{"id":1673588,"date":"2022-10-04T16:48:58","date_gmt":"2022-10-04T15:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1673588"},"modified":"2022-12-19T15:17:10","modified_gmt":"2022-12-19T15:17:10","slug":"seit-7-jahren-gibt-es-den-mindestlohn-und-ab-oktober-wird-er-auf-12-euro-die-stunde-erhoeht-zeit-bilanz-zu-ziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/10\/seit-7-jahren-gibt-es-den-mindestlohn-und-ab-oktober-wird-er-auf-12-euro-die-stunde-erhoeht-zeit-bilanz-zu-ziehen\/","title":{"rendered":"Seit 7 Jahren gibt es den Mindestlohn und ab Oktober wird er auf 12 Euro die Stunde erh\u00f6ht \u2013 Zeit, Bilanz zu ziehen"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Deutschland wurde im Jahr 2015 der Mindestlohn eingef\u00fchrt, doch werden immer noch viele Besch\u00e4ftigte um ihren Lohn geprellt und dem Staat entgehen Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben.<\/strong><\/p>\n<p>Die Umgehung der Zahlung des Mindestlohns ist in bestimmten Branchen besonders h\u00e4ufig anzutreffen, vor allem im Hotel- und Gastst\u00e4ttengewerbe, Einzelhandel und bei den privaten Haushalten. Dort sind besonders hohe Zahlen von Verfehlungen beobachtet worden und die Umgehung wird im Regelfall \u00fcber die Gestaltung der Arbeitszeiten, konkret \u00fcber unbezahlte Mehrarbeit erreicht. Die vielen unterbezahlten Menschen wissen genau, dass sie in der vorgegebenen bezahlten Zeit die geforderte Leistung nicht erbringen k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen sich ihrem Schicksal ergeben, weil man das nur nachweisen und bek\u00e4mpfen kann, wenn die Arbeitszeiten auch konkret kontrolliert werden.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung hat ihr Versprechen wahr gemacht und den Mindestlohn nun auf 12 Euro pro Stunde erh\u00f6ht, bundesweit sollen \u00fcber 6 Millionen Besch\u00e4ftigte davon profitieren.<\/p>\n<p>Da ist es an der Zeit, eine kleine Bilanz zu ziehen.<\/p>\n<h3><strong>Verst\u00f6\u00dfe gegen den Mindestlohn<\/strong><\/h3>\n<p>Um die Auswirkungen der Pandemie unber\u00fccksichtigt zu lassen, werden hier vorrangig Daten aus dem Jahr 2019 genutzt. Damals hat die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls (FKS) bundesweit insgesamt 4.220 Ermittlungsverfahren wegen Mindestlohn-Verst\u00f6\u00dfen gegen Unternehmen eingeleitet. Rund 1.000 Verst\u00f6\u00dfe entfielen auf die Baubranche, 715 auf die Gastronomie und Hotellerie und 272 auf die Geb\u00e4udereinigung. Bei den meisten Verst\u00f6\u00dfen wurde entweder der gesetzliche oder der branchen\u00fcbliche Mindestlohn nicht ausgezahlt.<\/p>\n<p>Gepr\u00fcft wurden 54.733 Unternehmen aller Branchen und dabei Bu\u00dfgelder in H\u00f6he von knapp 27,2 Millionen Euro f\u00e4llig, davon allein 8,1 Millionen Euro bei den Baufirmen. Im Gastgewerbe verh\u00e4ngte man 6,16 Millionen Euro Bu\u00dfgelder. Die meisten Verst\u00f6\u00dfe gab es mit 981 F\u00e4llen in Nordrhein-Westfalen. In Berlin wurden 201 Verst\u00f6\u00dfe, in Niedersachsen 247 und in Hamburg 41 F\u00e4lle vom Zoll aufgedeckt.<\/p>\n<p>Bei den hier genannten F\u00e4llen handelt es sich naturgem\u00e4\u00df nur um die Verst\u00f6\u00dfe, die bei Kontrollen festgestellt worden sind. Die tats\u00e4chliche Zahl d\u00fcrfte weitaus h\u00f6her sein.<\/p>\n<p>Ob die vom Bundesfinanzministerium in Aussicht gestellte Personalaufstockung von 6.000 Stellen f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre eine Verbesserung bringen wird, d\u00fcrfte fraglich sein. Auch weil eine Bundestagsanfrage der Gr\u00fcnen aus dem Jahr 2019 ergab, dass mehr als 3.000 Planstellen nicht besetzt sind, da es keine geeigneten Bewerbungen gab. Au\u00dferdem werden bis 2030 mehr als 10.000 Besch\u00e4ftigte beim Zoll in den Ruhestand gehen.<\/p>\n<h3>Bei Minijobs gibt es die meisten Verst\u00f6\u00dfe<\/h3>\n<p>Die meisten Verst\u00f6\u00dfe gegen den Mindestlohn gab es bei den Minijobs. Die geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten werden in der Regel nur bei Anwesenheit bezahlt. Obwohl sie Anspruch darauf haben, erhalten sie meistens keinen bezahlten Urlaub und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Das kommt vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen vor, dort sind auch die meisten Minijobs angesiedelt.<\/p>\n<p>Neue Zahlen, die die FKS nun ver\u00f6ffentlichte, zeigen, dass vor allem in Speditionen, Landwirtschaft, Pflegeheimen, Gastronomie- und Reinigungsgewerbe, also in den klassischen Minijob-Unternehmen gegen die Auszahlung des Mindestlohns versto\u00dfen wird.<\/p>\n<h3><strong>Verst\u00f6\u00dfe gegen das Arbeitszeitgesetz fallen erst bei Kontrollen auf<\/strong><\/h3>\n<p>Die Unternehmen werden aufgrund der personellen Ausstattung beim Zoll kaum behelligt, k\u00f6nnen ruhig schlafen und weiter von den Extra-Profiten tr\u00e4umen. Dreist wird die Auszahlung des Mindestlohns, die korrekte Aufzeichnung von Arbeitsstunden und das gesetzlich vorgeschriebene Bereithalten von Unterlagen fl\u00e4chendeckend in vielen Branchen unterlaufen.<\/p>\n<p>Um pr\u00fcfen zu k\u00f6nnen, ob ausreichender Mindestlohn gezahlt wird, m\u00fcssen die Beh\u00f6rden erst einmal wissen, wie viele Stunden der Besch\u00e4ftigte gearbeitet hat. Neben dem Zoll pr\u00fcfen auch die L\u00e4nder, ob die Unternehmen Arbeitszeiten und \u00dcberstunden ordentlich erfassen. Obwohl Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit seit Jahren zunehmen, kontrollieren die Beh\u00f6rden aber immer seltener die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes.<\/p>\n<p>Hier liegt auch der Grund daf\u00fcr, warum einige Branchen, wie die Gastronomie, immer schwerere Gesch\u00fctze gegen den Mindestlohn aufgefahren hatten \u2013 nicht wegen der H\u00f6he des Lohns, sondern weil durch die Kontrollen erstmals die Verst\u00f6\u00dfe gegen das Arbeitszeitgesetz ans Tageslicht kommen.<\/p>\n<h3><strong>Tricks, um den Mindestlohn zu unterlaufen<\/strong><\/h3>\n<p>Besonders kreativ sind die Unternehmen, wenn es um die Erfindung von M\u00f6glichkeiten geht, um den Mindestlohn zu unterlaufen. In der allt\u00e4glichen Praxis gab es bisher solche Tricksereien:<\/p>\n<ul>\n<li>In manchen Betrieben wurde ohne Begr\u00fcndung der Mindestlohn nicht gezahlt oder behauptet, f\u00fcr bestimmte T\u00e4tigkeiten, Anstellungsverh\u00e4ltnisse wie Minijobs oder Betriebsgr\u00f6\u00dfen gelte er nicht.<\/li>\n<li>Es wurden den Besch\u00e4ftigten neue Vertr\u00e4ge mit reduzierter Arbeitszeit vorgelegt, aber die Arbeit im alten Umfang erwartet.<\/li>\n<li>Im Einzelhandel haben Besch\u00e4ftigte in Minijobs mit ihrem Vertrag \u00fcbers Jahr gesehen eine feste Summe bekommen \u2013 ohne Ber\u00fccksichtigung des Mindestlohns pro Zeitstunde.<\/li>\n<li>Besch\u00e4ftigte erhielten nur f\u00fcr eine geringe Stundenzahl den Mindestlohn, der Rest wurde \u201eschwarz\u201c ausgezahlt.<\/li>\n<li>In der Gastronomie wurden Trinkgelder verrechnet, indem das Trinkgeld in einen Topf geworfen wurde, um daraus die Lohnerh\u00f6hung zu finanzieren.<\/li>\n<li>Zuschl\u00e4ge wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld wurden gestrichen, um damit formell den Stundenlohn anzuheben. Bei anderen Besch\u00e4ftigten fiel der bisher gezahlte Sonn- und Feiertagszuschlag pl\u00f6tzlich weg.<\/li>\n<li>Urlaubstage wurden auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum von 24 Tagen reduziert, um die Mindestlohnkosten wieder \u201ereinzuholen\u201c.<\/li>\n<li>Minijobber wurden angehalten, Familienangeh\u00f6rige unter 18 Jahren bei ihrem Betrieb anzumelden, um die Ausnahmeregelung f\u00fcr Minderj\u00e4hrige zur Umgehung des Mindestlohnes zu nutzen.<\/li>\n<li>Besch\u00e4ftigte durchliefen ein mehrmonatiges Praktikum und bekamen daf\u00fcr kein Geld. Laut Mindestlohngesetz ist ein freiwilliges Praktikum nach Studium oder Berufsausbildung ab dem ersten Tag der Besch\u00e4ftigung mit dem Mindestlohn zu verg\u00fcten. Ausnahmen gibt es nur f\u00fcr bestimmte Pflicht- oder Orientierungspraktika. Regul\u00e4re Arbeit wurde so als Praktikum deklariert, obwohl es sich nicht um Lernverh\u00e4ltnisse handelte.<\/li>\n<li>Die Unternehmen reduzierten formell die Arbeitszeit, um so bei gleichbleibendem Monatsentgelt auf Mindestlohnniveau zu kommen. So etwas bedarf einer Vertrags\u00e4nderung, der beide Seiten zustimmen m\u00fcssen.<\/li>\n<li>Besch\u00e4ftigte erhielten den Mindestlohn, mussten aber eine \u201eUmsatzabgabe\u201c zahlen.<\/li>\n<li>Ein Teil der Arbeit wurde zwar zum Mindestlohn abgerechnet, \u00dcberstunden tauchten aber auf dem Lohnzettel nicht auf. In einigen Betrieben wurden bis zu 200 \u00dcberstunden nicht bezahlt. Wenn nach den Belegen gefragt wurde, gab es die gar nicht.<\/li>\n<li>Saisonarbeiter wurden w\u00e4hrend der Ernte nach Kilo und nicht nach abgeleisteten Stunden bezahlt.<\/li>\n<li>Einige Unternehmen machten sich dagegen nicht einmal die M\u00fche, die Nichteinhaltung des Mindestlohns zu vertuschen. Sie weigerten sich ganz offen, den Mindestlohn zu zahlen.<\/li>\n<li>Als Teil des zustehenden Lohns wurde den Besch\u00e4ftigten im Sonnenstudio Solarium-Gutscheine, im Kino-Gutscheine f\u00fcr Popcorn oder in der Sauna Wellness-Gutscheine \u00fcberreicht.<\/li>\n<li>In Nagelstudios wurde nur f\u00fcr die Zeit bezahlt, in der die Angestellten auch Kunden betreuten.<\/li>\n<li>Manche Gastronomen oder Friseure lie\u00dfen ihre Angestellten als Selbstst\u00e4ndige f\u00fcr sich arbeiten.<\/li>\n<li>Fr\u00fchrentner, die als Busfahrer Sch\u00fcler fuhren, sollten nur dann bezahlt werden, wenn die Busse auch besetzt waren.<\/li>\n<li>In B\u00e4ckereien wurde die Vorbereitungszeit vor der Gesch\u00e4fts\u00f6ffnung unter den Tisch fallen gelassen.<\/li>\n<li>Besch\u00e4ftigte im Dienstleistungssektor haben eine Kundenpauschale erhalten, unabh\u00e4ngig von der Dauer ihrer Anwesenheit im Betrieb.<\/li>\n<li>Eigentlich regul\u00e4re Arbeit, wie vor allem im Bereich Soziale Dienste, wurde als Ehrenamt deklariert und dort wurden Minijobs mit dem Ehrenamt gekoppelt.<\/li>\n<li>Die Zeitvorgaben wurden so kurz bemessen, dass sie nichts mehr mit dem realistischen Zeitaufwand zu tun hatten und bezahlt wurde nur die vorgegebene und nicht die tats\u00e4chliche Zeit.<\/li>\n<li>Im Taxigewerbe wurde das Mindestlohngesetz in besonderem Ma\u00dfe verletzt. Neun von zehn Taxifahrer arbeiteten f\u00fcr niedrigere L\u00f6hne. Von den mehr als 39.000 Vollzeitbesch\u00e4ftigten der Branche verdienten zuletzt 87,7 Prozent weniger als die Niedriglohnschwelle von 2.056 Euro brutto im Monat<\/li>\n<\/ul>\n<p>und<\/p>\n<p>im Reinigungsgewerbe sind Arbeitsvertr\u00e4ge mit 20 Wochenstunden verbreitet, doch in dieser Zeit kann die geforderte Zahl an Zimmern und Quadratmetern gar nicht gereinigt werden. Die Besch\u00e4ftigten mussten f\u00fcnf oder auch 10 Stunden mehr arbeiten, um ihr Soll zu erf\u00fcllen, aber es wurden nur 20 Stunden bezahlt.<\/p>\n<h3><strong>Gewerkschaften sind optimistisch und halten die Erh\u00f6hung des Mindestlohns auf 12 Euro auch f\u00fcr gesamtwirtschaftlich sinnvoll<\/strong><\/h3>\n<p>Nach der neuen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung<\/p>\n<ul>\n<li>verdienen Besch\u00e4ftigte in etwa 8,6 Millionen Arbeitsverh\u00e4ltnissen aktuell weniger als 12 Euro brutto pro Stunde.<\/li>\n<li>sind zwei Drittel der Besch\u00e4ftigten, die von einer Erh\u00f6hung des gesetzlichen Mindestlohns profitieren Frauen.<\/li>\n<li>wird f\u00fcr die Mehrzahl der Berufsgruppen, in denen aktuell weniger als 12 Euro bezahlt werden, eine abgeschlossene Ausbildung gefordert.<\/li>\n<li>w\u00fcrde von der Anhebung des Mindestlohns vor allem die Entlohnung von Besch\u00e4ftigten ohne Tarifvertrag angehoben. Sie sind rund dreimal so h\u00e4ufig von L\u00f6hnen unter 12 Euro betroffen wie Besch\u00e4ftigte, die nach Tarif bezahlt werden.<\/li>\n<li>wird die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeitsverh\u00e4ltnisse, in denen der h\u00f6here Mindestlohn direkt zu einer Lohnanhebung f\u00fchren m\u00fcsste, im Hauptberuf ausgef\u00fchrt. Das sind derzeit 7,3 Millionen Arbeitsverh\u00e4ltnisse, rund 1,3 Millionen sind Nebent\u00e4tigkeiten. Von den Hauptjobs sind rund drei Millionen Vollzeit- und knapp 4,3 Millionen Teilzeitstellen.<\/li>\n<li>arbeiten rund 30 Prozent der Besch\u00e4ftigten, die in ihrer Hauptt\u00e4tigkeit nicht nach einem Tarifvertrag bezahlt werden, aktuell f\u00fcr weniger als 12 Euro pro Stunde. Mit Tarifvertrag sind es lediglich 9,5 Prozent.<\/li>\n<li>w\u00fcrde die Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro in der Gesamtgruppe der Besch\u00e4ftigten, die nach Tarifvertrag bezahlt werden, eine durchschnittliche Lohnerh\u00f6hung von 1,0 Prozent bewirken. Unter den Besch\u00e4ftigten ohne Tarifvertrag steigen die L\u00f6hne um durchschnittlich 4,1 Prozent. Die Zahlen zeigten, dass der h\u00f6here Mindestlohn vor allem eine wirksame St\u00fctze zur Stabilisierung der L\u00f6hne von Besch\u00e4ftigten ohne Tarifvertrag ist.<\/li>\n<li>k\u00f6nnte langfristig gesehen die Wirtschaftsleistung von einer Erh\u00f6hung des gesetzlichen Mindestlohns um etwa 50 Milliarden Euro im Jahr steigen und die Einnahmen des Staates sich um rund 20 Milliarden Euro j\u00e4hrlich erh\u00f6hen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>und<\/p>\n<p>die Gesamtbesch\u00e4ftigung w\u00fcrde von einer Erh\u00f6hung des gesetzlichen Mindestlohns auch langfristig nicht negativ beeinflusst. Im Gegenteil, die Anhebung der Lohnuntergrenze \u00fcber die unmittelbar betroffenen Arbeitsverh\u00e4ltnisse hinaus, w\u00fcrde auch auf L\u00f6hne \u00fcber 12 Euro ausstrahlen.<\/p>\n<h3><strong>Hoher Preis muss bezahlt werden \u2013 Verdienstgrenze f\u00fcr die geringf\u00fcgigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse wird erh\u00f6ht<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr diesen Erfolg soll aber ein hoher Preis bezahlt werden, die Verdienstgrenze f\u00fcr die geringf\u00fcgigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse soll ebenfalls zum 01.10.2022 von 450 Euro auf 520 Euro heraufgesetzt und danach dynamisiert werden. Die Verdienstgrenze f\u00fcr \u201eMidijobs\u201c, f\u00fcr die geringere Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge gezahlt werden m\u00fcssen, soll auf 1.600 Euro erh\u00f6ht werden. Der \u00dcbergang zwischen Mini- und Midijob soll erleichtert werden, indem die Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge im \u00dcbergang zu Midijobs noch einmal gesenkt werden sollen. Diese Aufwertung der geringf\u00fcgigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse ist ein herber R\u00fcckschlag bei der Bek\u00e4mpfung des Niedriglohnsektors. Denn mehr als 75 Prozent der geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten arbeiten zu Niedrigl\u00f6hnen. Es ist au\u00dferdem auch ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die F\u00f6rderung einer gleichberechtigten Erwerbsarbeit von Frauen, da diese Arbeitsverh\u00e4ltnisse die Ideologie eines kleinen Zuverdienstes f\u00fcr \u201eHausfrauen\u201c weiterhin verfestigen.<\/p>\n<p>Die Stundenl\u00f6hne geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigter liegen derzeit im Durchschnitt zwischen 10 und 11 Euro. Das Gros wird damit deutlich unter Tarif und unter den Stundenl\u00f6hnen der sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigten im gleichen Betrieb und mit vergleichbarer T\u00e4tigkeit bezahlt, das ist ein eindeutiger Rechtsversto\u00df gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Dieser Versto\u00df wird aber mit dem Sonderstatus dieser Besch\u00e4ftigtengruppe legitimiert: Wenn Besch\u00e4ftigte demn\u00e4chst monatlich bis zu 520 Euro verdienen oder als Saisonkr\u00e4fte nur bis zu 3 Monate im Jahr eingesetzt werden, zahlen sie bekanntlich keine Steuern und Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge. Auch von den Beitr\u00e4gen zur Rentenversicherung k\u00f6nnen sie sich befreien lassen, was auch die Meisten tun. Sie bekommen also ihren Stundenlohn \u201ebrutto f\u00fcr netto\u201c.<\/p>\n<p>Hier m\u00fcssen die Unternehmen zwar \u00fcber 30 Prozent an Lohnnebenkosten zahlen und damit mehr als f\u00fcr Besch\u00e4ftigte mit Sozialversicherung. Trotzdem lohnt sich der Einsatz f\u00fcr sie, weil sie diese steuer- und sozialrechtliche Sonderstellung ausnutzen und die Stundenl\u00f6hne weit unter das Niveau der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigten absenken. Au\u00dferdem werden Geringverdiener h\u00e4ufig als \u201eStundenl\u00f6hner\/Aushilfen\u201c behandelt. Diesen Besch\u00e4ftigtenstatus gibt es arbeitsrechtlich gar nicht, doch haben diese Menschen zumindest au\u00dferhalb gro\u00dfer, st\u00e4rker kontrollierter Unternehmen h\u00e4ufig keinen K\u00fcndigungsschutz oder feste Arbeitszeiten und die H\u00e4lfte der Minijobbesch\u00e4ftigten erh\u00e4lt keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und ein Drittel bekommt keinen bezahlten Urlaub.<\/p>\n<p>All das ist rechtswidrig; es wird aber von vielen Besch\u00e4ftigten nicht als ungerecht empfunden, da sie ja \u201eBrutto f\u00fcr Netto\u201c bekommen.<\/p>\n<h3><strong>Die Realit\u00e4t auf dem Arbeitsmarkt sieht doch anders aus<\/strong><\/h3>\n<p>In Deutschland arbeiten rund 21 Prozent aller abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten im Niedriglohnsektor. Er umfasst Besch\u00e4ftigte, deren Stundenl\u00f6hne nur bis zu 2\/3 des Median-Stundenlohns betragen. Dieser Median-Stundenlohn betrug Ende des vergangenen Jahres 18,41 Euro, die Niedriglohnschwelle lag also bei 12,27 Euro. Selbst Vollzeitbesch\u00e4ftigte kamen damit bei einer 38-Stunden-Woche nur auf ein Bruttomonatsentgelt von 2.027 Euro. Dieser Niedriglohnsektor wurde in den letzten Jahren trotz guter Arbeitsmarktentwicklung, steigender Realeinkommen und sinkender Arbeitslosigkeit nur wenig reduziert. Er erreichte 2011 den H\u00f6chststand mit 24,1 Prozent aller Besch\u00e4ftigten, stagnierte bis 2017 bei ca. 23 Prozent und sank bis 2021 auf 21 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Der Niedriglohnsektor konzentriert sich auf besondere Branchen, auf besondere Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, auf besondere Regionen und auf Unternehmen mit niedriger Tarifbindung<\/strong>.<\/p>\n<p>Die 7,2 Millionen Niedriglohnbesch\u00e4ftigten arbeiteten 2019 vor allem in den Branchen<\/p>\n<ul>\n<li>Einzelhandel mit 159.000 = 40,1 Prozent der dort Besch\u00e4ftigten<\/li>\n<li>Gastronomie mit 662.000 = 62,5 Prozent der dort Besch\u00e4ftigten<\/li>\n<li>Geb\u00e4udebetreuung mit 655.200 = 61,2 Prozent der dort Besch\u00e4ftigten<\/li>\n<li>Gesundheitswesen mit 612.00 = 16,4 Prozent der dort Besch\u00e4ftigten<\/li>\n<li>Erziehung\/Unterricht mit 345.600 = 11,7 Prozent der dort Besch\u00e4ftigten<\/li>\n<\/ul>\n<p>Regional betrachtet mussten 29,1 Prozent der Besch\u00e4ftigten in Ostdeutschland zu Niedrigl\u00f6hnen arbeiten, in Westdeutschland \u201enur\u201c 16,4 Prozent.<\/p>\n<p>In den nicht tarifgebundenen Unternehmen werden h\u00e4ufiger Niedrigl\u00f6hne gezahlt: 2017 bekamen \u201enur\u201c 17 Prozent der Besch\u00e4ftigten in tarifgebundenen Unternehmen einen Stundenlohn unter 12 Euro; bei allen Besch\u00e4ftigten lag das Risiko aber bei 27 Prozent. Im Lohnsegment unter 12 Euro arbeiteten nur 1\/3 der Besch\u00e4ftigten in tarifgebundenen Unternehmen.<\/p>\n<p>Nach dem Besch\u00e4ftigungsstatus sind Vollzeitbesch\u00e4ftigte von Niedrigl\u00f6hnen zwar am wenigsten betroffen; aber auch hier arbeiten 12 Prozent im Westen bzw. 18,7 im Osten zu Niedrigl\u00f6hnen. Bereits bei sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbesch\u00e4ftigten steigt das Risiko auf mehr als ein F\u00fcnftel. Geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigte sind sogar zu mehr als 3\/4 davon betroffen.<\/p>\n<p>Die Branchen mit hohem Anteil an Niedrigl\u00f6hnen besch\u00e4ftigen auch viele Frauen in Minijobs. So arbeiteten in der Gastronomie 52,6 Prozent aller Besch\u00e4ftigten im Minijob, in der Geb\u00e4udebetreuung 45 Prozent und im Einzelhandel 27,5 Prozent.<\/p>\n<h3><strong>Schlechte Aussichten<\/strong><\/h3>\n<p>Wenn man sich also den Arbeitsmarkt anschaut, mit seinem hunderttausendfachen Missbrauch mit Leiharbeit, Werkvertr\u00e4gen und den rund eine Milliarde dokumentierten \u00dcberstunden, die die abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten den Unternehmern j\u00e4hrlich mit mindestens 30 Milliarden Euro vergolden, dann kann gar nicht genug angeprangert, reglementiert und kontrolliert werden.<\/p>\n<p>Der Mindestlohn wird auch mit 12 Euro pro Stunde aber weder die wachsende Armut und Lohnungleichheit verringern, noch die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung ver\u00e4ndern, noch die Zahl der sogenannten Aufstocker senken und schon gar nicht die Konsumnachfrage steigern. Steigende Preise bei geringen Lohnerh\u00f6hungen in der Vergangenheit fressen die Einkommen derzeit einfach auf. So f\u00fchrt z.B. die hohe Inflation im 2. Quartal 2022 zu einem Reallohnr\u00fcckgang von 4,4 Prozent, nachdem die Reall\u00f6hne im 1. Quartal 2022 um 1,8 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahresquartal gesunken waren.<\/p>\n<p>Richtungweisend ist auch die Anhebung der Verdienstgrenze f\u00fcr die geringf\u00fcgigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, die den Niedriglohnsektor weiter ausbauen wird.<\/p>\n<p>Wer in dem Jubelchor das Lied von der Erfolgsgeschichte des Mindestlohns mitsingt, outet sich als jemand, der sich von der konkreten Lebenssituation der Besch\u00e4ftigten um Lichtjahre weit entfernt hat.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Quellen: WSI, Institut f\u00fcr Makro\u00f6konomie und Konjunkturforschung (IMK), WAZ, Gegenblende, Bundesfinanzministerium, FKS, IAQ Report, BA, IAB<\/em><br \/>\n<em>Bildbearbeitung: L.N<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland wurde im Jahr 2015 der Mindestlohn eingef\u00fchrt, doch werden immer noch viele Besch\u00e4ftigte um ihren Lohn geprellt und dem Staat entgehen Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben. 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