{"id":1647556,"date":"2022-08-26T14:06:15","date_gmt":"2022-08-26T13:06:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1647556"},"modified":"2022-08-26T14:10:34","modified_gmt":"2022-08-26T13:10:34","slug":"wie-nestle-und-co-mit-der-ausbeutung-von-wasser-profit-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/wie-nestle-und-co-mit-der-ausbeutung-von-wasser-profit-machen\/","title":{"rendered":"Wie Nestl\u00e9 und Co. mit der Ausbeutung von Wasser Profit machen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/umwelt\/wasser-gewaesser\/wie-nestle-und-co-mit-der-ausbeutung-von-wasser-profit-machen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andres Eberhard f\u00fcr die Onlinezeitung Infosperber<\/a><\/p>\n<h2><strong>Grosskonzerne zapfen Trinkwasser an, Anwohner sitzen auf dem Trockenen. Ein Dokumentarfilm zeigt die Zust\u00e4nde in Vittel und Volvic.<\/strong><\/h2>\n<p>Seit Jahren steht Nestl\u00e9 in Vittel in der Kritik. Dasselbe gilt f\u00fcr Danone in Volvic. Die beiden Konzerne stehen im Verruf, mit abgef\u00fclltem Wasser Millionen zu verdienen, w\u00e4hrend der Bev\u00f6lkerung das Trinkwasser langsam aber sicher ausgeht. Infosperber\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/wegen-nestle-bewohner-von-vittel-sitzen-bald-auf-dem-trockenen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/wegen-nestle-bewohner-von-vittel-sitzen-bald-auf-dem-trockenen\/\">berichtete<\/a>\u00a0mehrmals \u00fcber die Skandale in Frankreich. Ein\u00a0<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/099777-000-A\/auf-dem-trockenen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/099777-000-A\/auf-dem-trockenen\/\">Dokumentarfilm<\/a>\u00a0veranschaulicht nun, wie die Konzerne dabei vorgehen. Vordergr\u00fcndig ernsthaft um L\u00f6sungen bem\u00fcht, agieren sie hinter den Kulissen k\u00fchl berechnend, immer um den eigenen Vorteil bedacht. Mit dem Ziel, Mineralwasser zu verkaufen. Greenwashing par excellence.<\/p>\n<p>Auf den Punkt bringt es im Film die Pariser Rechtsprofessorin Aurore Chaigneau: \u00abNestl\u00e9 Waters stellen sich als H\u00fcter der Ressource Wasser dar. Doch aus rechtlicher Sicht sind sie bloss Nutzer. Halten wir fest, dass sie nur da sind, um abgef\u00fclltes Wasser zu verkaufen. Dieses Unternehmen hat nur einen Zweck, n\u00e4mlich aus der Ausbeutung von Wasser Profit zu schlagen.\u00bb<\/p>\n<p>Diese Klarstellung ist n\u00f6tig, nachdem die Dokumentation auch die Sicht des Unternehmens zeigte sowie Interessenskonflikte in der Lokalbev\u00f6lkerung thematisierte. Denn allzu schnell entsteht ein Abw\u00e4gen zwischen \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Zielen. Vor einigen Jahren noch hatte Nestl\u00e9 etwa 1300 Angestellte in Vittel, zum Zeitpunkt des Filmdrehs im Jahr 2021 waren es noch 900. Dieser Trend d\u00fcrfte sich versch\u00e4rfen, nachdem das Unternehmen Anfang 2022 bekannt gegeben hatte, Vittel-Wasser vom deutschen Markt zu nehmen. Dorthin waren die mit Abstand meisten Exporte gegangen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kann man sich die Diskussionen in der \u00f6rtlichen Wasserkommission gut vorstellen, als in den Vogesen vor einigen Jahren das Wasser knapp wurde. Was tun? Nestl\u00e9 den Hahn zudrehen und damit Arbeitspl\u00e4tze gef\u00e4hrden, vielleicht sogar jene von Freunden, Ehem\u00e4nnern und -frauen, des halben Dorfs? Oder dann doch lieber Trinkwasser \u00fcber eine mehrere Millionen Euro teure\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/doch-keine-pipeline-in-vittel-rueckschlag-fuer-nestle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/doch-keine-pipeline-in-vittel-rueckschlag-fuer-nestle\/\">Pipeline aus den Nachbard\u00f6rfern anpumpen<\/a>? Die Wasserkommission entschied sich f\u00fcr Letzteres. Doch sp\u00e4ter kam ans Licht, dass die Vorsitzende mit einem Nestl\u00e9 Manager verheiratet war, der dem Verein La Vigie de l\u2019eau vorstand. Dieser wiederum gibt vor, wissenschaftlich zu arbeiten, wird aber massgeblich durch Nestl\u00e9 finanziert. Unter Druck kippte die Wasserkommission den Entscheid schliesslich und sagte das Pipeline-Projekt ab. Ob das Ganze f\u00fcr Nestl\u00e9 juristische Folgen haben wird, ist noch offen. Wie so oft in solchen F\u00e4llen ist es schwer zu beweisen, ob Nestl\u00e9 sich einer illegalen Einflussnahme schuldig gemacht hat, wie Kritiker dem Konzern vorwerfen.<\/p>\n<h2>\u00abWir entnehmen mehr Wasser, als sich bildet\u00bb<\/h2>\n<p>Rechtsprofessorin Chaigneau, die 2020 f\u00fcr Forschungen nach Vittel reiste, h\u00e4lt solche Interessenskonflikte in der Lokalbev\u00f6lkerung f\u00fcr verst\u00e4ndlich. Darum pl\u00e4diert sie daf\u00fcr, dass der Staat eingreift und eine rechtliche Basis schafft: \u00abEs geht nicht darum, den Menschen vor Ort die Schuld zuzuschieben. Wir m\u00fcssen schlicht daf\u00fcr sorgen, dass wir auch an den Erhalt des Wassers denken, nicht nur an seinen Verbrauch. So etwas sieht das franz\u00f6sische Recht bisher kaum vor.\u00bb Oder zugespitzt formuliert: Man kann das Schicksal des Planeten nicht jenen Konzernen \u00fcberlassen, die komplett andere Ziele verfolgen \u2013 selbst wenn sie sich noch so umweltfreundlich geben.<\/p>\n<p>In Vittel ist die Kritik am Vorgehen von Nestl\u00e9 \u00fcber die Jahre gewachsen. Denn auch zum Vorschein gekommene\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/umwelt\/abfaelle\/nestle-schon-wieder-aerger-in-vittel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/umwelt\/abfaelle\/nestle-schon-wieder-aerger-in-vittel\/\">Plastik-M\u00fcllhalden\u00a0<\/a>und Hunderte von Lastwagen, die durch das Vogesental donnern, erz\u00fcrnen Anwohnende. Es bildete sich eine B\u00fcrgerinitiative, die f\u00fcr eine gerechtere Verteilung des Wassers k\u00e4mpft. Das Problem streitet mittlerweile nicht einmal mehr Nestl\u00e9 selbst ab: Der Grundwasserpegel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/wegen-nestle-bewohner-von-vittel-sitzen-bald-auf-dem-trockenen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/wegen-nestle-bewohner-von-vittel-sitzen-bald-auf-dem-trockenen\/\">sinkt seit Jahrzehnten bedrohlich<\/a>. \u00abWir entnehmen mehr Wasser, als sich neu bildet\u00bb, sagt ein Nestl\u00e9-Mann im Film erstaunlich offenherzig. \u00abDass der Pegel sinkt, ist nichts Neues.\u00bb Der Konzern wies aber auch darauf hin, dass er die Entnahmen freiwillig um etwa die H\u00e4lfte reduziere und ausserdem Gelder f\u00fcr die Regenierung der \u00d6kosysteme ausgebe. Bis 2027 soll das Sinken des Grundwasserpegels gestoppt werden. Kritiker halten das f\u00fcr zu sp\u00e4t.<\/p>\n<h2>Danone kontrolliert sich selbst<\/h2>\n<p>Was der Wassermangel f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung bedeutet, wird in Volvic deutlich sichtbar, wo der Danone-Konzern Wasser entnimmt, in Flaschen abf\u00fcllt und danach in Frankreich und halb Europa verkauft: Die B\u00e4che f\u00fchren immer weniger Wasser. Die \u00e4lteste Fischzucht Europas musste den Betrieb einstellen. Beh\u00f6rden riefen wegen des sinkenden Grundwasserpegels zum Wassersparen auf und widerriefen bereits ausgestellte Baugenehmigungen, da es f\u00fcr zus\u00e4tzliche Einwohner an Wasser fehlte. Und Danone? Der Konzern habe die Wasserentnahmen in dieser schwierigen Zeit gar noch erh\u00f6ht, sagen Kritiker. Danone jedoch behauptet im Gegenteil, \u00abals verantwortungsvoller Akteur den Wasserverbrauch seit 2018 gesenkt\u00bb zu haben. Die Entnahmen w\u00fcrden um 19 Prozent unter der genehmigten Menge liegen. Wer hat recht? Das Hauptproblem ist in diesem Fall, dass unabh\u00e4ngige Daten fehlen. Denn Danone selbst wurde von den Beh\u00f6rden angehalten, Daten zu sammeln, ob die eigenen Wasserentnahmen dem \u00d6kosystem schaden. Anders gesagt: Danone \u00fcberpr\u00fcft sich selbst. Auch hier reibt man sich ob der Gutgl\u00e4ubigkeit der Beh\u00f6rden den Milliardenkonzernen gegen\u00fcber verwundert die Augen.<\/p>\n<p>Dass man den Konzernen ganz genau auf die Finger schauen sollte, zeigen Recherchen von Journalisten der deutschen \u00abZeit\u00bb. Sie machten eine wissenschaftliche Studie publik, die Danone 2012 selbst in Auftrag gegeben hatte. Diese weist nach, dass die Entnahmen Danones einen andauernden Einfluss auf den Pegel des Grundwassers haben. Doch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/danone-konzern-hielt-wasser-gutachten-zurueck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/danone-konzern-hielt-wasser-gutachten-zurueck\/\">Danone konnte die Arbeit lange geheim halten<\/a>, weil der Konzern sie selbst finanziert hat \u2013 bis diese geleakt wurde.<\/p>\n<p>Heute deutet alles darauf hin, dass das Sinken des Grundwasserpegels in Volvic zwar nat\u00fcrliche Ursachen hat, dass Danone mit seinen Wasserentnahmen das Problem aber zumindest versch\u00e4rft. Danone widerspricht nach wie vor, f\u00fcr die Folgen der Wasserknappheit verantwortlich zu sein \u2013 kein Wunder, befindet es sich auch in einem Rechtsstreit mit einem Fischz\u00fcchter. Trotzdem hat sich der Konzern nach Ausstrahlung des Films mit den Beh\u00f6rden geeinigt. Die Wasserentnahmen sollen um 10 Prozent, ab 2025 um 20 Prozent reduziert werden.<\/p>\n<h2>Coca Cola blies Ausbaupl\u00e4ne in Norddeutschland ab<\/h2>\n<p>Was in Vittel und Volvic geschieht, passiert vielerorts auf der Welt. In Erinnerung ist der Schweizer Dokumentarfilm\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bottled_Life_%E2%80%93_Nestl%C3%A9s_Gesch%C3%A4fte_mit_dem_Wasser\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bottled_Life_%E2%80%93_Nestl%C3%A9s_Gesch%C3%A4fte_mit_dem_Wasser\">\u00abBottled Life\u00bb\u00a0<\/a>aus dem Jahr 2012, der das Gesch\u00e4ft von Nestl\u00e9 mit dem Trinkwasser kritisiert. Der neue deutsche vom ZDF finanzierte Dokumentarfilm thematisiert auch die Situation im norddeutschen L\u00fcneburg,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/coca-cola-in-lueneburg-verteilkampf-ums-wasser\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/konzerne\/coca-cola-in-lueneburg-verteilkampf-ums-wasser\/\">wo Coca Cola einen dritten Brunnen f\u00fcr die Wassergewinnung installieren wollte<\/a>, das Projekt nach heftigen Protesten aus der Bev\u00f6lkerung aber abblies.<\/p>\n<p>F\u00fcr Experten ist klar, dass der Klimawandel das Problem der schwindenden Wasserressourcen versch\u00e4rfen wird. Entsprechend wird mehr staatlicher Einfluss gefordert. \u00abDas Problem ist, dass die Folgen des Klimawandels noch nicht in den Gesetzen verankert sind\u00bb, sagt Marianne Temmesfeld von der B\u00fcrgerbewegung in L\u00fcneburg. Sie fordert ein Moratorium f\u00fcr Wassergesetze, ehe dies passiert ist. \u00abUnser Wasser in Flaschen zu f\u00fcllen und durch die Welt zu karren, das ist jedem klar, dass das keinen Sinn macht\u00bb.<\/p>\n<p>Auch die franz\u00f6sische Professorin Chaigneau h\u00e4lt mehr staatlichen Einfluss f\u00fcr angebracht, um die Wasserressourcen langfristig zu sichern. \u00abIm Gesetz wird Wasser stets im Zusammenhang mit Grundbesitz behandelt. Im Mittelpunkt stand der Boden. Heute ist uns bewusst, dass Wasser eine eigenst\u00e4ndige Ressource ist\u00bb, sagt sie. Das Schlusswort im Dokumentarfilm hat die ehemalige franz\u00f6sische Umweltministerin Corinne Lepage, die als Anw\u00e4ltin einen betroffenen Fischz\u00fcchter gegen Danone vertritt: \u00abA priori geh\u00f6rt das Wasser niemandem. Es gibt die M\u00f6glichkeit Wasser zu teilen, zu privatisieren. Aber das Wasser bleibt ein Gemeingut. Das Recht auf Wasser ist ein Menschenrecht wie das Recht auf Luft zum Atmen.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andres Eberhard f\u00fcr die Onlinezeitung Infosperber Grosskonzerne zapfen Trinkwasser an, Anwohner sitzen auf dem Trockenen. Ein Dokumentarfilm zeigt die Zust\u00e4nde in Vittel und Volvic. Seit Jahren steht Nestl\u00e9 in Vittel in der Kritik. Dasselbe gilt f\u00fcr Danone in Volvic. 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