{"id":167593,"date":"2015-03-05T17:25:02","date_gmt":"2015-03-05T17:25:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=167593"},"modified":"2015-03-05T17:27:46","modified_gmt":"2015-03-05T17:27:46","slug":"netanyahu-ist-der-richtige-mann-um-vor-dem-us-kongress-uber-den-iran-zu-sprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/03\/netanyahu-ist-der-richtige-mann-um-vor-dem-us-kongress-uber-den-iran-zu-sprechen\/","title":{"rendered":"Netanyahu ist der \u201erichtige Mann\u201c, um vor dem US-Kongress \u00fcber den Iran zu sprechen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der israelische Ministerpr\u00e4sident verf\u00fcgt \u00fcber die besten Voraussetzungen, um vor dem US-Kongress die sogenannte Gefahr eines atomaren Iran zu erl\u00e4utern. Schlussendlich waren es ja Israel und seine Verb\u00fcndeten in Washington, welche die Angelegenheit von Anfang an fabriziert hatten. Der Versuch einer glaubw\u00fcrdigen Erkl\u00e4rung dieser Behauptung obliegt somit Herrn Netanyahu, obwohl sogar die US-, europ\u00e4ischen und israelischen Geheimdienste die gemeinsame Ansicht vertreten, wonach der Iran gar nicht versucht, Atomwaffen herzustellen. So mancher erinnert sich vielleicht daran, dass die Behauptungen, Irak h\u00e4tte Massenvernichtungswaffen, haupts\u00e4chlich aus denselben Reihen stammten, die der rechten israelischen Likud-Partei nahestehen. <\/strong><\/p>\n<p>Die Rolle dieser Likud-Lobby war zukunftsweisend in der Anfachung der Hetzkampagne gegen den Iran. W\u00e4hrend eines AIPAC-Treffens im Fr\u00fchjahr 2006 wurde Iran zu einem Sonderziel gemacht, und zwar mit riesigen abwechselnden Clips von Adolf Hitler und seiner Anklagen gegen die Juden und dann des iranischen Pr\u00e4sidenten Mahmoud Ahmadinejad mit seiner Drohung \u201eIsrael von der Landkarte tilgen zu wollen\u201d. Die Show endete mit einem verblassten Post-Holocaust-Gel\u00f6bnis \u201eNie wieder\u201c. \u00dcber Monate verteilte die Lobby anti-iranische Pressekits an 13.000 Journalisten in den Staaten und bettete diese emotional geladenen Bilder dauerhaft in die Mainstream-Medien ein.<\/p>\n<p>Die iranischen Leader wurden regelm\u00e4\u00dfig als Holocaustverleugner dargestellt, die drohen, Israel aus der Landkarte zu tilgen. Diese beiden Behauptungen wurden in Tausenden von Tageszeitungen verbreitet, in denen der Iran als ein roter Staat und eine Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden dargestellt wurde. Sie wurden auch genutzt, um Iran westliche Sanktionen aufzuerlegen, weil der Iran angeblich versuchen w\u00fcrde, Atomwaffen herzustellen. Millionen Iraner leiden unter diesen Sanktionen, und viele mehr k\u00f6nnten unter einer milit\u00e4rischen Intervention leiden, die in Tel Aviv und Washington noch auf dem Tisch bleibt. Deshalb m\u00fcssen die Behauptungen, die iranischen Entscheidungstr\u00e4ger seien irrationale Judenhasser, n\u00e4her untersucht werden.<\/p>\n<p>Die Angelegenheit des iranischen Atomprogramms erfordert eine k\u00fchle Analyse. Denn die Zusammenf\u00fchrung von Israel und Zionismus mit den Juden und dem Judentum hat schon lange die rationale Auseinandersetzung zum Thema des Nahen Osten erstickt. So werden Israelkritiker, unabh\u00e4ngig davon, ob sie Juden sind oder nicht, dauernd des Antisemitismus beschuldigt. Diese Anschuldigungen haben die internationalen Beziehungen in gr\u00f6\u00dferem Umfang beeinflusst. Die \u201eiranische Atombombe\u201c ist nur ein Beispiel. Netanyahu kommt nach Washington und gibt vor, im Namen des Weltjudentums zu sprechen, obwohl er nichts als ein gew\u00e4hlter Vertreter des israelischen Staatsb\u00fcrgertums ist, von dem mindestens ein Drittel keine Juden sind.<\/p>\n<p><strong>Holocaustverleugner<\/strong><\/p>\n<p>Zu den Teilnehmern der internationalen Holocaust-Konferenz, die der ehemalige iranische Pr\u00e4sident vor ungef\u00e4hr einem Jahrzehnt einberufen hatte, z\u00e4hlten einige bekannte Holocaustverleugner sowie schwarz gekleidete orthodoxe Juden, die \u00fcber das Massaker ihrer Verwandten durch die Nazis sprachen. Es ist von geringem Interesse, dar\u00fcber zu diskutieren, ob Ahmadinejad die Wahrheit des Holocaust leugnet oder nicht, da er nicht mehr an der Macht ist. Es stellt sich jedoch die Frage, warum wir dazu neigen, die Verleugnung des Holocausts so schwerwiegend zu erachten. In der Tat w\u00fcrde einem Verleugner des Massakers von Hunderttausenden von Juden in der Ukraine im 17. Jahrhundert oder der Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert nicht mehr Bedeutung geschenkt als einem, f\u00fcr den die Welt eine Scheibe ist. Es sind nicht nur die Unmittelbarkeit und Gr\u00f6\u00dfenordnung des Holocaust, sondern die Verwendungen seines Ged\u00e4chtnisses durch die Zionisten, die den Holocaust einzigartig gestalten.<\/p>\n<p>Die iranischen F\u00fchrer waren nicht die ersten, die den Preis f\u00fcr die Errichtung des israelischen Staates f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser (Muslime, Christen und auch Juden), die f\u00fcr das Verbrechen in Europa durch die europ\u00e4ischen Nazis gegen die europ\u00e4ischen Juden bezahlen mussten, verurteilten. Unabh\u00e4ngig vom Wert dieses Einwandes: es handelt sich nicht um die Verleugnung des Holocausts, aber eher um einen Einwand gegen die Nutzung dieser Trag\u00f6die als Werkzeug zwecks Legitimierung des Zionismus und der dauernden Enteignung der Pal\u00e4stinenser von Seiten Israels.<\/p>\n<p>Moshe Zimmermann, Professor f\u00fcr deutsche Geschichte und bekannter israelischer Intellektueller, meint hierzu: \u201eDie Schoah [der Holocaust] wird oft instrumentalisiert. Um es zynisch zu formulieren, kann man sagen, dass die Schoah zu den wertvollsten Objekten geh\u00f6rt, um die \u00d6ffentlichkeit und vor allem das j\u00fcdische Volk innerhalb und au\u00dferhalb Israels zu manipulieren. In der israelischen Politik dient die Schoah dem Beweis, dass ein unbewaffneter Juden einem toten Juden entspricht\u201c.<\/p>\n<p>Die politischen Nutzungen des Nazi-V\u00f6lkermordes sind \u00fcblich. Der ehemalige israelische Erziehungsminister behauptete, \u201eder Holocaust w\u00e4re kein nationalistischer Wahnsinn, der einmal geschah und vorbeiging, sondern eine Ideologie, die es in der Welt immer noch gibt und heute die Welt dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, Verbrechen gegen uns zu dulden\u201c. Der Holocaust hat nicht nur Israel eine \u00e4u\u00dferst \u00fcberzeugende Existenzberechtigung geliefert, sondern hat auch bewiesen, ein leistungsstarkes Mittel der Unterst\u00fctzung zu sein. Ein israelischer Parlamentarier hat dies ganz offen gesagt:<\/p>\n<p>\u201eSogar die besten Freunde des j\u00fcdischen Volkes unterlie\u00dfen es, wesentliche rettende Hilfe jeglicher Art f\u00fcr das europ\u00e4ische Judentum bereitzustellen und kehrten den Schornsteinen der Todeslager den R\u00fccken\u2026 daher ist die gesamte freie Welt, vor allem in diesen Tagen, dazu aufgerufen, Reue zu zeigen\u2026 indem sie Israel diplomatische, defensive und wirtschaftliche Hilfe anbietet.\u201c<\/p>\n<p>Die Holocaustindustrie von Norman Finkelstein dokumentiert ergiebig, wie das Ged\u00e4chtnis des Nazi-V\u00f6lkermordes zu politischen Zwecken wirksam genutzt werden kann. \u00dcber Jahrzehnte diente der Holocaust als \u00dcberzeugungsmittel in den H\u00e4nden der israelischen Au\u00dfenpolitik, um jegliche Kritik im Keim zu ersticken und Empathie f\u00fcr einen Staat zu erwecken, der sich als kollektiver Held von sechs Millionen Opfern versteht. Netanyahu nimmt in seinem Irandiskurs regelm\u00e4\u00dfig Bezug auf den Holocaust. Er behauptet, dass die hypothetische iranische Atombombe eine \u201eExistenzbedrohung\u201c darstellt. In einem seltsamen Gedankensprung nennt er Israel sogar \u201eden einzigen sicheren Ort f\u00fcr die Juden\u201c. Infolge der j\u00fcngsten Anschl\u00e4ge gegen Juden in Paris und Kopenhagen rief Netanyahu erneut die europ\u00e4ischen Juden auf, ihre L\u00e4nder zu verlassen und nach Israel zu kommen, das er als ihre \u201ewahre Heimat\u201c bezeichnete. Seine Aufrufe bez\u00fcglich eines \u201eatomaren Holocaust\u201c durch den Iran schmeicheln zwar sehr seine W\u00e4hlerschaft, gelten aber au\u00dfenpolitisch nicht als rationales Argument.<\/p>\n<p><strong>Israel von der Landkarte tilgen<\/strong><\/p>\n<p>Viel wurde bereits \u00fcber eine andere Behauptung geschrieben, wonach der Iran beabsichtigte, \u201eIsrael von der Landkarte zu tilgen\u201c. Juan Cole und andere haben bereits aufgezeigt, dass es sich um einen \u00dcbersetzungsfehler handelt und das Wort \u201eLandkarte\u201c im Original gar nicht vorkommt. In der Tat handelte es sich dabei um ein Zitat aus den alten antizionistischen Schm\u00e4hreden von Ayatollah Khomeini: Esr\u00e2\u2019il b\u00e2yad az sahneyeh rooz\u00e9g\u00e2r mahv shavad, was bedeutet: \u201eIsrael soll aus der Seite der Zeit verschwinden\u201c. Nachdem das falsche Ger\u00fccht \u201eIsrael von der Landkarte tilgen\u201c um die Welt reiste und sich fest in der \u00f6ffentliche Wahrnehmung einnistete, nutzten es die zionistischen Hetzer der Kampagne gegen den Iran einfach auch noch f\u00fcr andere Zwecke. Ein vor kurzem seitens des Zentrums f\u00fcr \u00f6ffentliche Angelegenheiten in Jerusalem (einer zionistischen Denkfabrik, die besonders aktiv ist, die Kampagne gegen den Iran aufzuwirbeln) ver\u00f6ffentlichter Iran-Bericht, \u00fcbersetzt Khomeinis Zitat korrekt, aber besteht immer noch darauf, es weise auf \u201eV\u00f6lkermord\u201c hin. Dieser letztere Begriff geh\u00f6rt zu den beliebtesten in den neusten zionistischen Publikationen: derselbe Bericht spricht von einem \u201emisslungenen V\u00f6lkermord verschiedener arabischer Staaten und der Pal\u00e4stinenser gegen Israel\u201c.<\/p>\n<p>Die iranischen F\u00fchrer haben in der Tat mehrmals dazu aufgefordert, die Probleme der Welt, inklusive der Pal\u00e4stinenserfrage, durch Dialog zu l\u00f6sen. Sie schlagen unter anderem ein \u201efreies Referendum vor, um eine Regierung auf dem Willen der pal\u00e4stinensischen Nation aufzubauen, in der Pal\u00e4stinenser, inklusive Juden, Christen und Muslime, das Wahlrecht erlangen\u201c.<\/p>\n<p>Nichts von alldem kann als milit\u00e4rische Intervention oder als \u201eExistenzbedrohung\u201c ausgelegt werden. Dies erkl\u00e4rt vielleicht, weshalb es in den Mainstreammedien keine Beachtung findet: denn moderate Behauptungen aus Teheran gelten nicht als \u201edruckreif\u201c.<\/p>\n<p>Den iranischen F\u00fchrern zufolge w\u00fcrde \u201edas zionistische Regime genauso wie die Sowjetunion sehr bald abgebaut und die Menschheit frei sein\u201c. Genau wie die Sowjetunion friedlich zerlegt wurde, wird auch Israel aufgrund seiner internen Widerspr\u00fcche friedlich verschwinden. Genauso wie die Sowjetunion nicht unter den Atombomben zerst\u00f6rt wird, so schl\u00e4gt auch der Iran keine Gewalt f\u00fcr den Niedergang Israels vor. Denn diese L\u00f6sung w\u00e4re auch sehr unwahrscheinlich, da Israel als einzige Atommacht der Region eine \u00fcberw\u00e4ltigende milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber seinen Nachbarn aufweist.<\/p>\n<p>Die Aufforderung der Beendigung des Zionismus bedeutet nicht die Zerst\u00f6rung Israels und seiner Bev\u00f6lkerung. Nach Jonathan Steel von The Guardian handelt es sich hier lediglich um einen \u201evagen Zukunftswunsch\u201c. Dieser Wunsch bedeutet nicht mehr als ein Gebet \u201ef\u00fcr den friedlichen Abbau des zionistischen Staates\u201c, den die Mitglieder der j\u00fcdischen antizionistischen Gruppe von Neturei Karta regelm\u00e4\u00dfig aussprechen. Denn die j\u00fcdische Liturgie strotzt von ziemlich aggressiven Haltungen gegen diejenigen, die Gott nicht anerkennen und B\u00f6ses tun. Wir Juden rezitieren z.B. in den festlichen Gottesdiensten den folgenden Satz: u\u2019malkhut ha\u2019rishaa kula ke\u2019ashan tikhleh (Und das K\u00f6nigreich des B\u00f6sen wird wie Rauch schwinden). Wortw\u00f6rtlich meint dies wirklich die Annihilierung und Zerst\u00f6rung eines ganzen Landes, d.h. die Tilgung des \u201eK\u00f6nigreiches des B\u00f6sen\u201c und jeglicher b\u00f6ser Handlungen, die an jeglichem Ort ver\u00fcbt werden. Es geht hier nicht um einen Menschen im Besonderen, sondern um Tausende Unschuldiger.<\/p>\n<p>Obwohl Millionen Juden j\u00e4hrlich diesen Satz rezitieren, bedeutet dies nicht Atomkrieg. Wenn wir aber die Juden d\u00e4monisieren wollen, k\u00f6nnten wir diese Behauptung verwenden und in eine grundlose Anklage verwandeln, nach der die Juden ganze L\u00e4nder in Luft aufl\u00f6sen m\u00f6chten. Einige s\u00e4kulare Israelis haben dieses traditionelle Gebet als einen Aufruf zur Zerst\u00f6rung der s\u00e4kularen Mehrheit der israelisch-j\u00fcdischen Gesellschaft ausgelegt. Deshalb vermeidet die j\u00fcdische Tradition die wortw\u00f6rtlichen Interpretationen der religi\u00f6sen Texte und st\u00fctzt sich auf die Auslegungen der Rabbiner, auch wenn sie manchmal weit hergeholt erscheinen. So legen die Rabbiner zum Beispiel den biblischen Grundsatz \u201eAuge um Auge\u201c als eine Verpflichtung aus, eine finanzielle Gegenleistung zu erbringen, um dem Schuldigen das Auge zu verschonen. Der oben angef\u00fchrte liturgische Text ist das Beispiel einer religi\u00f6sen Rhetorik, die auf aussagekr\u00e4ftigen Metaphern basiert, w\u00e4hrend sie den Wunsch zur Sprache bringt, die Welt ohne das B\u00f6se zu sehen.<\/p>\n<p>Um zum Punkt zu kommen: der letzte iranische Angriff gegen ein anderes Land ereignete sich ungef\u00e4hr vor drei Jahrhunderten. Und dies trifft nicht gerade auf Israel und die USA zu. Den Iran als schuldiger anzusehen als Israel, wobei von Israel bewiesen ist, dass es Atomwaffen besitzt, ist ein unvereinbares \u00dcberbleibsel der kolonialistischen Mentalit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens bek\u00e4mpft Iran aktiv den IS (\u201eIslamischen Staat\u201c), der seine Brutalit\u00e4t durch wortw\u00f6rtliche Auslegungen des Korans rechtfertigt. Die Juden im Iran praktizieren weiterhin das Judentum mit wenig Einmischung von Seiten der iranischen Beh\u00f6rden und verpflichten sich weiterhin, im Lande zu bleiben, in dem sie seit Jahrtausenden leben. Und dies erfolgte, w\u00e4hrend antizionistische iranische F\u00fchrer betonten, sie w\u00e4ren nicht anti-j\u00fcdisch. W\u00e4hrend die iranischen Beh\u00f6rden anti-j\u00fcdisch, h\u00e4tten sie wohl eher die Juden vor Ort bel\u00e4stigt als die Atommacht Israel zu provozieren.<\/p>\n<p>Die Behauptung Netanyahus, er w\u00fcrde \u201eim Namen der Juden\u201c sprechen, schadet den Juden und vor allem den iranischen Juden. Denn einige Zionisten bleiben unnachgiebig und gehen so weit, dass sie den iranischen Juden vorwerfen, dass sie schon seit langer Zeit nicht nach Israel ausgewandert w\u00e4ren. Diese Haltung stellt die gr\u00f6\u00dfte und wahrscheinlich auch \u00e4lteste j\u00fcdische Gemeinde der islamischen Welt blo\u00df, denn die Existenzberechtigung Israels ist nat\u00fcrlich oft wichtiger als das Wohlergehen und das wahre \u00dcberleben der j\u00fcdischen Gemeinden. Die Zionisten beziehen sich auf die Juden au\u00dferhalb Israels als potentielle Einwanderer oder tempor\u00e4re Verm\u00f6genswerte, um die Interessen Israels zu vertreten.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcdische Unstimmigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Der Auftritt Netanyahus vor dem US-Kongress und seine aktuelle Kampagne gegen den Iran f\u00fchrten zu einer tiefen Spaltung zwischen den Juden, die Israel bedingungslos unterst\u00fctzen und den Juden, die dem Zionismus und den Handlungen des Staates Israel widersprechen oder diesen bzw. diese in Frage stellen. Die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber den Stellenwert Israels in der j\u00fcdischen Kontinuit\u00e4t ist innerhalb und au\u00dferhalb Israels offen und aufrichtig geworden. Viele sehen die Zukunft des Staates Israels als die eines Staates seiner B\u00fcrger, Juden, Muslimen, Christen und Atheisten, mehr als die eines Staates, der f\u00fcr das Weltjudentum aufgebaut und gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es ziemlich wenige Juden gibt, die \u00f6ffentlich in Frage stellen, ob das chronisch unsichere Israel wirklich \u201egut f\u00fcr die Juden ist\u201c, bedauern viele, dass der militante Zionismus die ethischen Werte des Judentums zerst\u00f6rt und die Juden innerhalb und au\u00dferhalb Israels gef\u00e4hrdet. Der Film <em>Munich<\/em> von Steven Spielberg fokussiert z.B. auf den moralischen Preis des chronischen Vertrauens Israels auf die Machtaus\u00fcbung. In einer Szene, in der ein Mitglied der israelischen Eingreifgruppe die pal\u00e4stinensischen Diaspora-Aktivisten jagt, wird ihm das Ganze zuwider. Und er spricht: \u201eWir sind Juden. Juden tun nichts B\u00f6ses, nur weil unsere Feinde B\u00f6ses tun\u2026 wir gelten als rechtschaffen. Das ist etwas Sch\u00f6nes. Das ist j\u00fcdisch&#8230;\u201c W\u00e4hrend <em>Schindler\u2019s List<\/em> die physische Bedrohung der Juden aufgreift, zeigt <em>Munich<\/em> die Bedrohung ihres geistigen \u00dcberlebens. Kein Wunder, dass die Likud-W\u00e4hlerschaft in Amerika den j\u00fcdischen Regisseur und seinen Film besudelte, bevor er \u00fcberhaupt an die \u00d6ffentlichkeit gelangte. Sie gei\u00dfelte auch verschiedene vor kurzem ver\u00f6ffentlichte B\u00fccher (Prophets Outcast, Wrestling with Zion, Myths of Zionism, The Question of Zion) daf\u00fcr, dass sie sich mit demselben wesentlichen Konflikt zwischen dem Zionismus und den traditionellen j\u00fcdischen Werten befasst. Netanyahus Rede vor dem US-Kongress versch\u00e4rfte diesen internen j\u00fcdischen Konflikt noch mehr.<\/p>\n<p>Die Likud-Lobby behauptet regelm\u00e4\u00dfig, dass die Juden, die es wagen, Israel zu kritisieren, Israels \u201eExistenzrecht\u201c bedrohen und daher Antisemitismus sch\u00fcren. Dies f\u00fchrte dazu, dass eine Anzahl ber\u00fchmter Juden in Gro\u00dfbritannien, Kanada und den USA ihre Meinung \u00e4u\u00dferten, die zu einer offenherzigen Debatte \u00fcber Israel in den Mainstream-Medien und sogar in den konservativen Publikationen f\u00fchrte. Die mit Sicherheit Israel-freundliche Zeitschrift <em>Economist<\/em> hat eine Studie \u00fcber den \u201eStaat der Juden\u201c und ein Editorial ver\u00f6ffentlicht, in dem sie die breite Masse der Diaspora-Juden auffordert, von der von vielen j\u00fcdischen Organisationen vertretenen Haltung Abstand zu nehmen, nach der \u201emein Land immer Recht hat, ob es nun Recht oder Unrecht hat\u201c. Dies schw\u00e4cht sicherlich das Bild der Juden als einer vereinten Gruppe um die israelische Flagge.<\/p>\n<p>Die Bem\u00fchung um die j\u00fcdische Befreiung vom Staat Israel und seiner Politik hat alte Spaltungen \u00fcberbr\u00fcckt und so auch neue verursacht. So lobte ein ultra-orthodoxer Israelkritiker, der sich normalerweise dem Reformjudentum widersetzt, einen Reformrabbiner, der Folgendes meinte: \u201eWenn sich die j\u00fcdischen Unterst\u00fctzer Israels im Ausland nicht gegen die katastrophale Politik wehren, dann kann weder die Sicherheit der B\u00fcrger gew\u00e4hrleistet noch die richtige Umgebung geschaffen werden, um einen gerechten Frieden mit den Pal\u00e4stinensern anzustreben und zu erreichen\u2026 denn dann verraten sie die j\u00fcdischen Werte von Jahrtausenden und handeln gegen die eigenen langfristigen Interessen Israels\u201c.<\/p>\n<p>Viele Juden und Israelis glauben, dass die Likud-Lobby, eine gemeinsame Bem\u00fchung rechter Christen, Juden, Muslime und Atheisten, eine wesentliche Bedrohung f\u00fcr die langfristige Sicherheit Israels darstellt, da sie die aggressiven israelischen Politiker ausnahmslos unterst\u00fctzt und jene Israelis untergr\u00e4bt, die sich f\u00fcr die Vers\u00f6hnung in der Region einsetzen. Die Lobby ist auch eine m\u00e4chtige Quelle des Antisemitismus, da sie oft als \u201ej\u00fcdisch\u201c angesehen wird, was den falschen Eindruck erweckt, dass die Juden die amerikanische Au\u00dfenpolitik diktieren, indem sie sie nach Rechts verschieben. In der Tat hat die gro\u00dfe Mehrheit der amerikanischen Juden Barak Obama gew\u00e4hlt. W\u00e4hrend die derzeitigen israelischen Leader und deren amerikanische Verb\u00fcndete weiterhin die Welt gegen den Iran aufhetzen, haben verschiedene Friedensorganisationen in Israel und in verschiedenen j\u00fcdischen Diasporagemeinden Erkl\u00e4rungen ver\u00f6ffentlicht, in denen sie die anti-iranische Kampagne und das Verhalten Netanyahus verurteilen.<\/p>\n<p>Wo nun kein arabischer Staat Israel milit\u00e4risch bedroht, werden viele Israelis im Glauben gelassen, Iran w\u00fcrde eine Bedrohung f\u00fcr sie darstellen. Gleich neben dem Iran, der mehrmals jegliches Interesse zur\u00fcckgewiesen hat, Atomwaffen zu erwerben, liegt Pakistan, ein unstabiles Regime mit einer starken islamistischen Bewegung, inklusive Gruppierungen von Al-Qaeda, und einem echten und nicht imagin\u00e4ren Atomwaffenarsenal. W\u00e4hrend Pakistan Israel nicht bedroht hat, wird aber die \u201eExistenzbedrohung\u201c kein Ende haben, wenn der zionistische Staat so weitermacht und sich weiterhin \u00fcber die Menschen in der gesamten Region hinwegsetzt, indem er den Pal\u00e4stinensern die Gerechtigkeit verwehrt.<\/p>\n<p><strong>Um genau zu sein\u2026 <\/strong><\/p>\n<p>Die beiden emotional geladenen Behauptungen, die laut gegen den Iran erhoben wurden, haben die westlichen Medien beherrscht. Eine andere Aussage, wonach der Iran ein Gesetz erlassen h\u00e4tte, nach dem alle Juden gelbe Symbole tragen sollten, wie Toronto National Post vor einigen Jahren berichtete, verst\u00e4rkte noch mehr das Bild eines Nazi-Deutschland-\u00e4hnlichen Irans. Obwohl der Bericht am n\u00e4chsten Tag widerrufen wurde, erinnern sich mehr Menschen an die verurteilenden Nachrichten als an den darauffolgenden Widerruf seitens der Tageszeitung, deren Besitzer in der kanadischen Likud-W\u00e4hlerschaft t\u00e4tig sind.<\/p>\n<p>Diese Fehlinformation unterst\u00fctzt ohne Zweifel die \u00f6ffentliche Meinungsbildung hin zu einer milit\u00e4rischen Intervention durch die USA oder Israel gegen den erd\u00f6lreichen Iran. Es handelt sich hierbei um ein besorgniserregendes Remake der Furcht vor den illusorischen irakischen Massenvernichtungswaffen, die einen massiven milit\u00e4rischen Angriff gegen jenes ungl\u00fcckliche Land ausl\u00f6ste, dessen Bev\u00f6lkerung \u00fcber Jahrzehnte unter den westlichen Sanktionen litt. Saddam Hussein wurde geb\u00fchrend als eine weitere Verk\u00f6rperung Hitlers dargestellt, und erneut wurde der Geist des atomaren Holocausts beschworen.<\/p>\n<p>Israel besitzt Hunderte erwiesener Atomwaffen und weigert sich, im Unterschied zum Iran, die Atomwaffensperrvertr\u00e4ge zu unterzeichnen. Der Iran hatte nie die Absicht erkl\u00e4rt, Atomwaffen herzustellen. Vertrauensw\u00fcrdigen israelischen Experten zufolge kann der Iran keine milit\u00e4rische Atomkraft \u00fcber 5-10 Jahre erwerben und falls und wenn er sie erwirbt, so tut er es, um sich gegen die externen Angriffe Israels zu wehren und sicher nicht, um Israel anzugreifen.<\/p>\n<p>Die iranischen Leader werden falsch dargestellt als irrsinnige Extremisten, die \u00fcber unbegrenzte Macht verf\u00fcgen und auch irrational handeln k\u00f6nnten. Daraus folgt, dass sie um jeden Preis gestoppt werden m\u00fcssen. Dies ist zu einem Mantra geworden, nicht nur f\u00fcr die israelischen rechten Politiker, wie den Rhetoriker Netanyahu, der zum Trotz der UN-Charta offenkundig droht, den Iran anzugreifen, sondern auch f\u00fcr einige amerikanische Politiker, die ihn bewundern. W\u00e4hrend das Wei\u00dfe Haus und die Experten der Au\u00dfenpolitik und der Geheimdienste wissen, dass weder Israel noch die USA in Gefahr vor einem iranischen Angriff sind, erscheinen ihre rationalen Argumente weniger \u00fcberzeugend als die pathetische Rhetorik. Die USA haben bekanntlich geopolitische Interessen im Persischen Golf, aber die Anklagen gegen den Iran, die auf der vors\u00e4tzlichen Zusammenf\u00fchrung zwischen Israel und den Juden basieren, k\u00f6nnte die Art und Weise Washingtons, die Au\u00dfenpolitik zu gestalten, verh\u00e4ngnisvoll verdrehen.<\/p>\n<p>Intellektuelle lieben Genauigkeit, und Politiker brauchen sie noch viel mehr, weil man von ihnen erwartet, dass sie vorsichtig und vern\u00fcnftig handeln. Der Eingriff Netanyahus in die Gestaltung der amerikanischen Au\u00dfenpolitik ist Teil eines langfristigen Versuches, die einsamen Interessen der Gro\u00dfmacht mit denen des zionistischen Staates anzugleichen. Daher m\u00fcssen seine Argumente aufmerksam und ohne unangemessenes Pathos, da dieses sehr oft die Angelegenheiten hinsichtlich Israels und seiner Nachbarn vernebelt, abgewogen werden. \u00dcber Jahre haben sich westliche Staatskanzleien darum bem\u00fcht, Israel von der milit\u00e4rischen Intervention gegen den Iran abzuhalten. Daf\u00fcr wurde aber Israel freie Hand gelassen, um mit den Pal\u00e4stinensern straffrei umzugehen. Die neue \u201eExistenzbedrohung\u201c durch die hypothetischen iranischen Massenvernichtungswaffen haben Israels Zweck als \u201eWaffenvernichtungswaffe\u201c schon gedient.<br \/>\nDas m\u00e4chtige Wachstum des IS zeigt bildlich, was die Demodernisierung und die nachfolgende Verzweiflung in jenem Teil der Welt anrichten k\u00f6nnen. Wir brauchen nur auf Irak, Libyen und Syrien zu sehen, die alle drei von einer externen milit\u00e4rischen Intervention betroffen sind, und die darauffolgende Herausbildung des IS zu betrachten, um zu verstehen, dass die Destabilisierung eines Landes oder einer Region weitreichende d\u00fcstere Auswirkungen hat. Der israelische Ministerpr\u00e4sident beruft sich auf die mutma\u00dfliche iranische Bedrohung, um die iranische Modernisierungspolitik zu verlangsamen oder r\u00fcckw\u00e4rtszufahren. Die Zwangsdemodernisierung Iraks, Syriens und Libyens, der s\u00e4kularsten und am meisten gebildeten L\u00e4nder der arabischen Welt, ist mit Sicherheit der strategischen Position Israels in der Region zugutegekommen. Netanyahu muss nun erkl\u00e4ren, wie genau die Demodernisierung Irans den USA zugutekommen wird.<\/p>\n<p><em><strong>Yakov\u00a0Rabkin\u00a0<\/strong>ist Professor f\u00fcr Geschichte an der Universit\u00e4t Montreal.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen von Milena Rampoldi <a href=\"http:\/\/www.promosaik.com\/de\">ProMosaik e. V.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der israelische Ministerpr\u00e4sident verf\u00fcgt \u00fcber die besten Voraussetzungen, um vor dem US-Kongress die sogenannte Gefahr eines atomaren Iran zu erl\u00e4utern. Schlussendlich waren es ja Israel und seine Verb\u00fcndeten in Washington, welche die Angelegenheit von Anfang an fabriziert hatten. 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