{"id":1677701,"date":"2022-10-11T15:03:32","date_gmt":"2022-10-11T14:03:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1677701"},"modified":"2022-10-11T15:03:32","modified_gmt":"2022-10-11T14:03:32","slug":"lob-des-laizismus-fuer-eine-trennung-von-staat-und-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/10\/lob-des-laizismus-fuer-eine-trennung-von-staat-und-religion\/","title":{"rendered":"Lob des Laizismus \u2013 f\u00fcr eine Trennung von Staat und Religion"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDer Totalitarismus unserer Zeit w\u00e4hnt Gott an seiner Seite\u201c, konstatiert die franz\u00f6sische Autorin Caroline Fourest in ihrem gerade erschienenen Buch<em> Lob des Laizismus<\/em>. Darin sorgt sie sich um die Errungenschaften unserer m\u00fchsam erk\u00e4mpften Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit. Ihr Pl\u00e4doyer: Wir m\u00fcssen unsere freiheitliche Gesellschaft gegen jede Form religi\u00f6ser Anma\u00dfung verteidigen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Helmut Ortner<\/em><\/p>\n<p>Beginnen wir hierzulande: Noch immer gibt es eine F\u00fclle anachronistischer Gesetze und Subventionen, etwa bei der horrenden \u00f6ffentlichen Finanzierung von Kirchentagen oder der Abl\u00f6sung der Staatsleistungen an die Kirchen, die Finanzierung theologischer Fakult\u00e4ten an staatlichen Universit\u00e4ten bis hin zu Kirchenredaktionen in deutschen Landes-Rundfunkanstalten. Daran wird sich auch in naher Zukunft wenig \u00e4ndern. Zu stark ist der klerikale Lobbyismus, die Kirchenh\u00f6rigkeit der Politik. Dabei gibt es einen klaren Verfassungsauftrag in Deutschland, die Komplizenschaft von Kirche und Staat zu beenden. Seit mehr als einhundert Jahren. Doch passiert ist bislang nichts.<\/p>\n<p>Dabei hat eine integrationsbedingte Pluralisierung der religi\u00f6sen Geografie die bew\u00e4hrte, traditionelle Arbeitsteilung zwischen Kirche und Staat in Schieflage gebracht. Der Staat ist gefordert, sich religionspolitisch neu zu orientieren. Wie kann das Neutralit\u00e4tsgebot des Staates angesichts wachsender kultureller, ethnischer und religi\u00f6ser Vielfalt vorangetrieben, wie Grunds\u00e4tze des s\u00e4kularen Staates zu verteidigt werden, dar\u00fcber besteht wenig Einigkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht kann die Lekt\u00fcre des gerade erschienenen Buches der franz\u00f6sischen Autorin <em>Caroline Fourest<\/em> hier f\u00fcr beschleunigten Erkenntnisgewinn sorgen. Ihre Streitschrift m\u00f6chte uns daran erinnern, das Weltliche vom Religi\u00f6sen zu trennen, gerade weil die fundamentalistische Verschmelzung von beidem vielerorts hoch im Kurs steht. Notwendiger denn je ist \u2013 so die Autorin \u2013 eine \u00bblaizistische Wachsamkeit\u00ab. Fourest kl\u00e4rt auf: Schon der Begriff \u00bbLaizismus\u00ab wird vielfach unterschiedlich definiert und gedeutet. Im Arabischen wird er h\u00e4ufig mit Atheismus verwechselt, w\u00e4hrend die englischsprachige Welt ihn mit \u00bbS\u00e4kularismus\u00ab gleichsetzt. H\u00e4ufig einigt man sich darauf, darunter die Trennung von religi\u00f6sen und zivilen R\u00e4umen zu verstehen, ohne jedoch auf einer rigiden Separierung beider Bereiche zu bestehen.<\/p>\n<p>In Frankreich ist man da etwas anspruchsvoller \u2013 und strikter. Was mit Laizismus zum Ausdruck gebracht wird, ist die unbedingte Leidenschaft f\u00fcr Gewissens- und Weltanschauungs-Freiheit. Im Gesetz von 1905 hei\u00dft es: \u201eDie Republik gew\u00e4hrleistet Gewissensfreiheit, garantiert die freie Aus\u00fcbung der Religion \u2026 erkennt jedoch weder einen Kultus an, noch zahlt sie ihm Geh\u00e4lter oder Subventionen\u201c.<\/p>\n<p>Das Gesetz ist Text und Ideal zugleich. Keine Religion wird staatlich bevorzugt. Es schafft ein gesellschaftliches Gleichgewicht, das den Kr\u00e4ften des religi\u00f6sen Dogmatismus in einem jahrhundertelangen Kampf abgerungen wurde. Doch das \u00bbfranz\u00f6sische Modell\u00ab, um das es in diesem Buch zentral geht \u2013 also die Trennung von Staat und Kirche sowie die religi\u00f6se Neutralit\u00e4t des ersteren \u2013 steht unter heftiger Kritik. H\u00f6chste Zeit also f\u00fcr dessen Verteidigung, meint Caroline Fourest, Sachbuchautorin, Journalistin und Filmemacherin, die sich selbst als \u00bbCharlie-Hebdo-Linke\u00ab bezeichnet. Mit klarer Sprache und rhetorischem Verve Argumentation verweist sie darauf, dass Frankreich sich in einem fanatischen, m\u00f6rderischen Religions-Kampf befindet, was hierzulande gerne ignoriert wird: Zwischen 1979 und 2021 gab es 82 islamistische Attentate mit \u00fcber 330 Toten. Eine Schreckensbilanz. Die Autorin pl\u00e4diert f\u00fcr eine offensive Gegenwehr.<\/p>\n<p>In dieser brisanten Melange aus Terror, Hass, Gleichg\u00fcltigkeit, Rechtfertigung und gegenseitiger Schuldzuweisung, stehen auch die Grunds\u00e4tze und Grundwerte des Laizismus unter Beschuss. Zwar findet der Laizismus in der \u00f6ffentlichen Meinung Frankreichs weitgehende Zustimmung \u2013 und doch, aber er hat nicht nur Feinde, sondern auch viele falsche Freunde. Ob Extremisten, Nationalisten oder Identit\u00e4re, alle bedienen sich seiner. Von der Rechten und der extremen Rechten jahrhundertlang bek\u00e4mpft, wird er als Waffe zur Verteidigung des \u00bbchristlichen Abendlandes\u00ab \u00fcber den Islam benutzt. Fourest verwahrt sich hier gegen jede Form vereinnahmender Instrumentalisierung, die, wie etwa Marine Le Pens <em>Rassemblement National,<\/em> laizistische Argumente im Kampf gegen Islam und Islamismus einsetzt, dabei <em>&#8222;die Neutralit\u00e4t der laizistischen Schule beschw\u00f6rt und eine christlich-klerikale Idee von Nation verteidigt. Das Gegenteil der republikanischen Idee von Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit, welche der Laizismus ist&#8220;<\/em> (S. 211).<\/p>\n<p>Die Linke hingegen traue sich nicht, offensiv laizistischen Argumente zu benutzen, weil sie bef\u00fcrchte, damit den grassierenden Rassismus zu st\u00e4rken, moniert Fourest. Einer der kursierenden Einw\u00e4nde lautet, dass der Laizismus gegen religi\u00f6se Minderheiten wie Muslime gerichtet sei. Etwa in der Debatte um das Tragen des Kopftuchs. Die Autorin wendet sich gegen diese selektive Wahrnehmung, kritisiert die dortige Identit\u00e4tslinke, die etwa Frauendiskriminierung innerhalb von religi\u00f6sen Minderheiten relativiere oder verharmlose. Die &#8222;neuen Antirassisten&#8220; von links seien <em>&#8222;eher pro-islamisch, Anh\u00e4nger des Opferwettstreits zwischen Juden, Arabern und Schwarzen, und manchmal \u00e4u\u00dfern sie sich auch rassistisch gegen\u00fcber Juden und verachten Homosexuelle&#8220;<\/em> (S. 45).<\/p>\n<p>Die Frage, ob sich das Modell des franz\u00f6sischen Laizismus als Strukturprinzip demokratischer Verfassungsstaaten eignet oder aber religi\u00f6sen Radikalismus eher beg\u00fcnstige, beantwortet Fourest mit klarer Kante: Nein, der Laizismus f\u00fchrt keineswegs zur Radikalisierung. Und der in angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern ge\u00e4u\u00dferten Kritik, der Laizismus habe zur islamistischen Radikalisierung in Frankreich beigetragen, kontert sie mit dem Einwand, dass im Nachbarland Belgien &#8222;prozentual doppelt so viele Dschihadisten hervorgebracht&#8220; habe, obwohl das Land &#8222;st\u00e4rker kommunitaristisch als republikanisch organisiert&#8220; sei.<\/p>\n<p>In diesen Zusammenhang widme ich die Autorin in einem umfangreichen Exkurs der laizistischen Wirklichkeit in den USA, die exemplarisch f\u00fcr eine unterschiedliche Auffassung des getrennten Religion-Staat-Verst\u00e4ndnisses steht. Hier weist Fourest darauf hin, dass ein Vergleich mit den Vereinigten Staaten, wo nur ein Hundertstel der Bev\u00f6lkerung dem Islam anh\u00e4nge, in Bezug auf die Radikalisierungs-Frage eigentlich absurd sei. Ohnehin: im Hinblick auf die Haltung des Laizismus trennt Frankreich und die Vereinigten Staaten mehr als ein Ozean. In Frankreich werden staatliche Beh\u00f6rden als Besch\u00fctzer des Individuums vor dem Druck und der Einflussnahme religi\u00f6ser Gruppen gesehen, w\u00e4hrend in den USA religi\u00f6se Gruppen als Besch\u00fctzer des Individuums vor staatlichen Eingriffen gesehen werden. Ma\u00dfnahmen, die in Frankreich zum Schutz der Gleichheit- und der Gewissensfreiheit getroffen werden, gelten in den Vereinigten Staaten als Verletzung der Religionsfreiheit, als Angriff auf die B\u00fcrgerrechte. Hier lauert also eine Menge von Missverst\u00e4ndnissen und falschen Vergleichen: von Anti-Sekten-Gesetzgebungen bis hin zu juristischen Verboten religi\u00f6ser Symbole in \u00f6ffentlichen Einrichtungen und Schulen.<\/p>\n<p>In den abschlie\u00dfenden Kapiteln beschreibt Fourest noch einmal die aktuelle Situation in Frankreich und die daraus resultierende Notwendigkeit der Verteidigung der laizistischen Gesellschaft. Sie unterscheidet dabei zwischen freien und staatsb\u00fcrgerlichen Bereichen. Unter dem Motto \u00bbDer Laizismus sch\u00fctzt uns \u2013 sch\u00fctzen wir ihn\u00ab skizziert beschreibt sie zentrale gesellschaftliche Problemfelder und liefert \u00fcberzeugende Argumente f\u00fcr \u00fcberf\u00e4llige Gesetzes\u00e4nderungen und Reformen, die notwendig sind, um Rechte und Pflichten in einer multireligi\u00f6sen Gesellschaft neu zu justieren. Kernfragen des Laizismus betreffen etwa die Finanzierung von Glaubensgemeinschaften sowie die religi\u00f6se Neutralit\u00e4t des Schulsystems. Erstere lehnt Fourest entschieden ab. In der Neutralit\u00e4t der \u00f6ffentlichen Schulen sieht sie als ein zentrales Element des Laizismus, die Nichteinmischung seitens der Religion hat einen zentralen Stellenwert. Dies gilt gleicherma\u00dfen auch f\u00fcr Universit\u00e4ten und Hochschulen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Leserschaft liefert Caroline Fourest viel diskussionsw\u00fcrdigen Stoff. Auch wer nicht alle ihrer Ein- und Ansichten teilt, wird die Streitschrift mit Gewinn lesen. Es geht hier nicht um die Austreibung Gottes aus der Welt <strong>\u2013 pers\u00f6nlicher<\/strong> Glaube und individuelle Spiritualit\u00e4t sind in einer Demokratie Grundrechte eines jeden Menschen \u2013 nein, es geht um die Instrumentalisierung von Religion und ihren fundamentalistischen Geltungsanspr\u00fcchen. Dies aber darf eine offene Gesellschaft nicht zulassen. Gegenwehr ist gefordert.<\/p>\n<p>\u201eDer Laizismus ist kein Schwert, sondern ein Schild\u201c, schreibt Caroline Fourest am Ende ihres Buches. Es ist ein kluges Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Trennung von Weltlichem und \u201eHeiligem\u00ab. Leidenschaftlich und lesenswert.<\/p>\n<p>Caroline Fourest, <a href=\"https:\/\/edition-tiamat.de\/lob-des-laizismus\/\">Lob des Laizismus<\/a>, Berlin 2022, Edition Tiamat, 295 Seiten, 26 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1677714 alignleft\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/fourest_laizismus-606x1024.jpg\" alt=\"Lob des Laizismus \u2013 F\u00fcr eine Trennung von Staat und Religion\" width=\"412\" height=\"696\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/fourest_laizismus-606x1024.jpg 606w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/fourest_laizismus-178x300.jpg 178w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/fourest_laizismus.jpg 877w\" sizes=\"auto, (max-width: 412px) 100vw, 412px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Totalitarismus unserer Zeit w\u00e4hnt Gott an seiner Seite\u201c, konstatiert die franz\u00f6sische Autorin Caroline Fourest in ihrem gerade erschienenen Buch Lob des Laizismus. 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