{"id":1686693,"date":"2022-10-24T16:03:24","date_gmt":"2022-10-24T15:03:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1686693"},"modified":"2022-10-24T16:03:24","modified_gmt":"2022-10-24T15:03:24","slug":"goodbye-nord-stream-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/10\/goodbye-nord-stream-iii\/","title":{"rendered":"\u201eGoodbye, Nord Stream\u201d (III)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlin verweigert Informationen zu den Ermittlungen in Sachen Nord Stream 2. Schweden \u00fcbt exzessive Geheimhaltung. Das weckt erneut Fragen zur US-Marinepr\u00e4senz vor Bornholm vor den Anschl\u00e4gen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"lead\">\n<p>Die Bundesregierung verweigert unter Bezug auf \u201eGeheimhaltungsinteressen\u201c jegliche Mitteilung \u00fcber den Stand der Ermittlungen zu den Anschl\u00e4gen auf die Pipelines Nord Stream 1 und 2. Auch eine einfache Antwort auf die Bundestagsanfrage, \u201ewelche Nato-Schiffe und -Truppenteile\u201c sich in den Tagen unmittelbar vor den Anschl\u00e4gen in Tatortn\u00e4he vor Bornholm aufgehalten h\u00e4tten, \u201ew\u00fcrde die Preisgabe von Informationen beinhalten, die das Staatswohl in besonderem Ma\u00dfe ber\u00fchren\u201c, behauptet das Ausw\u00e4rtige Amt. Zuvor hatte Schweden jegliche Beteiligung an einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe mit D\u00e4nemark und Deutschland verweigert. Zur Begr\u00fcndung hie\u00df es, die bisher erzielten Ermittlungsergebnisse entspr\u00e4chen einer Geheimhaltungsstufe, die jede internationale Kooperation verbiete. Als \u201eErkenntnisse\u201c werden in diesen Tagen erneut Banalit\u00e4ten pr\u00e4sentiert wie diejenige, dass eine gewaltige Explosion die Pipelines zerst\u00f6rt habe und dass von \u201eSabotage\u201c auszugehen sei. Zu den Kriegsschiffen, deren Pr\u00e4senz unweit der Tatorte aus Gr\u00fcnden des \u201eStaatswohls\u201c nicht mitgeteilt werden darf, z\u00e4hlen solche der USA und weiterer NATO-Staaten.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"news-text-wrap\">\n<h3>\u201eZu heikel\u201c<\/h3>\n<p>F\u00fcr ein gewisses Aufsehen hatte bei den Bem\u00fchungen um die Aufkl\u00e4rung der Anschl\u00e4ge auf die beiden Nord Stream-Pipelines zun\u00e4chst gesorgt, dass sich Schweden den urspr\u00fcnglich geplanten gemeinsamen Ermittlungen mit D\u00e4nemark und Deutschland verweigerte und die Gr\u00fcndung eines Joint Investigation Teams (JIT) komplett ablehnte. Zur Begr\u00fcndung hie\u00df es, die Geheimhaltungsstufe der inzwischen gewonnenen Erkenntisse sei zu hoch, als dass man sie mit anderen Staaten teilen k\u00f6nne.[1] Dies \u00fcberrascht \u2013 nicht zuletzt, weil alle drei Staaten in der EU ohnehin eng kooperieren und sich Schweden dar\u00fcber hinaus auf eine gemeinsame NATO-Mitgliedschaft mit D\u00e4nemark und Deutschland vorbereitet. Schon am 6. Oktober hatte sich die Staatsanwaltschaft in Stockholm geweigert, wenigstens einige Details zu ihren Ermittlungen bekanntzugeben: Der Fall sei \u201ezu heikel\u201c, hie\u00df es.[2] D\u00e4nemark wiederum nahm die schwedische Weigerung, gemeinsam zu ermitteln, zum Anlass, um sich seinerseits von einer Zusammenarbeit mit Deutschland in dem Fall zu verabschieden.[3] Seitdem gehen alle drei Staaten bei ihren Untersuchungen getrennt voneinander auf rein nationaler Ebene vor.<\/p>\n<h3>\u201eVerfassungsfeindliche Sabotage\u201c<\/h3>\n<p>In Deutschland hat mittlerweile die Bundesanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. Zur Begr\u00fcndung hie\u00df es unter anderem, es handle sich bei den Anschl\u00e4gen um einen \u201eschweren gewaltt\u00e4tigen Angriff auf die Energieversorgung\u201c; der Verdacht der \u201everfassungsfeindlichen Sabotage\u201c stehe im Raum.[4] Nicht ganz klar ist allerdings, weshalb die deutschen Beh\u00f6rden f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung von Anschl\u00e4gen in d\u00e4nischen bzw. schwedischen Gew\u00e4ssern zust\u00e4ndig sein sollen. Dessen ungeachtet waren in der vergangenen Woche die Bundespolizei und die deutsche Marine um Untersuchungen am Tatort bem\u00fcht. Wie berichtet wird, wurden das Minenjagdboot \u201eDillingen\u201c und das Mehrzweckboot \u201eMittelgrund\u201c in die Gew\u00e4sser an den Schaupl\u00e4tzen der Explosionen entsandt, um dort mit einer \u201eSea Cat\u201c-Unterwasserdrohne Aufnahmen zu machen.[5] Auf den Fotos sind offenbar Krater und zumindest an einer Stelle ein Leck von acht Metern L\u00e4nge zu sehen; die Sprengkraft, die notwendig ist, um einen so schweren Schaden zu verursachen, wird von den Beh\u00f6rden auf 500 Kilogramm TNT gesch\u00e4tzt. Weitere Details sind nicht bekannt.<\/p>\n<h3>\u201eKeine Informationen\u201c<\/h3>\n<p>Inzwischen verweigert die Bundesregierung sogar jegliche \u00f6ffentliche Mitteilung in der Sache, wie aus Antworten des Bundeswirtschaftsministeriums und des Ausw\u00e4rtigen Amts auf Anfragen im Bundestag hervorgeht. So erkl\u00e4rt etwa das Wirtschaftsministerium: \u201eBisher ist es nicht m\u00f6glich, Untersuchungen vor Ort anzustellen\u201c. Daher l\u00e4gen der Bundesregierung \u201ekeine belastbaren Informationen zu den m\u00f6glichen Ursachen des Angriffs vor\u201c.[6] Wie sich diese Behauptung zu den Aktivit\u00e4ten von Bundespolizei und Marine an den Tatorten verh\u00e4lt, ist nicht wirklich ersichtlich. Auch \u00fcber die genauen Schritte zur Aufkl\u00e4rung der Anschl\u00e4ge gibt die Bundesregierung nichts bekannt.<\/p>\n<h3>Geheimhaltungsinteressen<\/h3>\n<p>Zur Begr\u00fcndung f\u00fcr das eiserne Schweigen erkl\u00e4rt die Bundesregierung, sie sei \u201enach sorgf\u00e4ltiger Abw\u00e4gung zu dem Schluss gekommen, dass weitere Ausk\u00fcnfte aus Gr\u00fcnden des Staatswohls nicht &#8230; erteilt werden\u201c k\u00f6nnten \u2013 dies nicht einmal in der Geheimschutzstelle des Bundestags.[7] \u201eDie erbetenen Informationen\u201c, hei\u00dft es zu den Bundestagsanfragen der Abgeordneten Sahra Wagenknecht (Die Linke), \u201eber\u00fchren &#8230; derart schutzbed\u00fcrftige Geheimhaltungsinteressen, dass &#8230; das Fragerecht der Abgeordneten ausnahmsweise gegen\u00fcber dem Geheimhaltungsinteresse der Bundesregierung zur\u00fcckstehen muss\u201c. Sogar eine simple Auskunft zu der Frage, \u201ewelche Nato-Schiffe und -Truppenteile\u201c sich in den Tagen unmittelbar vor den Anschl\u00e4gen in den Seegebieten in Tatortn\u00e4he aufgehalten h\u00e4tten, \u201ew\u00fcrde die Preisgabe von Informationen beinhalten, die das Staatswohl in besonderem Ma\u00dfe ber\u00fchren\u201c, behauptet das gr\u00fcn gef\u00fchrte Wirtschaftsministerium. Ausk\u00fcnfte k\u00f6nnten in keiner Form gegeben werden, weder \u00f6ffentlich noch gegen\u00fcber dem Parlament, \u201eda auch nur die geringe Gefahr des Bekanntwerdens nicht hingenommen werden kann\u201c.<\/p>\n<h3>Sprengsatzattrappen vor Bornholm<\/h3>\n<p>Die Antwort irritiert umso mehr, als die Pr\u00e4senz einiger Kriegsschiffe im fraglichen Zeitraum unweit der Tatorte schon lange \u00f6ffentlich bekannt ist. So war von Anfang August bis zum 22. September ein US-Flottenverband in der Ostsee unterwegs \u2013 \u201eder gr\u00f6\u00dfte Kampfverband der US Navy seit Ende des Kalten Krieges\u201c, wie es hei\u00dft.[8] Wenige Tage vor dem Verlassen der Ostsee hielt sich der Verband um das amphibische Landungsschiff USS Kearsarge noch vor Bornholm auf. Die USS Kearsarge hatte bereits im Juni am diesj\u00e4hrigen BALTOPS-Man\u00f6ver (Baltic Operations) teilgenommen, das mit mehr als 45 Schiffen, \u00fcber 75 Flugzeugen und 7.000 Soldaten aus 14 NATO- und zwei k\u00fcnftigen NATO-Staaten (Finnland, Schweden) abgehalten wurde und als eine Drohgeste gegen\u00fcber Russland gewertet wurde.[9] Im Rahmen von BALTOPS \u00fcbten US-Einheiten vor Bornholm die Minenabwehr, wobei Taucher Sprengsatzattrappen legten, die es anschlie\u00dfend zu entsch\u00e4rfen galt. Bei den Operationen wurden laut NATO-Angaben auch modernste High-Tech-Entwicklungen in der Kriegf\u00fchrung mit Unterwasserdrohnen erprobt. Dabei sei es auch darum gegangen, hei\u00dft es, die Reichweite der Daten\u00fcbertragung hin zu den Drohnen zu erh\u00f6hen, um gr\u00f6\u00dfere Flexibilit\u00e4t in deren Nutzung zu erreichen.[10] Experten haben wiederholt erkl\u00e4rt, die Sprengs\u00e4tze h\u00e4tten durchaus auch von zivilen Schiffen aus an den Nord Stream-Pipelines angebracht werden k\u00f6nnen. Die exzessive Geheimhaltung der Bundesregierung wirft nun aber Fragen nach ihren Hintergr\u00fcnden auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr zum Thema: <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9037\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eGoodbye, Nord Stream\u201c<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9040\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eGoodbye, Nord Stream\u201c (II)<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Schweden l\u00e4sst gemeinsame Pipeline-Ermittlungen platzen. spiegel.de 14.10.2022.<\/p>\n<p>[2] Malte Kirchner: Nord Stream 1 und 2: Ermittlungen am Tatort erh\u00e4rten Sabotageverdacht. heise.de 06.10.2022.<\/p>\n<p>[3] Michael G\u00f6tschenberg: Keine gemeinsamen Ermittlungen. tagesschau.de 14.10.2022.<\/p>\n<p>[4] Bundesanwaltschaft leitet Ermittlungen ein. tagesschau.de 10.10.2022.<\/p>\n<p>[5] Deutsche Marine: Boote zur\u00fcck von Nord-Stream-Aufkl\u00e4rungsmission. handelsblatt.com 14.10.2022.<\/p>\n<p>[6], [7] Christine Dankbar: Sahra Wagenknecht: Regierung verweigert Informationen zu Pipeline-Anschl\u00e4gen. berliner-zeitung.de 16.10.2022.<\/p>\n<p>[8] US Navy zeigt Flagge in der \u00f6stlichen Ostsee. ndr.de 03.08.2022.<\/p>\n<p>[9] Man\u00f6ver BALTOPS 22 startet im Juni. marineforum.online 07.06.2022.<\/p>\n<p>[10] BALTOPS 22: A perfect opportunity for research and testing new technology. sfn.nato.int 12.06.2022.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin verweigert Informationen zu den Ermittlungen in Sachen Nord Stream 2. 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