{"id":1644800,"date":"2022-08-20T12:18:33","date_gmt":"2022-08-20T11:18:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1644800"},"modified":"2022-08-20T12:18:33","modified_gmt":"2022-08-20T11:18:33","slug":"sehnsucht-nach-dem-stahlbad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/sehnsucht-nach-dem-stahlbad\/","title":{"rendered":"Sehnsucht nach dem Stahlbad"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_lead_in\"><strong>Das Buch des ZEIT-Politikchefs Bernd Ulrich demonstriert musterg\u00fcltig, wie der deutsche Journalismus heutzutage seine Kriegstreiberei mittels pseudo-humanit\u00e4rer \u00dcberlegungen verschleiert.<\/strong><\/p>\n<p>Eine wesentliche Neigung der fast ausschliesslich der saturierten Mittelklasse entstammenden Schreiberlinge des deutschen Journalismus ist es, sich den Kopf der Herrschenden zu zerbrechen. Nichts vermag dem handels\u00fcblichen Leitartikler einer b\u00fcrgerlichen Gazette mehr schlaflose N\u00e4chte zu bereiten als jene innerlich-moralischen Konflikte, die etwa der gr\u00fcne Bombenb\u00fcttel Joseph Fischer einst auszustehen hatte. Ist beim Blick auf Fotos jener turbulenten Tage zwischen 1999 und 2001 seinem kriegsk\u00fcndenden Knautschgesicht nicht plastisch anzusehen, wie schwer es ihm gefallen ist, die von der Bundeswehr behelmten Truppen in den Kosovo oder nach Afghanistan zu schicken?<\/p>\n<p>Geht es nach den meisten der sogenannten Qualit\u00e4tsmedien, sollten wir uns alle vor dem ehemaligen Bundesaussenminister f\u00fcr die von ihm begonnene \u201emilit\u00e4rische Normalisierung Deutschlands\u201c (S. 73) \u2013 sprich f\u00fcr die Kriege im Kosovo und in Afghanistan \u2013 ehrf\u00fcrchtig verneigen und uns bei ihm dem\u00fctig f\u00fcr die erteilte Lehre bedanken, \u201edass Krieg unter bestimmten Umst\u00e4nden moralisch geboten sein kann\u201c (S. 35). Ein 2011 erschienenes Buch von Bernd Ulrich, dem Politik-Boss und stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, ist in diesem Sinne schon vom Titel her eine klare Ansage: \u201eWof\u00fcr Deutschland Krieg f\u00fchren darf\u201c.<\/p>\n<p>So d\u00fcrften vor drei Jahren die edlen Brunnenbohr- und M\u00e4dchenschulenaufbau-Propagandist_innen f\u00fcr eine Weile ihre Fottfinger von den Schalthebeln der Macht gelassen und dieses Werk gelesen haben, denn der werte Herr Ulrich stellt den Deutschen darin einen Persilschein f\u00fcr die bewaffnete Ausweitung ihrer Ideologiezone aus. Endlich, m\u00f6gen sie sich gedacht haben, sagt\u2019s mal einer klar und deutlich, denn jenseits dieses nach 1945 verordneten \u201eNationalpazifismus\u201c (S. 44) ist doch ohnehin allen klar, dass \u201ewir\u201c (S. 13) Deutsche allesamt mit dem Messer zwischen den Z\u00e4hnen das Licht der Welt erblicken.<\/p>\n<p>Selbstredend w\u00e4re der Lohnschreiber des Holtzbrinck-Verlags nicht jener realpolitisch-weise Genius, f\u00fcr den er sich selbst halten mag, wenn er im Buchtitel nicht noch ein \u201eUnd muss\u201c nachsch\u00f6be. Schliesslich leben wir alternativlos im nach permanenter Expansion strebenden und kompetitiven Kapitalismus, ob uns das gefallen mag oder nicht. Also: Stillgestanden und aufgemerkt, was Kamerad Bernd zu sagen hat!<\/p>\n<h3>Journalismus ist fast wie regieren<\/h3>\n<p>Sein essayistischer Ritt durch die j\u00fcngere bundesdeutsche Kriegsgeschichte startet mit einem Kriechgang in den Allerwertesten des Wehrmachtsveteranen, Ex-Bundeskanzlers (SPD) und aktuellen ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt (\u201eDas nat\u00fcrliche Zentrum aller Debatten \u00fcber den Krieg bildet dabei Helmut Schmidt. Es macht eben einen immensen Unterschied, ob man das Thema abstrakt diskutiert oder mit jemandem, der weiss, wovon er redet, wenn er vom Krieg spricht\u201c, S. 20). Dann beginnt Ulrich unvermittelt aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen seines Arbeitsalltags zu plaudern. Beim beredten Schweigen \u00fcber die Redaktionskonferenzen, in denen sich viele Gedanken seines Buches entwickelten, giesst er seine ,Erkenntnisse\u2018 in stolzgeschwellte Worte:<\/p>\n<p>\u201eDiese Freitagsrunde ist nicht nur im Journalismus einzigartig, von ihr sagt Helmut Schmidt, sie sei oft besser als Kabinettssitzungen. Die Diskussionen dienen weniger dem operativen Zeitungsgesch\u00e4ft als einer politischen Selbstvergewisserung, sind mehr ein Als-Ob-Regieren\u201c (S. 19).<\/p>\n<p>Und dieser Als-Ob-Regierer hat sichtlich seinen Orwell gelesen, denn er verf\u00fcgt \u00fcber das in den meisten politikwissenschaftlichen Proseminaren auswendig zu lernende \u201eNeusprech\u201c (Orwell 1984, S. 9). So schreibt er \u00fcber \u201easymmetrische Kriege\u201c (S. 88) statt von Angriffskriegen, Deutschland bezeichnet er als \u201eMittelmacht\u201c (S. 64) statt als europ\u00e4ische Austerit\u00e4ts-Grossmacht und deren Bev\u00f6lkerungsmehrheit attestiert er eine \u201eInterventionsverweigerung\u201c (S. 145) statt sie als gewaltfrei zu kennzeichnen.<\/p>\n<p>Allein damit liegt Ulrich handzahm auf der Herrschaftslinie mit ihrem Motto \u201eKrieg ist Frieden\u201c (Orwell 1984, S. 20) und d\u00fcrfte seinen Job damit auf Jahre hinaus gesichert haben. Doch lehrte ihn George Orwell offenbar noch mehr: \u201eWenn alle anderen die von der Partei oktroyierte L\u00fcge akzeptieren \u2013 wenn alle Berichte gleich lauteten \u2013 dann ging die L\u00fcge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit\u201c (ebd., S. 36). Mit einem Krieg der NATO gegen den Iran lieb\u00e4ugelt Ulrich n\u00e4mlich \u00fcber ein allzu bekanntes Argument: \u201eDas Regime in Teheran droht mit der Vernichtung Israels und ist dabei, sich Atomwaffen zu beschaffen\u201c (S. 72).<\/p>\n<h3>Gruppenzwang an der Taktiktafel im War Room<\/h3>\n<p>Zwar ist leicht nachzuweisen, dass der ehemalige iranische Pr\u00e4sident Ahmadinedschad niemals behauptet hat \u2013 wie in \u201ewestlichen\u201c Massenmedien immer wieder durch falsche \u00dcbersetzungen lanciert \u2013 er wolle Israel \u201eausl\u00f6schen\u201c oder \u201eausradieren\u201c und habe ohnehin ein Recht auf Atomwaffen. Tats\u00e4chlich lauten die S\u00e4tze, die von dem Islamisten in dieser Hinsicht bislang kamen, so: \u201eDer Staat Israel sollte in eine andere Weltgegend verlegt werden\u201c und \u201eUnser verehrter Imam hat gesagt, dass das Besatzungsregime einmal aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss\u201c (vgl. Berger 2007). Selbstverst\u00e4ndlich t\u00e4uscht das nicht dar\u00fcber hinweg, dass das iranische Regime gegen\u00fcber Israel nicht gerade friedlich gesinnt ist. Die bewusste Verbreitung falscher \u00dcbersetzungen in diesem Fall ist Bernd Ulrich jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bekannt.<\/p>\n<p>Seine Mission ist es aber nun einmal, \u201enach richtigen und falschen Kriegen zu fragen\u201c (S. 123) \u2013 und zwar ausschliesslich im Interesse der sogenannten westlichen Welt. Der 2003 begonnene Irak-Feldzug der USA sei ein \u201ein seiner Begr\u00fcndung und Durchf\u00fchrung falscher und unmoralischer Krieg\u201c (S. 127) gewesen. Im Kosovo aber sei ein rundum richtiger Krieg gef\u00fchrt worden, denn dort habe die NATO aus reiner N\u00e4chstenliebe gehandelt; schliesslich gebe es an dieser Stelle \u201ekein \u00d6l weit und breit. Zudem sind die reichen Industrienationen jahrzehntelang gut ohne den Balkan ausgekommen, warum sollten sie nun seinetwegen in den Krieg ziehen \u2013 es sei denn, um Menschen in Not zu helfen?\u201c (S. 40).<\/p>\n<p>Ausserdem, so Ulrich weiter, liess sich \u201edie deutsche Zur\u00fcckhaltung [\u2026] in der internationalen Debatte schlicht nicht mehr begr\u00fcnden\u201c (S. 31). Jaja, der Grossjournalist kennt sie, die liebe Not der Herrschenden inmitten des Gruppenzwangs an der Taktiktafel im War Room. Nur wollte dieses dumpfe Volk wieder mal nicht mitziehen, denn \u201edie Deutschen brauchen mitunter sehr grosse Begr\u00fcndungen f\u00fcr sehr kleine milit\u00e4rische Beitr\u00e4ge. Im Fall des Kosovo-Krieges bestand dieser Beitrag in nicht mehr als ein paar Tornados\u201c (S. 36).<\/p>\n<p>Feige wie dieser seine Machthabenden verz\u00e4rtelt im Stich lassende Friedensfanatismus nun einmal ist, musste sich die Bundesregierung mit Notl\u00fcgen wie dem \u201eHufeisenplan\u201c dann halt aus der Patsche helfen, um die paar Tornados zum NATO-zertifizierten Zerfetzen von Zivilisten da runter zu schicken. Aber, und da ist Ulrich ganz ehrliche Haut, er hat damals mit keiner Zeile f\u00fcr diesen Krieg argumentiert: \u201eDer erste Krieg, f\u00fcr den ich mich offen ausgesprochen habe, war der gegen das Taliban-Regime in Afghanistan\u201c (S. 51).<\/p>\n<h3>\u201eDas konnte man vorher nicht wissen\u201c<\/h3>\n<p>Diesen befand der Schreibtisch-Hilfskommandant als \u201eerste Gelegenheit f\u00fcr Deutschland, etwas zur\u00fcckzugeben f\u00fcr die Befreiung von Hitler und die jahrzehntelange Unterst\u00fctzung\u201c (S. 52). Dass nach gleicher Logik auch (und angesichts der weit h\u00f6heren Opferzahlen im Kampf um den Sturz Hitlers sogar noch viel, viel mehr) die russischen Kriege gegen Tschetschenien oder Georgien zu unterst\u00fctzen gewesen w\u00e4ren, l\u00e4sst Ulrich nat\u00fcrlich galant unter den Tisch plumpsen, weil das b\u00f6se Putin-Reich bekanntlich einer der gr\u00f6ssten Gegner Deutschlands im Ringen um die \u00f6konomische Weltherrschaft ist.<\/p>\n<p>Dachte Ulrich damals noch: \u201eRichtiger kann ein Krieg nicht sein\u201c (S. 52), so hat der Publizist diese Position inzwischen reum\u00fctig zur\u00fcckgenommen, zumal man im Strom der Opportunist_innen ja mithalten muss und keine Sekunde dagegen steuern darf, wo sich doch so viele speichelleckende Fische darin tummeln. Kein Wunder also, dass Ulrich freim\u00fctig bekennt: \u201eDer Krieg, den ich selbst bef\u00fcrwortet habe, erf\u00fcllt mich heute immer wieder mit Trauer, wenngleich\u201c (S. 130) \u2013 so viel Selbstgef\u00e4lligkeit muss dann doch sein \u2013 \u201enicht mit Scham; der Krieg war falsch, aber das konnte man vorher nicht wissen\u201c (S. 130).<\/p>\n<p>Sch\u00e4men musste sich Ulrich kurze Zeit sp\u00e4ter dann aber doch noch. Wenn auch nicht f\u00fcr sich selbst und auch nicht f\u00fcr das Gros seine Landsleute, sondern ausnahmsweise f\u00fcr seine Regierung und die Intellektuellen. Gar so sehr sch\u00e4mte er sich ob deren Unwilligkeit, in libysche Stahlgewitter aufzubrechen, dass er an dieser Stelle tonal ins Weinerliche verf\u00e4llt. Schliesslich l\u00f6cherten ihn seine arabischen Bekannten mit Fragen voller Unverst\u00e4ndnis. H\u00e4tte er denen etwa sagen sollen:<\/p>\n<p>\u201eDas m\u00fcsst ihr verstehen, als es in Afghanistan um unsere Sicherheit ging, da mussten wir eingreifen, ohne M\u00fchen und Kosten zu scheuen, ohne Soldatenleben zu schonen, nun aber, da es um eure Revolution und eure Verwandten geht, k\u00f6nnen wir leider nichts tun? Ich konnte das nicht. Die deutsche Regierung schon\u201c (S. 100).<\/p>\n<h3>Weicheier, soweit das teutonische Auge reicht<\/h3>\n<p>Merke: Eine Regierung ist stets f\u00fcr eine Kriegsablehnung zu tadeln, wenn eine Vorg\u00e4ngeradministration ihrerseits irgendeinen Krieg gef\u00fchrt hat \u2013 mag dieser nun richtig gewesen sein oder nicht. F\u00fcr Ulrich ist Deutschland kriegstechnisch dementsprechend in eine \u201ePhase der Verlotterung\u201c (S. 178) eingetreten, in welcher der Bev\u00f6lkerungswille in Fragen von Krieg und Frieden pl\u00f6tzlich skandal\u00f6serweise in wenigen Einzelf\u00e4llen eine ernsthafte Rolle zu spielen scheint. Eine R\u00fcge erh\u00e4lt diesbez\u00fcglich vor allem Horst K\u00f6hler, der 2010 in einem Radiointerview sinngem\u00e4ss von legitimen deutschen Wirtschaftskriegen sprach; eine Aussage, die der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg noch ein halbes Jahr sp\u00e4ter st\u00fctzte. So viel Abweichung vom \u201eNeusprech\u201c gef\u00e4hrdet nat\u00fcrlich die grossdeutsche Mission und kann von dem Autoren keinesfalls akzeptiert werden.<\/p>\n<p>Wut und Trauer schleichen sich daher bei Ulrich ein, denn Deutschland sei \u201edabei, sich dem Thema Krieg umfassend zu entfremden\u201c (S. 182f.) und zeige damit den Diktaturen all\u00fcberall, \u201edass es wenig Grund gibt, dem Westen zuzuh\u00f6ren, wenn er mal wieder seine idealistische Phase hat\u201c (S. 164). Heute gebe es Weicheier, soweit das teutonische Auge reiche: \u201eNur Kriege, die mit unvermischt lauteren Motiven gef\u00fchrt werden, sind gerechtfertigt. Dann w\u00fcrde die Weltgeschichte der legitimen Kriege ein schmales B\u00fcchlein\u201c (S. 118). Ob dem Redakteur der auflagenstarken ZEIT bewusst ist, wie stark solche \u00c4usserungen an jenen Vorabend des Ersten Weltkrieges erinnern, der nun genau einhundert Jahre zur\u00fcckliegt und an dem sich massgebliche deutsche Diskursteilnehmende nach einem Krieg als \u201eStahlbad der Nation\u201c (Fischer 1964, S. 61) sehnten, bleibt offen.<\/p>\n<p>Was Bernd Ulrich inmitten seines tragikomischen Essays \u00fcber den richtigen Krieg der Guten und den falschen Frieden der B\u00f6sen jedoch \u00fcber jene B\u00fccher schreibt, die seinem eigenen Standpunkt widersprechen, ger\u00e4t summa summarum zur unfreiwilligen Charakterisierung seines eigenen Kriegs-Buches, das exemplarisch steht f\u00fcr zahllose andere in grossen Publikumsverlagen erscheinende Werke aus hegemonialer Perspektive. K\u00f6nne man doch \u201eden Wahrheitsgehalt solcher B\u00fccher meist an der Lautst\u00e4rke ablesen: Je lauter, desto falscher, je weniger tastend, desto weniger begreifend\u201c (S. 81).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Rainer Wenger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/sehnsucht-nach-dem-stahlbad\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">kritisch-lesen.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Bernd Ulrich: Wof\u00fcr Deutschland Krieg f\u00fchren darf. Und muss. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 192 Seiten, ca. 19.00 SFr. ISBN 978-3-498-06890-5<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel steht unter einer<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a0Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0)\u00a0Lizenz.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch des ZEIT-Politikchefs Bernd Ulrich demonstriert musterg\u00fcltig, wie der deutsche Journalismus heutzutage seine Kriegstreiberei mittels pseudo-humanit\u00e4rer \u00dcberlegungen verschleiert. 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