erinnerungen sind. Oder, wie Werner Herzog es formulierte, \u00abGhostwriter unserer eigenen Realit\u00e4t\u00bb. Die Journalistin Karin Leukefeld zitierte k\u00fcrzlich einen Kameramann, der sagte: \u00abDu siehst nur, was du weisst.\u00bb<\/p>\n<p>Hemingways \u00abWem die Stunde schl\u00e4gt\u00bb (1940) \u00f6ffnet zum Beispiel einen anderen Zugang zum Verst\u00e4ndnis des spanischen B\u00fcrgerkrieges als George Orwells bitter ern\u00fcchternde \u00abHomage to Catalonia\u00bb (1938). Hans Magnus Enzensberger liefert in \u00abDer kurze Sommer der Anarchie\u00bb drei Jahrzehnte sp\u00e4ter wertvolle Aufschl\u00fcsse \u00fcber diesen Krieg, der die spanische Gesellschaft in zwei Lager teilte. Eine Vergangenheit, deren Aufarbeitung aus Angst vor einem Aufbrechen tiefer Wunden bis heute tabuisiert wurde.<\/p>\n<p>\u00abDer Roman ist die private Geschichte der Nationen\u00bb, sagte Balzac. Zum Verst\u00e4ndnis von Geschichte ist fiktionale Literatur unersetzbar.\u00a0Nur sie erm\u00f6glicht ein Innehalten und behutsames Entdecken der Vergangenheit, ohne die es kein Entdecken der Gegenwart gibt. Denn\u00a0auf Tagesjournalismus und \u00absocial media\u00bb ist in Kriegszeiten wenig Verlass.<\/p>\n<p>Der Imker Sergej \u00fcbt eine T\u00e4tigkeit aus, die vermutlich so alt ist wie die Menschheit. Er freute sich \u2013 wie es im Text heisst \u2013 im Sommer am Summen der Bienen und im Winter an der Stille und den schneeweissen Feldern:<\/p>\n<p>\u00abSo h\u00e4tte er das ganze Leben verbringen k\u00f6nnen, aber daraus war nichts geworden. Etwas im Land ging zu Bruch, dort in Kiew, wo immer irgendetwas nicht in Ordnung ist. Es ging derart zu Bruch, dass schmerzhafte Risse durch das Land liefen wie durch Glas, und aus diesen Rissen floss Blut.\u00bb<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um zu verstehen, was der Krieg mit den Menschen macht, ist fiktionale Literatur oft wichtiger als Breaking News und Tagesschau. 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