{"id":1643150,"date":"2022-08-16T18:31:13","date_gmt":"2022-08-16T17:31:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1643150"},"modified":"2022-08-16T18:31:13","modified_gmt":"2022-08-16T17:31:13","slug":"die-schweiz-putins-kohlekraftwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/die-schweiz-putins-kohlekraftwerk\/","title":{"rendered":"Die Schweiz \u2013 Putins Kohlekraftwerk"},"content":{"rendered":"<p><strong>Obwohl die Schweiz ihr letztes Kohlebergwerk vor 75 Jahren geschlossen hat, erlebt die Branche eine Renaissance.<\/strong><\/p>\n<p>Der Finanzplatz Zug hat sich darauf spezialisiert, die grossen russischen Bergbaukonzerne willkommen zu heissen, die j\u00e4hrlich \u00fcber 225 Mio. Tonnen Kohle auf die Waage bringen \u2013 3,5 Mal mehr als das viktorianische Grossbritannien, das auf dem Russ der industriellen Revolution aufgebaut wurde. Nach der Invasion der Ukraine und der Verh\u00e4ngung des Embargos f\u00fcr russische Kohle bis Ende August steht das helvetische \u00abKohledreieck\u00bb, in dem 75% der russischen Exporte gehandelt werden, zum ersten Mal im Rampenlicht. Die Schweizer Beh\u00f6rden, die f\u00fcr die Durchsetzung der Sanktionen zust\u00e4ndig sind, scheinen bereits \u00fcberfordert zu sein.<\/p>\n<p>Zug \u2013 neu also auch ein Supermarkt f\u00fcr russische Kohle. Ebenso wie Glencore oder Gazprom im lieblichen Innerschweizer Kanton mit ihrem Hauptsitz oder einer Handelsabteilung vertreten sind, haben dem Kreml nahestehende Industriekapit\u00e4ne Anfang der 2000er Jahre damit begonnen, ihre Holdings und andere Handelszweige in Zug zu errichten. Diese Firmen sind f\u00fcr den Export der in den Minen Sibiriens und des Fernen Ostens gef\u00f6rderten Kohle zust\u00e4ndig. Neben Genf und Lugano bildet Zug den dritten Eckpunkt des helvetischen Kohledreiecks.<\/p>\n<p>Ab dem 29. August sind die Einfuhr, der Verkauf und die Erbringung von Finanzdienstleistungen, wie z. B. Brokerage (Trading), im Zusammenhang mit russischer Kohle in der Schweiz und in Europa vollst\u00e4ndig verboten. Peinlich f\u00fcr Zug, das sich in aller Stille als Drehscheibe f\u00fcr diesen gefragten Energietr\u00e4ger aus Russland etabliert hat.<\/p>\n<p>In einem Land, das noch immer keine Task Force zur Identifizierung russischer Gelder eingerichtet hat, ist das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (SECO) f\u00fcr die Durchsetzung der Sanktionen zust\u00e4ndig. Das SECO verf\u00fcgt jedoch nicht \u00fcber eine offizielle Z\u00e4hlung der Anzahl russischer Handelsunternehmen mit Sitz in der Schweiz. Auf der Grundlage eines Berichts des Bundesamts f\u00fcr Statistik sch\u00e4tzt es die Zahl solcher \u00abrussisch kontrollierten\u00bb Unternehmen jedoch auf 14, wie es uns best\u00e4tigte. Unsere Recherche zeigt, dass es in Tat und Wahrheit viel mehr dieser Handelsfirmen gibt. In Bern \u00abder Eindruck\u00bb der Inspektoren<\/p>\n<p>Laut einer Z\u00e4hlung von Public Eye sind in der Schweiz 240 Firmen im Handelsregister eingetragen, die mit Kohle, Koks oder festen fossilen Brennstoffen handeln, diese transportieren oder damit verbundene Finanzdienstleistungen anbieten. Eine betr\u00e4chtliche Anzahl dieser Firmen befindet sich im Besitz von Oligarchen oder reichen Gesch\u00e4ftsleuten aus Russland. Unsere Recherchen haben ergeben, dass sich die neun gr\u00f6ssten Kohlef\u00f6rderer Russlands in den letzten zwanzig Jahren in Zug oder im Nordosten der Schweiz niedergelassen haben. Nur einer von ihnen hat inzwischen seine Zelte abgebrochen.<\/p>\n<p>In der ganzen Schweiz trifft dies auf 25 solcher Firmen zu. Vermutlich sind es sogar noch mehr, da das Schweizer Handelsregister keine Angaben zu den wirtschaftlich Berechtigten enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Der Handel mit Kohle ist dabei besonders undurchsichtig und es gibt kaum Angaben, woher das gehandelte Produkt stammt, was oftmals in ausserb\u00f6rslichen Gesch\u00e4ften, d.h. ohne den Umweg \u00fcber eine B\u00f6rse geschieht. Das SECO ist indes verpflichtet, bei Verst\u00f6ssen gegen das Embargogesetz, das seit dem 27. April die Unterzeichnung neuer Vertr\u00e4ge verbietet, strafrechtlich vorzugehen. Die H\u00f6chststrafen betragen ein Jahr Gef\u00e4ngnis oder 500\u2019000 Franken Busse; in schweren F\u00e4llen sogar f\u00fcnf Jahre Gef\u00e4ngnis oder eine Million Franken Busse. Einige F\u00e4lle k\u00f6nnen vom SECO an die Bundesanwaltschaft weitergeleitet werden. Das SECO sagt jedoch, es habe \u00abden Eindruck, dass sowohl H\u00e4ndler wie Finanzintermedi\u00e4re sehr auf die Umsetzung der Sanktionen bedacht sind\u00bb.<\/p>\n<p>Am Donnerstag, dem 28. April, vier Monate vor Beginn des vollst\u00e4ndigen Embargos, w\u00e4hrend der Rohstoffkonzern Glencore seine Generalversammlung im Casino-Theater in Zug abh\u00e4lt, sind die meisten B\u00fcros der Verk\u00e4ufer von russischer Kohle leer oder scheinen zumindest mit halbem Tempo zu arbeiten. Eine Ruhe, die stark mit den grossen administrativen Man\u00f6vern kontrastiert, die derzeit laufen: Die Unternehmen setzen ihre russischen Direktoren ab, und Eigent\u00fcmer, die unter Sanktionen stehen, geben ihre Firmen in neue H\u00e4nde. Bisher hat jedenfalls noch kein Unternehmen Konkurs angemeldet, best\u00e4tigt das kantonale Wirtschaftsdepartement, erinnert aber gleichzeitig an die Schwierigkeiten, den \u00dcberblick \u00fcber die Branche zu haben. Die Schweiz \u2013 ein globales Schwergewicht im Kohlehandel<\/p>\n<p>Repr\u00e4sentiert durch ein schlichtes B\u00fcro in einem unpers\u00f6nlichen Hochhaus oder einen von unz\u00e4hligen Namen auf dem Briefkasten einer Treuhandfirma, geh\u00f6ren diese Zuger Firmen in Wirklichkeit zu den gr\u00f6ssten Bergbauunternehmen Russlands. Diese Unternehmen konkurrieren mit dem Riesen Glencore auf dem Kohlemarkt und handeln von Schweizer Boden aus mit fast 75% der 212 Mio. Tonnen russischer Kohle, die exportiert werden; das ist das Resultat der Sch\u00e4tzungen von Public Eye, die sich auf die Daten der Unternehmen st\u00fctzen. Die Schweiz, die sich auf der Klimakonferenz in Glasgow (COP26) im Herbst 2021 dazu verpflichtet hat, \u00abdie Kohle in die Geschichtsb\u00fccher zu verbannen\u00bb, ist ein globales Schwergewicht im Kohlehandel.<\/p>\n<p>In dem von Zug, Lugano und Genf gebildeten Kohlendreieck lassen sich drei typische Firmenprofile unterscheiden:<\/p>\n<ol>\n<li>Russische F\u00f6rderer, die Kohle aus den Minen Sibiriens und dem Fernen Osten des Landes f\u00f6rdern und sie \u00fcber ihre Handelsb\u00fcros, die haupts\u00e4chlich an der Baarerstrasse in Zug angesiedelt sind, vermarkten, ohne dass der gefragte Rohstoff jemals Schweizer Boden ber\u00fchrt.<\/li>\n<li>Reine H\u00e4ndler, die die Kohle auf den atlantischen und pazifischen M\u00e4rkten verkaufen. Die Russen sind hier \u00fcberrepr\u00e4sentiert, gleichzeitig herrscht grosse Unklarheit \u00fcber die wirtschaftlich Berechtigten dieser Unternehmen, die in Genf, Lugano oder Zug entstanden sind.<\/li>\n<li>Schweizer Banken, die trotz ihrer Versprechungen weiterhin den Kohlehandelsstandort Schweiz finanzieren. Die eingesetzten Summen, die in ihrer Buchhaltung zunehmend verschleiert werden, sind seit dem Pariser Abkommen von 2016 kontinuierlich gestiegen.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Die Produzenten: Russ aus Russland<\/h3>\n<p>In der zunehmend abgeschotteten Welt der Kohleh\u00e4ndler spielt Glencore zweifellos die Hauptrolle. Der Konzern aus Baar ZG f\u00f6rderte im Jahr 2021 selber 103,3 Mio. Tonnen Kohle und vermarktete weitere 67,7 Mio. Tonnen, die es von Dritten, insbesondere von russischen Unternehmen wie KTK (siehe Galerie unten), gekauft hatte. Ein Sprecher wollte nicht preisgeben, woher die vom Konzern gehandelte Kohle stammt oder ob es seine russischen Partner dar\u00fcber informiert hat, dass das Unternehmen die Erf\u00fcllung der laufenden Vertr\u00e4ge Ende August einstellen wird.<\/p>\n<p>Glencore ist der gr\u00f6sste Kohleexporteur der Welt, abgesehen von staatlichen Unternehmen. Doch in Wirklichkeit macht ihm ein anderes Unternehmen mit Sitz in der Schweiz die Krone des Kohlek\u00f6nigs streitig. Das ist die Sibirische Energie- und Kohlegesellschaft, besser bekannt unter ihrem Akronym SUEK. Der gr\u00f6sste russische Kohleproduzent, der 2001 von dem russischen Milliard\u00e4r Andrei Melnitschenko (der bis mindestens vor den Sanktionen in der Schweiz wohnte) gegr\u00fcndet worden ist, hat bis 2021 die gewaltige Menge von 102,5 Mio. Tonnen Kohle dem Boden entrissen; dazu kommen 17 Mio. Tonnen, die SUEK von Drittfirmen gekauft hat. Andrei Melnitschenko, der es ablehnt, sich als Oligarch bezeichnen zu lassen, und behauptet, dass er beim Aufbau seines Verm\u00f6gens keinerlei politische Unterst\u00fctzung erhalten habe, liess seine Firma im Dezember 2004 bei einem St. Galler Treuh\u00e4nder domizilieren und verlegte die Holding und den Handelszweig von SUEK sp\u00e4ter in ein B\u00fcro an der Baarerstrasse, das sich den Eingang mit einer Filiale der Zuger Kantonalbank teilt.<\/p>\n<p>Um die Sanktionen zu umgehen, ernannte Andrei Melnitschenko am 8. M\u00e4rz, seinem f\u00fcnfzigsten Geburtstag, seine Frau als Berechtigte (und damit eigentliche Eigent\u00fcmerin) des Trusts, der SUEK besitzt. Dieses Man\u00f6ver wurde als \u00ablegal\u00bb betrachtet, wie uns das SECO best\u00e4tigte, da es vor der Verh\u00e4ngung der Sanktionen, n\u00e4mlich genau am Vortag, durchgef\u00fchrt wurde. \u00abWeder das Unternehmen noch die Ehefrau wurden bis heute (1. Juni 2022) sanktioniert\u00bb, f\u00fcgte ein Sprecher hinzu und verwies auch auf den \u00abErhalt von Arbeitspl\u00e4tzen in der Schweiz\u00bb. Die Beamten m\u00fcssen nun sicherstellen, dass weder SUEK noch die Frau \u00abVerm\u00f6genswerte\u00bb an Herrn Melnitschenko \u00fcberweisen. \u00abDas SECO kontrolliert dies\u00bb, versicherte ihr Vertreter, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Zur Frage, ob das Ehepaar Melnitschenko in der Schweiz weiterhin gemeinsam besteuert wird, konnte das SECO keine Angaben machen. Zwei Tage nach dem Austausch mit dem SECO wurde Frau Melnitschenko von der EU auf die Sanktionsliste gesetzt. Am 10. Juni hat der Bundesrat auch dieses j\u00fcngste Sanktionspaket \u00fcbernommen.<\/p>\n<h3>Zug, die Stadt der Kohle<\/h3>\n<p>Im Schatten des Riesen SUEK haben sich in Zug zur gleichen Zeit andere grosse russische Produzenten angesiedelt. Was haben sie gemeinsam? Sie werden alle von \u00abSelfmade\u00bb-Gesch\u00e4ftsleuten gesteuert, welche die Diskretion pflegen und enge Verbindungen zum Kreml unterhalten. Unter anderem: Die russische Kolmar LLC hat sich nicht einmal darum bek\u00fcmmert, ein Messingschild an dem mit Briefkastenfirmen gef\u00fcllten Geb\u00e4ude anzubringen, in dem ihre 2016 in Zug registrierte Tradingfirma KSL AG ihren Sitz hat. Kolmar ist der aufsteigende Stern am russischen Kohlefirmament. Wie das russische Investigativ-Medium Agents aufdeckte, war dessen Mehrheitsaktion\u00e4r zumindest bis 2018 die Grosscousine von Wladimir Putin, die mit dem Gouverneur der Kohleregion Kemerowo verheiratet war.<\/p>\n<p>Aus den von uns zusammengestellten Daten (siehe Portraits weiter unten) geht hervor, dass die in Zug (und Appenzell f\u00fcr SDS) vertretenen russischen Bergbauunternehmen im Jahr 2021 eine Kohleproduktion von 226,2 Mio. Tonnen erreichten. Tats\u00e4chlich ist von den neun gr\u00f6ssten Kohleproduzenten Russlands nur einer nicht mehr in der Schweiz pr\u00e4sent: der sibirische Kohleproduzent Kuzbassrazrezugol, der im Besitz des Bergbauriesen UGMK ist. Er war der erste, der mit seiner Appenzeller Niederlassung Krutrade AG, die von 1998 bis 2005 registriert war, auf die Schweiz gesetzt hatte.<\/p>\n<p>Auf Anfrage beantwortete kein einziges dieser russischen Bergbauunternehmen eine detaillierte Liste von Fragen zu ihrer Schweizer Niederlassung, ihren Kohleexporten oder ihrer Strategie im Hinblick auf das Inkrafttreten des Embargos. Von Seiten der Zuger Beh\u00f6rden verlautet, man wisse von keinem Insolvenzverfahren. In einem Land, das sein letztes Kohlebergwerk 1947 geschlossen hat, symbolisiert das neue helvetische Kohledreieck auf einzigartige Weise die Macht und Widerstandsf\u00e4higkeit der sch\u00e4dlichsten aller fossilen Energien. Kohle ist derzeit f\u00fcr 40 % des globalen Anstiegs der CO2 -Emissionen verantwortlich.<\/p>\n<p>Der Grossteil der in Russland gef\u00f6rderten Kohle wird allerdings gar nicht durch die Schweiz transportiert. In Europa, dem wichtigsten Absatzmarkt, hat die Kohle zwei Eingangstore. Auf dem Seeweg (37 Mio. Tonnen pro Jahr) wird die Kohle auf grossen Massengutfrachtern transportiert, in den nordeurop\u00e4ischen H\u00e4fen (Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen) entladen und auf dem Rhein nach Deutschland transportiert. Auf dem Landweg (ca. 8 Mio. Tonnen pro Jahr) wird die Kohle direkt per Bahn von Russland nach Polen bef\u00f6rdert.<\/p>\n<h3>Die H\u00e4ndler: S\u00fcchtig machen nach schwarzen Diamanten<\/h3>\n<p>\u00abEin Diamant ist ein St\u00fcck Kohle, das gut auf Druck reagiert hat.\u00bb Dieses Zitat wird Henry Kissinger zugeschrieben, dem US-Aussenminister in der Nixon-Ford-\u00c4ra (1973-1977). Aus geologischer Sicht zweifelhaft, stellt diese Phrase dennoch ein gutes Narrativ dar. Die umweltsch\u00e4dlichste aller fossilen Energien hat auf den M\u00e4rkten noch nie so sehr gegl\u00e4nzt. Die \u00dcberwindung der Pandemie, der Aufschwung, der Krieg in der Ukraine, die Verteuerung des Gases: Alles scheint die Kurse aufzubl\u00e4hen, die sich innerhalb eines Jahres verdreifacht haben. Im Jahr 2022 werden wir so viel Kohle verbraucht haben wie noch nie in der Geschichte der Menschheit.<\/p>\n<p>Trotz der schrittweisen Einf\u00fchrung des Embargos f\u00fcr russische Kohle k\u00f6nnte Russland weiterhin von den steigenden Preisen profitieren. Vorausgesetzt, es finden sich K\u00e4ufer. Einige Bergbauunternehmen preisen nun auf ihrer Website den \u00abRekordpreis\u00bb f\u00fcr russische Kohle f\u00fcr ausl\u00e4ndische Importeure angesichts des \u00abAnstiegs des Dollars und des Euros\u00bb an. Mit einer Jahresproduktion von 460 Mio. Tonnen w\u00fcrden die Vorkommen des Landes (die zweitgr\u00f6ssten der Welt) laut dem BP-Bericht 2021 eine weitere F\u00f6rderung f\u00fcr mehr als 400 Jahre erm\u00f6glichen. Heisst es nicht, dass Diamanten f\u00fcr immer sind? In Russland scheint niemand je daran gezweifelt zu haben.<\/p>\n<h3>Europ\u00e4ische Abh\u00e4ngigkeit<\/h3>\n<p>Europa ist stark von diesen russischen Bergbauunternehmen abh\u00e4ngig, die 68% seines Kohlebedarfs liefern. \u00abDie grosse Herausforderung besteht darin, 45,4 Mio. Tonnen zu ersetzen\u00bb, sagt Alex Thackrah, Analyst f\u00fcr den europ\u00e4ischen Kohlemarkt bei Argus Media, der Referenzagentur, die Preisindizes f\u00fcr Spotm\u00e4rkte erstellt. \u00abEs ist kaum vorauszusehen, was mit den Vertr\u00e4gen mit russischen Unternehmen passieren wird\u00bb, r\u00e4umt der Experte ein. \u00abDas wird ein Albtraum werden\u00bb. F\u00fcr die Schweiz, die sich zum Knotenpunkt f\u00fcr russische fossile Energietr\u00e4ger entwickelt hat, d\u00fcrfte es eine Herkulesaufgabe sein.<\/p>\n<p>Auch unser Land kommt noch nicht ohne Kohle aus. 2020 importierte die Schweiz 9\u2019904 Tonnen russische Kohle, was etwa 7% der Gesamteinfuhr von fast 139\u2019000 Tonnen entspricht. Im Jahr zuvor hatten die Importe aus Russland mit 10,7% einen Rekordwert erreicht. Global gesehen macht Kohle immer noch 36% des weltweiten Energiemixes aus.<\/p>\n<h3>Der Wilde Westen der Kohle<\/h3>\n<p>In Russland ist die Branche von einer besonderen Aura umgeben, mit knallharten Gesch\u00e4ftsleuten und nicht wenigen Grubenungl\u00fccken. Es gab eine Reihe von kometenhaften Aufstiegen und pl\u00f6tzlichen Besitzerwechseln, die von Kontroversen, gef\u00e4hrlichen Verbindungen zur Macht und nie gekl\u00e4rten blutigen Episoden begleitet wurden (siehe unten).<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Fall ist der Tod von Dmitry Bosov, einem in Zug ans\u00e4ssigen Mehrheitsaktion\u00e4r der Sibanthracite Group, der im Mai 2020 in seiner Moskauer Villa mit einer Kugel im Kopf aufgefunden wurde, wobei eine Pistole neben ihm lag. Die offizielle Version lautet auf Selbstmord \u00abohne bekannte Ursache\u00bb. \u00abDiejenigen, die Dmitry Bosov kannten, glauben nicht, dass etwas den Unternehmer, der die Aluminiumkriege \u00fcberlebt hat, zum Aufgeben gebracht haben k\u00f6nnte\u00bb, heisst es in einem Artikel auf der Website des Unternehmens. Einige Wochen zuvor hatte Bosov \u00f6ffentlich mit einem seiner Partner, Alexander Isaev, gebrochen und ihn der Veruntreuung von Geldern beschuldigt, wie die russische Tageszeitung Kommersant berichtete. Im Oktober 2021 wurde die Sibanthracite Group von Albert Avdolyan aufgekauft, dem neuen starken Mann in der russischen Kohleindustrie, und Bosovs ehemaliger Partner wurde wieder in den Vorstand zur\u00fcckberufen.<\/p>\n<h3>Wladimir Putin sah fr\u00fch das Potenzial der Kohle<\/h3>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der UdSSR Anfang der 1990er Jahre begann f\u00fcr die russische Kohleindustrie \u2013 wie auch f\u00fcr den Rest des Bergbaus \u2013 der Abstieg in die H\u00f6lle: Ungl\u00fccke, ausstehende L\u00f6hne, katastrophale Arbeitsbedingungen und Streiks geh\u00f6rten damals zum Alltag der Arbeiter. Die Branche ben\u00f6tigte eine drastische Verj\u00fcngungskur, da sie unter besonders hohen Gestehungskosten aufgrund der grossen Entfernungen zwischen den Minen, den Verarbeitungszentren und den Endverbrauchern litt. Mit der Unterst\u00fctzung lokaler Gouverneure und Unterst\u00fctzern im Kreml verb\u00fcnden sich die Direktoren der Vorkommen und Minen mit jungen Leuten mit unterschiedlichem Profil, um die appetitlichsten St\u00fccke zu privatisieren.<\/p>\n<p>Anfang der 2000er Jahre bildeten sich Imperien vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten Korruption und mafi\u00f6ser Abrechnungen. Die am wenigsten rentablen Standorte wurden geschlossen, das Land verlegte sich auf den Export und die Produktion konzentrierte sich nach und nach auf rund zehn Unternehmen. In dieser Zeit kaufte der sp\u00e4tere Milliard\u00e4r Andrei Melnitschenko \u00fcber die von ihm mitbegr\u00fcndete MDM-Bank reihenweise Beteiligungen an den wichtigsten Kohleunternehmen des Landes und fasst sie im Unternehmen SUEK zusammen. Dazu geh\u00f6rte auch der Riese \u00abKrasugol\u00bb (die Kohlegesellschaft von Krasnojarsk), die nach einigen Irrungen und Wirrungen und mit Hilfe des damaligen Gouverneurs Alexander Lebed, der zu jener Zeit als Nachfolger von Pr\u00e4sident Boris Jelzin gehandelt wurde, in seinen Besitz gelangte.<\/p>\n<p>Wladimir Putin erkannte schnell das Potenzial der Branche, w\u00e4hrend die Kohlepreise zwischen 2007 und 2010 explodierten. Im Januar 2012 unterzeichnete er als Premierminister ein umfassendes Industrieentwicklungsprogramm im Wert von 119 Mrd. US-Dollar \u2013 davon 8,5 Mrd. aus \u00f6ffentlichen Mitteln \u2013, mit dem die Infrastruktur (vor allem der Schienen- und Schiffsverkehr) verbessert und die Kohleproduktion bis 2030 angekurbelt werden soll. Ohne Gewissensbisse unterst\u00fctzt der Kreml seit 2019 aktiv grosse Kohleabbauprojekte in der Arktis.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird Kohle zunehmend auf internationalen M\u00e4rkten gehandelt und zum Objekt von Finanzprodukten. \u00abJahrzehntelang wurde Kohle in der N\u00e4he ihrer Produktionsst\u00e4tten abgebaut und verbraucht\u00bb, erinnert sich ein H\u00e4ndler mit \u00fcber 20 Jahren Erfahrung in der Branche. Doch nach den \u00d6lkrisen der 1970er-Jahre wurde Kohle als Alternative weltweit gehandelt. Im Jahr 1980 wurden etwa 150 Mio. Tonnen Kraftwerkskohle gehandelt, heute sind es zehnmal so viel. Die ersten Finanzprodukte wurden um 2003 und 2004 eingef\u00fchrt, als eine Vielzahl von Finanzvermittlern auftauchten.<\/p>\n<p>Dieser doppelte Trend hat dazu beigetragen, die Schweiz als Handelsdrehscheibe zu profilieren. W\u00e4hrend Russland in Genf seine Erd\u00f6l-Schachfiguren aufstellt, setzen die Kohlef\u00f6rderer auf Zug mit seiner differenzierten Besteuerung f\u00fcr ausl\u00e4ndische Unternehmen (bis 2020) und seinen Finanzintermedi\u00e4ren, die eine erleichterte Domizilierung in einer Kanzlei anbieten. In der Branche wird lieber auf die Ruhe des Ortes und die \u00abTradition der Stabilit\u00e4t und Rechtsstaatlichkeit des Landes\u00bb hingewiesen.<\/p>\n<p>Resultat: In der Schweiz gibt es mindestens 25 Kohleunternehmen in russischem Besitz (die H\u00e4lfte in Zug, 5 in Genf), darunter 18 reine H\u00e4ndler, die f\u00fcr den Absatz der 212 Mio. Tonnen Jahresexporte nach Europa und auf die asiatischen M\u00e4rkte zust\u00e4ndig sind. Aufgrund der Undurchsichtigkeit des Sektors gibt es keine Quelle, die systematisch dokumentiert, wie viele Ladungen russischer Kohle an Schweizer H\u00e4ndler weiterverkauft werden.<\/p>\n<h3>Gl\u00fcck auf, Schweizer Banken!<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die Schweiz durch ihre Umwelt- und Energieministerin Simonetta Sommaruga am 15. November 2021 an der UN-Klimakonferenz COP26 die Torpedierung des Kohleausstiegs durch China und Indien anprangerte, arbeitete die Schweiz weiter daran, die gr\u00f6ssten Umweltverschmutzer der Welt auf seinen Boden zu locken. Auf der Zuger Seite betont man, dass man russischen Unternehmen nie \u00abgezielt\u00bb sch\u00f6ne Augen machen wollte, verweist aber auf die kantonale Konkurrenz: \u00abIm Gegensatz zu anderen Standortmarketing-Organisationen hatten wir nie eine eigene oder gar physische Aktivit\u00e4t in Russland\u00bb, so der Leiter des lokalen Wirtschaftsdepartements.<\/p>\n<p>Wir haben die Finanzstr\u00f6me der multinationalen Kohlekonzerne seit dem Inkrafttreten des Pariser Klimabkommens im Jahr 2016 nachverfolgt. Die in der Schweiz ans\u00e4ssigen Kohleproduzenten haben laut Daten des niederl\u00e4ndischen Rechercheunternehmens Profundo fast 2,7 Mrd. US-Dollar bei zehn Schweizer Bankinstituten aufgenommen.<\/p>\n<p>Sibanthracite und SUEK geh\u00f6ren zu den kapitalintensivsten Bergbauunternehmen in Zug: auf den Pl\u00e4tzen 3 und 4 (hinter Trafigura und Glencore), mit Krediten von 224 Mio. bzw. 145 Mio. US-Dollar, die Credit Suisse zwischen 2017 und 2019 gew\u00e4hrt hat. Trotz ihrer Verpflichtung, nur Unternehmen mit einer Strategie f\u00fcr den Kohleausstieg zu unterst\u00fctzen, ist die zweitgr\u00f6sste Bank der Schweiz mit fast 1,4 Mrd. US-Dollar, die sie zwischen 2016 und 2021 zugestanden hat, auch der gr\u00f6sste Geldgeber der Branche und steht nach unseren Daten weltweit an zehnter Stelle. Die Medienabteilung von Credit Suisse erkl\u00e4rte, sie k\u00f6nne sich \u00abaus rechtlichen Gr\u00fcnden\u00bb nicht zu potenziellen Kunden \u00e4ussern, und verwies auf ihren Nachhaltigkeitsbericht \u00fcber ihre Strategie zur Desinvestition im Bereich Kohle. Diese sieht vor, dass bis 2025 keine Kredite mehr an Unternehmen vergeben werden, die mehr als 15% ihrer Einnahmen aus dem Abbau von Kohle oder der Stromerzeugung aus Kohle erzielen, \u00abes sei denn, sie unterst\u00fctzen die Energiewende\u00bb. Dieser Satz wird bis 2030 auf 5% gesenkt.<\/p>\n<p>Im Zeitalter des Anthropoz\u00e4ns \u2013 dem geologischen Zeitalter, ab dem der Mensch in der Lage ist, sein \u00d6kosystem signifikant und langfristig zu ver\u00e4ndern \u2013 war Kohle noch nie so globalisiert, finanzialisiert und in eine internationale Wertsch\u00f6pfungskette eingebunden, in der die Schweiz eine f\u00fchrende Rolle spielt. Ein Blick auf die \u00abindirekten\u00bb CO\u2082-Emissionen best\u00e4tigt dies. Ber\u00fccksichtigt man nur die \u00fcbertragene Produktion der russischen Kohlef\u00f6rderer in H\u00f6he von 226,2 Mio. Tonnen, so d\u00fcrften die Schweizer Emissionen um rund 407 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr steigen. Das entspricht der Umweltverschmutzung von 88,5 Mio. Privatautos, dem Vierzehnfachen des Schweizer Fahrzeugbestands.<\/p>\n<p>Und es k\u00f6nnte noch schlimmer werden. Die Schwierigkeiten auf dem Gasmarkt (f\u00fcr den Kohle der direkteste Ersatz zur Stromerzeugung ist) und der kontinuierliche Anstieg der Preise f\u00fcr schwarze Diamanten d\u00fcrften zweifellos das Interesse f\u00fcr Kohle f\u00f6rdern. F\u00fcr Alex Thackrah vom Londoner Preis-Informationsdienst Argus Media ist es undenkbar, die Energiewende mit der Einf\u00fchrung wirksamer Sanktionen gegen russische fossile Brennstoffe zu verbinden und gleichzeitig die Energiesicherheit zu gew\u00e4hrleisten: \u00abEs ist m\u00f6glich, die russischen Kohlemengen zu ersetzen, aber es wird ziemlich kompliziert, wenn gleichzeitig das Gas abgestellt wird\u00bb.<\/p>\n<p>Seit dem Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar haben russische Unternehmen der Europ\u00e4ischen Union laut dem finnischen Forschungszentrum Crea etwa 1,5 Mrd. Euro f\u00fcr ihre Kohle in Rechnung gestellt. Ein Teil dieser Summe machte in Zug halt. Der Kanton berief sich jedoch auf fehlende Statistiken und wollte nicht \u00fcber den steuerlichen Ertrag von Putins schwarzen Diamanten berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Public Eye<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Methodik<\/strong>:\u00a0Die Profile der russischen Bergbauunternehmen wurden anhand von \u00f6ffentlichen Daten wie Handelsregistern, der Liste der 200 reichsten Russen des Magazins \u00abForbes\u00bb, Artikeln aus internationalen und russischen Medien wie \u00abAgents\u00bb, \u00abKommersant\u00bb oder \u00abNovaya Gazeta\u00bb erstellt. Die Liste des Kohlesektors in der Schweiz wurde durch ein Sichten der Daten aus 23 kantonalen Handelsregistern gewonnen. Diese wurde anschliessend um falsch positive Ergebnisse bereinigt. Der Anteil der in der Schweiz gehandelten russischen Kohle wurde berechnet, indem die Kohleproduktion der F\u00f6rderer im Verh\u00e4ltnis zu ihren Exporten addiert wurde. Keiner der russischen Kohlef\u00f6rderer beantwortete eine detaillierte Liste von Fragen zu ihren Schweizer Tochtergesellschaften, ihren Kohleexporten oder ihrer Strategie im Hinblick auf das Inkrafttreten des Embargos.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl die Schweiz ihr letztes Kohlebergwerk vor 75 Jahren geschlossen hat, erlebt die Branche eine Renaissance. Der Finanzplatz Zug hat sich darauf spezialisiert, die grossen russischen Bergbaukonzerne willkommen zu heissen, die j\u00e4hrlich \u00fcber 225 Mio. 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