{"id":1690183,"date":"2022-10-29T14:48:26","date_gmt":"2022-10-29T13:48:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1690183"},"modified":"2022-10-29T14:48:26","modified_gmt":"2022-10-29T13:48:26","slug":"was-uns-in-italien-erwartet-eine-senile-maennermacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/10\/was-uns-in-italien-erwartet-eine-senile-maennermacht\/","title":{"rendered":"Was uns in Italien erwartet: eine senile M\u00e4nnermacht"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"mailto:morosini.m@gmail.com\">Marco Morosini<\/a> <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/was-uns-in-italien-erwartet-eine-senile-maennermacht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">f\u00fcr die Onlinezeitung Infosperber<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Giorgia Meloni hat die italienischen Wahlen gewonnen. Doch an die Macht gekommen sind die alten m\u00e4nnlichen Machthaber von fr\u00fcher.<\/strong><\/p>\n<p>Die Partei Fratelli d\u2019Italia (FdI) hat mit 26 Prozent der Stimmen die italienischen Wahlen im September gewonnen. Der Sieg ihrer jungen Vorsitzenden Giorgia Meloni \u2013 nun die Regierungschefin \u2013 wird als Zeichen einer Vorherrschaft der drei italienischen Rechtsparteien und als ein Hauch von Weiblichkeit, Jugend und Neuheit gefeiert. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Die rechte Koalition ist nach wie vor in der Minderheit, der Frauenanteil im Parlament ist geringer geworden, das Durchschnittsalter um sechs Jahre h\u00f6her. Dagegen ist die senile M\u00e4nnermacht gewachsen und eine dreissig Jahre alte Koalition, die bereits dreimal gescheitert ist, kommt wieder an der Macht \u2013 mit Hilfe der \u00abOperation Meloni\u00bb.<\/p>\n<p>Die Koalition der drei rechten Parteien erhielt 44 Prozent der Stimmen, ihre Gegner 49 Prozent. Allerdings stellen nun die Rechten 352 der 600 Parlamentarier \u2013 wegen eines abstrusen Wahlgesetzes. Neu ist jedoch die Verschiebung der Stimmen innerhalb der Koalition, das heisst von der Lega (9 Prozent) und der Forza Italia (8 Prozent) zu den Fratelli d\u2019Italia (26 Prozent).<\/p>\n<p>1,3 Millionen Stimmzettel \u2013 das sind 4,5 Prozent! \u2013 waren leer oder ung\u00fcltig. Von den gut 50 Millionen Wahlberechtigten stimmten effektiv nur knapp 15 Prozent f\u00fcr die Fratelli d\u2019Italia und nur 25 Prozent f\u00fcr die Koalition der drei Rechten. Die meisten von ihnen haben keine Affinit\u00e4t zum Neofaschismus. Dennoch wird k\u00fcnftig die neofaschistische Mentalit\u00e4t in der parlamentarischen Mehrheit, der Regierung und dem staatlichen Fernsehen RAI mehr Einfluss nehmen \u2013 mit all seinen Auswirkungen auf die Gesetze, die Sprache, das Verhalten und die Kultur.<\/p>\n<h2>Wirklich eine gute Nachricht f\u00fcr Frauen?<\/h2>\n<p>Frau Meloni verlangt offiziell, im Maskulinum genannt zu werden: Der, nicht die \u00abPresidente del Consiglio\u00bb.\u00a0Sie ist die einzige Frau unter den hochrangigen Mitgliedern der Fratelli d\u2019Italia, einer Partei, die von einer patriarchalischen Mentalit\u00e4t (\u00abGott, Vaterland, Familie\u00bb) gepr\u00e4gt ist und deren Exekutive nur 5 Frauen unter den 24 Mitgliedern hat. Sie pr\u00e4sidiert die m\u00e4nnlichste und patriarchalischste Partei Italiens. Ihre politischen Programme stellen sich gegen die positive Geschlechterdiskriminierung, das Recht auf ungehinderte Abtreibung, gegen \u00abdie LGBT-Lobby\u00bb und die \u00abGender-Ideologie\u00bb. Die wichtigste Pflicht der Frauen sei es, viele Kinder zu bekommen, um der \u00abdemografischen Krise\u00bb entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Im Vergleich zu 2018 stieg das Durchschnittsalter der gew\u00e4hlten Abgeordneten von 44 auf 50 Jahre. Die italienische Gerontokratie hat sich versch\u00e4rft: 86, 81 und 75 Jahre alt sind Silvio Berlusconi, Umberto Bossi und Ignazio Benito La Russa. Die drei M\u00e4nner stehen heute wieder im Rampenlicht des Parlaments, wo sie seit \u00fcber dreissig Jahren sitzen. Wieder einmal ist Berlusconi im Senat und indirekt am Ruder. Er hat massgeblich zu Melonis Erfolg beigetragen. \u00abIo ti ho creata\u00bb, sagte er. Er weiss, dass seine letzte Chance, Staatspr\u00e4sident zu werden, darin besteht, erneut \u00abdie Faschisten in die Regierung zu bringen\u00bb, wie er gesagt hat. Diese sollen ihn im Gegenzug an die Spitze des Staates w\u00e4hlen.<\/p>\n<h2>Was ist neu an der alten Garde?<\/h2>\n<p>Die Koalition der drei Rechten ist zum vierten Mal an die Macht zur\u00fcckgekehrt, nachdem sie seit 1994 bereits rund zehn Jahre unter Berlusconi regiert hatte. Die neue Regierung wird also eine Wiederherstellung des alten Regimes des Fernsehmagnaten sein, nur dass sie diesmal von den Fratelli d\u2019Italia angef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Die beiden Anf\u00fchrer der \u00abOperation Meloni\u00bb sind der neue Senatspr\u00e4sident Ignazio Benito La Russa und Guido Crosetto. Sie k\u00f6nnten der Grossvater und der Vater von Giorgia Meloni sein. Die beiden M\u00e4nner haben die politische Kultur und die Erfahrung, die Meloni fehlt. Im Jahr 2012 gr\u00fcndeten sie die Fratelli d\u2019Italia, eine Partei, die das Erbe des italienischen Neofaschismus versammelt.<\/p>\n<p>Crosettos und La Russas pers\u00f6nliches Profil und ihre politischen Vorschl\u00e4ge hatten einen ranzigen Beigeschmack. Daher haben sie die damals 35-j\u00e4hrige Meloni listig in die Parteigr\u00fcndung einbezogen. Zun\u00e4chst behielten sie den Parteivorsitz f\u00fcr zwei Jahre, aber sobald sie merkten, dass die schw\u00e4chste Figur des Trios zu ihrem Trumpf werden k\u00f6nnte, zogen sie sich hinter die Kulissen zur\u00fcck und schickten Meloni auf die B\u00fchne.<\/p>\n<p>Ein Foto von Meloni und Crosetto spricht eine deutliche Sprache. Es zeigt eine 35-j\u00e4hrige Meloni, die l\u00e4chelnd in den Armen von Guido Crosetto liegt, einem sympathischen piemontesischen Kingkong. Er ist seit 35 Jahren in der Politik t\u00e4tig und war 14 Jahre Mitglied des Parlaments. Vor allem aber leitete Crosetto eine Kriegswaffenfirma und den Kriegswaffenverband AIAD, war Unterstaatssekret\u00e4r beim Verteidigungsminister, seinem Genossen La Russa, und ist jetzt selber Verteidigungsminister. Er wurde sp\u00e4ter Mitglied der Partei Berlusconis. Jovial und beliebt bei den Medien, aber auch bei seinen Gegnern, sind bei ihm keine faschistischen Ideen bekannt.<\/p>\n<p>Der wichtigste Architekt der Partei ist der 75-j\u00e4hrige Senator Ignazio Benito La Russa, der Patriarch des italienischen Neofaschismus und seit einem halben Jahrhundert in der Politik. Er ist der Besitzer einer Anwaltskanzlei und das Oberhaupt einer Art sizilianischem \u00abLa-Russa-Clan\u00bb, der seit Jahrzehnten wirtschaftliche und politische Macht miteinander verquickt. Sein Vater, Senator Antonino La Russa, ein ehemaliger F\u00fchrer des \u00abPartito Nazionale Fascista\u00bb von Benito Mussolini und seiner Nachfolgepartei \u00abMovimento Sociale Italiano\u00bb (MSI), war ebenso Teil des Clans wie sein Bruder Romano La Russa, ein ehemaliges Mitglied der MSI und ehemaliger Abgeordneter des Europ\u00e4ischen Parlaments.<\/p>\n<p>La Russa repr\u00e4sentiert die tiefen Wurzeln der Fratelli d\u2019Italia. Auf den sozialen Medien zeigt er gerne seine Sammlung von Mussolinis Devotionalien. Seine Militanz begann 1971 in der MSI, der 1946 von Giorgio Almirante gegr\u00fcndeten Partei, einem ehemaligen faschistischen F\u00fchrer, Nazi-Kollaborateur und Chefredakteur der Zeitung \u00abLa difesa della razza\u00bb (\u00abDie Verteidigung der Rasse\u00bb). La Russa unterst\u00fctzte alle Regierungen von Silvio Berlusconi und war 2008 bis 2011 Verteidigungsminister.<\/p>\n<h2>Melonis Vergangenheit<\/h2>\n<p>Giorgia Meloni wurde 1977 in Rom geboren und schloss ihre Schulausbildung im Alter von achtzehn Jahren mit einem Abitur in Sprachen ab. Sie spricht in der \u00d6ffentlichkeit auf Spanisch, Englisch und Franz\u00f6sisch, was f\u00fcr eine italienische Politikerin ein Novum ist. Sie ist nun \u00abder Pr\u00e4sident\u00bb, obwohl sie noch nie ein Unternehmen, eine Gemeinde, eine Provinz, eine Region oder ein wichtiges Ministerium geleitet hat. W\u00e4hrend ihrer Kundgebungen schreit sie lauthals: \u00abIch bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Christin!\u00bb. Der Satz ist inzwischen legend\u00e4r, eingeh\u00e4mmert in dem Rap-Video \u00abIo sono Giorgia \u2013 Remix\u00bb, das 13 Millionen Mal angeschaut wurde. \u00abGiorgia\u00bb ist zu einer echten Marke geworden. Sogar auf dem Cover des Parteiprogramms ist ein verf\u00fchrerisches Portr\u00e4t von ihr zu sehen, als w\u00e4re es ein Modemagazin. So ist es. Meloni ist im Wesentlichen \u00abmodisch\u00bb. In Interviews \u00fcber sie antworten die Leute in der Regel \u00abIch mag sie\u00bb und nicht \u00abIch stimme ihr zu\u00bb.<\/p>\n<p>In einem Land mit m\u00e4nnlichen Voyeuren und einem nach Prominenten gierenden Publikum beruht der Erfolg von Meloni, einer jungen, blonden Frau, stark auf der Verbreitung von Fotos von ihr. Auch als frischgebackene Regierungschefin tr\u00e4gt sie nun in der \u00d6ffentlichkeit immer divenhaft breite Sonnenbrillen. Sie ist vom politischen Starlet zum \u00abRegierungschef\u00bb eines G7-Landes geworden, muss sich aber noch etwas daran gew\u00f6hnen.<\/p>\n<h2>Das Italien der Zukunft gem\u00e4ss Meloni<\/h2>\n<p>In den Debatten ist Meloni k\u00e4mpferisch und \u00fcberzeugend. Warum sollte man ihr nicht eine Chance geben? Einige Wahlversprechen sind allerdings alarmierend: Sie will eine aggressive Geburtenpolitik einf\u00fchren, die von Abtreibungen abh\u00e4lt und diejenigen belohnt, die die meisten Kinder bekommen, sie will Folter als Straftatbestand abschaffen, weil es \u00abdie Beamten daran hindere, ihre Arbeit zu tun\u00bb, sie m\u00f6chte die chemische Kastration f\u00fcr bestimmte Gewaltt\u00e4ter einf\u00fchren, gegen die \u00abLGBT-Lobby\u00bb k\u00e4mpfen, den Erwerb eines Waffenscheins erleichtern und Verteidigung generell f\u00fcr legitim erkl\u00e4ren. Sie ist f\u00fcr Seeblockaden gegen illegale Einwanderer und f\u00fcr Sanktionen gegen Organisationen, die Schiffbr\u00fcchige retten. Sie behauptet auch, dass das internationale Recht vorschreibe, dass Schiffe, die dagegen verstossen, versenkt werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Sie will auch das B\u00fcrgergeld abschaffen, das vier Millionen Armen, von denen viele laut Meloni \u00abauf dem Sofa sitzen und kiffen\u00bb, einen kleinen Lebensunterhalt bietet, die Steuern f\u00fcr die Reichsten senken.\u00a0Schliesslich versprach die Koalition, eine \u00abFlat tax von 15 Prozent\u00bb. In Wirklichkeit w\u00fcrde der Steuersatz von 15 Prozent nur f\u00fcr den Teil des Einkommens gelten, der h\u00f6her ist als in den letzten Jahren.<\/p>\n<p>In Melonis nationalistisch angehauchten Reden gibt es Feindseligkeit gegen\u00fcber Migranten, Nomaden, Homosexuellen und Drogenabh\u00e4ngigen, Spott und Verunglimpfung von Gegnern, Toleranz gegen\u00fcber Polizeigewalt und bewaffneten B\u00fcrgern, die sich verteidigen und Kampf gegen \u00abdie Abweichung\u00bb, wobei sie Fettleibigkeit einbezieht. Aber es gibt keinen Hinweis auf die \u00f6kologische Krise. Ihre Positionen sind in der neofaschistischen Mentalit\u00e4t verwurzelt, die Meloni gepr\u00e4gt hat. Daher ist es notwendig, einen Blick auf ihre Vergangenheit zu werfen.<\/p>\n<h2>Bereits in jungen Jahren<\/h2>\n<p>Meloni wuchs in einem Vorort von Rom auf. Ihr volkst\u00fcmliches Zupacken und ihr starker r\u00f6mischer Akzent bewirken, dass sie als etwas wirklich Neues wahrgenommen wird, das sich von den Politikern unterscheidet, gegen die sie protestiert hat, denen sie aber dennoch seit dreissig Jahren zugeh\u00f6rig ist. Die 19-j\u00e4hrige Meloni sagte 1996 in einem Fernsehbericht von France 3: \u00abIch glaube, dass Mussolini ein guter Politiker war, das heisst alles, was er getan hat, hat er f\u00fcr Italien getan\u00bb.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Regierungsbildung ist Meloni fast v\u00f6llig aus den Medien verschwunden. Sie hat die Anf\u00fchrer der \u00abOperation Meloni\u00bb arbeiten lassen. Die extreme Rechte, die Italien regieren wird, stellt Worte wie \u00abVaterland\u00bb, \u00abNation\u00bb und \u00abitalienischen Stolz\u00bb in den Vordergrund. Sie hat jedoch noch nicht gekl\u00e4rt, warum sie weiterhin die Verr\u00e4ter Italiens ehrt, die mit den Nazi-Invasoren kollaborierten und die Patrioten, die die Italiener verteidigten, t\u00f6teten und folterten. Die beiden Perioden der rechten Hegemonie mit Mussolini und Berlusconi haben Italien geschadet und seinen Ruf besch\u00e4digt. Wenn Giorgia Meloni in der Lage ist, nun das Gegenteil zu tun, dann k\u00f6nnte sie vielleicht in ihren patriotischen Ambitionen glaubw\u00fcrdiger werden.<\/p>\n<p><em>Marco Morosini, der Autor dieses Artikels, ist Journalist bei der franz\u00f6sischen Internet-Zeitung Mediapart. Der Artikel ist eine gek\u00fcrzte Version der franz\u00f6sischen Erstver\u00f6ffentlichung auf Mediapart.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marco Morosini f\u00fcr die Onlinezeitung Infosperber Giorgia Meloni hat die italienischen Wahlen gewonnen. Doch an die Macht gekommen sind die alten m\u00e4nnlichen Machthaber von fr\u00fcher. 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